Archiv 2014/1 (Getrunken)

15. Januar 2014

 

Jean Marc Speziale: Le Vin de Merde, Languedoc, Frankreich


Eigentlich ist es ein Gag, ein Mittel, um im unglaublich grossen Angebot von Weinen im Languedoc Aufmerksamkeit zu erlangen.“Wein vom Scheisshaufen“ oder eben „Scheisswein“, man mag dies deutsch kaum aussprechen, französisch auch nicht. Da hilft der Untertitel wenig: „Le pire … cache le meilleur“ (etwa: Das Schlechte verbirgt das Gute) – ein philosophischer Spruch, der – denkt man darüber nach – recht viel Wahrheit enthält. Jean Marc Speziale – ein ehemaliger Gastronom und (wie er selber sagt Epikureer – Anhänger des griechischen Philosophen Epikur) hat mit seiner provokativen Kreation schon vor fünf Jahren Aufsehen erregt und – wie die Reaktion zeigt – damit ins Schwarze getroffen. Seine Wein-Philosophie wird verstanden: „Es braucht offenbar diese Provokation, um Vorurteile zu überwinden, denn unsere Region (Languedoc) galt lange Zeit als eine Gegend, wo schlechte Weine gemacht werden. Dies ist längst nicht mehr so. Unsere Winzer haben grosse Fortschritte gemacht, sie haben bemerkenswerte Arbeit geleistet, um die Qualität ihrer Weine zu verbessern. Doch viele der Vorurteile sind geblieben“ (frei übersetzt).
Das gewagte Konzept der Provokation scheint aufzugehen. Statt hochtrabende Worte über Jahrgang, Terroir, Rebsorten, Vinifikation – was ohnehin nur von Weinspezialisten verstanden wird – setzt er ein philosophische Idee in die Welt (und auf die Etikette) und lässt den Wein selber sprechen. Darauf kommt es an: ob der Wein Charakter hat, ob er gut ist, ob er nachhaltig ist, ob er in der Weinwelt bestehen kann… Das Datenblatt zu seinen Weinen enthält kaum konkrete Angaben: „Issu de parcelles sélectonnées à rendements modérées et vendangées manuellement, de vin rouge à la couleur intense surprend par son nez subtil aux arômes de petit fruits rouges. Un vin de garde qualité mais sans complexité et pour le plaiser de tous.“ Vielmehr ist es nicht, was da angegeben wird, keine Rebsorten, keine Lagenbezeichnung, keine Appellation… Aber ein Wein, der allen Freude bereiten soll.
Irgendwie finde ich dies wohltuend. All die technischen Angaben sind sicher für Produzenten und Spezialisten wichtig, die Einordnung in Qualitätsstufen und Appellationen mag (wenn dies überhaupt stimmt) dem Konsumenten die Orientierung erleichtern. Letztlich aber zählt – gerade beim Weinkonsum – was Freude bereitet. Ich versuche es dabei bewenden zu lassen, die Rebsorten (es sind die Languedoc-Sorten), die Fasslagerung (neue oder alte Fässer), die Ertragsreduktion etc. unbeachtet zu lassen. Dafür soll der Wein reden. Und der sagt eigentlich nichts von roten Früchten, von Lakritze und Garrique, von einem langen oder kurzen Abgang, einer harmonischen Struktur…. Er sagt ganz einfach: geniesse! Und ich habe meine Freude, das genügt doch – oder doch nicht?

01. Januar 2014

 

Château Margaux 1999, Margaux, Bordeaux, France

 

Besondere Tage verlangen – bei Weinliebhabern – besondere Weine. Weihnachten, Sylvester, Neujahr sind solche Tage. Meist hole ich dann einen „Geheimtipp“ aus dem Keller, etwas das ein besonderes Erlebnis sein kann oder verspricht zu sein; etwas, das mir irgendwann einmal grossen Eindruck gemacht hat und deshalb in meinem Keller gelandet ist. Solche kalendermässig besondere Tage sind mir „heilig“ genug, um nicht „bloss“ einen teuren Wein aus dem Keller zu holen, der gemäss gängiger Bewertung (und Preise) speziell hoch eingestuft wird. Für mich ist die Liebe zum Wein viel wichtiger, als die Rangordnung unter den Platzhirschen. Dies gilt vor allem für Weingebiete mit (zu) hohem Prestigewert wie das Burgund oder das Bordelais. Deshalb gibt es bei uns an solchen Tagen oft „kleine“, weniger bekannte (oder gar unbekannte) Namen, dafür spannende, überraschende, ungewohnte, ja sogar einmalige Weinerlebnisse.
An diesem Sylvester war alles ganz anders. Wir kamen von einem wunderschönen Ausflug in die Welt der Krippenweihnacht (Estavayer-le-Lac) zurück, durchgekühlt und durchgeschüttelt. Das – mehr oder weniger – traditionelle Sylvester-Menu war nicht vorbereitet und schon gar nicht eine Sylvester-Weinkarte erstellt. Also griff ich – in der gut verriegelten, „kostbaren“ Ecke - wo die teureren Weine lagern – zu einer Flasche, fast schon wahllos, nur der Jahrgang war mir wichtig, nicht zu alt, nicht zu junge – vielleicht eben gerade richtig, trinkreif oder sogar auf einem ersten Höhepunkt.
Zu Tage (oder Nacht) förderte ich diesen Margaux 1999. Für mich einer der ruhigsten, ausgewogensten, abgeklärtesten grossen Weine des Bordelais. Ganz generell, aber auch in bestimmten Jahrgängen (die sehr oft nicht mit den sogenannt „grossen Jahrgängen“ identisch sind). 1999 ist so ein Jahrgang. Parker: „…Man kann 1999 zusammenfassend als übermässige feuchtes und ungewöhnlich heisses Jahr bezeichnen, das wenige fesselnde Weine hervorgebracht hat.“ Am höchsten hat Parker in diesem Jahr nur vier Weine (aus dem Bordelais) mit 95/100 Punkten bewertet. Margaux ist nicht darunter – er hat „nur“ 94 Punkte erhalten: „Es ist ein archetypischer Château Margaux mit Reichhaltigkeit, Finesse, Ausgewogenheit und Ebenmässigkeit.“ Dem möchte ich zufügen: Eigenschaften, welche Parker (siehe Einstufungen) nicht gerade entzücken.
Dafür entzücken sie mich. Dieser Margaux 1999 war einer der besten Weine, die ich im soeben vergangenen Jahr getrunken habe, gerade wegen diesen (von Parker schon vor 13 Jahren festgestellten) Eigenschaften. Weich, reif, harmonisch, nachhaltig… Was soll man da noch anfügen? Ganz einfach: ein grosser, ein grossartiger Wein. Jetzt – meine ich – wohl auf seinem ersten Höhepunkt.
Und nun kommt fast unweigerlich die Diskussion um den Preis, denn Weine werden (im Bordelais) längst nicht mehr über ihre Qualität, sondern über die Preise definiert (die beiden haben mitunter auch etwas miteinander zu tun, aber längst nicht immer!) In der Subskription wurde der 99er um 160 CHF angeboten; der weit höher eingestufte 2000er (100 Parker-Punkte) kostete hingegen um 450 CHF. Und heute? Margaux 1999 ist jetzt um 400 CHF zu kaufen , Margaux 2000 für ca. 900 CHF. Eine Frage an all die vielen Preis-Fetischisten (und –Profitierer). Welcher der beiden Weine hat nun in den 10, 12 Jahren mehr zugelegt? Eine rein kaufmännische Rechnung, für viele (die nicht mir solchen Preisen beim Wein rechnen) eine absurde Diskussion. Für mich eine unwürdige.
Ich habe schlicht und einfach gestern einen grossartigen Wein getrunken (egal, wie viel er einmal gekostet hat und/oder heute kostet), egal ob es der einzige in meinem Keller ist oder einer von vielen, egal ob ich Weine (auf diesem Preisniveau) mir leiste oder nicht, egal ob sein Wert steigen oder fallen wird, egal… Ich bin ganz einfach glücklich einen solchen Wein – am letzten Tag im Jahr – in meinem Glas zu haben.

05. Januar 2014

 

Château Fleur de Gay 1997, Pomerol, Bordeaux, Frankreich


„Fleur de Gay“, dies ist kein Geheimnis, steht im Schatten berühmterer Pomerols, die in diesem verhältnismässig kleinen Weingebiets relativ dicht beieinander liegen. Mehr noch: Fleur de Gay ist die sogenannte „Microcuvée“ (populärer: der Garagewein) des Weingutes Croix de Gay und wird vom Tausendsassa Michel Rolland „geschliffen“. Ich weiss nicht, ob sein geheimes Vorbild die Weine von Château Pétrus sind, denn - wie diese - besteht auch „Fleur de Gay“ zu (fast) hundert Prozent aus Merlot-Trauben. Also ein Merlot-Ausnahmewein? Man sagt: dies sei nur in besonders guten Jahren so, sonst sei der Wein – wie so viele Pomerols – eher überteuert und überbewertet. Ich kann dazu wenig sagen, denn meine Erfahrung mit dieser Cuvée hält sich (wie bei allen Garageweinen) in Grenzen. Und doch, irgendwann einmal wollte ich es wissen. Was hat es auf sich, mit diesem Wein (Preis je nach Jahrgang um 100 Euro)? Auf einer Auktion habe ich – wohlwissend, dass der 1997 keine Referenz ist – unter anderem zwei Flaschen davon ersteigert. Es soll – seit 1992 – der schlechteste Jahrgang dieser Cuvée sein, sagen fast einheitlich die Kritiker. Ob es die schlechteste ist, weiss ich nicht. Sicher aber ist er überteuert. Er hat – im heutigen Zustand – schlicht und einfach zu wenig Kraft und Tiefe, was man von einem hochwertigen Pomerol eigentlich erwarten müsste. Er besitzt zwar eine gewisse Eleganz, ja sogar „das gewisse Etwas“, das ich bei Weinen so schätze. Kein Normwein also, kein Kraftprotz, vielmehr der Versuch, aus diesem eher bescheidenen Jahrgang etwas Eigenständiges hervorzubringen. Leider ist dies nicht ganz geglückt. Zumindest nicht für den Zustand nach 16 Jahren. Der Ratschlag der Weinbeurteiler - früh trinken - hätte wohl kein grösseres Weinerlebnis gebracht. Ein anderes vielleicht – ein fruchtigeres, ein weniger pflaumiges, ein quirligeres. Ich kann dies schlecht abschätzen. Denn die lange Lagerung hat sich – für mich – doch gelohnt. Ich habe sicher nicht den besten – vielleicht aber den ehrlichsten – Fleur der Gay getrunken, ein Wein, der zeigt, wie viel durch Selektion und Vinifikation an einem Wein „geschraubt“ werden kann. Da ist dann nicht mehr das sogenannte Terroir entscheidend, sondern das Hochzüchten (es ist kein Züchten, sondern ein Schrauben) eines Weins, was so manche Microcuvée ausmacht. Um ganz ehrlich zu sein: ich ziehe den „einfacheren“ Croix de Gay dieser Spezialausgabe vor – nicht nur wegen des Preises (ca. ein Drittel günstiger), sondern wegen dem, was wir gerne als Herkunft (Typizität) bezeichnen und was mir so wichtig ist.

07. Januar 2014

 

Penfolds: Rawson’s Retreat Schiraz-Cabernet 1912, Australien


Wer kennt nicht den roten Schriftzug von Penfolds, der allein schon jede Flasche zu veredeln scheint. Er wird begleitet vom Gedanken an hochwertige Luxus-Weine, gleichsam eine australische Antwort auf Mouton Rothschild oder gar Pétrus aus dem Bordelais. Weinliebhaber denken unweigerlich an den Shiraz-Wein „Grange“, der gut und gern 300 und mehr Euro kostet. Penfolds ist aber nicht „nur“ Produzent von hochwertigen Gewächsen, es ist ein riesiges, vielfältiges Weinunternehmen, das jährlich ca. 1,5 Millionen Flaschen produziert (in seiner Vielfalt und Grösse vergleichbar dem Rothschild-Unternehmen (Mouton Cadet).
Da werden nicht ausschliesslich vom Weingut selber Reben angebaut und gepflegt, da stehen auch mehr als 200 Vertragswinzer mit weit über 400 Hektaren Rebland zur Verfügung, die Penfolds ihre Trauben abliefern. So entstehen die verschiedenen Linien im Sortiment der Penfolds. Das Unternehmen bietet nicht nur die Bins, RWTs oder Baby Granges an, sondern auch Alltagsweine wie Rawson’s Retreat, „eine feine Linie ehrlicher Rebsortenweine und Blends aus Trauben ausgesuchter Weinberge im Südosten Australiens, die für den sofortigen Trinkgenuss bestimmt ist“
Ich muss ehrlich sagen, dies interessiert mich. Bringt das aus gut gepflegten Weinbergen stammende und perfekt vinifizierte Traubengut wirklich „perfektere“ Weine oder bessere Weine hervor, als von kleinen Weingütern, kleinen Winzerunternehmen? Ist dieser Sechsfranken-Wein besser, als das was zu diesem Preis bei uns – aus unseren Weingegenden - angeboten wird? Oder ist es einfach nur die hochentwickelte Technik, die Vermarktung, der Name, welche die Weine sozusagen in der ganzen Welt bekannt und beliebt machen?
Sicher ist das Weingut – sagen wir besser: der Weinproduzent – in Fragen des Marketing nicht verlegen. Evoziert doch allein schon der Name (dieses Weinsegments) ein Gemisch von Tradition und Spiritualität (Dr. Christopher Rawson Penfold war der Gründer des Weinguts (1844), Retreat bedeutet so viel wie Entspannung, spirituelle Ruhepause). Ein Wein, der dies bringt (oder bringen kann) steht natürlich ganz anders da, als bloss ein Alltagswein.
Für mich bleibt die entscheidende Frage: bringt er es, oder bringt er es nicht? Es ist es ein sauber gemachter, durchaus gut trinkbarer – man verzeihe mir – Massenwein, wie es ihn (in unterschiedlichen Blends und aus unterschiedlichen Rebsorten) aus vielen Grossunternehmen in der Weinbranche gibt. Keine Ecken, Kanten schon gar nicht, aber auch keinen Charakter. Wenn ich ihn – den Wein - einmal getrunken habe, weiss ich, was mich erwartet und was ich habe. „Die Rebsortenweine sind eine elegante australische Interpretation der klassischen Alte-Welt-Rebsorten (Cabernet Sauvignon, Merlot, Chardonnay, Riesling), indem sie die Vorzüge des Multi-Regional und Multi-Vineyard Blendings zeigen, das die Vermählung bester Trauben verschiedener Weinberge und Regionen erlaubt, um eine von Jahr zu Jahr beständige Qualität zu erreichen“, so die Interpretation von Penfolds. Etwa kompliziert ausgedrückt, was auch in einem Wort zu sagen ist: Weinlangeweile, die nicht einmal Negativbegriffe der Weinsensorik zulässt. Es stimmt fast alles bei diesem Wein (auch der Preis), aber auf einer schrecklich nichtssagenden, ausdrucksarmen Ebene. Dafür muss er, der Wein, nicht aus Australien hierher reisen. Wirklich nicht.

08 Januar 2014

 

Domaine Henri Cruchon: Servagnin 2009, Echichens, Schweiz

 

Da habe auch ich die Augen gerieben: Eine Rebsorte Servagnin, gibt es sie? Jedenfalls ist sie mir bewusst bisher noch nie begegnet. Ich musste mich zuerst orientieren: „Der Servagnin ist ein alter Pinot-Noir-Klon, der gegen 1420 in der Region Morges heimisch wurde. Anfangs kultivierte man ihn häufig, in der Mitte des letzten Jahrhunderts wäre er allerdings fast verschwunden. Einigen vorausschauenden Winzern ist es zu verdanken, dass er vor dem unabwendbar scheinenden Verschwinden gerettet werden konnte. Erst vor kurzem wurde er nun wieder in diversen Rebbergen der Region Morges angepflanzt“. Zu diesen „vorausschauenden Winzern“ gehört Henri Cruchon, über den die Schweizerische Handelszeitung schon vor acht Jahren schrieb: „Der innovative Waadtländer Familienbetrieb hat früh auf Qualität und ein breites Angebot gesetzt… Keine Sektierer oder Esoteriker.“ Was dann: Heute eines der besten Winzerbetriebe in der Westschweiz. Ein Betrieb, der seit mehr als zehn Jahre kontinuierlich auf Bio-Dynamik umgestellt hat, allerdings ohne spezielles Label und ohne den Trend zu Bio-Weinen zur Verkaufsförderung zu (miss)brauchen. Die Philosophie des Weinguts – ich gebe dies zu – gefällt mir: „Die Trauben können die Magie eines Orts, die Persönlichkeit eines Terroirs und die Kraft einer Rebsorte nur dann vermitteln, wenn die Reben in einer biologisch gesunden und natürlichen Umgebung gedeihen.“ Dies ist für mich – zumindest verbal – bestes „Bio“. Kann man dies im Wein auch wiedererkennen? Ja, ja, ja… Für mich ist dieser „Servagnin“ einer der besten und markantesten Pinot-Varianten die ich je getrunken habe. Eine wunderschöne Mineralität, welche die feinen, eleganten Aromen erblühen lässt. Dazu eine leichte Bitternote, die ich – in die richtige Harmonie gebracht – unheimlich schätze (dieses Bitterschwänzchen findet sich auch in den guten Pinotages). Auf der Website des Weingutes sind markant hochgreifende Aussagen zu finden, wie: „Wein muss das künstlerischste aller Getränke bleiben, denn seine Bestimmung ist nicht nur, zu gefallen, sondern zu berühren!“ (Raoul Cruchon, Önologe). Sobald dies mehr als nur ein schöner Spruch ist, beginnt meine Begeisterung. Und hier bin ich begeistert, nein berührt.

11. Januar 2014

 

Cave de Saint-Chinian: Excellence de Saint Laurent 2012, Saint-Chinian, Languedoc, Frankreich


Da waren wir beim Vietnamese, dem „kleinen“ Restaurant „über die Strasse“, wo die Mahlzeit mit Wein für zwei Personen noch um die fünfzig Euro kostet. Wohlverstanden: mit einer Flasche Wein. Nein, kein „offener Wein“, bei dem die Herkunft (und die Qualität) oft mehr als nur zweifelhaft sind. Eine Flasche mit Herkunftsbezeichnung und – in diesem Fall sogar einer Silbermedaille – von einem anerkannten Wettbewerb. Zugegeben: diese Gold-. Silber und Weiss-ich-welche-Medaillen sind inzwischen inflationär. Doch die Situation, der Wein und seine Qualität deshalb nicht weniger „excellent“, das heisst ausgezeichnet.
Es handelt sich um einen Wein aus der Genossenschaftskellnerei von Saint Laurent in der Appellation Saint-Chinian. Ein ehrlicher Wein, der seine Herkunft preisgibt, der nicht mehr sein will, als nur ein guter Wein, der die Landschaft, die Mentalität, das Savoir-Vivre (nicht nur das Benehmen, auch die Lebenskunst) in sich trägt. Der Wein kostet – ich habe nachher nachgeschlagen – um 5 Euro die Flasche. Zugegeben, wir sind hier – in der Languedoc – in einem Weingebiet, dem grössten in Frankreich, wo auch gute Weine noch günstig sind. Die Konkurrenz – auch unter den Genossenschaften – ist gross und die Saison in den Touristengebieten am Meer sehr kurz (und längst vorbei). Umso wichtiger ist es, die Einheimischen und die wenigen Fremden, die jetzt am Abend unterwegs sind, gut zu bedienen, auch mit einem guten Wein, mit einem Alltagswein, der Freude macht und nicht irgendwoher kommt, als eine von Millionen Flaschen, die immer in etwa gleich schmecken, sondern aus der Gegend stammen.
Ich weiss, es gibt solche Weine, in allen Weinregionen. Der Patron eines Restaurants muss nur nicht zu bequem sein sie zu suchen, sie aufzutreiben. Er darf sie auch nicht als „Spitzenweine“ (mit Verkaufsfaktor mal drei) anpreisen, sondern als Wein für den Abend auf die Karte setzen, sei es zum Essen, zum Kartenspiel oder ganz einfach zur gesprächigen Abendrunde.
L’Excellence de Saint-Laurent – Grenache, Carignan und Syrah – ist ein solcher Wein, ein typischer Languedoc-Wein mit Aromen von Lorbeer, roten Früchten, Lakritze dezenten Pfeffernoten, ausgebaut wohl im „grossen Holz“, also nicht aufgemotzt im Barrique und jetzt in seiner ersten Trinkreife. Macht Spass.

14. Januar 2014

 

Cave de Roquebrun, Col l’Orb 2012, Saint-Chinian, Languedoc, Frankreich


Eigentlich ist der Wein für „les tonnelets“ gedacht, für die Fässche, heute sind dies keine Fässchen mehr, sondern Boxen oder eben Bags à drei, fünf oder zehn Liter. Es ist also der „einfache“ Wein der Genossenschaft von Roquebrun, der Alltagswein sozusagen, der in Restaurants meist als „offener Wein“ angeboten wird. Schon wieder ein Alltagswein, schon wieder aus einer Genossenschaft, schon wieder ein Wein, über den man eigentlich nicht schreibt, in der Regel nicht mal ein Worte verliert, wieder ein Wein mit einer dieser ominösen Silbermedaillen.. „Aupenac“, „Seigneur“, „Baron“..., wenn schon Genossenschaftsweine, dann sind es diese die Produkte, über die man beim Cave de Roquebrun redet. Aber doch nicht ein Wein, der vor allem in Boxen vermarktet wird.
Wenn ich ihn trotzdem namentlich erwähne, hat dies einen speziellen Grund. Er hat mir nämlich – als „kleiner Wein“, als Benjamin sozusagen - ein schönes Trinkvergnügen bereitet. Einfach so. Ohne Brimborium, ohne tiefsinnige Gespräche über Aromen, Nachhaltigkeit, Tannine und was man so alles bei Weinen der Kategorie „haut de gamme“ glaubt, sagen zu müssen: etwas zu viel Holz, etwas zu wenig, eine schöne Struktur oder eine etwas verworrene, Nachhaltigkeit im Abgang, diffizil in den Aromen…
Nein, dies ist ein Wein, den man einfach trinkt, mit Vergnügen. Keine raffinierte Assemblage (sozusagen die übliche Languedoc-Mischung: Syrah, Grenache, Mourvèdre, Carignan), vielleicht von Hand gelesene (eher, als maschinell), ausgebaut im Inox-Tank, keine spezielle Lagebezeichnung, gerade mal gut ein Jahr „alt“. Und trotzdem ein kraftvoller, ein ausdrucksfreundlicher, ein guter Wein. Morgen vielleicht schon vergessen – mag sein – heute aber gut. Man trinkt im Heute, nicht für das Morgen.

17. Januar 2014

 

Château Mire l’Etang: La Clape 2011, Tradition, Languedoc, Frankreich


Wenn man von La Clape spricht – von diesem vulkanischen Höhenzug südlich von Narbonne – denkt man unwillkürlich an das Vorzeigeweingut Négly, das mit seinen guten und teuren Weine seit vielen Jahren Botschafter der anspruchsvollen Languedoc-Weine ist. Sozusagen ein Gegenstück zum immer noch nachklingenden schlechten Ruf der Billigweine, die hier - Süden Frankreichs - produziert wurden (und zum kleinen Teil noch immer produziert werden).

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal auf Négly war – gleichsam auf der Hin- oder Rückfahrt – entdeckte ich das Nachbargut von Négly – Mire l’Etang – und war von seinen Weinen – wie sagt man so schön – angetan. In der Folge besuchte ich Mre l'Etang einige Male und kam zur Überzeugung, dass das Weingut mit Négly durchaus mithalten kann, sieht man einmal vom fehlenden Kultcharakter ab. Damals habe ich mehrmals in verschiedenen Foren (vor allem bei Wein-plus.eu) darüber berichtet. Inzwischen ist es so, dass in allen Appellationen von Languedoc-Roussillon eine ganze Reihe von hochwertigen („haut de gamme“) Weinen gemacht und angeboten wird. Négly gehört zwar noch immer zu den besten, doch allein steht es längst nicht mehr da in der sogenannt "höchsten Klasse“.

Qualität ist (auch zu sehr unterschiedlichen Preisen) immer wieder zu finden. auch auf la Clape. Hohe Auszeichnungen erreichen die Spitzengüter Château Rouquette, Anglès, Négli, Mas de Soleilla, Le Hospitalet, Mire Etang, Caplazens.
All diese Weingüter machen neben ihren hochbewerteten Spitzenprodukten aber auch sogenannt „kleine Weine“, ich meine Weine, so um 7 Euro die Flasche. Von ihnen spricht man kaum. Es sind Weine wie sie auf guten Weingütern als "Basisweine" überall gemacht werden, meist der Tradition verpflichtet, sowohl in Bezug auf die Rebsorten, als auch in der Art der Vinifikation.

Hier hat sich, gleichsam im Schatten der Renomierweine eine Weinkultur entwickelt, die immer mehr eine breitere Akzeptanz – und auch meine Liebe - findet.
„La Clape“ von Mire l’Etang gehört zu diesen Weinen. Er ist fruchtig, gibt sich verwurzelt in einer wilden (aber schöne) Gegend. Doch er ist nicht wild, auch nicht sanft und unverbindlich. Er ist so, wie er heisst: La Clape. Bei jedem Schluck kommen mir die idyllischen Rebberge an und über den Klippen zwischen Narbonne und Gruissan in den Sinn. Ja, da ist dieser la Clape geboren, man glaubt es zu spüren.

30. Januar 2014

 

Château La Nerthe, Cuvée des Cadettes 1999, Châteauneuf-du-Pape, Frankreich


Es sind bald zwei Jahre, seit ich den letzten „La Nerthe“ getrunken und natürlich auch darüber geschrieben habe. Es war ein 1990er. Jetzt ist der 99er an der Reihe. Nein, ich bin kein Nerthe-Fan, ich bin ein Nerthe Geprägter. Ich glaube, ich habe dies bereits schon mal geschrieben. „La Nerthe“ gehört zu mir (und ich zu ihm), denn es ist der erste Wein, den ich überhaupt wahrgenommen habe. Doch da war ich noch längst nicht im trinkreifen Alter. Es gab ihn immer an Festtagen und bei den seltenen Familienfesten. Natürlich nicht für mich. Ich durfte mit meinem Sirup nur zusehen, staunen, was die Grossen trinken, wenn die Kleinen auf das Christkind warten. Kein Wunder, verbinde ich noch heute „La Nerthe“ mit den Gefühlen des Beschenktwerdens und Feierns.
Deshalb trinke ich „La Nerthe“ gerne, noch heute. Er bringt ein Stück Erinnerung, ein Stück meines vergangenen Lebens zurück, wann und wo immer ich den Wein im Glas habe. Und das ist gut so! Für mich und für den Wein. Jetzt, wo die leere Flasche neben mir steht, stell ich mir ernsthaft die Frage: Wie viele Erinnerungen, Erlebnisse, Gefühle, Geschichten stecken in den Weinen? Für jeden und jede etwas, aber immer etwas anderes. So kommt es, dass jeder Wein für die, die ihn trinken, etwas anderes ist. Ein anderer Wein, obwohl – materiell gesehen – der gleiche.
Vielleicht müsste man beim Weintrinken mehr darauf achten, was im Wein liegt und was in uns selber. Vielleicht müsste man das, was in ins schlummert und beim Weintrinken herauskraxselt, ernst nehmen. Es ist jedenfalls ernster und wohl auch interessanter, als das was es an sensorischem Allerlei so zu sagen gibt. Dies ist kein Statement gegen seriöse Weindegustatoren, die versuchen zu objektivieren, solche „Kraxeleien“ einfach weg zu beamen. Dies ist ein Statement für die Gefühle, die auch ein Wein braucht, sollen wir ihn je lieben können. Ich liebe darum „La Nerthe“ und bin in meinem Getrunken alles andere als objektiv. Wohl wie immer!


N.B. Der „La Nerthe“ 1999 hat (laut Diskussion auf www.cellartracker.com): „ eine grosse Nase von Gewürzen , Erde, Kirsch, Moschus und einen Hauch von Flieder; einen mittleren Körper und eine herzhafte, gute Intensität von süssen und trockenen Kirschen. Zuerst Kastanie und Mahagoni, dann deutlich Erde, mineralische und schön ausgewogene Säure… grosse Länge ….“ Eine andere Meinung, von einer anderen Gruppe, aber vom gleichen Wein: „Voll entwickelt und breit in der Nase. Viel Erdbeere , einige Pilze und Mais (!) . Kraftvoll und elegant und mit kristallklaren Reinheit. Auch süss-saure Elemente, welche die Blind-Verkoster nach Piemont führen . Am Gaumen ist der Wein präzis, mit schöner Frucht, kraftvoll und doch mit einer kühlen Eleganz, die für ein Süd-Rhone-Wein fantastisch ist…“ (aus dem Englischen frei übersetzt)

07. Februar 2014

 

Weinkellerei Markgräferland: Freiburger Lorettoberg 2011, Spätburgunder trocken, Baden


Manchmal hat man Hemmungen über etwas zu schreiben, über das kaum je geschrieben wird. Zum Beispiel über den „Zufallstrunk“ an einem Seminarort, wo man nach den Vorträgen und Diskussionen noch gemütlich zusammensitzt. Die meisten Teilnehmer genehmigen sich noch ein Bier und die Nichtbiertrinker? Sie suchen sich halt einen Wein. Die Auswahl ist klein, meist nur je einen oder zwei Weine von den roten und weissen. Da bin ich schon froh, wenn es ein Einheimischer ist – nicht irgendein unverbindliches Gewächs aus einem Weingebiet, wo so viele Massenweine herkommen. In meinem Fall war es also ein Badener aus der Weinkellerei Markgräferland, dort jedenfalls wurde er (laut Etikett) abgefüllt. In Müllheim, wie ich noch erfahre, dem Zentrum der Weinregion Markgräflerland. Den Wein kann man trinken, unter den gegebenen Umständen (Schlummertrunk) ist er sogar gut. Eine lange Auseinandersetzung braucht er nicht, besondere sensorische Fähigkeiten sind in diesem Fall nicht gefragt. Einfach ein Wein zum Trinken. Und vergessen? Als Weinmonument wohl kaum, aber als Zeuge eines Stadtteils in Freiburg i.Br. wo neben Villen aus der Gründerzeit noch Reben wachsen. Allein schon die Verknüpfung des Weinnamens „Lorettoberg“ verbindet mit dem Ort an der Höllentalbahn, wo es mich – zufällig – hin verschlagen hat. Nicht wegen des Weins, angereist durch den Lorettotunnel, also auch nicht wegen der Landschaft. Davon spürt man kaum etwas in den Seminarräumen und für Spaziergänge fehlt die Zeit. Da ist der regionale oder lokale Wein ein willkommener Ersatz. Man spricht plötzlich nicht nur über das Thema des Symposiums, auch nicht über den Wein an sich, sondern über die Region, die auch eine Weinregion ist. Man spricht über die Weinkultur, die Weintradition, die Schönheiten und Eigenheiten einer Gegend in der Wein wächst. Da braucht es kein Ranking – ist bei diesem günstigen Wein auch kaum möglich. Doch er lockert die Zunge und macht – in aller Bescheidenheit – Spass. Oft habe ich das Gefühl, dies ist weit mehr, als an so manchem Weinseminar, wo Wein so oft zu fast abstrakten Begriffen, zu sensorischen Purzelbäumen und vorgefassten Urteilen führt, nicht selten auch zu beckmesserischen Diskussionen. Da lob ich mir diesen kleinen Schlummertrunk – er begleitet mich nur in die Nacht hinein.

8. Februar 2014

 

Clos Triguedina: The Black Wine 2009, Malbec, Cahors AOC, France

 

Etwas stimmt mich immer nachdenklich: wenn Weine aus Frankreich englische Namen tragen und auf dem Etikett sogar englisch kommentiert werden. Dies ist hier der Fall. Ich schliesse daraus – wohl zu Recht – : Es ist kein Wein für die Franzosen. Dieser Malbec (in Cahors auch Auxerrois oder Côt genannt) wird wohl vorwiegend exportiert. Schon der Preis – um 70 CHF – verrät es, denn ein Côt – er mag noch so gut sein – ist (zumindest in Frankreich) kein Wein, der zu diesem Preis gekauft wird. Es ist ein exotischer Wein, tief dunkelrot, ja gar schwarz. Er hebt sich ab von fast allem, was man so in der französischen Weinkultur kennt. Dieses Anderssein macht ihn einmalig, ja zu etwas Besonderem. Im nahegelegenen Bordelais ist die Rebsorte zugelassen, wird aber nur noch ganz selten eingesetzt, weil sie längst vom „gefälligeren“ Merlot verdrängt wurde.
Ich gebe zu, ich liebe den Côt, gerade weil er Ecken und Kanten hat, weil er mich und meine sensorischen Fähigkeiten arg strapazieen kann. Denn es ist kein einfacher Wein, kein lieblicher Schlummertrunk. Allein schon seine Farbe ist aufregend: „The Black Wine“. Die ursprünglich französische Rebsorte wird heute aber auch in Argentinien und in der USA, aber auch in Italien angebaut. Antinori zum Beispiel hat ihn vom „Cave Maremma“ im Programm und preist ihn sogar an, als Wein mit „sanftem Charakter“. Tatsächlich kann der „Wilde“ auch sanft (aber bestimmt) sein. Auch Jean-Luc Baldès vom Spitzenweingut in Cahors hat dies geschafft. „Das Clos war einst ein Etappenort für die Pilger auf dem Weg nach Compostela, und so kamen sie wohl des öftern spät am Etappenort an und konnten das Nachtessen erst zu später Stunde einnehmen.“ Deshalb heisst der Wein auch Triguedina (okzitanisch), was so viel bedeutet, wie «il me tarde de dîner» (ich komme zu spät zum Essen oder ich sehne mich nach dem Essen). In diesem Sinn ist es also ein „historischer“ Wein, auch wenn ich daran zweifle, dass sich einst die Pilger einen so edlen Tropfen einschenken liessen.
Der Wein selber – die immer wiederkehrende Leier – ist viel zu jung. Noch nicht fünf Jährchen alt, mit einem Potential von gut zwanzig Jahren. Da sollte man eigentlich die Hände davon lassen. Doch ich konnte sie nicht lassen und öffnete den Wein: er ist voll Aromen, die sich an Trüffeln, Tabak, Pfeffer, Walderde anlehnen und hat eine Mineralik, sich im Augenblick hart und kühl anfühlt und fast jede Wärme vermissen lässt. Doch dies wird sich ändern, in den nächsten Jahren, da bin ich überzeugt. So wächst dann der Wein – für die, welche warten können – zu einem fast unbeschreiblichen Genuss heran. Doch er endet jetzt bereits in einem langen Finish und versöhnt jeden Gaumen durch seine bereits erreichte Harmonie.

10. Februar 2014

 

 

Domaine Cazes:  Marie Gabrielle 2012, (Demeter) Côtes du Roussillon AOC, France

 

 

 

„Idealer Entdeckerwein“, habe ich in der Werbung gelesen. Tatsächlich habe ich den Wein entdeckt, und zwar bei meiner Suche nach Weinen aus biologisch dynamischem Anbau für eine Degustation zum Thema: „Zwischen Tradition und Moderne“. Dieser Wein deckt dieses Thema gut ab. Doch die alles entscheidende Frage bleibt: Lohnt sich die „Entdeckung“? So ganz einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. Ja, es lohnt sich und es lohnt sich nicht. Warum? Es lohnt sich, weil dies ein guter Vertreter der der Appellation Roussillon ist (überhaupt Südfrankreichs), gekeltert aus Syrah, Grenache, Mourvèdre und – welche Wohltat – nicht in Holz gekettet ist (wie so viele „moderne“ Südfranzosen). Es lohnt sich auch, weil das Potenzial vorhanden ist, spürbar, erkennbar: Brombeeren, Pflaumen , Garriques, Herbes de Provence. Es lohnt sich aber nicht – sofern man Zugang zu der südfranzösischen Weinvielfalt hat -, wenn man den Wein neben vergleichbare Weine aus der Region stellt. Zum Preis von ca. 11 Euro habe ich durchaus charaktervollere, individuellere, vielleicht sogar zugänglichere Weine im Glas gehabt, allerdings nicht aus biodynamischem Anbau. Auch lohnt es sich nicht, wenn man den Wein – wie ich in meinem Fall – jetzt trinkt und nicht noch einige Zeit (wohl zwei Jahre) in den Keller legt. Die Balance hat er nämlich noch nicht gefunden; doch er wird sie finden, da bin ich mir (fast) sicher.
Das Weingut selber, Maison Cazes, hat eine Familien-Tradition von weit über hundert Jahren und ist heute ein „Grossunternehmen“ im Weinanbau und der Weinvermarktung der Region, vor allem für anspruchsvolle Weine (Umsatz, mehr als 4.5 Millionen Euro, 1.2 Millionen Flaschen). Das Weingut (und Handelshaus) hat schon in den 90er Jahren mit dem biodynamischen Anbau begonnen, Seit 2005 werden nun allmählich die 250 Hektaren (!) ganz auf ökologischen Anbau und Biodynamik umgestellt. Das Weingut hat im Süden Frankreichs also auch Pionierarbeit geleistet. Ihm ist weitgehend zu verdanken, dass das Gedankengut der „biologischen“ Pflege, auch der Philosophie des „vin naturel“, in der Languedoc allmählich Fuss fassen kann. Es ist nämlich nicht ganz einfach, in diesem riesigen Wein-Gebiet, das noch immer stark in der Tradition verankert ist, neuen Ideen (und Erkenntnissen) zum Durchbruch zu verhelfen. Da braucht es wohl die „Macht“ (und das Beispiel) eines Unternehmens, wie die Domaine Cazes um einen Wandel im Denken herbeizuführen.
In diesem Sinne lohnt es sich unbedingt, sich mit dem Wein (und dem Weingut) auseinanderzusetzen, auch wenn mir – ich gebe dies zu – die kleineren und kleinen Familienbetriebe – in denen man im Wein die Liebe und Begeisterung des Winzers zu spüren meint, viel lieber sind, als schon fast „industrielle“ Grossanbauer und -vermarkter.

15. Februar 2014

 

 

 

Tenuta degli Die: Le Redini 2010, Toscana, Italien

 

 

 

Wenn man registriert, wer Besitzer dieses Weingutes ist, liegt das Wort Mode auf der Zunge. Es passt so gut zu diesem Wein, den ich nicht unbedingt als modisch, eher als charmant oder als Charmeur (Schmeichler) bezeichnen würde. Es ist ein Wein, der gefällt. Und warum soll (und darf) ein Wein nicht gefallen?
Die Tenuta degli gehört dem berühmten Modeschöpfer aus der Toscana, Roberto Cavalli. Sein Sohn Tommaso begann vor etwa zehn Jahren das Weingut aufzubauen und sich – nach der Pferdezucht - dem Weinbau zuzuwenden (oder beides parallel zu pflegen). Auf Grund der präsentierten Weine mit Erfolg. Das Flaggschiff, der „Cavalli“ ein elegantes Schwergewicht, dunkel fast wie ein Cahor-Wein, mit schweren Aromen von Brombeere, Lakritze, Kakao. Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc, Petit Verdot, Alicante, also das, was man als Supertoskaner oder eben Bordeaux-Blend bezeichnet. Kein Sangiovese im typischen Chianti-Gebiet. Modern, könnte man sagen, jedenfalls nicht traditionell, aber etwas, das sich gut verkaufen lässt.
Nun hat Tommaso Cavalli einen zweiten Wein kreiert, eben diesen „Redini“: Originalton: „„Jahr für Jahr waren wir von der Weichheit unseres Merlots beeindruckt, Wir wollten seine Eigenständigkeit respektieren und ihn nicht mehr dem Erstwein des Gutes, dem IGT Cavalli Tenuta degli Dei, einer Cuvée verschiedener Rotweinsorten, zufügen." So entstand also dieser weiche, fruchtige, schmeichlerisch „Le Redini“, (zu Deutsch: der Zügel), der – das muss man ihm attestieren – im Verhältnis Preis-Leistung mit ca. 20 Euro die Nase vorn hat. Es sei ein Charakterwein, suggeriert die Werbung: „neben seinen sortentypisch schmeichelnden Noten trägt diese neue Kreation den unverkennbaren Charakter seiner Heimat Toskana.“
Wenn ich noch immer diesen Charakter suche, liegt dies vielleicht an mir. Als Liebhaber des Tessiner-Merlots (mit ausgeprägtem Charakter), finde ich im „Redini“ wenig Charakter, schon gar keinen toskanischen. Es ist sicher ein gut gemachter, gut vermarktbarer, genussvoller Wein, der den Augenblick liebt, auch nicht unbedingt austauschbar ist, aber kaum die Sprache der Weinregion spricht. Dahinter steckt doch sehr viel Internationalität oder – dies liegt ja geradezu in der Anlage – ausgeprägtes Modebewusstsein. Mode kann ja auch schön und genussvoll sein, vor allem, wenn sie sich preislich nicht an der „Haute Couture“ orientiert, sondern schon eher am „Prêt-à-porter“ orientiert.

16. Februar 2014

 


Domaine du Sacré Coeur: Cuvée Charlotte 2011, Saint-Chinian, Languedoc, Frankreich

 

 

 

Die Appellation Saint-Chinian wird gerne unterschätzt: einerseits weil sie nahe (westlich) der kleineren, aber weit bekannteren Appellation Faugères liegt und östlich vom grossen Anbaugebiets Corbières, das fast bis zur spanischen Grenze reicht, überschattet wird. Andererseits – dies ist wohl entscheidend – zerfällt die Appellation terroirmässig in zwei Teil: im nördlichen Teil dominieren die Schieferböden (wie in Faugères), während im südlichen Teil (näher am Meer) Ton- und Kalksteinböden vorherrschen, was naturgemäss ganz andere Weine gibt. Kommt dazu, dass die besten Weine (zumindest bekanntesten Weine) wohl aus den beiden Sub-Appellationen Saint-Chinian Berlou und Saint-Chinian Roquebrun kommen. Ein Verwirrspiel also, das nur Kenner der Languedoc-Appellationen entwirren können.
Die Cuvée Charlotte von der Domaine du Sacré Coeur kannte ich bisher nicht. Kennengelernt habe ich sie gestern, in meinem Lieblingsrestaurant vor Ort, auf Empfehlung der Wirtin, der ich gute Weinkenntnisse zuspreche. Jedenfalls enthält ihre Weinkarte ein paar der Weingüter aus der Region, deren Weine zu meinen „Lieblingen“ gehören (und über die ich hier schon öfters berichtet habe).
Ich wollte an diesem Abend etwas Neues kennenlernen, etwas, das nicht unbedingt zu dem Kreis „der üblichen Verdächtigen“ gehört. Und so kam ich zu Charlotte, der Cuvée aus Saint-Chinian - durchaus offen für neue Erfahrungen, durchaus bereit, Bekanntes hinter mir zu lassen und Neues zu entdecken. Neu war es nicht, was die sie geboten hat: die übliche Languedoc-Assemblage aus Grenache, Mourvèdre, Syrah und Carignan, die mir bestens vertraut ist (und die ich auch so gerne habe!). Doch was mir hier anders erschien, anders als bei vielen (den meisten?) Languedoc-Weinen, das ist die Kraft und Aromenvielfalt, die Eindeutigkeit im Geschmacksbild. Es ist nicht einfach einer der vielen guten Weinen der Region, er ist erstaunlich eigenständig, erstaunlich charaktervoll, zwar zugänglich, Trotz viel Tanninen und Säure gar kein wilder Bursche, aber auch kein Schmeichler, wie es viele der syrahbetonten Weine im Süden Frankreichs sind.
Ich glaube, dies liegt in der Dominanz  (oder einem beachtlichen Anteil) an Carignan, einer Rebsorte, die immer mehr von gefälligeren verdrängt oder zu intensiv genutzt wird, für belanglose Massenweine, wie sie lange Zeit im Süden Frankreichs gemacht wurden. Hier – scheint mir – hat man auf hohe Erträge verzichtet (vendange en vert) oder/und man konnte auf sehr alte Rebstöcke zurückgreifen. Jedenfalls nimmt man die ganz besonderen Pflaumen- und noch weit mehr die Veilchenaromen wahr, die sonst in Assemblagen so gerne „weggespült“ werden. Für mich eine tolle (nicht ganz neue) Erfahrung.

18. Februar 2014

 

Domaine des Mirabelles: Elégance 2010, Merlot/Cabernet Sauvignon, Pays d’Oc, Languedoc, Frankreich

„Pays d’Oc“ ist eine geschützte geografische Angabe, sie umfasst das an das Mittelmeer grenzende Südfrankreich und das Gebiet westlich der Rhône (im südlichsten Abschnitt). Dabei gelten die gesetzlichen Vorschriften für „Vin de Pay“ (heute IGP), die bedeutend weniger restriktiv sind als jene für die geschützten AOC-Appellationen, vor allem bezüglich der zugelassenen Rebsorten. Deshalb werden IGP-Weine oft (oder sogar meist) aus Rebsorten gemacht, die im entsprechenden Gebiet nicht als AOC (Appellation d’Origine Contrôlée – internatonal: PDO – Protected Designation of Origin) zugelassen sind.
Kompliziert? Für den durchschnittlichen Konsumenten wohl kaum verständlich. Er begreift bestenfalls: Dieser Wein kommt aus Südfrankreich, eben aus Pays d’Oc. Wer etwas mehr vertraut ist, mit der Region und dem französischen Weinrecht, der weiss auch noch, dass Colombiers (eine Kleinstadt in der Nähe von Béziers) nicht in einer der traditionellen AOC-Appellationen (PDO) liegt und deshalb unter der Herkunftsbezeichnung Pays d’Oc auf den Markt kommt.
Während in den PDO-Appellationen (ehemals AOC) die Rebsorten Merlot und Cabernet Sauvignon nicht zugelassen sind (weil nicht terroirspezifisch), nutzen Winzer in IPG-Appellationen ihre „Freiheit“ und bauen Rebsorten an, die international hoch im Kurs stehen, zum Beispiel Merlot und Cabernet, die für den weltweit gefragten „Bordeaux-Blend“ Voraussetzung sind. Deshalb ist die „Elégance“-Linie der Domaine des Mirabelles auch kein typischer Südfranzose, sondern viel eher für die internationalen Vermarktung gemacht. Das Etikett auf der Rückseite der Flasche ist denn auch sowohl in Französisch als auch in Englisch verfasst.
Wir haben es also mit einem „unechten Bordeaux“ (mehrheitlich aus Merlot) zu tun, der aber nicht aus dem Bordelais, sondern aus der Languedoc kommt. Einer der vielen Assemblagen, wie sie heute überall in der Weinwelt gemacht werden. Gleichsam als Alternative zum teuer gewordenen Bordeaux. Doch was kümmert die präzise Herkunft den Konsumenten, vor allem, wenn der Wein den Geschmack trifft und im Preis erst noch attraktiv ist (ca. 8 Euro). Dies lieben die Restaurants, die Superstores und die vielen Weingeschäfte an der Küste, wo sich (im Sommer) die Touristen tummeln. In diesem Kreis ist der „Elegance“ gut zu vermarkten und kann sich da durchaus auch behaupten. Doch Weinliebhaber werden ihn rasch wieder vergessen: zu konventionell, zu stark in die Belanglosigkeit gedrückt. Anständig, aber nicht gut genug.

19. Februar 2014

 

Domaine Piquemal: Pygmalion 2007, Côtes de Roussillon Villages, Frankreich


Die Geschichte von Pygmalion aus der griechischen Mythologie ist bei Ovid (römischer Dichter) nachzulesen. „Der Künstler Pygmalion ist aufgrund schlechter Erfahrungen mit zügellosen Frauen zum Frauenfeind geworden und lebt nur noch für seine Bildhauerei. Ohne bewusst an Frauen zu denken, erschafft er eine Elfenbeinstatue, die wie eine lebendige Frau aussieht. Er behandelt das Abbild immer mehr wie einen echten Menschen und verliebt sich schliesslich in seine Kunstfigur. Am Festtag der Venus fleht Pygmalion die Göttin der Liebe an: Zwar traut er sich nicht zu sagen, seine Statue möge zum Menschen werden, doch bittet er darum, seine künftige Frau möge so sein wie die von ihm erschaffene Statue. Als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu liebkosen beginnt, wird diese langsam lebendig“. (Auszug aus Wikipedia)
Ich liebe diese Geschichte, die in so manchen Variationen von so vielen Dichtern nacherzählt und immer wieder neu gedeutet wurde: von Johann Elisas Schlegel, Jean-Jacques Rousseau, Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller, Johann Wolfgang Goethe bis zur Operette „Die schöne Galathée“ von Franz von Suppé. Kulturbewusste Weinliebhaber können dies alles nachlesen. Doch über den Wein mit diesem Namen habe ich (bis heute) kaum etwas erfahren. Umso neugieriger war ich, als ich ihn kürzlich in einer kleinen Weinboutique (im Languedoc) entdeckte. Ist es eine Mogelpackung oder ein fast „mythologisches“ Weinerlebnis?
Das Bild auf der Etikette weist eindeutig darauf hin, dass die schöne Galathée bei der Namensgebung Pate gestanden sein muss. Die Zuwendung zur griechischen Mythologie ist wenig verwunderlich, wurde doch die Mittelmeerküste schon in der Antike von den Griechen besiedelt. Es bleibt also nur die Frage: Kann sich der Wein-Pygmalion an der legendären Gestalt, die von der göttlichen Venus zum Leben erweckt wurde, messen?
Der Wein ist zwar nicht göttlich, aber doch begnadet, dass durchaus antike Götter im Spiel sein könnten. Mit andern Worten: es ist ein Wein, der geliebt werden kann (und geliebt sein will). Er empfängt den Konsumenten mit einer Wärme und Eindringlichkeit, die sich bis in den beachtlich langen Abgang hinein fortsetzt. Es scheint mir – vielleicht ist dies aber nur Einbildung – dass sich Weiblichkeit (in den Schokoladen- und Kaffee-Noten) mit männlicher Kraft (Pfeffer, Gewürze) misst und in jeder Phase einen saftigen vollen Eindruck macht. Hier trifft sich Tradition (Rebsorten, Ausbau) mit modernem zeitgemässem Ausdruck. Kein aufgesetztes Holz, vielmehr (wohl durch das Alter) eine wunderschöne Verschmelzung. Da könnte Venus durchaus ihre Hand im Spiel (gehabt) haben

24. Februar 2014

 

Cave Biber, Salgesch: Cornalin 2011, Wallis, Schweiz


Diesmal handelt mein „Getrunken“ weder vom Weingut, noch vom Winzer, der vor 10 Jahren ins Wallis zog, um als „Aussenseiter“ ein Weingut zu übernehmen. Darüber habe ich bereits berichtet. Diesmal geht es um die Rebsorte, (fast) ein exklusives Walliser Gewächs, Cornalin. Es stamm aus der dem grössten Weingebiet der Schweiz, aus der Berggegend Wallis (inklusive dem italienischen Aostatal) und ist eine autochthone Rebsorte, die hier seit Jahrhunderten angebaut wurde, dann aber im 20. Jahrhundert fast ausgestorben ist. Allein schon die ursprüngliche Bezeichnung „Alter Landroter“ „Rouge d’Enfer“ oder „Vieux rouge du Pays“ weisen darauf hin, dass es sich hier um eine uralte Rebsorte handeln muss (erstmals erwähnt im 14. Jahrhundert), die einst sogar als Stärkungsmittel in der Populärmedizin Ansehen hatte. Dann aber kam die Reblaus und in der Folge hat man auch im Wallis andere Rebsorten angepflanzt, ertragsreichere und pflegeleichtere. Der „Alte Landroter“ verschwand fast vollständig, bis er – im Sog der nostalgischen Besinnung –  wiederentdeckt wurde vom Agronom Jean Nicollier und den Namen Cornalin bekam. Heute gehört der Cornalin zusammen mit anderen autochthonen Rebsorten (wie Petite Arvine, Heida etc.) zu den eigenwilligsten und gesuchtesten Walliser Spezialitäten, unverwechselbar mit seinen dominanten Nelkennoten und dem kräftigen Kirschtouch, vor allem in der Jugend, während der er ungestüm, lebhaft und wild auftritt.
Kaum zu glauben, dass der Cornalin sich nach Jahren – vielleicht etwa vier – gebändigt und gesittet auftritt und sich durchaus auch in den vornehmsten Kreisen zu benehmen weiss. Cornalin ist nicht irgend eine Rebsorte, vielmehr eine der gesuchtesten Spezialität, die vielleicht bei der ersten Begegnung ungehobelt scheint, dann aber durch Finesse und Eleganz eine fast schon einmalige Aura entwickelt, harmoniesüchtig und trotzdem ausgeprägt in den Aromen von Zwetschgen bis zu Bitterschokolade.
Dieser junge Cornalin, Jahrgang 2011, von Jürg Biber, spielt allerdings noch ordentlich mit den Muskeln, doch etwas von seiner Altersgelassenheit lässt sich schon erahnen.

26. Februar 2014

 

Château l’Evangile: Evangile 1997, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

Es bleiben im Weinkeller oft die sogenannt „schlechten Jahrgänge“ liegen: grosse Weine, aber ein schlechtes Jahr. Wer will schon sich selber oder Freunden einen „schlechten“ Wein vorsetzen? Vielleicht war er sogar – wie in diesem Fall – bei der Subskription einst teuer (wie der Bordeaux-Jahrgang 1997 generell). Und jetzt – siebzehn Jahre später: ein „Auslaufmodell“. René Gabriel: „Wer einen viel zu teuren Pomerol auf seiner Abschiedsreise erleben will, muss hier zuschlagen.“ Ein solch hartes Urteil verbreitet sich in Windeseile in der Wein-Liebhaberwelt.
Ich distanziere mich schon seit einiger Zeit von diesen Pauschalurteilen, schlicht und einfach, weil ich immer und immer wieder ganz andere Erfahrungen mache. Weine, die angeblich „sehr weit sind und nach Kochschokolade und erdigen Konturen schmecken“ (so Gabriel zu diesem Evangile) entwickeln sich in meinem Glas ganz anders. Zum Beispiel (wie hier):  leicht kirschiges Aroma, Rosenblätter, eher sanft aber mit Charme, weiche, gut verschmolzene Tannine, etwas Mango oder Pralinen im Abgang. Kein lauter Wein: aber ein intensiver, leiser, schöner…
Bin ich da zu einem andern Jahrgang geraten? Wurde – irgendwo und wann – die Etikette vertauscht? Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese oder eine ähnliche Erfahrung mache. An diesem Abend gleich zweimal. Später noch mit einem Wein von Mission Haut-Brion, Jahrgang 1993. Auch ein Wein, der längstens hätte „mit Verdacht“ entlassen werden sollen. Er ruhte noch in meinem Keller, wie der 97er Evangile. Und kam heute ins Glas.
Diese permanente Jahrgangsdiskussion erweist sich immer mehr (und immer öfter) als Rufmord an Weinen. Ich bestreite nicht, dass es bessere und „schlechtere“ Jahrgänge gibt, dass die vegetative Entwicklung im Rebberg, das Wetter, vor allem Kälte und Hitze, aber auch Hagel, Trockenheit und weiss nicht was, ihre Auswirkungen haben, auch auf den Wein. Doch genau so einflussreich sind die Vinifizierung, das richtige Gespür des Winzers für die richtigen Massnahmen zur richtigen Zeit. Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter: auch die Lagerung und – vorher die Reise (oder Reisen) vom Weingut über den Handel bis zum privaten Keller, aber auch das perfekte Dekantieren und schliesslich die „richtige“ Stimmung und die (oft hochgeschraubten) Erwartungen sind wichtige Faktoren für eine spontane und „gerechte“ Weinbeurteilung.
Zugegeben „alte Jahrgänge“ sind weit stärker vom Wetterverlauf eins Jahres abhängig, als heutige, ganz einfach, weil man inzwischen gelernt hat, die Weinberge entsprechend zu pflegen, die Erntemenge zu reduzieren und vor allem, weil bei der Verarbeitung so ziemlich alle technischen Hilfsmittel zu Verfügung stehen, damit fast immer eine recht hohe Qualität erreicht werden kann. Jahrgangsunterschiede gibt es zwar weiterhin, doch sie sind kaum mehr mit „gut und schlecht“ zu umschreiben, viel eher liegt der Unterschied etwa in der Aromatik, Dichte und Textur. Doch diesen Unterschied gibt es auch bei jedem Weingut und bei jedem Wein.
Bei älteren Weinen – wie bei diesem Evangile – hat die Entwicklung im Rebberg noch eine grössere Bedeutung. Doch sie darf – hier wieder einmal ein Beweis – einfach nicht generalisiert werden. Es gibt sie, gute Weine auch aus schlechten Jahrgängen. Auch wenn es nur gerade diese eine Flasche ist. Ein Zufall, der jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung spottet.

02. März 2014

 

Françoise et Stéphane Dief: Clos Manou 2010, Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

„Dass wir dieses Weingut nicht früher entdeckt haben… Aber besser spät als nie“, schreibt einer meiner bevorzugten Weinhändler. Was soll ich davon halten? Plumpe Werbung oder echtes Bedauern? Schwer auszumachen. Da hilft nur eines. Zwei, drei Flaschen erwerben (Preis 35 CHF) und selber probieren. Gedacht, getan! Doch ich machte den Fehler, die erste Flasche zu öffnen, als Auftakt zu einem Abend mit Freunden und zwei herrlichen Altweinen. Natürlich war die Erwartung hoch und die Enttäuschung (vor allem im Vergleich mit den Altweinen) vorprogrammiert. Man stellt doch noch keinen Bordeaux, Jahrgang 2010, wenn man nachher grosse Gewächse aus den Neunzigerjahren einschenkt: zu jung, noch zu sehr im Entwicklungsstadium. Dies ist mir eigentlich bewusst, doch die Neugier war grösser (als der Verstand).
In der Folge sprachen wir kaum noch von diesem „kleinen“ Wein. Eigentlich schade. Die Hälfte blieb in der Flasche (dekantiert habe ich ihn – entgegen meinen Gewohnheiten – nicht, weil ich den Rest aufsparen wollte). Und das war gut so. Am andern Tag – nach ein paar Stunden – war der Wein ganz anders, viel zugänglicher, viel persönlicher, viel aromatischer, viel würziger…
Einmal mehr bestätigt sich die Erfahrung: das Potential bei jungen Weinen abzuschätzen (und 4 Jahre ist für einen Bordeaux wenig, zu wenig) ist extrem schwierig. Man braucht nicht nur Erfahrung, Frühverkoster mögen mich entschuldigen, man braucht auch einige Phantasie. Die einen Tag zuvor geöffnete Flasche hat die Phantasie in die Wirklichkeit zurückgeholt und mir nachträglich ein Erlebnis beschert, das sich zwischen Bewunderung und Überraschung eingependelt hat.
Das Weingut – von dem ich bisher noch nie etwas gehört hatte – liegt in Saint Christoly en Medoc ganz im Norden, dort, wo es kaum mehr namhafte – schon gar nicht berühmte – Weingüter gibt. Immerhin liegt Saint Christoly an der Gironde, dort wo diese bereits breit ist und eineige recht gute Cru Bourgoise (wie Le Boscq, Grands Chènes, Haut Canteloup) zuhause sind. Doch Clos Manou? Wer das Weingut in der Bordeaux-Literatur sucht, findet es kaum (auch nicht in den neusten Ausgaben) oder es wird nur ganz am Rande erwähnt. Anders im Internet: da erscheint es immer wieder, schon fast so etwas als ein „Geheimtipp“, der natürlich längst nicht mehr geheim.
Die Angabe zum Weingut ähneln sich nämlich, wie sind wohl mehr oder weniger von einander: eine gute Story, die sich vermarkten lässt und deshalb immer wieder aufblitzt: „Der Besitzer, ein grosser Weinliebhaber und begeisterter Winzer, war vorher in einer Kooperative tätig. Er machte sich zusammen mit seiner ebenso begeisterten Frau Françoise selbständig, um dieses Kleinod zu schaffen.“ Oder: „Sicherlich eines der extremsten Weingüter im Medoc…..Die 12 ha Weinberg sind extrem gepflegt und bestockt mit grundsätzlich 10.000 Reben/ha…. Man muss das gesehen haben um diese perfekt organisch gepflegten und durchlüfteten Böden zu glauben!“
Ich habe sie (noch) nicht gesehen. Aber den Wein probiert. Er ist tatsächlich – sieht man einmal von seiner Jugend ab – ein toller „kleiner“ Bordeaux. Klein? Eigentlich nicht, eher gross, eher beeindruckend, sehr eigenständig, nicht von „Technik“ geprägt, vielmehr „voll“ von Bordeaux im eher lehmigen nördlichen Médoc. Bei diesem Wein ist – so scheint mir – noch viel Handwerk, viel Sorgfalt, viel Terroir (um das abgedroschen Wort zu gebrtauchen) im Spiel. Eigenständigkeit und Klasse, das sind wohl die beiden treffendsten Begriffe. „Alles ist ausgerichtet auf den Erhalt von viel Frucht und auf schonende Verarbeitung ohne jede Bitterstoffe… Die alten Cabernet-Rebstöcke bringt extrem hohen Extrakt… Unglaublich würzige Cassis-Johannisbeer-Nase mit Brombeere, dunkle schwarze Kirsche. Extrem dicht. Aromatisch.“ Für einmal kann ich dies alles nachvollziehen. Es bleibt mir – wie wohl vielen anderen Weinliebhabern auch – das Weingut im Auge zu behalten und möglichst bald einmal gereiftere Jahrgänge zu probieren. Nur: dies wird schwierig sein, denn der Jahrgang 1999 (glaube ich) war der erste und wohl auch noch nicht der beste. Es bleibt (vorläufig) ein kleines Zeitfenster, um sich als guter Bordeaux zu auch langfristig zu beweisen.

04. März 2014

 

Vignerons Catalans: Saveurs Oubliées 2010, Côtes du Roussillon Villages, France

 

„Saveurs Oubliées“, vielleicht zu übersetzen mit „vergessenen Aromen“. So „vergessen“ sind die Aromen dieses Weins nun auch wieder nicht. Vielleicht – in der Einzahl – könnte der Name bedeuten: Vergessener Geschmack – besser noch: „Wohlgeschmack“. Wie dem auch sei: bezogen auf die Rebsorten (55 % Alter Carignan , 30% Syrah, 15 % Grenache) ist es ein typischer Languedoc-Roussillon-Wein. Auch in der Vinifikation ist er stark durch die Tradition geprägt. Eher etwas rustikal, ein authentisches Cuvée, nichts Geschmäcklerisches ist darin zu finden, vielmehr Reife, Süden, Würze, Landschaft, Boden…
Die „Vignerons Catalans“ sind eine Winzergenossenschaft und erst noch eine recht grosse. Sie umfasst neun Genossenschaften und weit über 2‘000 Produzenten. Für mich ein weiterer Beweis, dass gerade im riesigen Weingebiet des Südens, gut geführte Unternehmen – sowohl im Weinberg, im Keller, als auch bei der Vermarktung – erstaunliche Leistungen erbringen können. Da werden durchaus Weine gemacht (und vermarktet), die es mit den Weinen auch angesehenen Selbstkelterer und Weingüter aufnehmen können. Die (vielleicht) fehlende Individualität wird durch Fachwissen und Handwerk, durch strenge Selektion und technische Möglichkeiten wettgemacht. Der Wein bietet das, was heute (auch) gesucht wird: einen sicheren Wert, der vielleicht über die Jahre etwas „uniform“ (will heissen immer gleich) daher kommt.
Den Wein, den ich – trotz guter Languedoc-Roussillon-Kenntnisse – bisher nicht gekannt habe, hat mir ein Weinhändler bei dem ich gelegentlich – aber recht selten – Kunde bin, zukommen lassen, mit der Bemerkung: „Vor 20 Jahren durfte ich als Ihr Weinhändler erstmals für Sie tätig sein…“ Also Kundenbetreuung. Es ist nicht ganz einfach, da den richtigen Wein zu finden. Muss er doch so etwas wie eine „Visitenkarte“ für den Händler sein, gleichzeitig aber auch im Kosten-Rahmen eines Kundengeschenks liegen und erst noch meinen Weingeschmack irgendwie treffen. Als nur ganz seltener Kunde lässt sich aus meinen Bestellungen kaum ein gesicherter Wert eruieren. Nicht ganz einfach, diese (Werbe-)Aktion.
Wenn ich nun sage: sie ist geglückt, dann ehrt dies das Unternehmen. Der Wein ist durchaus etwas Spezielles und doch – wie es in solchen Fällen nötig ist – wohl in genügenden Mengen verfügbar. Er ist etwas, das nicht aus dem Rahmen fällt (soll man sagen: mehrheitsfähig ist?) und doch – selbst mir, dem recht guten Languedoc-Kenner – Spass macht. Wenn ich da etwas pathetisch sein sollte, dann dies: „solche Weinhändler braucht das Land!“.

07. März 2014

 

 

 

André Lurton Vignobles: Château La Louvière 1996, Pessac-Léognan, Bordeaux, Frankreich

 


Eigentlich wollte ich nichts darüber schreiben. Nicht weil der Wein schlecht ist, im Gegenteil, weil schon alles über ihn gesagt oder geschrieben worden ist. Das Paradeschloss „La Louvière“ von Lurtons Weingutimperium (der weit verzweigten Familie gehören etwa 12 Weingüter in Bordeaux) ist wohl jedem Weinliebhaber bekannt. La Louvière war einst ein „Geheimtipp“ und – im Verhältnis Preis/Leistung – noch immer etwas vom Besten, was man im Bordelais finden kann, zwar nicht bordeaux-like teuer, vielmehr bis heute ein sicherer Wert. Durch ihn haben Generationen von Weintrinkern den Weg zum Bordeaux gefunden. La Louvière kostet – seit vielen Jahren – zwar immer leicht den Jahrgangspreisniveau angepasst um 25 CHF (für den 96er habe ich damals in der Subskription 29 CHF bezahlt). Es ist ein Wein, der immer – in jedem Jahrgang – ein gutes Niveau erreicht; man kann sozusagen sicher sein, einen sehr guten Bordeaux im Glas zu haben. In Punkten ausgedrückt sieht dies zwar nicht so toll aus (Gabriel meist um 16/20 Punkten, Parker um 87/100). Rein rechnerisch also kein Spitzenwein, aber durchaus ein guter Wein. Im Jahr 2000 erreichte er sogar 90/100 Punkte (bei Parker). Und nur ganz selten (in den letzten 20 Jahren) gab Parker ihm weniger als 87/100 Punkte. Doch darum geht es (mir) hier nicht. Es geht schlicht um die Feststellung, die meine Frau soeben am Abendtisch spontan gemacht hat: „Louvière ist immer wieder ein ausgezeichneter Wein, der beste, den wir in den letzten zwei Wochen zum Nachtessen getrunken habe“. Und wir hatten da auch einiges – auch Namhaftes – im Glas (siehe frühere „Getrunken“). Ich will jetzt nicht rechten und messen, welches wirklich der beste Wein war. Da könnte man durchaus streiten. Doch – dies ist keine streng sensorisch analytische Aussage – „La Louvière“ war – und ist es immer wieder – der Klassenbeste. Darum geht es doch, wenn man einfach so – aus Freude – einen Wein einschenkt, und sei es auch nur an einem „gewöhnlichen“ Tag, zu einer „gewöhnlichen“ Mahlzeit.

10. März 2014

 

Anne Claude Leflaive et Claude Pichard: Clau de Nell 2004, Cabernet Franc, Vignes en Biodynamie, Loire, France


Immer wenn ich mit einem maliziösen Lächeln aus dem Keller komme, hat meine Frau ihre Vorbehalte. Da bringe ich in der Regel eine sogenannte „Trouvaille“ aus dem Keller, die fast immer nur mir gefällt oder für mich besonders interessant ist. Meist sind es Altweine, die meine Frau ohnehin nicht besonders mag.
Auch diesmal ist es so. „Was hast Du da wieder im Sinn?“. Natürlich etwas, das ich im Keller gefunden habe, vielleicht sogar ein Experiment, so meine Antwort. Diese Art von Experimenten ist gar nicht das, was sie liebt, wenn es darum geht, einen guten Wein zum Nachtessen vorgesetzt zu erhalten.
Diesmal aber habe ich Glück, obwohl ich nachher viele „unbekannte“ oder sagen wir wenig geläufige Fakten preisgeben muss. Ein Wein aus der Loire. Da beginnt schon eine gewisse Skepsis, obwohl wir auf unserer letzten Loire-Reise wunderbare Weine getrunken haben, aber oft nicht ganz einfache. Eher Weine zum stillen Geniessen als zum kräftigen Trinken. Dann die zweite Überraschung: ein Cabernet Franc, eine Rebsorte, die wir vor allem von den Cuvées in Bordeaux kennen. Aber reine Cabernet-Franc Weine? Ich erinnere mich zwar an einen tollen Wein aus dieser Rebsorte, aus der südlichen Rhone. Nun – der Cabernet Franc ist bekanntlich die Königin – aber auch die Diva – der Loire. Und schliesslich, ich wage es kaum zu sagen: Es ist ein sogenannter Bio-Wein. Auf einer Degustation habe ich zufällig von einem (mir nicht bekannten) Teilnehmer ganz schreckliche Urteile zu hören bekommen, sie gingen bis zu: „untrinkbar“.
Nun, wenn jemand vom Wein „untrinkbar“ sagt, bin ich immer ganz besonders gespannt und meist auch sehr angetan. Oft ist es etwas Besonderes, kein Dutzendwein, kein Mainstream, eher ein Wein zum Denken und Geniessen, zum Erforschen und Erlernen. „Ungeniessbar“ ist meist der hilflose Ausdruck für das Andere, Wenigbekannte, Neue.
Ganz erstaunt war ich dann, als meine Frau nicht jenes Gesicht machte, das jeweils heisst: „gefällt mir nicht!“, es ist der subtilere – mir gut bekannte – Ausdruck für den berühmte Daumen, der nach unten oder nach oben zeigt. Diesmal brauchte es keinen Daumen und auch kein Gesichtverzerren, es genügte ein schlichtes „Wow“. Tatsächlich ist der Wein angekommen, bei uns beiden. In der Nase noch etwas zurückhaltend, aber Tiefe bereits erahnend, im Gaumen vielfältig, sinnlich, verspielt, aber auch – vor allem nach einem kräftigen Schluck – wild und aufbegehrend; dann wieder zahm, gebändigt. Tatsächlich es ist kein Wein für so nebenher. Haben allein schon die Weine aus der Loire bei uns kaum Ansehen und Renommee, so hat es dieser reinsortige, biodynamisch an- und ausgebaute Wein schon gar nicht. Man muss sich ihm behutsam nähern, sich in die Landschaft versetzen, wo er herkommt und Eigenständigkeit lieben, dann ist dieser Wein eine Quelle der Lust.
Mit dem langen Abgang, wird dieses Lustgefühl verlängert, bis in die Nacht hinein. Bis wir längst vergessen haben, welche Speisen auf dem Tisch standen, aber den Wein, seine Ausdruckskraft (und natürlich auch sein Name) konnten wir nicht vergessen.

11. März 2014

 

Gerhard Markowitsch: Redmont Cuvée 2010, Zweigelt-Blaufränkisch-Cabernet Sauvignon, Carnuntum, Österreich


Es ist vor allem die Rebsorte Zweigelt, die mich geritten hat, zu einem ausgezeichneten Essen im Restaurant gerade diesen Wein zu bestellen. Zweigelt ist für mich ein Wein, den ich ins Herz geschlossen habe. Warum? Eigentlich weiss ich es auch nicht so genau: Vielleicht weil österreichische Weine hier in der Schweiz (vor allem im Restaurant) selten sind, sei es, weil ich das leicht Rauchige am sortenrein ausgebauten Zweigelt so gern habe oder sei es, weil ich kürzlich einen hervorragender Zweigelt aus der Ostschweiz im Glas hatte. Der zweite Anreiz aber ist die Assemblage: eine Alternative zum weltweit grassierenden Bordeaux-Blend? Ich war ganz einfach neugierig. Cassis, blaue Beeren, Holznoten erinnerten schon leicht ans Bordelais. Doch es ist - gottseidank – kein Schmusekurs, auch kein Wettbewerb zum klassischen Bordelaux. Der Anteil an Cabernet Sauvignon ist viel zu klein (wohl um 15 Prozent) und die Rebsorte Blaufränkisch kann den Schmelz des Merlot nicht bringen. Also – diese Cuvée ist durchaus ein eigenständiger Wein: selbstbewusst und in einem gewissen Sinn bescheiden. Das heisst: er macht wenig Aufhebends von seiner Qualität. Er ruht still in sich: samtig und sehr gehaltvoll, vor allem auch im Abgang. Ich bin versucht zu sagen: eine kühle Schönheit, (bei uns) wenig bekannt und wohl gerade deshalb so attraktiv.
Und noch etwas – ich habe mir dies im Stillen vorgenommen - : ein grösserer Ausflug zu den österreichischen Weinen würde sich lohnen. Gerhard Markowitsch und viele andere österreichische Weingüter habe ich bisher nur an der ProWein in Düsseldorf getroffen. Doch da geht der eine oder andere in der Fülle des Angebots unter. Vielleicht lohnt es sich doch – allein schon wegen des Zweigelts den ich schätze – etwas intensiver nach Österreich zu schauen. Wir werden sehen, was im „Getrunken“ in der nächsten Zeit auftauchen wird.

14. Mörz 2014

 

Bodegas y Viñedos Alion: Alion 2005, Ribera del Duero, Spanien

 

Es ist schon eher selten, dass ich diesen Kultwein im Glas habe, sehr selten sogar. Im Degustations- und Diskussionsforum „cellarTracker“ sind mehr als fünfzig Beurteilungen – allein zu diesen Jahrgang –  zu finden. Noten: 92, 92, 94 – keine unter 90, sogar eine Top-Note von 100 Punkten. Was soll ich da noch sagen oder schreiben. Es ist ein Top-Wein, dies ist wohl unbestritten? Irrtum, es findet sich doch noch ein Amateur-Degustator auf der erwähnten Website, der ihm nur 84 Punkte geben mag. Begründung: „Mouth: Tannin backed up with plenty of tannin with a soupcon of tannin over the top. Quite bitter at that as well, If I could find some fruit it would warrant cellaring but I can't so it's not for me.“ Zu früh getrunken (die Notiz wurde 2009 verfasst), eine schlechte Flasche oder ganz andere Erwartungen, andere Geschmacksvorlieben? Ich weiss es nicht, ist auch egal. Auch für mich ist der Wein reichlich jung, auch jetzt noch – fünf Jahre nach der zitierten Beurteilung und fast neun Jahre nach der Ernte. Und trotzdem: ein betörender Duft, nach Brombeere, Veilchen, Trüffel… Ich mag gar nicht aufzählen, was sich mir da alles so erschliesst. Es ist ja Kultwein, und der hat – will er seinem Ruf gerecht werden – auch einiges bieten: Zimt, Tabak, Rauch… Doch, macht all dies – und noch einiges mehr – den Kult wirklich aus? Oder: was ist es, dass diesen Wein kultiger macht, als andere – gute (ja sogar ausgezeichnete) – Weine? Eine Degustator, der dem Wein 97 Punkte zuspricht, schwelgt: „Es ist ein wunderschön ausgewogener Wein, der Elemente der spanischen Landschaft in sich trägt (Erde, Sonne) und doch so elegant und raffiniert ist. Rubinrot Farben wie Öl, Düfte von roten Beeren, voller Körper, ausgewogenen in den Tanninen und der Säure, ein Abgang, der ewig dauert. Toller Wein und tolle Erfahrung“ (frei übersetzt). Führt dies alles schon zum Kult? Ich meine – so ist es auch Bordelais und im Burgund – es ist etwas anderes, was zum Kult führen kann (nicht muss). Es ist die Ausschliesslichkeit, die sich entwickelt, wenn grosse Weinmacher, berühmte Namen, einen guten Wein auf den Markt bringen – auch zu deinem ordentlichem Preis, der die Kostbarkeit verdeutlicht – und in einer Art, wie es ihn so – gerade so – kaum gibt. Vega Sicilia, eines der bekanntesten (und grössten) Weingüter Spaniens, hat mit seinen Weinen „Vega Sicilia Unico Reserva Especial“, „Vega Sicilia Unico Gran Reserva“ und dem Zweitwein „Valbuena 5°“ Masstäbe gesetzt und einen Stil entwickelt, der so etwas wie einmalig ist: kräftig, tanninreich, mit mindestens 14 vol% (oder mehr), Assemblagen aus Tempranillo (grösster Anteil) und Cabernet Sauvignon, Malbec, Merlot u.a.
Wenn nun Vega Sicilia vor gut zehn Jahren einen reinsortigen Wein – hundert Prozent Temranillo – geschaffen hat, der zwar anders ist, aber von ähnlicher Qualität, und erst noch (im Vergleich zu den andern Spitzenweinen) günstiger, dann sind alle Voraussetzungen da, um in kurzer Zeit zum Kultwein aufzusteigen. Doch Kult allein genügt nicht – er treibt nur die Preise hoch (siehe Petrus in Bordeaux) – er muss auch ein eigenständige, hervorragend gemacht, genussbringend sein. Und dies – das ist das entscheidende - ist der Alion, ob Kult oder nicht..

16. März 2014

 

 

 

Grand-Puy-Lacoste 1990, Pauillac, Bordeaux, France

 

 

 

Es wurde mir erst während des Abends so richtig bewusst, wie gut der Wein – speziell dieser Jahrgang – ist. Und heute beim googeln bin ich fast erschrocken über die Preise. Natürlich wusste ich, was ich da aus dem Keller holte. Natürlich war es nur klar, dass ich hier eine kleine „Kostbarkeit“ trinken werde. Doch der Jahrgang 1990 – quasi das Vorzeigejahr der 90er – muss allmählich ins Glas, auch wenn man so etwas gerne „aufsparen“ möchte. Für wen, bis wann, warum…? Dies ging mir durch den Kopf, als ich zur Flasche griff. Ein „gewöhnlicher“ Tag, Samstag, unmittelbar vor einer grösseren Reise. Warum nicht jetzt.
Anfänglich habe ich nur anerkennend genickt. Gut, ja ganz gut. Je länger der Wein aber offen und im Dekanter (oder im Glas) war, desto besser wurde er. Vornehm weich, tiefgründig, harmonisch – bei jedem Schluck wurde er „grösser“. Mit solchen Komplimenten bin ich vorsichtig, es könnte auch an mir liegen, an meiner Stimmung, an meiner augenblicklichen Verfassung, am Vergleich mit Weinen, die ich in der letzten Zeit getrunken habe.
Doch diesmal lag es nicht an mir. Und er hielt jedem Vergleich stand. Da bin ich überzeugt. Eigentlich brauche ich keine Kronzeugen dafür. In diesem Fall bin ich ganz sicher: Ein grossartiger Wein, etwas vom Besten, das ich in der letzten Zeit im Glas hatte, vor allem ein Bordeaux, der nicht protzt, sondern durch seine feinen Aromen, durch seine jetzt ganz offene, aber dezente Frucht, durch sein Bukett von Zimt, Tabak, Pflaumen und Cassis, alles eingebunden in samtenes Tannin. Ich bin begeistert.
Dann habe ich halt doch Parker, Gabriel und Co. konsultiert. Ist meine Begeisterung nur ein momentaner „Gemütsausschlag“? Gabriel: „Gehört zu den ganz grossen 90er Bordeaux! …War einfach nur geil … Wer ihn jetzt nicht austrinkt, wird es wohl bald bereuen…“ Geil ist er nicht der Wein, dafür ist er viel zu vornehm, zu aristokratisch (ohne dass das Weingut zu den Aristokraten des Bordeaux gehört) aber sonst hat er, René Gabriel (auch mit seinen 19/20 Punkten) recht. Und bereuen möchte ich nichts, auch nicht den Abend, auch nicht, dass es den gewöhnlichen Werktag war, an dem ich ihn im Glas hatte.

31. März 2014

 

Amani Vineyards: Merlot 2010, Stellenbosch, Südafrika

 

Ein Powerwein, der sich schmeichelhaft und zahm gibt, aber sehr bestimmt seine Herkunft verrät: Südafrika. Er dokumentiert immerhin 16 %vol. und verrät ordentlich viel, aber nicht aufdringliches Holz, eine etwas dominierende Süsse in der Frucht und leicht gezähmte aber noch kräftige Tannine. Frucht (Kirschen), Gewürze und Schokolade dominieren in den Aromen. Eine Anlehnung an Bordeaux (der Wein ist nicht ganz reinsortig, sondern hat noch einen Anteil von etwa10% Cabernet Sauvignon), er könnte also (theoretisch) vom rechten Ufer im Bordelais sein,  und doch ist dies kaum möglich, denn seine Aromen sind viel exotische und im Gaumen ist er viel süsser als ein Bordeaux und wohl auch weniger elegant.

Eigentlich aber ist es etwas anderes, das mich begeistert; für einmal ist es das Zusammenspiel mit dem Essen (Foodpairing). Ich habe Wild im Teller, genauer Spareribs vom Warzenschwein (Warthog), grilliert, mit einer kräftigen Sauce  und einem leicht nussigen und stark rauchigen Geschmack. Noch selten hat ein Wein so viel Harmonie bei einem nicht ganz alltäglichen Essen offenbart. Für mich ein Beispiel, wie Wein aus einer bestimmten Gegend (hier Südafrika) in seinem Charakter von der Esskultur (den Essgewohnheiten) mitbestimmt ist.

02. April 2014

 

Clos Malverne: Devonet 2010, Pinotage/Merlot, Stellenbosch, Südafrika

 

Den „Italiener um die Ecke“ gibt es nicht nur bei uns in der Schweiz, sondern auch im fernen Südafrika, in Kapstadt zum Beispiel. Solche kleine, familiäre Restaurants sind eine Alternative zu den wie Pilze aus Clos dem Boden schiessenden Fast-Food-Buden. Es gibt Stadtteile (vor allem auch in Einkaufs- und Touristenzentren), wo nebst einigen wenigen „gehobenen“ Restaurants nur McDonalds und Co. zu finden sind. Ein Gräuel für jene Touristen, die sich nicht verfuttern, sondern essen und trinken möchten, auch wenn sie unterwegs sind und nicht immer „vornehm“ tafeln wollen. In solchen kleinen Lokalen gibt es neben gutem (und oft auch speziellem Essen) auch Weine, die Freude machen. Nicht die grossen Namen, vielmehr Weine für des Alltags, für das kleine, aber genüssliche Menu  - selbst wenn es (wie beim Italiener) nur eine individuell gemachte Pizza ist. Vor allem aber sind es Weine des Landes, nicht Italiener beim Italiener, Franzosen beim Franzosen oder Spanier beim Spanier (wie bei uns). Dies ist sicher eine Frage des Preises, denn importierte Weine sind wohl um einiges teurer und entsprechen wohl nicht der Kundschaft, die hier anzutreffen ist. Es ist aber auch eine Frage des Einsicht – vielleicht sogar der Überzeugung, - dass einheimische Weine nicht nur günstiger, sondern auch passender, oft auch weit besser sind, kleine Entdeckungen, vor allem für Touristen,  die hier dem Weinland Südafrika begegnen können. Bei uns war es – da sieht man meine Vorliebe für das Eigenständige – wieder ein Pinotage, diesmal eine Assemblage mit Merlot. Angaben zum Verhältnis der beiden Rebsorten habe ich nicht, doch der Pinotage überwiegt eindeutig. Dies ist gut so, denn so bleibt der leicht rauchige Pinotage-Charakter erhalten.  Er wird nicht weichgeglättet – sozusagen internationalisiert – durch den gefälligeren Merlot. Dies passt auch zum „kleinen Italiener“, denn da ist nichts gross, weder das Essen, noch der Wein, aber sehr, sehr gut. Und – vor allem – da kommen Essen und Getränk mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Herzlichkeit auf den Tisch, die so anregend sind, dass man mit höchstem Genuss isst und trinkt und überzeugt ist, nicht den Alltag, sondern dem Besonderen begegnet zu sein.

15. April 2014

 

Château Reysson 1996, Haut-Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Wann immer ich diesen „kleinen Bordeaux“ aus dem Keller bringe, ist eine Diskussion unausweichlich, nicht heftig, aber bestimmt. Da gibt es für einmal bei meiner Frau keine Differenzierung: „kein guter Wein“. Punkt. So eindeutig sind ihre sonst wohlgesetzten Aussagen eigentlich nie. Im schlechtesten Fall heisst es etwa: „dieser Wein schmeckt mir nicht!“. So etwas kann ich wohl gut akzeptieren, etwas weniger aber ihre kategorische Ablehnung, die diesmal im Nachsatz endet: „sauer und ohne Frucht“. Ähnliches habe ich wohl erwartet, auch wenn ich glaubte, diesmal besonders geschickt vorgegangen zu sein. Auf ihre Frage: „was hast Du Gutes aus dem Keller gebracht?“ gab ich keine Antwort, sondern schritt direkt zum Dekantieren. Eine besonders schöne Karaffe war fortan sein Kleid. Ich war überzeugt, ihre angesammelten Vorurteile überlistet zu haben. Fehlanzeige! Der Kommentar – siehe oben – kam sofort und unmissverständlich.
Nun, ich muss dem Reysson wieder einmal Abbitte leisten. Es ist ein „kleiner“ Bordeaux, sicher. So um die 15 Franken oft auch in Diskountern zu kaufen. Ein „Alltagswein“ (hier kommt es natürlich darauf an, wie der „Alltag“ eines Weinliebhabers aussieht!) sicher, sauber vinifiziert, gradlinig, schreibt René Gabriel, etwas kühl, distanziert, aber durchaus ein sehr guter Essensbegleiter.
Allerdings – und dies ist nicht der Fehler des Weins – scheint er mir eindeutig überlagert. Zehn Jahre zu lange im Keller, leider. Es ist keine Wein zum einkellern, er ist einfach liegengeblieben (mit noch ein paar andern Flaschen), weil es nicht der Wein meiner Frau ist. Weil ich ihr – auch beim sogenannten Alltagswein – immer nur etwas Gutes gönne.
Für mich ist Reysson ein „cru bourgeois“, der – zumindest bei uns – meist unter seinem Wert beurteilt wird. Es ist ein Wein aus dem Hause Dourthe, wo einige sogenannt „kleine“ Bordeaux auf verschiedenen Weingütern gemacht werden: Château Belgrave, Château La Garde, Château Le Boscq etc. Es sind etwa acht Weingüter, die sich auf preiswerte und gute Weine aus dem Bordelais spezialisiert haben, Weine, die man in der Regel unbesehen auch in Einkaufszentren kaufen kann. Aber die man – und dies ist vielleicht die wichtigste Lehre aus unserem häuslichen Debakel – früh (zumindest früher) trinken muss. Kommt dazu, dass der Reysson 1996 (entgegen der Qualität des Jahrgangs) eher schwach und vielleicht sogar – wie Gabriel sagt – leicht „unsauber“ ist. Jüngere Jahrgänge – ich habe kürzlich den 2010er getrunken – sind weit besser.

17. April 2014

 

 

 

Vineyards Hess Family: Glen Carlou Special Cuvée 2009, Paarl, Südafrika

 
Soeben aus Südafrika zurückgekehrt, mit einer reichen Palette an Erfahrungen und Besuchen bei etwa dreissig Weingütern, da wird sich der Eindruck südafrikanischer Weine nicht so rasch verflüchtigen. Doch wer glaubt, ich trinke (und beschreibe) jetzt nur noch südafrikanische Wein, wird sich wundern. Für heute aber – es war so etwas wie ein Nostalgieakt – mache ich eine Ausnahme. Eines der letzten Weingüter, die wir besucht haben, war Glen Carlou, aus dem Imperium der Hess Familie. Eine Fruchtbombe, Kirschen, Schokolade, Cassis – viel Bordeaux, wenig Südafrika. Es ist ein guter Wert, dafür birgt das prominente Haus des Schweizer Weinpioniers, der auf vier Kontinenten Weingüter aufgebaut hat. Warum also nicht auch in Südafrika, in der Nähe von Stellenbosch. Doch der Wein könnte ebenso gut aus Australien sein, aus Argentinien, aus Kalifornien… Dass er aus Südafrika kommt, ist ihm nicht gleich anzumerken. Zu stark ist die Bordeaux-Ausrichtung zu spüren. Man ist dabei nie ganz sicher, was ist echt – gewachsene südafrikanische Eigenart und Kraft – und was ist im Keller mit viel Technik und gutem Winzervermögen geschaffen worden. Dies heisst nun nicht, der Wein sei unecht, aber er ist weitgehend austauschbar. Individualität heisst in diesem Fall eher Hess (und seine Philosophie) als Terroir oder sonst etwas typisch Südafrikanisches. Gute Weine können eben auch „gemacht“ sein. Diese Spezial-Cuvée scheint mir gemacht, gut gemacht. Es beginnt schon mit den fünf im Bordeaux zugelassenen Rebsorten - sogar Malbec ist drin (16 Prozent) und endet wohl mit dem Ausbau in französischen Barriques, 18 Monate lang. Jahrgangs- oder Anbaugebiet-Spezifisches findet sich darin kaum, auch die Finessen eines guten Bordeaux sind nicht zu finden. Aus diesem Grund bin ich diesen Weinen auf meiner Südafrikatour eher aus dem Weg gegangen. Bordeaux muss ich dort nicht suchen, es sei denn, wegen seines Preises. Denn der Preis/Leistungs-Wert ist – verglichen mit vielen renommierten Bordeaux – schlicht und einfach phantastisch. Es ist kaum möglich ein Bordeaux von dieser Qualität für rund 19 CHF zu kaufen (wohlverstanden inklusive Import aus dem fernen Afrika!)

18. April 2014

 

 

 

Château Palmer 1976, Margaux, Bordeaux, Frankreich


Die 70er Jahre sind in Bordeaux – generell gesagt – eher „kleine“ Jahre. Das berühmte (und auch verwöhnte) Weingebiet steckte in der Krise und erholte sich erst in den 80ern (nicht zuletzt auf Grund der einsetzenden Kritik von Robert Parker) und dann endgültig in den späten 90ern. Natürlich gibt es Ausnahmen, sowohl beim Jahrgang als auch bei den Weingütern. Allerdings konnte sich der Jahrgang 1976 einigermassen sehen lassen, doch seinem Ruf wurde er nicht gerecht (zu grosse Menge, sehr frühe Ernte). Da ist mein „Gwunder“ natürlich gross: was ist aus einem Palmer 1976 (nach 38 Jahren) geworden?
Nicht etwas Grosses, aber ein durchaus guter Altwein. Ein Beispiel auch, dass man auch Altweine durchaus dekantieren kann oder – in diesem Fall - wohl dekantieren sollte. Der Wein öffnete sich während des Abends deutlich, gewann an Nuance von Gewürzen, Tabak, Walderde, Pfeffer. Dabei – dies sei nicht verschwiegen – dominierten die typischen Zwetschgen- oder/und Pflaumenaromen eines gereiften Altweins, der sich daran macht, langsam abzutreten. Ich kann mir vorstellen, dass der Wein für fünf, zehn Jahren noch mehr Kraft und Saft hatte, und dass der Rat „austrinken“ durchaus berechtigt ist.
Allein schon die Farbe verrät den allmählichen Verlust an Intensität. Die Farbe hat sich am Rand ganz zurückgezogen (verhältnismässig breiter, weisser Rand) um sich dann in orangen (ziegelroten) Tönen allmählich in ein leichtes Granat zu wandeln. Noch ist genügend Frucht und Würze da, um das leichte Säurespiel zu begleiten und den Wein nicht in die Belanglosigkeit absinken zu lassen. Doch – vielleicht täusche ich mich – es ist ein ordentlicher Altwein, aber kein typischer Palmer. Eher ein „anständiger“, vielleicht ein nicht ganz sauberer Wein aus dem Randgebiet des Médoc. Die Insignien einer Königin (Margaux-Adel) trägt er jedenfalls nicht (mehr).

21. April 2014

 

 

 

Gian Battista von Tscharner: Blauburgunder Gian Battista 2008, Chur, Schweiz


Diesen Wein trinke ich sehr gerne, doch darüber zu schreiben, da zögere ich. Ich kenne nicht nur den Wein, ich kenne auch den Winzer, bin mit ihm befreundet und - in aller Regel – als Erntehelfer Jahr für Jahr auch bei der Lese dabei. Objektivität kann man also nicht von mir erwarten. Braucht es auch nicht, denn es ist – eigentlich unbestritten – ein sehr guter Wein, der beste von Gian Battista, dem kantigen Winzer aus Reichenau. „Der erste Churer Blauburgunder „Gian-Battista“ stammt aus dem Jahr 1984, er (Gian Battista von Tscharner) verstand ihn als Visitenkarte seines Betriebs: jede Flasche wurde eigenhändig beschriftet. Mit den Jahren wuchs die Produktion an und so entschied sich der Schlossherr von Reichenau, ab 2002 die Flaschen mittels Siebdruck zu beschriften. Der Qualität des Weins tat dies keinen Abbruch. Rund 2000 Flaschen kommen jährlich in den Verkauf und sind jeweils rasch ausverkauft“ (Zitat: Mémoire des Vins Suisses) Einen guten Teil dieser Entwicklung habe ich miterlebt: den Einsatz von Barriques, zuerst vorsichtig, dann immer etwas wuchtiger, zu wuchtig, wie ich meine. Die Jahrgänge 2006 und 2008 waren wohl die besten im vergangen Jahrzehnt (über die jüngeren Weine kann ich noch wenig sagen, sie brauchen noch Kellerruhe). Nun habe ich seinen hervorragenden 2008er zum ersten Mal in „Vollreife“ im Glas – meine gute Erinnerung vom Jungwein wird bestätigt. Ausgewogen, saftig und voll von Pinot-Finessen, das (etwas zu) viele „Holz“ hat sich eingeschliffen, die Beeren entwickeln sich im vollen Gaumen und die feine Würze gibt dem Wein etwas Tänzerisches, Leichtes, Fröhliches, aber auch Bestimmtes und vor allem einem langen Abgang. Für mich ist dies einer der besten „Gian Battista“; seine Stärke liegt in der Reife und der Abgeklärtheit, die nichts von der Eigenheit und Persönlichkeit des Weins (und Winzers) verloren hat. Wie gesagt, ich bin hier (nicht ganz) objektiv, aber doch so kritisch, dass ich „seinen grossen Wein“ fast immer mit Skepsis begegne. Ich liebe eigentlich seinen Felsberger-, seinen Jeninser-, seinen „gewöhnlichen“ Churer-Pinot-Noir weit mehr, ganz einfach, weil ich darin mehr Terroir (als Kellerarbeit) anzutreffen meine. Vielleicht ist es auch deshalb, weil sich dieser Wein mit den „Grossen“ aus der Bündner Herrschaft messen will – weil er ganz bewusst auch ein „Grosser“ sein möchte – es aber nicht immer (und ganz) schafft, während die "gewöhnlichen", sauber gemachten Pinots – die wirklich „nur“ gute Pinots sein möchten – fast durchwegs ein raffiniertes, Weinweinvergnügen bieten, ein gutes Stück schweizerische Pinot Noir Kultur.

22. April 2014

 

Weingut Josef Störrlein & Krenig, Randersacker: Casparus 2001, Spätburgunder Spätlese und Domina Spätlese, Franken, Deutschland

 

„Die Schönheit des Weins soll gewachsen sein, nicht gemacht.“ Vielleicht war es dieser Leitspruch auf der Website des Weinguts, der mich angeregt hat, den Wein damals (bei einem Besuch beim Winzer) zu kaufen. Vielleicht war es auch mein zwiespältiges Verhältnis zur Domina, die in dieser Cunvée (ich weiss nicht in welchem Verhältnis) vorhanden ist. Jedenfalls blieb der Wein (zu) lange liegen, wurde älter und älter, verkroch sich hinter den andern Flaschen, so dass er – der nach verlässlichen Angaben eigentlich bis 2005 getrunken sein sollte – erst jetzt ins Glas kam, fast zehn Jahre zu spät. Und? Der Wein war noch präsent, ein feiner, geschliffener – nicht aufregender – Spätburgunder. Ob ihm die (von mir skeptisch bis ablehnend beurteilte) Domina genützt oder geschadet hat, kann ich nicht beurteilen. Durchaus mit Spätburgundern vertraut (die wichtigste Rebsorte in der deutschsprachigen Schweiz) begegne ich jetzt dem Wein „neutral“. Jedenfalls – so meine damaligen Notizen – war er unter den damals verkosteten Spätburgundern durchaus akzeptabel (bis gut), aber rangierte deutlich hinter den Blauburgundern aus der Bündner Herrschaft (Schweiz), die ich kenne (und auch sehr oft trinke!) Und heute? Die Kraft ist etwas aus dem Wein verschwunden, die Frucht (Beerennoten) hat sich zurückgezogen, auch das Holz und die Röstnoten wurden „geschluckt“, herausgekommen ist ein feiner, zurückaltender, leicht sinnlicher Tropfen. Ob es sich gelohnt hätte, in früher zu trinken (nicht fast zehn Jahre zu spät), weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass der Wein gestern (für mich) eine gute, durchaus positive Erfahrung war.

25. April 2014

 

Alvaro Palacios: Les Terrasses 2011, DOC, (Cuvée), Priorat, Spanien

 

Auch jeder Weinliebhaber hat so seine kleinen Marotten. So trinke ich zum Beispiel nur selten (in kurzer Zeit) mehrmals den gleichen Wein, schon gar nicht im Restaurant. Es muss schon immer wieder etwas anderes sein, die Weinkarte ist mir da sogar oft viel zu klein. Ich bin halt neugierig und möchte so viel wie möglich kennenlernen. Auch bei den Weinen.
Nur eine Ausnahme gibt es. Im spanischen Restaurant „Metzg“ – meinem bevorzugten Restaurant zu besonderen Anlässen – da bestelle ich immer den „Les Terasses“ von Alvaro Palacios. Nicht unbedingt, weil es mein Lieblingswinzer ist, nicht weil das Restaurant nur spanische Weine auf der Karte hätte (nein, auch Bordeaux, Napa Valley, Burgund sind da), nicht weil die Auswahl an Spaniern (nicht nur aus dem Priorat) klein wäre. Nein – dies ist für mich ganz atypisch – hier kommt „Les Terasses“ auf den Tisch, immer wieder und - auch wenn ich nur selten da einkehre – er ist mir bisher auch noch nicht „verleidet“. Was ist los? Ich traue mir selber nicht mehr. Natürlich ist es ein ausgezeichneter Wein: saftig und präzis dabei doch lieblich und frisch, mediterrane Düfte: Orangen, Mandeln. Er zeigt sich verhüllt – habe ich irgendwo gelesen – und Stephen Tanzer (International Wine Cellar) nennt ihn sogar „sexy“. Dem kann ich sogar zustimmen, wenn man sexy mit „reizvoll“ übersetzt.
Es ist aber nicht diese Sexy-Note, die mich so reizt (glaube ich). Es ist vielmehr die Kombination von Wein, Essen, Atmosphäre, Ambiance, Gastfreundschaft, die mich mit diesem Wein verbindet. Irgendwie ist in mir festgeschrieben, „Les Terrasses“ gehört zu diesem Restaurant und das Restaurant gehört zu diesem Wein. Punkt! So etwas würde ich bei jedem anderen (eigentlich auch bei mir) als lächerlich bezeichnen, als unglaubliche Sturheit, ja Voreingenommenheit. Vielleicht ist es das Wort Geheimnis, das hier (unbewusst) zum Tragen kommt. Ich weiss es nicht, es ist eben ein Geheimnis. Und dies ist gut so. Denn auch Weine brauchen ihre Geheimnisse, genauso wie Menschen. Nicht alles muss erforscht werden, auch nicht die Absurdität, dass die „Metzg“ und „Les Terrasses“ zusammengehören, für mich. Für immer?

25. April 2014

 

Estate Delaire Graff: Botmaskop 2012, Bordeaux-Blend, Stellenbosch, Südafrika

 
Laurence Graff, Besitzer des einstigen Weinguts von John Platter (einflussreichster Weinkritiker Südafrikas) ist Edel-Juwelier. Bei ihm ist der Luxus zuhause. Wein ist sein Hobby, sein Hotel ist kein Hotel, sondern eine Luxuslodge (Zimmerpreis zwischen 500 und 1600 Euro), wo jedes Appartement seinen eigenen Swimmingpool und jeden erdenklichen Komfort hat. „Das Delaire Graff Estate steht für Luxus, Entspannung und Einzigartigkeit und garantiert Ihnen eine unvergessliche Traumreise in eine der schönsten Weinregionen der Erde“, so eine Werbung. Vor drei Wochen bin ich da noch herumgestiefelt, habe Weine probiert, über die Schönheit (und den Luxus) gestaunt. Vieles ist gemacht, arrangiert – nur eines nicht, die Schönheit des Orts, die Aussicht, die Lage. Platter hat das Weingut deshalb „Delaire“ („Direkt vom Himmel“) genannt, ganz so unrecht hat er nicht. Und der Wein? Er hat mich schon auf dem Weingut beeindruckt, obwohl ich in Südafrika eigentlich keinen Bordeaux suche. Habe ich mich da vom Luxus täuschen lassen? Gestern war also „Nagelprobe“ - zu Hause - weit weg vom zelebrierten Luxus. Dabei ging es nicht - wie bei den Studentenritualen - um das Leertrinken, sondern um die Art und den Inhalt meiner „Getrunken“. Der Wein hat die Probe bestanden. Es ist ein wunderschöner – sagen wir eher - „prächtiglicher“ Tropfen, bordeauxähnlich (Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Petit Verdot, Malbec und offensichtlich – laut Unterlagen – dazu noch sieben Prozent Shiraz (gehört nicht ins Bordelais). Ein moderner Bordeaux – viele meiner Weinfreunde würden sagen: ein gemachter Bordeaux, durchaus mehrheitsfähig, aber mit einem Hauch von Luxus (und Schönheit). Der Luxus liegt in der Weichheit, Eleganz und Gefälligkeit. Und der Preis? Dies erstaunt mich am meisten: bei vielen südafrikanischen Weinen ist er nicht nur moderat, sogar günstig, hier um die 20 Euro. Zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Euro für einen tadellosen Bordeaux (der aber nicht aus Bordeaux kommt). Robert Parker, respektive Neal Martin, hatte für dafür (einzige Wertung 2010) nur 88 Punkte übrig. Der Wein kommt eben – so mein Eindruck – aus dem „falschen“ Weingebiet, sonst hätte er längst die 90 Punkte erreicht. John Platter hingegen (vielleicht auch nicht ganz neutral) spricht dem 2012er 4.5 Sterne (von 5) zu und liegt – meines Erachtens – richtig. Der fehlende halbe Stern ist wohl der Potentialwertung zuzuschreiben, denn der Wein braucht noch etwas Keller.

02. Mai 2014
 

Terre Vieille: X vin 2009, Pécharmant, Grateloup, Bergerac, Frankeich

 

Dies ist kein Wein für den Urlaub, sondern ein Wein aus dem Urlaub. Zudem habe ich vor zwei Jahren bereits ein „Getrunken“ dazu geschrieben. Zweimal der gleiche Wein (gleicher Jahrgang) in dieser Rubrik? Sicher eine grosse Ausnahme. Doch die Frage beschäftigt mich: Wie ist ein Wein, der einst im Urlaub gekauft wurde – auf dem Weingut – in Ferienstimmung – inmitten der Landschaft, wo die Trauben wachsen – beeinflusst von der Begegnung mit dem Winzer – beeindruckt in einer spontanen Degustation – , wenn die Erinnerung verblasst ist und das Erlebnis mit dem Wein weit, weit,weit zurück liegt?
Tatsächlich reisten wir vor zwei Jahren – während einer Woche – durch das Périgord, „ wo die Landschaft, der Wein und die Küche, auch unter Frankreichs Feinschmeckern einen ausgezeichneten Ruf geniessen“. Périgord ist die historische Bezeichnung für das heutige Département Dordogne, wo der sinnesfreudige (fiktive) Polizeichef Bruno Courrèges – die Hauptfigur in den Krimis vom Schriftsteller Martin Walker – zuhause ist. Martin Walker, ein schottischer Historiker und politischer Journalist, hat in dieser Gegend seine Wahlheimat gefunden und beschreibt diese in bisher fünf Kriminal-Fällen („Bruno, Chef de Police“, „Grand Cru“, „Schwarze Diamanten“, „Delikatessen“ und „Femme fatale“) so charmant und voll Begeisterung, dass man einfach hinfahren muss. Deshalb sind wir hingefahren. Soeben ist auch Brunos sechster Fall, „Reiner Wein“ in deutscher Sprache erschienen (Diogenes Verlag). Der Titel weist sogar darauf hin, dass an der Dordogne Wein gemacht, und zwar nicht nur unten im Bordelais, wo die Dordogne in die Garonne fliesst (Haut-Médoc), sondern auch „weiter oben“, zum Beispiel im Departement Dordogne, im Péricord. Die Weine sind zwar nicht so glorifiziert wie jene von Bordeaux und damit auch weit weniger bekannt. Doch da stehen immerhin auf mehr als 12‘000 Hektaren Reben und 13 AOC-Appellationen bürgen für regionale Herkunft und Qualität der Region. Unter den Weinen der Gegend ist sicher der süsse Monbazillac am bekanntesten, doch kaum jemand spricht vom Pécharmant, mit dem wohl besten und typischsten Charakter einer wunderschönen Region. Der Boden ist hier stark eisenhaltig, steinig und lehmig zugleich. Dies ist die Grundlage für einen Wein, der in der Regel kräftig, saftig und von einem ganz speziellen Aroma ist: würzig-mineralisch, rund und kräftig, getragen von reifen, schwarzen Früchten.
All dies ist verblasst in der Erinnerung, es bleibt ein Urlaubserlebnis, das vielleicht mit dem neuen „Bruno-Fall“ in mir wieder hochgespült wird. So, wie eben bei vielen Weinen, denen ich irgendwann, irgendwo einmal begegnet bin. Ich habe deshalb diesen „X-vin“ – eine mitgebrachte Flasche von damals - mit grosser Neugier aufgemacht und getrunken. Es ist tatsächlich so, dass mitten in einem ganz anders geprägten Alltag in mir etwas „hochgestiegen“ ist, ein Gefühl der Bodenständigkeit, ein Bild der Landschaft, ein paar wenige Fakten, die ich vergessen hatte. Vor zwei Jahren schrieb ich im „Getrunken“: „Während die Weine vom nahe gelegenen Bordeaux immer üppiger, immer schwerer, immer kraftraffinierter werden (und sich die andern Weine in Bergerac daran orientieren), tänzelt hier ein scheinbares Leichtgewicht daher. Doch es ist ein Wein mit vielen Nuancen, vielen feinen, differenzierten Tönen, sowohl in der Nase, als auch im Gaumen.“
Tatsächlich ist es so: Es ist ein Tanz des Weins, nicht nur beim Trinken, auch in der Wahrnehmung von alle dem, was eine Gegend, eine Kultur, eine Geschichte zu bieten hat. Eingepackt in einen Wein, der – so jedenfalls empfinde ich es – deutlich zugelegt hat, sich abhebt von vielem, was ich an Weinen konsumiere. Er hat Konturen zugelegt, die ich inmitten der „Internationalität“ des Weinbusiness immer seltener zu finden sind. Nicht nur Bruno, der lokale Held von Martin Walker (wer Lust hat, etwas vom Périgord zu erfahren, hier ein Video des Schweizer Fernsehens, ausgestrahlt 2013 im Kulturplatz), ist ein spannender „Reiseführer“ durchs Périgord, dieser Wein ist es auch, und beide bereiten unglaublichen Spass und sind gleichzeitig geprägt von einer grossen Sinnlichkeit

05. Mai 2014

 

Château Margaux: Pavillon Rouge 1996, Zweitwein, Margaux, Bordeaux, Frankreich


Es war einst eine Ehre, Zweitwein zu sein und dies mit Recht! Inzwischen ist es schon fast ein Makel, nur Zweitwein zu sein, das „Zwei“ lastet eben auf seinem Rücken. So hat sich die Weinszene in den letzten Jahren gewandelt. Man möchte „Erstweine“ und wenn man sich diese nicht leisten kann (oder will), dann gibt es Alternativen: Viele ausgezeichnete Weine – zwar nicht aus dem Bordelais, aus andern Weinregionen, aber „à la bordelais“ gemacht – Bordeaux-Blend, wie sie in allen denkbaren Varianten von vielen (auch bekannten und berühmten) Weingütern angeboten werden. Ich habe kürzlich über den Paradewein der Hess-Vineyards Glen Carlou (Paarl, Südafrika) hier im geschrieben: „Diese Spezial-Cuvée scheint mir gemacht, gut gemacht. Es beginnt schon mit den fünf im Bordeaux zugelassenen Rebsorten - sogar Malbec ist drin (16 Prozent) und endet wohl mit dem Ausbau in französischen Barriques, 18 Monate lang“ (siehe „Getrunken“ vom 17. April). Und es ist ein „Erstwein“ – „Zweitweine“ gibt es eigentlich nur in Bordeaux – also ohne die Zwei auf dem Rücken – ein ausgezeichneter Wein für knapp 20 Franken. Es wäre nun unfair den Wein – Jahrgang 2009 (ein Jungsporn also) – mit dem „Oldie“ (Jahrgang 1996) aus Margaux zu vergleichen. Da liegen nicht nur 13 Jahre dazwischen, sondern auch andere „Weinphilosophien“, eine gewandelte Weinwelt. Es ist auch unfair, immer nur auf den Preis zu schielen. Der Pavillon Rouge kostete damals etwa 50 CHF, heute muss man dafür schon über 100 „Schweizerfränkli“ hinblättern. Der südafrikanische Bordeaux hingegen kostet weniger als ein Fünftel davon. Dies sind schon Welten!
Und doch es sind genau diese „Welten“, die zu reden geben. Zu diesem Pavillon Rouge 1996 finde ich bei einer Internet-Community (Cellar Tracker) an die fünfzig kurze Testberichte (und Bewertungen zwischen 87 und 93 Punkten). Man redet also darüber, man diskutiert, es ist eben ein Wein aus dem Hause „Margaux“ (Premier Cru) und damit die Diskussion wert, aber auch eine Einstufung, die kaum über 92 Punkte geht, denn schliesslich ist es nur der „Zweite“.
Der Zweitwein, wie ihn fast alle bekannten Châteaux in Bordeaux machen, ist „die preislich günstigere Variante des so genannten Grand Vin. Zweitweine (bisweilen sogar Drittweine) zu keltern, ist vor allem im Bordelais jährliche Praxis. Wobei die Kellermeister mit der gleichen Sorgfalt arbeiten wie bei den Crus. Ein Zweitwein ist also mitnichten Ausschussware“. Was ist er denn, der sogenannte Zweitwein? Es ist ein Wein, aus den Trauben (meist von jüngeren Reben), die (auf Grund der strengen Selektion) nicht in den sogenannten „Erstwein“ kommen. Mit andern Worten: das Traubengut eines Château – obwohl ausgezeichnet – wird in der Regel nicht einfach mit der allerbesten Auswahl gemischt (dadurch würde ein Mittelmass entstehen), sondern separat gekeltert, damit der „Erstwein“ eben nicht mittelmässig, sondern Spitze werden kann.
Und so wird dann eben der Zweitwein „für Einsteiger eine erschwingliche Einführung in den Cru Classé“. Ob Weine zu 50 bis 150 CHF eine „erschwingliche“ Dimension haben, sei dahingestellt. Zumindest kann auch mit dem Zweitwein (es gibt auch Drittweine) über die „ganz Grossen“ geredet werden, ohne dass man gleich für eine Flasche mehrere Hundert Franken zahlen muss.
Ich habe noch gar nicht gesagt, wie der Wein war. Für mich ist es ein wunderschöner, eleganter, seidiger Wein, kein Protz, aber voll ausgezeichneter Aromen: Kräuter, einheimische und exotische, Walderde , Noten von Blumen und Trüffeln und noch immer mit verhaltener Frucht. Ist das nicht etwas, das Freude macht und ist dies nicht viel wichtiger als eine Eins oder eben eine Zwei auf dem Rücken?

08. Mai 2014

 

Groot Constantia: Pinotage 2012, Kapstadt, Südafrika


Er sei halt nicht mehrheitsfähig, hat man mir immer wieder gesagt. Der Wein, der in Südafrika gezüchtet wurde und eigentlich nur dort Verbreitung gefunden hat, der Pinotage. Inzwischen ertrage ich auch die ungläubigen bis entsetzten Blicke meiner Weinfreunde, wenn ich Pinotage zu meinen Lieblingsweinen zähle oder ihnen gar einen Pinotage aufstelle. Vielleicht ist es gerade das, was mich am Wein so fasziniert, seine Eigenständigkeit, ja, seine Eigenwilligkeit, das Anderssein (und doch ein guter Wein, der Freude macht). Zurück aus Südafrika habe ich mir wieder einmal Rechenschaft gegeben. Was ist denn so speziell, einzigartig am Weingebiet von Südafrika? Sicher seine ausgesprochen saftigen, reifbeerigen, fruchtigen, kräftigen Weine. Ihr Charakterbild ist aber fast immer ähnlich (zumindest bei den roten): „Dunkle Kirschen, dominikanischer Tabak, Backpflaumen, Veilchen, Schokolade, Cassis.“ Weine also, die gut sind zu einem kräftigen Essen und in eine weinselige Runde passen. Was ich aber  – zumindest bei den Roten – vermisse, das ist ihre Eigenständigkeit, das Anderssein als die Mehrheit des „internationalen“ Weinangebots und (im Augenblick) vorherrschenden Weinstils: „Holzlastigkeit und üppige Schwere, vordergründige Fruchtigkeit, zu viel Buttrigkeit“. Dies findet man in fast allen Weingebieten der Welt. Die Weine sind zwar mehrheitsfähig, doch sie ähneln sich immer mehr; ihre Eigenständigkeit und den Charakter ihrer Herkunft werden aber immer häufiger im Holz, in der Kraft, in der Frucht, im Alkohol und in der Gefälligkeit erstickt. Assemblagen in allen Variationen – fast immer in starker Anlehnung an Bordeaux – werden überall als „Spitzenweine“ eines Weinguts angeboten (vor allem in der „neuen Weinwelt“). Pinotage ist – in Südafrika – anders, eben nicht mehrheitsfähig, südafrikanisch, und wird nicht überall „nachbaut“ (nachahmt), weil er halt zu wenig Erfolg verspricht. Dabei – dies bestätigt sich jetzt wieder im Glas. Ein Aromenbild, das eben etwas anders ist, und doch – hat man sich einmal daran gewöhnt – unglaublich faszinierend und gut sein kann: Bitterschokolade und Rauch, Anklänge an Quitte, leicht bitter und doch fruchtig und füllig, in diesem Fall ganz dezentes Holz; Gewürze: Zimt, Lakritze, Paprika. Einfach grossartig anders – und doch ein Wein, ein hervorragender.

08. Mai 2014

 

Groot Constantia: Gouverneurs Reserve (red) 2011, Kapstadt, Südafrika


Nein, ich habe es mir nicht nehmen lassen, nach dem ausgezeichneten Pinotage auch den Paradewein dieses Weinguts, den „Gouverneurs Reserve“ einzuschenken. Er ist – wie könnte es anders sein – einer dieser Bordeaux-Blends (Cabernet franc 54%, Merlot 36% und Cabernet Sauvignon), die kräftig sind, alkoholstark mit warmer vordergründigen Frucht, füllig, kurzum wie ich sie eigentlich nicht besonders mag. Das Spezielle hier vielleicht: der hohe Anteil an Cabernet franc. Ich denke unwillkürlich an die Loire, die aber ihren speziellen Charakter viel deutlicher manifestiert. Kann sein, dass sich in ein paar Jahren dies alles etwas verspielt, einpendelt, so dass auch die leisen Töne zum Tragen kommen. Im Augenblick ist dies nicht der Fall. Das Bouquet ist zwar gut strukturiert, perfekt orchestriert, doch scheint mir der Wein geradezu „unter Strom zu stehen“, leicht nervig, aber (vorläufig) eingepackt in eine warme, wohlige Hülle. Dieser Wein ist – da bin ich überzeugt - mehrheitsfähig, er ist sogar in seiner wuchtigen Art sehr gut. Vor allem aber ist er - nicht  wie so viele Bordeaux-Blends aus Nichtbordeaux-Gebieten – überholzt, übertölpelt vom Holz. Der Barrique-Einsatz lässt durchaus noch Frucht spielen, doch das Spiel ist eher schwerfällig; ich wage sogar zu behaupten, plump. Daraus könnte durchaus noch etwas werden; doch der „Gouverneur“ muss seine Reserve lange im Keller hüten, lagern, reifen, sich entfalten lassen. Erst dann kommen wohl die subtileren Aromen hervor, werden die Farbtöne – in diesem Fall nicht nur bezüglich der Farbe – sondern auch im Geruch und Geschmack, pastellener, lockerer, weniger bemüht, Bordeaux in Gewichtigkeit zu schlagen. Dier Erdschwere, so glaube ich, kann sich durchaus noch lösen, kann heiterer werden, differenzierter. Ich glaube, ich weiss jetzt warum ich eigentlich dieser Art von Weinen – trotz ihre unbestrittener Qualitäten - eher ausweiche. Weil sie mich – so oft – erschlagen im Gemüt und in der Lust Wein auch spielerisch zu geniessen.

13. MaI 2014

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Domini de la Cartoixa: Galena 2008, Priorat, Spanien

 

Im altehrwürdigen Rathaussaal – wo vor gut zwei Monaten, wie alle Jahre, der alte Brauch des „Eins, zwei, Geissebei“ stattgefunden hat – sind die ehemaligen Stadt- und Gemeinderäte und rätinnen zum Essen geladen. Ich bin dabei und strecke meine Nase – beim Rotwein – erwartungsvoll ins Glas. Ehrentrunk bei einem Ehrenessen. Ein unendlich schwerer, tiefer, fruchtiger, junger Bordeaux kommt mir entgegen, der aber gar kein Bodeaux sein kann (vielleicht aber sein möchte, ich weiss es nicht). Ich tippe auf Spanien und liege richtig. Der Wein ist gut, aber…
Warum Spanien, warum kein einheimisches Gewächs? Ein „Rosenstädter“ – eigentlich ein historische Stadtwein (Rebberg unterhalb des Schlosses) oder – nicht ganz so vornehm – ein „Höcklisteiner“, ein „Lenggiser“, „Meineberg“, ein Landwein eben, Pinot Noir, wie es viele gibt am Zürichsee. Man kann sogar – wenn der Wein der Gemeinde (pardon: der Stadt) zu wenig repräsentativ sein sollte – es ist ja ein Ehrenessen – kann man – wie beim Weisswein beim Aperitif – gegen Zürich ausweichen: da gibt es ein paar sehr gute Namen: Schwarzenbach, Meier, Schipf oder gar am Obersee: Bamert.
Was ich immer wieder staunend und leicht irritiert feststelle: Das Naheliegende ist oft so fern. Da treffen sich Lokalpolitikerinnen und Politiker, die über Jahre zum Nutzen und Wohl einer Gemeinde gewirkt haben bei einem Essen (Zürichsee-Felchensuppe, Joner – so heisst ein Teil der Gemeinde – Kalbsrücken…) und Wein aus Spanien, genauer aus dem Priorat. Der Wein ist – wie schon gesagt – sehr gut, die Wahl vielleicht etwas weniger… er passt zwar zum Essen, aber auch zum Anlass…. Ich wünschte mir, auch in Sachen Wein, zwar kritische Urteile, aber etwas mehr Selbstbewusstsein, mehr Ehre, wem Ehre gebührt, denn auch lokale Weine können durchaus den Ansprüchen von Weinfreunden entsprechen.
Nun noch zum kredenzten Wein: Er zeigt seine Herkunft – und das Bemühen – einen Spitzenwein zu machen: eine Assemblage aus Garnacha negra, Cabernet Sauvignon, Carinena und Merlot – sehr alkoholisch, warm, weich und rund, mineralische Noten, mit moderatem Holz, das die Frucht spielen lässt, also unterstützt und nicht verhindert. Galena ist die alte Bezeichnung für das Mineral Ganelit, der Wein trägt diesen Namen zu Recht: eine mineralische Komponente ist gebietsspezifisch für das Weingebiet Priorat an den steilen Hügeln in Katalonien und gibt den Weinen ihre ganz spezielle Note und Kraft. Intensives dunkles Rot-blau, voluminös und doch elegant, reif und wunderschön im Abgang. Insofern haben die Weinverantwortlichen der Veranstaltung gut getan.

5. Mai 2014

 

Château Pichon Longueville Baron: Baron 1998, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Es gibt auch beim Weingenuss so kleine Spielchen, die man eigentlich nicht machen möchte, sich selber verbietet, und doch immer wieder tut, schon fast zwanghaft, würde ich sagen. Dazu gehört der Vergleich der beiden Weingüter aus dem Bordelais: Pichon Longueville Baron und Pichon Longueville Comtesse de Lalande. Der Name verrät es, vor bald zweihundert Jahren gehörten sie noch zusammen, dann wurden sie – wie so oft – durch Erbteilung auseinandergerissen. Wer kann es da wem verargen, wenn noch heute die beiden Weingüter – beides sogenannte „Supersecond“ –miteinander verglichen werden. Ich persönlich bevorzuge die „Comtesse“, während in den letzten Jahren eher der „Baron“ als besser eingestuft wurde.
Inzwischen ist der Wettbewerb unter den beiden Weingütern (nur die Strasse trennt das Areal) längst zum direkten Ringen unter Investoren geworden. Pichon Baron, wie er auch kurz genannt wird, gehört seit 24 Jahren zum Versicherungskonzern AXA. Die Comtesse Lalande hingegen wurde bis vor acht Jahren als Familienerbe geführt und lange Zeit von einer Frau – wie es sich auf Grund des Namens gehört – „mit eisernen Hand“ geleitet wurde, was ihr den Namen „Die Generalin“ eingetragen hat. Jetzt ist auch die Comtesse an ein Multiplayer verkauft worden (an das Champagner-Haus Roederer. Die Aktien sollen bereits wieder weitergewandert sein!)
Auch diesmal habe ich – nicht unmittelbar, sondern fast schon unbewusst – den Baron mit der Comtesse verglichen. Nein, ich habe nur den Baron im Glas, den Baron 98; die Comtesse des gleichen Jahrgangs habe ich mir schon länger nicht mehr eingeschenkt (ich lasse meine Flaschen noch im Keller liegen, wohl für eine Degustation im direkten Vergleich zum Baron). Mein Vergleich hier ist also unfair: der Baron im Glas, die Comtesse weit weg, im Keller und in der Erinnerung.
Der Baron ist vielleicht besser, doch die Dame ist freundlicher, attraktiver, eine verführerische Persönlichkeit. Der Baron – ein Edelmann, sicher – versucht mit Weltläufigkeit, (aufgesetztem?) Charme und – man kann es nicht übersehen – einer gewissen Protzerei, (die aber weder unangenehm, noch vermessen ist). Man darf ja – auch im Bereich Wein - durchaus „mit seinen Pfunden“ wuchern.
Was mich an diesem Baron 98 am stärksten begeistert, das ist seine Offenheit. Der Wein wirkt – was ich sonst ab und zu bei Spitzenweinen im Pauillac feststelle – überhaupt nicht gepresst oder bemüht ein Gigant zu sein. Er steht zu seinem reifen Alter, zu seiner Würde, zu seiner Wärme und Tiefe (bei den Menschen würde man sagen: zu seiner Lebenserfahrung). Er leistet sich sogar eine gewisse Eleganz, ein leichtes Spiel rund um sein Bouquet. Etwas pflaumig, malzig ist er – sicher – aber wie gesagt: weltmännisch, überlegen – ich möchte fast sagen: erhaben. Pauillac typisch, pflegen die Bordeaux-Experten zu sagen – ein Schlagwort zwar, aber in diesem Fall treffend. Nämlich: herrschend und beherrschend, königlich sozusagen, und doch umgänglich, charmant, den feinen Tönen durchaus zugeneigt. (Im Gegensatz zu einigen seiner noch höher eingestuften Nachbarn wie Latour, Mouton oder Lafite).

17. Mai 2014

 

Castello di Meleto: Chianti Riserva Classico 2007, Toskana, Italien

 
Ab und zu lässt man sich verführen. Dieser Wein – ich gebe es zu – ist das Werbegeschenk einer grösseren Weinhandlung der Schweiz, die sich seit 1988 (also seit 25 Jahren) auf diesem alten italienischen Weingut direkt engagiert und da auch viel investiert hat. Es ist also – sozusagen – ihr eigenes Weingut. Da das Weinhaus den Ruf einer intensiven, mitunter aggressiven Werbung hat, ist es nicht verwunderlich, dass auch eine Flasche ihres „eigenen“ Weins in meinem Keller landete. Eigentlich gehe ich allen Werbegeschenken konsequent aus dem Weg. Ich möchte in meiner Beurteilung unabhängig sein, selber bestimmen, welchen Wein ich trinke und ein „Getrunken“ schreibe. Wenn ich hier trotzdem eine Notiz anbringe, dann nicht weil der Wein sensationell gut ist - nur gut, ohne „sensationell“ – , sondern weil er (bei mir) den „Chianti-Test“ bestanden hat. Es ist ein Wein, der traditionellen Art, und doch von einer Qualität, die beeindruckt. Es nämlich so, dass in früheren Jahren allzu viele belanglose, ja „miese“ Chianti auch in die Schweiz geschleudert wurden, dass sein Ruf hier (leider nicht nur hier) stark angekratzt ist. Natürlich gibt es ein paar Top-Chiantis, die sind aber – nach meinen Erfahrungen – längst nicht mehr authentisch, vielmehr aufgepäppelt, um dem Ansturm der Assemblagen der Supertoskaner die Stirn zu bieten. Wo aber ist der „echte“ Sangiovese – die meist angebaute Rebsorte in Italien – geblieben? Ich weiss, ich habe ihn nicht gesucht. Vielleicht sollte ich! Doch ich habe kaum eine andere Erfahrung, als die Zeitschrift „Merum“ unter dem Titel „Banges Hoffen auf neue Blüte“ (der Artikel ist auch im Magazin www.wein-plus.eu abzurufen) vor einem Jahr treffend charakterisiert hat: „Ein großer Weinsee namens Chianti Classico, die Abfüller werden die teureren Qualitäten als Riserva und die Winzer diese als Selezione anbieten. Es sind die Produzenten, die festlegen, welches der bessere Wein ist, sie klassifizieren ihre Weine selbst. Denn sie bestimmen, was Grand Cru – sprich: Riserva, respektive Selezione –, und was Appellation régional – sprich: Annata – ist.“ Zum Schluss wird da die Frage gestellt: „Wen macht die Krise arm macht und wen reich…? Und die Antwort: „Es gibt nicht nur Weinende (bei der Weinproduktion in der Toskana), manche haben auch zu lachen. Die Weinhäuser florieren wie nie zuvor. Während an den Bauernhäusern der Putz blättert, bauen sich die Abfüller Weintempel. Je tiefer der Fassweinpreis, desto höher ihre Vermarktungschancen und Gewinne.“ Kein Wunder, dass der Chianti (seit Jahren) in der Krise steckt. Weil mir die Situation nicht ganz unbekannt ist, habe ich mir diesen Chianti (letztlich auch von einem Weinhaus) doch eingeschenkt. Ich bin angenehm überrascht: „Zwar im Bukett eher zurückhaltend, doch im Gaumen fruchtig, charmant und dicht, nicht aufdringlich, sondern das, was man authentisch nennen kann.“ Ich bin zufrieden, sehr zufrieden, auch wenn es ein Werbegeschenk ist, dem ich sonst aus dem Weg gehe.

22. Mai 2014

 

Thelema: Cabernet Sauvignon. The Mint 2011, Stellenbosch, Südafrika


Wie kommt die Minze in meinen Wein? So oder ähnlich habe ich mich gefragt, als dieser Cabernet Sauvignon zum ersten Mal in meiner Nase und in meinem Gaumen angekommen ist. So deutlichen Pfefferminz- oder/und Eukalyptusnoten bin ich noch nie bei einem Wein begegnet, ganz überraschend auf dem wunderschön gelegenen Weingut Thelema oben am Simonsberg in Stellenbosch. Ein reiner Cabernet – rund, ausdrucksstark, mit Noten von Kirschen bis Mokka und schwarzer Schokolade. Etwas zu voll und üppig – auch im Alkohol – für meinen Geschmack. Ein etwas kleinerer Anteil an neuen Fässern hätte dem Wein – nach meiner Meinung – auch gut getam. Der verantwortliche Kellermeister hat dies wohl anders gesehen. Trotzdem: es ist ein guter, einer der besten Cabernet-Weine, die ich je getrunken habe. Wenn ich so etwas sage, schauen mich einige meiner Weinfreunde fassungslos an: Einer der besten Weine? Ein Südafrikaner! Ja, weil er präzis ist, weil er dem Weingebiet (ich sage mal wieder Terroir) entspricht, weil er die Wärme, aber auch die kühleren Winde wie aufgesogen hat. Und – dazu – dieser kleine Schlenker. Minzennoten. Sie sollen von den Eukalyptus-Bäumen herrühren, weil ihr Duft offenbar – angeblich – an den Beeren hängenbleibt. Irgendwie kann ich dies kaum glauben, auch wenn mich die riesigen Bäume an der Zufahrt zum Weingut beeindruck haben. Tatsächlich, der Wein hat etwas pfefferminziges, auch etwas tabakiges (Wasserpfeifentabak), dies ist nicht wegzuleugnen. Jetzt, zuhause, wo ich den Wein zum zweiten Mal (jetzt volle Gläser) trinke, tritt die Minze zwar etwas in den Hintergrund, er ist nicht mehr so auffällig oder nasen- und gaumenfällig wie auf dem Weingut, inmitten der Eukalyptusbäume. War alles etwa nur eine Einbildung, haben mich die Landschaft und die Gerüche der Natur (inlusive Eukalyptus) verführt? Getäuscht? Ist der Wein gar nicht so südafrikanisch, so typisch für einen Weinberg, der von riesigen Eukalyptusbäumen umzingelt ist? Was und wie viel können wir uns vormachen oder einbilden, bei einem guten Glas Wein? Ich lasse die Frage offen. Der Wein hat – wie viel auch immer – Minzennoten, und vor allem ist er – auch hier zuhause – sehr gut. Also doch einer der besten Cabernet Sauvignon.

25. Mai 2014

 

Claudio Tamborini: Vigneto ai Brughi, Merlot 1994, Ticino, Schweiz


Es ist kaum zu glauben, mir kam es wie ein Wunder vor. Ein zwanzigjähriger Merlot aus dem Tessin ist nicht nur noch trinkbar, nein er ist ausgesprochen „stark“. Nicht im Sinn von kräftig, vielmehr präsent, überzeugend, nachhaltig, mit einem unglaublich weichen, warmen – vielleicht ist hier das Wort angebracht – starken Abgang. Der Wein hat noch genügend Säure, um ihn zu tragen, bis in den Nachklang hinein; er hat noch genügend Frucht, um die Aromen aufleben zu lassen; er hat noch genügend Kraft, um als reifer (gereifter) Wein zu überzeugen. Natürlich gehört Claudio Tamborini zu den besten Winzern des Tessins. Er ist aber auch ein guter Geschäftsmann (ursprünglich Weinhändler), der das Potential des Weins im Süden der Schweiz auszureizen und seine Kunden zu bedienen weiss. „So bietet er auch für alle etwas: Vom eher süffigen Poggio Solivo bis zu einem Paradewein wie dem Comano Vigneto ai Burghi, von dem er nur gerade 500 Gramm pro Quadratmeter erntet und den er über zwanzig Tage an der Maische lässt“. Der Vigneto ai Brughi ist also so etwas wie der Vorzeigewein des Weinguts, Kosten um 40 CHF, hier in einer frühen „Ausgabe“, gleichsam der Beweis, was ein Wein – wenn er gut gemacht ist – auch nach zwanzig Jahren noch bringen kann (obwohl er kein Bordeaux ist). Zwar wurde der Wandel im Tessin (Südschweiz) vom eher dünnen, früh zu trinkenden (leider oft belanglosen) Boccalino-Wein (traditionelles Weintrinkgefäss im Tessin) zum ernsthaften, qualitativ hochstehenden lagerfähigen Spitzenwein längst wahrgenommen; doch vor zwanzig Jahren war der Tessiner Merlot noch weitgehend (mit einigen Ausnahmen) das, was er viele Jahre war: ein weicher „Lustigwein“, der gerade noch im romantischen Grotto – oder in der Trattoria – in lauen Sommer-Nächten mit Spass getrunken werden kann. Dieses folkloristische Bild des Tessins – es fehlt nur noch der Gondolieri, doch der lebt in Venedig -  ist vorbei, zumindest im Bereich Wein. Tamborini hat schon vor zwanzig Jahren einen ersthaften Wein (in der Ausbauart des Bordeaux) gemacht, der noch heute Freude

28. Mai 2014

 

Château Laujac: Laujac 1996, Cru Bourgeois, Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Das Alter ist ein Zustand und nicht ein Verdienst. Dies gilt jedenfalls für den Wein, auch für den Bordeaux. Obwohl die Trinkreife oft zu erdauern ist – also verdient werden muss – garantiert sie noch lange nicht wirklichen Trinkspass. Natürlich, auch der Bordeauxliebhaber weiss genau – ein jeder Wein – auch der beste – erreicht einmal seinen Höhepunkt und baut dann (langsam oder schnell) wieder ab, verabschiedet sich, wird bestenfalls zur Legende. Legenden lassen sich durchaus noch trinken, bieten oft sogar neue, schöne, unerwartete Erfahrungen und im besten Fall Genüsse, die man sonst kaum je bei Weinen erleben kann. Dieser Wein aber – noch nicht zwanzig Jahre alt – ist weder eine Legende, noch ein Genuss. Er ist nicht „vorbei“, aber alt geworden, kraftlos, fast möchte ich sagen: banal. „Noch trinkbar“, aber was heisst das schon? Kleinere Weine haben einen kürzeren Lebenszyklus, auch wenn sie aus dem Bordelais kommen. Und dies ist ein „kleiner“ Wein, ein Cru Bourgeois aus dem Médoc, zwar aus einem ordentlichen Jahr, aber eben nicht geschaffen, zwanzig Jahre durchzuhalten oder gar zu reifen, sich zu entwickeln. Doch was ist ein „kleiner Wein“? Misst sich dies am Preis, am Alterungsvermögen, an der Reputation? Am Preis gemessen: dieser Wein kostet ca. 17 CHF – für einen Bordeaux eigentlich billig, also ein kleiner Wein? Wie gross ist sein Alterungspotential: gehen wir davon aus, dass ein Bordeaux (der alten Machart) generell etwa 10 Jahre reifen muss, kann, sollte: dann ist dieser Wein längst ausgereift, wahrscheinlich schon vor 10 Jahren, also ein kleiner Wein? Und die Reputation: ein altes Weingut, bereits 1810 gebaut, umgeben von 320 ha Land – davon etwa 30 ha Reben – und ein sehr grosses Weingut, das „elegante Weine macht … und wegen seiner kräftigen meist 9-10 Jahre Reifezeit braucht“. Also doch kein „kleiner“ Wein? Was habe ich gesagt: Alter ist ein Zustand und nicht ein Verdienst. Dieser Wein hat jedenfalls sein Alter – trotz perfekter Lagerung – schlecht abgedient.

03. Juni 2014

 

Painted Wolf Wines: "Guillermo" Pinotage, Paarl, Swartland, Südafrika 

 
Spontaner Aussage nach dem ersten Schluck: „So liebe ich den Pinotage“. Tatsächlich entspricht dieser Wein genau dem, was ich als Pinotage kennen und schätzen gelernt habe. Leicht bitter und salzig, eigenwillig fruchtig, Aromen von Banane, Heidelbeere, Maulbeere, leicht süss und saftig, nicht erstickt in unverbindlichen Allerweinaromen. Diese Eigenständigkeit – viele sagen Widersprüchlichkeit – fasziniert mich am Pinotage, macht ihn zu einem meiner Genussweine. Unverständlich? Vielleicht muss man etwas mehr Geduld haben, als für viele andere Weine; man kann auch nicht auf seinen Ruf zählen oder einfach nachplappern was andere sagen. Man muss ihn fast andächtig – zumindest unvoreingenommen – trinken, durch den Gaumen schleusen, seine eigene Dynamik anerkennen und seinen langen Abgang geniessen.
Immer mehr Pinotage-Weine werden heute – dies ist ja Mode – assembliert und damit geschliffen, verfeinert, weltläufiger gemacht. Ich habe – weil ich mich auf meiner Südafrikareise vor allem für die eigenständigen Weine interessiert habe (dazu gehört der Pinotage) – so manchen hochgetrimmten Pinotage angetroffen, der den ursprünglichen – eben den „anderen“ Geschmack – verstecken oder verleugnen wollte, so dass ich mitunter ratlos war. Ich brauche keinen pinotagigen Cabernet oder Merlot oder Shiraz; ich brauche keinen vanilligen Pinotage, dem das Holz buchstäblich aus dem Glas juckt; ich will einen Pinotage, der ein Pinotage sein will und zwar ein echter und guter.
Umso überraschter war ich – nachdem ich diesen Pinotage so als „echt“ gerühmt habe – bei der nachträglichen Lektüre der Produktionsbeschreibung. Auch er ist ein Blend: 90% Pinotage, 5% Shiraz, 3% Mourvedre und 2% Grenache. Er wurde sogar im Holz ausgebaut, zu 30 Prozent in neuen Fässern.
So kann man sich täuschen. Doch getäuscht zu werden ist in diesem Fall nur dem Wahrnehmungsstolz des Weinkenners abträglich, nicht aber dem Genuss. Dies lässt sich in diesem Fall noch so gut verkraften. Siehe Anfang: „So liebe ich den Pinotage“, auch diesen.

04. Juni 2014

 

Château La Mission Haut-Brion 1994, Pessac-Léognan, Bordeaux, Frankreich 

 
Die beiden Weingüter, Haut-Brion und La Mission Haut-Brion gehören der amerikanisch-französischen Familie Dillon, die 1935 das Château erworben hat und 1983 das benachbarte Château Mission Haut-Brion dazu kaufte. Vorher standen die beiden Haut-Brion in Konkurrenz, wobei Haut-Brion (1er Cru in der Klassifizierung von 1855) eigentlich immer die Nase vorn hatte. Jetzt aber gehören sie beide zum Handelshaus Clarence Dillon Wines, das vom Urenkel des amerikanischen Bankiers Dillon geleitet wird. Die Konkurrenz ist also „hausgemacht“. Und tatsächlich ist Mission Haut-Brion oft (und immer mehr) dem Haut-Brion ebenbürtig oder sogar überlegen.
Dieser 94er Mission Haut-Brion hat  – rund zehn Jahre nach der Übernahme durch Haut-Brion - noch weitgehend den „alten“ Stil und nicht die Kraft, Eleganz, Geschmeidigkeit, Eindeutigkeit und Feinheit des heutigen Mission Haut-Brion. Damals war man daran, das Weingut, den Keller und vor allem die historischen Gebäude und die Umgebung neu zu gestalten und zu renovieren. Vorher war man daran, das Muttergut Haut-Brion neu aufzustellen (Renovation der Inneneinrichtung, neue Orangerie, neuer Cave, Küferei etc.) Dann erst kam Mission Haut-Brion daran. Man hat gewaltig investiert, die neue Anlage von Mission Haut-Brion ist grossartig, ein echtes Denkmal, das nicht Dekoration, sondern ein gut funktionierendes Weingut ist. Hier werden Tradition und Erbe gepflegt.
Doch davon spürt man im 94er Haut-Brion noch wenig. Man hat mit ihm zwar ein abgeklärter, feiner Kerl, der etwas burschikos wirkt – seine jungen Jahre gut überstanden hat – aber noch nicht in das reife Alter von Abgeklärtheit gekommen ist. Vielleicht kommt er da auch nie an. Mag sein. Jedenfalls habe ich keinen Moment bereut, ihn jetzt – nach zwanzig Jahren – geöffnet und sein Bouquet von leichtem Unterholz, zartem Tabak und so manchen Gewürzen genossen zu haben.

04. Juni 2014

 

Château La Mission Haut-Brion 1994, Pessac-Léognan, Bordeaux, Frankreich 

 
Die beiden Weingüter, Haut-Brion und La Mission Haut-Brion gehören der amerikanisch-französischen Familie Dillon, die 1935 das Château erworben hat und 1983 das benachbarte Château Mission Haut-Brion dazu kaufte. Vorher standen die beiden Haut-Brion in Konkurrenz, wobei Haut-Brion (1er Cru in der Klassifizierung von 1855) eigentlich immer die Nase vorn hatte. Jetzt aber gehören sie beide zum Handelshaus Clarence Dillon Wines, das vom Urenkel des amerikanischen Bankiers Dillon geleitet wird. Die Konkurrenz ist also „hausgemacht“. Und tatsächlich ist Mission Haut-Brion oft (und immer mehr) dem Haut-Brion ebenbürtig oder sogar überlegen.
Dieser 94er Mission Haut-Brion hat  – rund zehn Jahre nach der Übernahme durch Haut-Brion - noch weitgehend den „alten“ Stil und nicht die Kraft, Eleganz, Geschmeidigkeit, Eindeutigkeit und Feinheit des heutigen Mission Haut-Brion. Damals war man daran, das Weingut, den Keller und vor allem die historischen Gebäude und die Umgebung neu zu gestalten und zu renovieren. Vorher war man daran, das Muttergut Haut-Brion neu aufzustellen (Renovation der Inneneinrichtung, neue Orangerie, neuer Cave, Küferei etc.) Dann erst kam Mission Haut-Brion daran. Man hat gewaltig investiert, die neue Anlage von Mission Haut-Brion ist grossartig, ein echtes Denkmal, das nicht Dekoration, sondern ein gut funktionierendes Weingut ist. Hier werden Tradition und Erbe gepflegt.
Doch davon spürt man im 94er Haut-Brion noch wenig. Man hat mit ihm zwar ein abgeklärter, feiner Kerl, der etwas burschikos wirkt – seine jungen Jahre gut überstanden hat – aber noch nicht in das reife Alter von Abgeklärtheit gekommen ist. Vielleicht kommt er da auch nie an. Mag sein. Jedenfalls habe ich keinen Moment bereut, ihn jetzt – nach zwanzig Jahren – geöffnet und sein Bouquet von leichtem Unterholz, zartem Tabak und so manchen Gewürzen genossen zu haben.

06. Juni 2014

 

Beyerskloof: Pinotage 2011, Stellenbosch, Südafrika


Es macht so richtig Spass, die verschiedenen Pinotages zu verkosten und miteinander zu vergleichen. Dies ist bei anderen, populäreren Rebsorten kaum in diesem Umfang möglich, da das Angebot an Pinotages noch (fast) überschaubar ist, denn die Rebe – 1924 in Stellenbosch gezüchtet - wird eigentlich nur in Südafrika angebaut und gekeltert. So gelingt es mir (vielleicht) allmählich einen sehr breiten Überblick zugewinnen und wenigstens eine Rebsorte – in all ihren Varianten – kennen zu lernen. Wer den Pinotage nicht kennt, oder – wie so viele – zwar schon Pinotage getrunken (oder verkostet) haben, aber „nur noch keinen mich wirklich begeisternden, selbst zur Südafrika-Probe des Mitteldeutschen Weinforums gab es spannenderes als das, wo Pinotage drin war“ (Zitat von T.H), wird sich vielleicht langweilen, wenn ich öfters den Lehrpfad durch diese Rebsorte beschreite. Doch ich versuche in meinem „Getrunken“ eigentlich Geschichten zu erzählen, und die Geschichte rund um den Pinotage – den ich notabene sehr gern trinke – ist des Erzählens wert. Vor allem, weil man hier etwas in die Tiefe dringen kann, in die Tiefe der Rebsorte, des Terroirs, des Geschmacks, der Vinifikation etc. Gerade dieser Pinotage – vom Weingut Beyerskloof – ist für mich ein Lehrstück zum Thema Geschmack: Es ist der „kleine Pinotage“ des Weinguts (ca. 15 CHF), der in der Regel bei den verschiedenen Weinpäpsten (inkl. Platter) kaum in die „oberen Ränge“ kommt (90/100 und mehr Punkte, bei Platter 4.5 und mehr Sterne), sondern meist „untendurch“ muss (um 87/100), während er Spitzenpinotage des Weinguts (ca. 26 CHF) locker die 90/100 erreicht. Der teurere Pinotage ist – zweifellos – der anspruchsvollere (ältere Reben, 14 Monate im Fass etc.); aber ist es auch der bessere? Ist der rustikalere Kleine nicht mehr Pinotage? Muss der Pinotage immer so gemacht werden, wie er geschmacklich mehrheitsfähig ist? Nämlich (fast) so, wie viele andere Rebsorten:„dichtes Purpurrot. Intensive Aromen nach Brombeeren und roten Früchten fein unterlegt mit den Holznoten des Ausbaus…“? Oder darf (sollte, könnte) ein Pinotage eventuell auch so beschrieben werden: mit: „Peffer-, Teer- und Fruchtsaft-auf-heißem-Backblech-Noten“ (im Kommentar von J.K. zu einem meiner „Getrunken“)? Ich gebe zu – und da liege ich geschmacklich wohl voll daneben –, mir gefällt der „Kleine“ weit besser, auch wenn ich – in dieser Richtung – schon weit bessere Pinotages verkostet habe. Der Pinotage 2011 – so wie ich ihn jetzt im Glas habe – hat zu wenig Kraft, ist zu wenig eindeutig, hat von allem etwas, aber er formt sich trotzdem zu keinem klaren Geschmacksbild. Freundlich bin ich versucht zu sagen, schlicht, einfach, und freundlich.

08. Juni 2014

 

Schlossgut Bachtobel: Clairet 2011, Weinfelden, Schweiz

 

Das Weingut ist legendär in der schweizerischen Weinszene. Hans Ulrich Kesselring hat den Landsitz mit Wald, Wiesen und Reben oberhalb von Weinfelden – seit 1784 in Familienbesitz – viele Jahre lang gehegt, gepflegt und verwaltet, mit viel Sinn für Tradition, aber auch im Bestreben das Moderne aufzunehmen, wenn es ihm als besser erschien. Dann ist er unerwartet von uns gegangen, sein Neffe Johannes Meier musste über Nacht den Betrieb übernehmen. Ein schweres Erbe. Doch er hat es – zusammen mit der Önologin Ines Rebentrost geschafft. Seine Weine zählen wieder zu der Spitze in der Schweiz. Und der unvermeidliche „ewige“ Vergleich mit den Weinen von Kesselring hat längst aufgehört, Johannes Meier ist der neue Gutsherr und er macht mit seinem Team hervorragende Weine, genau so gute, wie einst sein Onkel.
Dieser „Clairet“ ist eigentlich ein Bordeaux-Blend, eine Cuvée aus Merlot, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon. Der Begriff Clairet ist korrekt, aber auch verwirrend. In England wird der Bordeaux – nach alter Tradition – oft noch „Claret“ genannt, während man im Bordelais unter Clairet einen hellen, roséähnlichen Rotwein aus der Gegend versteht. Um es vorwegzunehmen, es ist nicht der beste Wein des Weinguts, dies liegt nicht am Können der Equipe, vielmehr am Umstand, dass der Cabernet Sauvignon nur schwer ausreift in unseren Breitengraden und der Cabernet Franc ein gar diffiziler Geselle ist. Ich habe ihn während Jahren (in kleinen Mengen) in der Bündner Herrschaft – Weingut Von Tscharner – geerntet und weiss um seine Kapriolen (zumindest in unserer Gegend, bei unserem Klima und in unserem Boden). Wir sind hier weit nördlicher von Bordeaux und der Loire und können nicht auf den Golfstrom zählen.
Deshalb ist mir nicht ganz verständlich, warum das hervorragende Team vom Schlossgut sich auch im Bordeaux-Blend versuchen muss, wo doch der Pinot Noir ihre eigentliche Stärke ist. Wunderbar schweizerisch burgundisch, das ist – für mich – das grosse Label des Weinguts. Viermal Blauburgunder (No. 1 – 4), vom schlichten (aber ausgezeichnet gemachten Wein) bis zur Topwein (No. 4), der nur in guten Jahren gemacht wird, in ganz kleinen Mengen (deshalb auch rar ist).
An diese filigranen Spitzenweine kommt der Clairet nicht heran. Er ist zwar sehr ansprechend, weich und rund, doch es fehlen ihm die feinen differenzierten Aromen, die Nuancen, welche einen guten Wein zum grossen machen (können). Vielleicht ist es etwas ungerecht, wenn ich hier „nörgele“, vielleicht sind es auch nur die gesammelten Vorurteile (Bordeaux-Blend versucht man heute fast überall) und der für mich schwer verständliche Drang zum Mainstream. Jedenfalls habe ich den Wein zum ersten Mal getrunken und zwar – ich gebe dies gerne zu - mit Spass, sogar mit Lust am Trinken. Trotzdem: gross ist der Wein nicht, aber auch nicht zu sehr bordeauxisiert – viel eher ein Spasswein, noch zu jung (er kann deshalb durchaus noch zulegen), aber zu wenig eigenständig und markant (Preis 34 CHF), zum gleichen Preis (ab Hof) zu kaufen, wie der Pinot No. 3, den ich allen andern Weinen des Weinguts – auch den Weissen – vorziehe.

Heinrich Spindler: Riesling Pechstein 2008, Spätlese, Pfalz, Deutschland

 

"Rassig, lebendig, frisch-elegant“, so etwa umschreiben meine deutschen Weinfreunde ihren Lieblingswein: Riesling, trocken. Doch für meinen schweizerischen Gaumen – eben an Schweizerweine gewöhnt – ist er gar nicht so „trocken“, der deutsche Riesling. Und dies ist weniger eine Frage des Restzuckers – der liegt sicher weit unter den erlaubten 9 g/l für trockene Weine -, viel eher ist es eine subjektive Geschmackswahrnehmung, die ich mir – als notorischer Rotweintrinker – zugelegt habe. Noch etwas passiert mit Sicherheit, wenn meine Weinfreund dieses „Getrunken“ lesen: sie schlagen die Hände über den Köpfen zusammen – Jahrgang 2008 – viel zu alt für einen „knackigen“ Riesling. Dem entgegne ich: nein, er ist nicht zu alt, er ist abgeklärt. Gerade diese „abgeklärten“ Weine – diese Art von Riesling – liebe ich. Lagerfähig ist er, das ist für mich überhaupt keine Frage. Doch es geht ja nicht darum, die Zeit abzuschätzen, bis ein Weisswein eine Leiche wird. Bei einer Spätlese - wie hier - kann das bestimmt zehn und mehr Jahre sein. Es geht vielmehr darum, wie sich ein Wein, der in die Jahre kommt, entwickelt. Vielleicht muss man ihm doch etwas Zeit lassen – und sie nicht immer jung wegtrinken – um zu differenzierteren Geschmackeindrücken zu kommen; um zu Erfahren, dass mineralisch nicht einfach nur mineralisch ist, und „knackig“ nicht einfach nur „knackig, und rassig nicht einfach nur rassig. Da liegt viel mehr dahinter: eine ganze Erlebniswelt, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Sind wir solche Erlebnisse überhaupt noch gewohnt, besser gesagt, sind wir dafür empfänglich? Auf Grund vieler Diskussionen muss ich schliessen: nein. Jugend ist gefragt, ein „jugendlicher Charakter“, was auch immer man darunter verstehen mag. Dieser sechs jährige Riesling vom Pechstein (Forst, Pfalz) ist weder alt noch ehrwürdig, aber auch nicht mehr jung, nichts mehr für Primärfruchttrinker, aber auch noch nichts (oder wenig) für Altweintrinker (so es solche für trockene Riesling noch gibt!) Es ist sozusagen eine Zwischenphase, in der der Wein steckt, und – ich gestehe es – gerade richtig für mich. Er hat die zum Teil nervöse Lebendigkeit abgelegt und ist daran, in elegante Welten einzutauchen, in die Stille, vielleicht sogar in eine vornehme Welt, aber nicht unbedingt dort, wo sich die Prominenz trifft. Der Wein zeigt dafür noch viel von seiner Herkunft aus einem längst erodierten Vulkangebiet in Form von Mineralität und einem deutlichen Anteilen an erloschenem Feuer oder eben Feuerstein.

18. Juni 2014

 

Domaine Pierre Brazey: Pommard 2005, Dézize les Maranges, Burgund, Frankreich

 

Pommard, eine kleine Gemeinde im Burgund, kein halbes Hundert Einwohner, und doch weltberühmt. Grund dafür sind die rund 300 Hektaren Rebland auf denen ausschliesslich Pinot Noir angebaut wird, der wohl als der typischste aller Burgunder in die Weingeschichte eingegangen ist. Eigentlich robust, tanninreich und im Duft typischer Anklang an Brombeeren und Heidelbeeren. Etwa ein Drittel der Rebfläche von Pomerol ist als Premier Cru (28) eingestuft. Dieser Wein stammt nicht aus diesen Lagen, ist also kein Premier Cru, aber durch und durch ein Pommard. Nicht nur typisch, sondern typisch gut, ja ausgezeichnet, jetzt nach fast 10 Jahren Lagerung. Da sind wir wieder beim Alter. Die optimale Alterung beim Spätburgunder (Pinot Noir) ist sehr schwer abzuschätzen. Nicht jeder Burgunder ist langlebig, er verliert im Alter gerne seine Lebendigkeit und Rasse. Nach fünf Jahren entwickeln sich – gerade beim kräftigen Pommard – komplexe (lies feine) Aromen: Leder, Pfeffer, Paprika, Schokolade sowohl in der Nase als auch im Gaumen und eine unglaubliche Zartheit und Dichte stellt sich ein. Man sagt, das halte nur etwa bis zehn Jahre, dann baue der Wein deutlich ab. Diese Flasche – wohl das Resultat des Bodens und der Winzerkunst – hat nach neun Jahren den Abstieg noch keineswegs begonnen. Nach meiner Einschätzung (ich bin eher ein Bordeaux-Trinker) dürfte der Wein noch gut fünf Jahre so präsent und aromatisch sein, oder – wie man gerne pauschal sagt – burgundisch. Vielleicht ist ihm doch die Pomona, die Göttin der Früchte und Gärten Pate gestanden. Ich jedenfalls habe diesen Eindruck.

20. Juni 2014

 

Gian Battista von Tscharner: Schiller 2014, Waisenhaus Wingert, Chur, Schweiz

 
Alle Jahre wieder, kaum meldet sich der Sommer mit ordentlichen Temperaturen, hole ich einen „Schiller“ aus dem Keller. Einen Schiller? Die Geschichte vom Churer Schiller habe ich schon vor einem Jahr erzählt, wahrscheinlich auch vor zwei Jahren und auch schon viel früher. Kein Grund also, den Wein schon wieder zu erwähnen. Oder doch? Nicht der Dichter, sondern die „schillernde“ Farbe des Weins hat ihm seinen Namen gegeben. Historisch – so erzählt man  – sei der Wein (eine Spezialität von Chur) eigentlich ein Zufallsprodukt. „Als im 17. Jahrhundert der Blauburgunder nach Graubünden kam, pflanzten ihn die Winzer zu ihren weissen Gewächsen und kelterten die beiden Sorten, wie es auch heute noch nach alter Tradition der Fall ist, gemeinsam.“ Also eine „Mariage“ (Hochzeit) zwischen Weiss und Rot, daher die hellrote, aber kräftige Farbe. Zwei Dinge sind für mich abgesehen von dieser Geschichte – mehr oder weniger – auffällig: Der überaus hohe Alkohol-Anteil (14.7 %vol) und die lange Lagermöglichkeit. Reden wir vom Alkohol: Da geht schon die Post ab bei einem „Sommerwein“. Wer also zum hellroten (rosé-ähnlichen) Wein greift und glaubt, er habe etwas Leichtes, Fröhliches im Glas, das (bei der Hitze) nicht auch gleich müde Augen und Beine macht, sieht sich wohl getäuscht. Die Farbe trügt (wie so oft). Ein typischer Sommerwein ist er nicht, auch wenn er kühl getrunken wird und daher in den Sommer passt. Das andere, die Lagerfähigkeit hingegen, hat mich überrascht. Achtjährig wird dieser Wein nun bald und ist noch kein bisschen müde. Zwar braucht er diese lange Lagerung nicht – er wird nicht abgeklärter, differenzierter wie so viele Rote es werden – aber er erträgt die Zeit, wirkt noch frisch, spritzig, genüsslich und macht Spass. Trotzdem versichere ich, den nächsten Schiller trink ich weit früher; diese Flasche hat sich eben unter den jüngeren versteckt.

20. Juni 2014

 

Feudi Acanto:U..passimiento 2013, Sizilien, Italien

 
Sehr oft und immer wieder trifft jeder Weinfreund „alte Bekannte“, alte bekannte Weine. Man wechselt seine Vorlieben eben nicht so schnell, man bleibt niemandem so treu, wie sich selbst, wenn es darum geht, sich einen Gefallen zu tun. Dies gilt vor allem für den Wein (und das Essen). In der Wein-Werbung kennt man dieses Verhalten nur allzu gut, deshalb tauchen immer wieder „Neuentdeckungen“ auf; die neugierig machen und  – wenn alles gut geht – vielleicht auch neue Kunden bringen, Neuentdeckungen von einzelnen Weingütern, Weinen oder ganzen Weingegenden. Es gibt Weinhändler, die haben sich – nebst ihrem Stammsortiment – auf eben diese Neuentdeckungen spezialisiert. Das Resultat:ist dann oft ein Angebot eines „Probierpakets“ mit verschiedenen Weinen, zu guten Preisen, Weine, die aber recht schnell aus dem Sortiment verschwinden. Doch, wenn nur ein Wein Anklang findet, lohnt sich das Experiment sowohl für den Konsumenten als auch für den Weinhändler.
Dieser Wein stammt aus einem solchen Paket. Das Weingebiet Sizilien, in seiner Eigenheit und auch in der Historie interessant, aber sicher nicht das, was hierzulande an italienischen Weinen nachgefragt ist. Es beginnt schon bei den Rebsorten. Nero d’Avola und Frappato – wer kennt die schon, wo doch so Cabernet Sauvignon und Merlot so hoch im Kurs stehen? Nero d’Avola ist fest mit Sizilien verbunden, eine Rebsorte, die tanninbetonte und temperamentvolle Weine hervorbringen kann„ so schmeckt Sizilien“, versichert man mir. Ich muss es glauben, denn ich weiss nicht wie Sizilien schmeckt. Eine neue Erfahrung? Will ich sie machen? Frappato, eine noch weit weniger bekannte sizilianische Rebsorte – es soll nur noch etwa 900 Hektaren davon geben –, kenne ich nur aus der Weinliteratur. Sie liefert  Weine mit betont fruchtigem Erdbeeraroma, auch das sagt man mir. Und - bringt nun der Wein aus diesen beiden (schon fast) exotischen Rebsorten - die Anteile kenn ich nicht – eine neue Erfahrung? Ja und nein. Es stimmt: Etwas vom vielbeschworenen Temperament und feurigen Charakter find ich darin, doch das Temperament allein genügt mir nicht, es führt schon rasch einmal zur Langeweile. Ich suche die versprochenen Rosinen – die findet man in so konzentrierten Weinen fast immer – und auch ich finde sie hier, genauso wie die Dörrfrüchte… aber dann? Die Gewürze, die subtileren Noten, das Spielerische und Elegante scheinen mir darin versunken zu sein.
Der Wein passt zwar ausgezeichnet zu den Cannelloni mit Spinat, die ich auf dem Teller habe. So macht der Wein auch Spass. Aber – würde ich ihn zu einer neuen Weinerfahrung erheben? Vielleicht, ich weiss es nicht, denn eine Flasche (Probierflasche!) genügt nicht, um Geschmacks-Gewohnheiten - so mir nichts, dir nichts - zu erweitern. Die Neugier hat durchaus etwas gebracht, ob das Erfahrene morgen schon vergessen ist? Ich vermute es!