Forum - Backstage

Das Forum von Wein-Plus war eine grossartige Plattform für Diskussionen rund um den Wein. Hier herrschtre noch vor Jahren ein lebhaftes Tun und Treiben. Hier habe ich auch viele Weinfreunde kennen und schätzen gelernt. Weinfreunde, mit denen ich heute noch in Kontakt stehe. Weinfreunde, die zu echten Freunden geworden sind. Viele von Ihnen führen inzwischen ihren eigenen Blog und waren deshalb nicht mehr im Forum anzutreffen. Das Forum selber ist jetzt praktisch geschlossen. Alte Beiträge, Angtworten und Diskussionen sind hier noch zu finden. Auch auf Wein-Plus.eu gibt es das "alte Forum" noch zur Einsicht.

Der neue Blog, auf dem meine Beiträge weiterhin regelmässig erscheinen, hat sich zu einem Redaktionsblog gewandelt, der hier zu erreichen ist.

 

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Das europäische Wein-Netzwerk

04. September 2013

 Backstage

Hinter den Kulissen des europäischen Netzwerkes

 

Wein-Plus.eu hat sein traditionelles Forum - aus dem Wein-Plus hervorgegangen ist - praktisch eingestellt. Über mehr als 10 Jahre habe ich diesem Forum geschrieben und mitdiskutiert. In den letzten Jahren wurden meine "Getrunken" immer mehr zum Monolog. Als Kolumnist von Wein-Plus hat nun mein "Getrunken" einen neuen Platz erhalten, nämlich hier im Redaktionsblog des Magazins. Kommentare, Diskussionen etc. sind wieder möglich und gefragt. Sobald sich dieser Platz eingespielt hat, werde ich mich hauptsächlich auf diesen Blog konzentrieren.

28. August 2012

 

Roussillon

 

Hallo Forum,
ich werde 2 Wochen im Oktober mit Freunden in Maureillas -liegt südl. von Perpignan an der spanischen Grenze- verbringen. Im vergangenen Jahr war zur gleichen Zeit in Vacqueyras. Vorher habe ich hier die Weinexperten um Tipps gebeten, welche Winzer, Restaurants etc. besuchenswert seien. Der Erfolg war umwerfend.
Ich habe nur sehr gute Erfahrungen gemacht und meine Freunde aus Holland und Kanada wunderten sich über meine profunden Kenntnisse, bis ich sie aufklärte. Deshalb hier und heute nochmals vielen Dank bei den Tippgebern.
Heute möchte ich mich erneut an dieser Stelle an Sie wenden und Sie bitten, mir Ihre Erfahrungen mitzuteilen. Natürlich habe ich im Magazin den Roussillonbericht gelesen und mich darüber hinaus mit der einschlägigen Literatur beschäftigt, aber seien wir Mal ehrlich, nichts geht über die "Geheimtipps" der wahren Connaisseure, nicht wahr lieber sammlerfreak. Auf Sie setze ich ganz besonders. Ich verspreche auch, dass ich im Forum später über meine Erfahrungen berichten werde. Vielen Dank im Voraus.
Erich

 

Antwort

 

05.09.2012 11

 

Grüezi Erich
Endlich komme ich dazu, etwas über Roussillon zu schreiben. Es fällt mir auch nicht ganz leicht, da es mich verhältnismässig selten in diese grenznahe Gegend Frankreichs verschlägt, und wenn schon, dann meist auf der Durchfahrt nach Spanien.
Natürlich habe ich – in meiner „Zweitheimat“ Languedoc – ab und zu Weine aus Roussillon im Glas, aber eben nur ab und zu. Meist mache ich spätestens „Weinhalt“ in den Corbières, wo mich – nicht ganz zu Unrecht – hervorragende, eigenständige, charaktervolle Weine erwarten und verführen.
So bleiben es halt in Roussillon (und Umgebung) die üblichen Verdächtigen, die schon in Weinbüchern immer wieder genannt werden. Für mich sind „Geheimtipps“ hier rar.
Zuerst aber möchte ich zwei Weine erwähnen, die ich vor ein paar Monaten getrunken und darüber auch geschrieben habe: Terra Remota, Katalonien, Spanien (nachzulesen in meinen „getrunken“ oder auf meiner Website www.sammlerfreak.ch. „Camino“ und „Clos Adrien“ machten mir einen recht guten Eindruck – ich meine, es lohnt sich, hier nachzuhaken. Wie gesagt, ich habe den Wein erst einmal getrunken, und ich möchte – brutzle, brutzle – meine Hände nicht ins Feuer legen. Doch es scheint mir, der Wein (französischer Besitzer aus dem Roussillon) mit Reben „ennet“ der Grenze, also in Spanien, hat hier eine schöne Kombine von französischer Weinkunst und spanischem Temperament geschaffen.
Um Banyuls herum gibt es ein paar sehr gute, eigenständige, qualitativ bemerkenswerte Weingüter. Natürlich ist es vor allem die Heimat des „vin doux naturel“, der hier mitunter als „rimage“ (Jahrgangswein) zur grossen Klasse auflaufen kann und etwas ganz besonderes ist: rund und kräftig, irgendwie hat er von den Bergen und dem Meer ein gutes Stück eingefangen.
Ich erwähne da (natürlich von dem, was ich kenne) die Domaine du Mas Blanc oder La Rectorie, die den l’Argile macht, wohl einen der besten Weissen im südlichen Frankreich. Es lohnt sich auch einen Blick auf den Rosé zu werfen; es sind viele eigenständige Weine darunter, nichts vom dem, was wir immer so als „unfertige Weine“ verstehen, wenn man von Rosés spricht.
Ich weiss, der süsse Likörwein „vin doux naturel“ von Banyuls ist nicht jedermanns Sache. Die penetranten Rosinen und Nüsse, der Zwetschgenkompott oder gar die Schokolade, die in den Aromen üppig anklingen, erschrecken gar manchen Weinliebhaber. Doch der Banyuls ist etwas ganz besonderes und wer ihn auch nicht allzu sehr liebt, der ist zumindest beeindruckt von den Rebbergen und vom kargen Boden an den steilen, steinigen Hängen. Unbedingt besuchen!
In Collioure - eigentlich vor allem bekannt als Hafenstädtchen - wird auch ein kräftiger, eigenständiger, samtiger Roter gemacht, zum Beispiel auf der Domaine La Tour Vieille. Auch die sogenannten "Collioure" sind etwas besonderes, etwas, das sich dem Mainstream fast total entzieht. Wenn man in dieser Gegend ist, dann muss man – als Weinliebhaber – auf Entdeckungsreise gehen; man muss das Spezielle, das Besondere der Gegend und ihrer Weine spüren, aufspüren.
Hier sind die Weine geprägt, von der speziellen Gegend, aber von der katalanischen Kultur, ein Hauch stillgestandener Zeit umgibt sie, ich meine zurecht. Ein paar Namen: Domain Vaquer, Domaine Vial-Magnères, Cellier des Templiers, aber auch der Cave Coopérative l‘étoile, um nur einige der bekanntesten Weingüter zu nennen.
Es lohnt sich aber auch, ab und zu einen Ausflug Richtung Corbière zu machen, zumindest bis Perpignan und darüber hinaus, wo berühmte Weingüter wie Domaine Cazes oder Mas Amiel, Domaine Laporte oder die Domaine Sarda Malet liegen. Wieder eine andere Weinerfahrung, als im relativ kleinen eigenständigen und eigenwilligen Bannyuls-Coilloure: ein Rotweinland, wo der Syrah besonders kräftig ist und Mourvèdre, Carignan und Grenache drei ständige Begleiter sind.
Eines ist sicher: hier in dieser südlichsten Ecke von Frankreich darf man nicht das Brave, Übliche, Gefällige suchen. Man wird es kaum finden. Auch beim Wein nicht. Es dominiert hier eine andere Kultur, ein anderes (fast einmaliges) Klima und – um den inflationären Begriff zu verwenden – ein ganz spezielles Terroir.
Wer in Entdeckerlaune ist, wird seine Wunder und Freuden erleben. Nicht nur die Farbe der Weine ist intensiv, mitunter sind es auch das Leben, der Genuss, die Wahrnehmung und die Landschaft. Man muss nur dafür empfänglich sein.
Herzlich
Peter

26. August 2012

 

 

Wein braucht eine neue Sprache

 

Eine Betrachtung zu dem Beitrag von von Carsten M. Stammen

 

Dieses Gespräch hat auf facebook eine rege Diskussion ausgelöst, hier – auf wein-plus – ist es aber ruhig, ja still geblieben. Dabei hat das Thema offensichtlich Sprengkraft und erregt die Gemüter. Braucht es überhaupt eine Fachsprache Wein und – wie kann diese Aussehen.

Fachsprachen haben es in sich. Sie dienen der Kommunikation unter Fachleuten; sie sind Grundlage für Vergleichbarkeit, für Normierung, für Bewertung, für Wissenschaftlichkeit. Insofern sind Fachsprachen notwendig und bis zu einem gewissen Grad normiert.

In der Beurteilung von Wein ist allerdings diese Normierung, aber auch die Messbarkeit, äusserst schwierig. Findet sie doch vor allem im Bereich der Sensorik statt und diese enthält – nebst gesicherten Werten – immer auch viel Subjektivität. Einen Teil dieser Subjektivität und die Unschärfe in der Wahrnehmung kann durch eine genormte Fachsprache aufgefangen werden. Ein Rest, sogar ein grosser Rest, der bleibt. Damit müssen wir wohl leben, auch wenn der Kommerz noch so gerne gesicherte Werte hätte.

Doch – was macht der Laie in diesem „Spiel“, was macht der Produzent, der bestrebt ist, die besten Kommerzwerte zu erreichen? Darin liegt die Brisanz des Themas.

Und – dies ist nun ganz persönlich – in diesem Bereich bin ich ein „Geschädigter“, und zwar nicht durch den Bereich Wein, sondern durch die „Kunst“. In diesem Bereich bin ich – von der Ausbildung her – eigentlich ein Fachmann (Kunsthistoriker), also durchaus vertraut mit der Fachsprache und sogar geübt in der Wahrnehmung und Beschreibung von Wahrnehmung. Meine einstigen Kommilitonen haben Kunstgalerien geführt, Museen geleitet, Expertisen erstellt etc. Sie sind Fachleute der Kunst geworden. Ich bin hingegen ausgestiegen, habe über Jahrzehnte kaum Kunstmuseen oder Ausstellungen besucht und (als Journalist) viele Jahre über alles berichtet, nur nicht über Kunst.

Warum? Ich konnte und kann diese Schwammigkeit in der Kunstbeschreibung – mit vielen sogenannten Fachwörtern und –begriffen umrankt – einfach nicht ausstehen. Geschwafel nenne ich es noch heute – im schlechten, Geziertheit und „Geseiere“ im besten Fall, in der Regel weit weg von dem, was „Konsumenten“ empfinden und erleben. Solange es dabei um Fakten geht – Einordnungen, Daten, Handwerk, Stilistik etc. – ist die Fachsprache eine echte Hilfe und eine Kommunikationserleichterung. Sobald es aber um Wahrnehmung und Beschreibung des Kunstgenusses - der künstlerischen Kommunikation - geht, da braucht es keine Fachsprache, da braucht es Gefühl, Wahrnehmung, ästhetische und andere so schwer zu definierende Werte. Da bewegen wir uns eben im Bereich des Erlebens.

Wie aber vermittelt man – seit Jahrhunderten – das subjektive Erleben. Durch Geschichten. Die bedienen sich der Alltagssprache, der Alltagssymbolik, dem Alltagserleben. In der Geschichte ist der Mythos des Nicht- oder Schwer-zu-beschreibenden enthalten, bei guten Geschichten zumindest. Und gute Geschichten versteht jeder, ob Fachmann oder Laie.

Diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, Kunstkataloge zu sammeln. Sie enthalten – immer bessere – Reproduktionen von Bildern, von Architektur, von Plastik – kurzum von Kunst. Es sind „Beschreibungen“, die meiner eigenen Wahrnehmung und meinen eigenen (und den normierten) Wertvorstellungen ausgesetzt sind. Ab und zu lese ich den begleitenden meist schwulstigen „Text“ (ich meine nicht die Fakten und Daten, die überprüfbar und lesbar sind, auch für Laien), sondern die in der Mehrheit erbärmlichen Versuche, Kunst zu beschreiben, entweder mit Worthülsen oder mit gutklingenden Fachausdrücken, die nichts und alles sagen. Und ich erinnere mich mit Schaudern an meinen Professor und Doktorvater, der da von Immanenz und Kohärenz, von Ekphrasis und Permanenz, vom Unsichtbaren und dem „Was-mit-Händen-zu-greifen-ist“, geschwafelt hat. Und wir – seine Stundenten – hörten ihm andächtig zu, und wir diskutierten – zum Beispiel - vor dem Bild eines Impressionisten stundenlang über die dargestellte Szene: Ein Schiff verlässt den Haven oder es kommt in den Hafen? Was ist richtig? Zehn, zwanzig Doktoranden und ein Professor vor einem einzigen Bild, das vielleicht eine Geschichte erzählt, oder eben nur der Ausdruck eines erlebten Augenblicks ist. Dies war das Ende meiner Laufbahn als Kunsthistoriker.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Ganz einfach, weil ich rund dreissig Jahre später, die gleiche Haltung, den gleichen Sprachtypus, die gleiche Unbeholfenheit und den gleichen Wortschwulst wieder angetroffen habe. Diesmal beim Wein. Und wieder geht es um Beurteilung und Bewertung von subjektiven Eindrücken, und wieder geht es um den verzweifelten Versuch – in einer Art Fachsprache – sich im Beurteilungswirrwar zurechtzufinden. Wie bei der Kunst geht es auch hier um Kommerz und um Verlässlichkeit in der Beurteilung. Und wie in der Kunst gibt es auch hier die gleichen Irrtümer, aber auch ähnliche Machenschaften, ähnliche Modeerscheinungen und etwa gleichviel Worthülsen.

Da kommt mir Van Gogh in den Sinn, der zu Lebzeiten kaum ein Bild verkauft hat, als armer Schlucker starb, dessen Werke aber heute, 120 Jahre später, hohe und höchste Kunst und unbezahlbar sind. Die damalige „Beurteilung“ oder Fachsprache haben es nicht geschafft, den Wert der Kunstwerke zu vermitteln.

Die Geschichte „hinter dieser Geschichte“, ist meine subjektive Antwort auf das Gespräch. Auch wenn ich selber versucht bin – ab und zu – mich Ausdrücken der „Fachsprache Wein“ zu bedienen, werde ich weiterhin anstelle von Punkten und Beschreibungen eben Geschichten erzählen, Weingeschichten.

Peter Züllig

08. August 2012

 

Frage im Forum:

 

"Was ist eigentlich unter 'altholzig' zu verstehen?"

 

Meine Antwort:

Ja, die Weinsprache stiftet oft mehr Verwirrung als Klärung. Ist sie doch eine zwar leicht normierte „Fachsprache“, die aber nicht von Gralshütern geschützt ist, und von sprachlich innovativen Verkostern oft fast beliebig erweitert wird. Viele Begriffe – vor allem in den Verkostungsnotizen – betreffen den Geschmack, also eine Sinnerfahrung, die – diese Erfahrung haben wir alle schon gemacht – unheimlich stark mit einer individuellen Geschmacksbeurteilung verbunden ist. Besonders kreative Verkoster, wie René Gabriel, erfinden auch nach x-tausend Notizen immer wieder neue Begriffe, um das zu beschreiben, was sie an sinnlicher Erfahrung beim Wein mitteilen möchten.

Für mich, der neben einer Zimmerei aufgewachsen ist – also mitten in den Holzdüften – ist „altholz“ ein klarer, fester Begriff: eine verhaltene, fast schon schwere, leicht nussige (alte Nüsse haben auch alte Schalen) Nase, die ich vor allem als Geruch wahrnehme (und gespeichert habe) und nicht – wie zum Beispiel bei den Beeren – sofort auch mit Geschmacksaromen im Gaumen verbinde (ob ich will oder nicht!). Ich habe schon oft einen Haufen alter Wurzeln oder alter Bretter entsorgt, die nicht morsch oder nass waren (diese haben dann eine muffige Nase), sondern eben altes, trockenes Holz, das sehr verhalten und doch sehr prägnant den „altholz“ Geruch ausstrahlen.

Dies verstehe ich unter dem Begriff „altholz“. Es würde mich aber überhaupt nicht überraschen, wenn andere Weinliebhaber – vor allem professionelle Verkoster – das allerdings nicht sehr häufig verwendete Wort - ganz anders definieren. So ist es eben, bei jeder Vermittlung von Sinneserfahrungen, nicht nur beim Wein. Ich gestehe offen: es ist beim Schreiben über Wein – allen vermeintlichen Normen zum Trotz – für mich auch der schönste Bereich, eigentlich die Triebfeder um immer wieder Sinnlichkeit in Worte zu fassen, so dass der Leser (Hörer) diese möglicherweise (vielleicht, wenn ich Glück habe) nachvollziehen kann. Wenn dies nicht wäre, hätte ich schon lange aufgehört, als Laie über Wein zu schreiben, sondern ihn einfach mit individuellem Genuss (oder auch nicht) getrunken.

Herzlich
Peter

 

 Die Diskussion ist wie immer hier nachzulesen im Forum von Wein-Plus.eu

Bild: Midi-Libre vom 18.07.2011
Bild: Midi-Libre vom 18.07.2011

20. Juli 2012

 

Chinesisches Weinverständnis

 

 

Grüezi mitenand

 

Es sind nun fünf Jahre her, seit wir – vielbelächelt und verspottet – eine der ersten China-Weinreisen (unterstützt von der Chinesischen Botschaft in der Schweiz) unternommen haben. Der Tenor meiner Freunde damals: „noch nie hatten wir einen auch nur einigermassen trinkbaren chinesischen Wein im Glas“. In mehreren Kolumnen und im Forum von wein-plus.eu habe ich diesem Pauschalurteil immer wieder widersprochen. Es gibt durchaus hervorragende chinesische Wein und Wein ist in China durchaus ein Thema. Vor allem aber ist es ein Geschäft, das mitunter bizarre Blüten treibt.

Die Regionalzeitung „Midi Libre“ – eine Mantelzeitung, die in vielen Ausgaben im Süden Frankreichs verbreitet ist – berichtet immer wieder von Entwicklungen und Beobachtungen aus der grossen Weinwelt, vor allem dann, wenn es um die Interessen der eigenen Weinregion geht. Am 18. Juli titelt die Zeitung: „Languedoc et Romanée Conti: l’arnaque chinoise“, was soviel wie „Chinesischer Betrug“ bedeutet. Der Artikel vom Midi-Libre-Journalisten Jean-Pierre Lacan ist (in französisch) hier nachzulesen:

Hier nur so viel: In einem Restaurant in Shanghai hat ein französischer Geschäftsmann eine Etikette fotografiert, auf der Romanée Conti in goldigen Lettern prangte, darunter stand „Appellation Coteaux du Languedoc controlée“ und noch etwas weiter unten prangte der Stempel mit den berühmten fünf Pfeilen von Lafite Rothschild. Eine groteske Etikette, die auf der Rückseite der Flasche noch grotesker wurde: „Lafeigroup – Coteau du Languedoc“, als Übersetzung der sonst chinesischen Beschriftung.

Natürlich handelt es sich da um eine grobe Fälschung. So ziemlich alles, was in China Wein-Renommee hat, prangt auf der (wohl teuren) Flasche im Restaurant von Shanghai. China als lukrativer Absatzmarkt für französische Weine. Tatsächlich steigt der Weinimport im Reich der Mitte Jahr für Jahr um zirka 20 Prozent. Aber auch die landeseigene Weinproduktion wird Jahr für Jahr grösser und hat – in der Masse – westliche Wein-Länder bereits überholt.

Was vor fünf Jahren noch recht exotisch anmutete, ist längst Realität geworden. China strebt danach, auch Weinland zu werden. Noch ist – gemessen an der Bevölkerung – der Konsum bescheiden. Es sind vor allem die Grossstädte, in denen Wein gekauft und konsumiert wird. Nicht nur als Prestige-Objekt, sondern durchaus auch als Genussmittel. Schon vor fünf Jahren konnten wir dies auf einigen Empfängen beobachten. Sogar Weinseminare wurden da angeboten.

Nicht immer sind Fälschungen – auch in China nicht – so offensichtlich. Es gibt da – wie bei uns – durchaus bei teuren Weinen eine lebhafte Fälscherszene. So soll eine leere Flasche Lafite-Rothschild für gute 50 Euro zu verkaufen sein. Voraussetzung: die Etikette ist unbefleckt, sozusagen neuwertig. Sammler von leeren Weinflaschen, die wie neu aussehen, gibt es wohl auch in China nicht.

Natürlich wehren sich die Betroffenen gegenüber Fälschungen. Doch dies ist – den Aussagen der zuständigen Stellen zufolge (z.B.INAO) – gar nicht so einfach. Es geht den diplomatischen Weg und der ist oft mühselig und – nicht zuletzt auf Grund der Übersetzung von französischen in chinesische Anschriften, gar nicht immer so eindeutig wie in diesem Fall, wo das Burgund schlicht ins Languedoc verschoben wurde.

Seit auch China versucht seine Produkte zu schützen – zum Beispiel den Tee – ist man beim Markenschutz-Amt von China etwas offener und verständnisbereiter als bisher. Bereits wurden auch mal offensichtlich gefälschte Flaschen beschlagnahmt. Doch es scheint, dass Wein-China noch einige Zeit mit Fälschungen aus aller Welt leben muss. Hand aufs Herz: auch wir – im „zivilisierten“ Westen – müssen es, vor allem wenn es um alte, gute Jahrgänge geht.

Herzlich

Peter

21. Juni 2012

 

Auktionen als Gradmesser

 

(Die ganze Diskussion ist im Forum von Wein-plus.eu nachzulessen) 

 

Grüezi Michael

Die letzten beiden Auktionen vor der Sommerpause – hier in der Schweiz – habe ich leider wegen meinen andern Aktivitäten nicht besucht. Ich kann also über die kurzfristige Entwicklung wenig sagen. Dein doch etwas anderer Eindruck ist sicher richtig: die Börse (und Auktionen funktionieren ähnlich wie Börsen) reagieren bekanntlich unheimlich schnell (und nicht selten auch nervös). Kommt dazu, dass Koppe und Partner vorwiegend den deutschen Weinhandel (das heisst nicht nur den Markt, sondern auch die deutschen Handelsgeschäfte mit Allerwelt) abdeckt und der funktioniert etwas anders – so meine Erfahrung – als in der „Drehscheibe“ Schweiz. Jedenfalls ist meine Erfahrung, dass die Auktionen der drei grossen Anbieter in der Schweiz sich sehr oft von jenen des Marktführers in Deutschland, Koppe und Partner, unterscheiden. Was Du festgestellt hast, dass sich einige grosse „Weinverschieber“ gegenseitig die Hölle heiss machen und einander die Beute abjagen, hatten wir – es ist nicht lange her – auch bei uns, besonders bei der Wermuth-Auktion, die wohl die grösste internationale Verbreitung hat. Im letzten Jahr ist aber dieses unsinnige „Ich-will-es-haben“ eher selten geworden. Die kleiner gewordene Gewinnmarge (weil die Preise so gestiegen sind) lassen internationale Händler vorsichtiger agieren. Lafite Rothschild (inklusive Carruades) ist da ein gutes Beispiel, wie rasch die Preise auch zusammensacken können.

Was auch meinen Erfahrungen entspricht: Das sind Deine Beurteilungen des asiatischen Marktes bezüglich der sogenannten Spitzenweine. Auch ich registriere – unter anderem auch in Australien, wo ich vor einem Jahr war – ähnliche Signale. Was vor Jahren noch Amerika war, nämlich Taktgeber für die Bordeaux-Preise, haben längst andere übernommen, die sogenannten „neuen Märkte“. Wenn man sieht, wie die Bordeaux-Präsenz in China ausgebaut wird (u.a. Lafite) und die Spitzen-Châteaux die Handelswege immer mehr an sich reissen (Latour, das nicht mehr subskribieren lässt), dann bestätigt dies Deine Einschätzung. Europa wird für die internationale Vermarktung von Spitzenweinen immer unwichtiger, hat eigentlich längst das Nachsehen. Insofern sind Deine jüngsten Koppe-Partner-Erfahrungen zutreffend, ja sogar folgerichtig.

Eine Episode zu diesem Thema: Ich versuchte jüngst jenes Bordeaux-Gut der Spitzenklasse, Ausone, zu besuchen (dem einzigen der „Grossen“, auf dem ich noch nie war). Die schriftlichen Anfragen fruchteten (wie schon in früheren Jahren) überhaupt nichts. Also versuchte ich es vor Ort. Ich stand längere Zeit vor den Toren des Château. Was ich da beobachten konnte, an Limousinen mit schwarz getönten Scheiben, und fast ausschliesslich Asiaten, die da ein- und ausstiegen, hat mich schon sehr nachdenklich gestimmt. Das grosse Geschäft hat mit Weinliebe – mit den „amateurs du vin“ nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

Und zum Schluss noch ein Wort zum durchaus bezeichnende Unterschied zwischen jenen Auktionshäuser – wie Du es beschreibst - , die zum Schutz der Anbieter den „untere Schätzungspreis“ nicht unterschreiten und jenen, bei denen oft weit darunter ausgerufen wird (Wermuth), wo man also den echten unteren Limit nicht kennt: Nur beim letzteren System sind eigentliche „Schnäppchen“ noch möglich, allerdings eher bei „kleinen Weinen“, nicht perfektem Füllstand, beschmutzten Etiketten oder Einzelflaschen. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb bei einer Wermuth-Auktion im Saal nicht nur Händler, sondern auch Weinfreaks sitzen und ab und zu mitbieten. Bei einiger Kenntnis der doch recht homogenen Szene, sind da recht viel an Dynamik und Tendenzen zu erkennen.

Ganz herzlich

06.06.2012

 

 

Glaubwürdigkeit

(Der ganze Tread und die Diskussion ist hier nachzulesen)

 

Grüezi Norbert

Der Unterschied zum Sport besteht darin, dass Weinverkostung und –empfehlung (zumindest bei den Konsumenten) als Information (und nicht als Wettbewerb) verstanden wird. Information aber hat viel mit Journalismus und journalistischen Kriterien zu tun. Diese sind (in vielen Punkten) eindeutig, besonders wenn es darum geht, sich von PR (Interessensbindung) abzuheben. Dass es dazwischen einen „Graubereich“ gibt, wissen wir alle. Gerade deshalb sind aber „journalistische“ Kriterien unabdingbar notwendig. Auf die Weinbeurteilung übertragen heisst dies: soweit möglich Vollständigkeit, Sachbezogenheit und vor allem auch Unabhängigkeit von der Einflussnahme interessierter Kreise. Das „Mitmachen“ oder „Nichtmitmachen“ bei der Überprüfung eines Produkts (nicht bei einem Wettbewerb) gehört aber zu den entscheidendsten Einflussnahmen. Es ist – vor allem bei Konsumenten-Informationen – auch das wichtigste Kriterium für die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Beurteilung. Gerade weil der Konsument eine gewisse Vollständigkeit (vor allem bei der Spitze) rasch feststellt und auch einfach überprüfen kann. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die sogenannte „Unvollständigkeit“ (um es sachlich auszudrücken) auch hier immer wieder zu Sprache kommt.

Markus Hofschuster (siehe Antwort auf meine erste Notiz) weiss dies sehr genau. Er begründet das gewählte Vorgehen auch sehr gut und betont (zu Recht) alle Punkte, welche die Seriosität der Verkostungen belegen, ja „beweisen“ können. Dies alles ist auch einsichtig, gut und richtig - gedacht. Doch es nützt nichts, wenn beim Konsumenten trotzdem der Eindruck entsteht und haften bleibt, die Information sei unvollständig, esw sei ja nur ein Wettbewerb, ein Messen, unter denen, die daran teilnehmen (wollen).

Im Journalismus kennt man das Prinzip (der Einflussnahme durch „Verweigerung“) recht gut. Gerade im audio-visuellen Bereich (Fernsehen und Radio) ist man auf die Teilnahme der aussagerelevanten Personen angewiesen (da man da ja nicht zitieren kann!). Man behilft sich – als JournalistIn - damit, dass man die Verweigerung (und damit die Einflussnahme) offen legt. Ähnliches wäre im Bereich der Konsumenteninformation unbedingt notwendig (Information in der Art „nicht eingesandt“, „nicht teilgenommen“, „sich verweigert“). Ab und zu geschieht diese Deklaration auch, vor allem im Bereich Bordeaux, wo der Primeurverkostung durch namhafte Kritiker (Weinjournalisten) eine enorme wirtschaftliche Bedeutung zukommt. Ein Parker würde sich hüten, ein namhaftes Weingut nicht zu beurteilen, nur weil „es nicht teilgenommen hat“ – er würde dies (und hat es auch schon) klar und brutal offen legen. Deshalb hüten sich die Weingüter, diese relativ einfache und wirkungsvolle Art von Einflussnahme auch auszuüben. Ja, sie verzichten bei wichtigen Kritikern (und wichtigen Publikationen) auch auf die übliche Einladungen und Verkostungen vor Ort, sondern senden ihre Produkte den einzelnen Degustatoren einzeln zu. Ich meine, der journalistische Aspekt – welcher für Glaubwürdigkeit und Eindruck von Seriosität – entscheidend ist, müsste gerade bei Verkostungen (Listen, Wettbewerben, Beurteilungen – wie immer man es nennen mag) zu allererst und in oberster Priorität berücksichtigt werden.

Herzlich

Peter

Primeurverkostung - hier der Jahrgang 2010
Primeurverkostung - hier der Jahrgang 2010

01.06.2012

 

Bordeaux 2011 - das Jahrgangsorakel

 

Es ist gekommen, wie es kommen musste. Schon recht bald – nach den ersten Fassproben – wurde der Bordeaux-Jahrgang 2011 als „schlecht“ taxiert.  Einfach so pauschal als „schlecht“ – genau so, wie die beiden vorangegangenen Jahre als „sensationell“ in die Bordeaux-Geschichte eingegangen sind.

Wer schon etwas länger die Bordeaux-Szene verfolgt, sich mitunter auch darin bewegt, erstaunt diese schattenrissähnliche Betrachtung kaum. Bordeaux – und damit meine ich das ganze System der Vermarktung per Subskription, mit der langen Kette von Courtiers (Makler), Négociants (Händler) bis hin zu den Primeuranbietern (in den einzelnen Ländern) und den Kunden, die letztlich ein „Termingeschäft“ abschliessen – ist längst ein börsenähnliches Spekulationsgebilde geworden, das – nicht viel anders als bei der Börse – empfindlich auf jede Regung, auf jedes Husten, auf jedes Gerücht reagiert.

Dabei spielen die Analysten (lies: namhaften Weinkritiker) eine schon fast beängstigende Rolle. Will man einen Crash vermeiden, muss das System immer wieder belebt und gesteuert werden. Trotzdem wird es – ab und zu – an den Rand des Zusammenbruchs getrieben.

Latour – der wohl renommierteste Premier – will sich aus diesem System verabschieden, keine Primeur-Angebote mehr machen, ihre Weine in Zukunft selber vermarkten. Es mag sein, dass dies ein Signal ist; dass ein altes, ohnehin brüchiges System sich langsam auflöst. Kann, aber muss nicht sein! Jedenfalls setzt Latour ein Signal. Das Château kann es sich auch leisten, eigene Wege zu gehen.

Nach den eher pauschalen Beurteilungen des aktuellen Jahrgangs 2011 als mittelmässig bis schlecht, gestern nun eine schon fast euphorische Lobeshymne bei den „Weinfreaks“: „Leute, nachdem ich heute bei einer 2011er Bordeauxprobe war kann ich nach einem ganzen Haufen Fassproben nur eines sagen: 2011 ist toll und furchtbar unterbewertet (vielleicht sogar beabsichtigt),“ (Clemens Maria Mally). Und „Knalli“ von „Wine-Times“ hat nach- oder gar vorgelegt: „Wäre genau dieser Jahrgang der 2008er, hätten wohl alle von einem ganz ausgezeichnetem Jahrgang geschrieben. Wir bewerten aber 2011. Und das kam hinter 2009 und 2010, zwei hochgejubelten Jahrgängen. Und nun will das niemand. Und das ist falsch. Denn 2011 ist gut. Klassisch.“

Dieses Spektrum von Meinungen (ob von Profis oder Laien) – einzig auf Grund von Fassproben, die alles andere als gesichert sind –  gehört eben zum Bordeaux-Spiel. Ein Konzert, das die Preisfestlegung begleitet, und zum Primeurkauf gehört, und nicht zuletzt auch zur Spekulation. Auf jeder Börse wird spekuliert, wieso soll es im Weinbereich anders sein?

Jedenfalls wird alles getan, um das Subskriptionsgeschäft in Gang zu halten. Da lese ich von bereits „ausverkauften“ Weinen; von Weinen, die man jetzt in den Keller legen muss; von Weinen, die in zwei Jahren viel teurer sein werden. Dies habe ich schon im Jahr 2000 gelesen, dann wieder 2005, ganz zu schweigen von den letzten beiden Jahrgängen 2009 und 2010.

Und was ist passiert? Zwar waren die 2000er eine gewisse Zeit lang nur schwer zu bekommen – nun aber (nach 12 Jahren) sind sie überall anzutreffen kaum zu einem höheren Preis (mit Ausnahme von einigen Spekulationsweinen). Ähnliches ist vom 2005er zu sagen. Überhaupt – ich verfolge das ganze Bordeaux-Geschäft schon seit dreissig Jahren – sind die Zeiten vorbei, in denen man (immer mit Ausnahme der ganz teuren Spekulations- und Kultweine) „en Primeur“ (also in der Subskription) die Weine billiger kaufen kann, als später auf dem Markt.

Auf den Auktionen werden viele der einst „sensationellen Primeur-Werte“ nicht selten geradezu verschleudert, gehen – besonders in nicht ganz grossen (lies: klassischen) Weinjahren – unter dem einstigen Subskriptionspreis weg.

Dies alles ist nicht meine Erfindung. All die Meinungen von „toll“, „sensationell“ bis „mittelmässig“ und „schlecht“ habe ich – mein Hobby – über fast vierzig Jahre treu registriert und in meine Datenbank eingetragen. Anfänglich um mit dabei zu sein; um mithalten zu können, im Aufbau meines Bordeaux-Kellers; um dem „Ruf eines Bordeaux-Kenners“ auch gerecht zu werden. Heute, wenn ich die Aussagen und Punkte, die Preise und die Preisentwicklungen tabellenartig überblicke, kann ich nur schmunzeln. „2011 ein klassischer Jahrgang, 2011 ist toll.“ Und die Preise sind erst noch gefallen! Dies alles gehört eben zum System und hat mit Weinqualität (vorläufig, bis zur Reife der Weine, vielleicht in fünf, in acht oder zehn Jahren) wenig zu tun.

Macht nichts. Das Bordeaux-Geschäft geht weiter. Bordeaux ist und bleibt ein guter Wein. Wie gut und einmalig und unerreicht, das überlasse ich den Weinliebhabern zu beurteilen. Ich jedenfalls trinke weiterhin gerne gute Weine auch aus dem Bordelais, weiss aber – eigentlich schon lange – dass es auch andernorts gute Weine gibt, auch ausserhalb des grossen Weinbörsen-Geschäfts oder eben des üblichen Jahrgangsorakels.
 

27.04.2012

 

 

Weinrallye verpasst

(Gedanken zur Beziehung von Wein-plus

und der dem Event "Weinrallye")

 

 

Grüezi mitenand

Gestern war Weinrallye-Tag, „der Event deutschsprachiger Blogger rund um das monatliche Thema Wein.“ Zur Diskuission standen „Naturwein und Konsorten“. Bis am Nachmittag waren es bereits 25 Blogger – es werden schliesslich wohl über dreissig sein, die daran teilgenommen haben. In (fast) allen gängigen social medias wurden die Beiträge angekündigt, verknüpft, ja diskutiert. Einen ausgezeichneten Überblick – zusammengestellt vom der diesmal federführenden Iris Rutz-Rudel  gibt es hier. Schon ein erster Blick auf die attraktive Liste führt zu vielen „alten Bekannten“, die ich alle von hier – von Wein-Plus – kenne und mit denen ich in all den Jahren viele Gedanken und nicht selten volle Gläser getauscht habe. Fast alle sind aber hier – zumindest als erzählende und diskutierende Freunde – verschwunden und betreuen ihre eigenen Blogs. Die „Weinfreaks“-Szene hat sich pulverisiert (selbst eine Gruppe „weinfreaks“ hat sich auf Facebook organisiert, auch mit vielen „alten Bekannten“).

Und was war hier – auf wein-plus.eu, dem Urforum der internetgängigen Weinliebhaber - gestern los? Nichts. Gar nichts! Irgendwie läuft da etwas schief, meine ich. Da schreibe ich mich auf Wein-Plus und auf meiner eigenen etwas breiter angelegten Website fast täglich quer durch die Weinwelt und erhalte in der letzten Zeit von Weinfreunden kaum (oder nur selten) Reaktionen. Wenn ich richtig gezählt habe, waren es 13 Beiträge in zwanzig Tagen, die ich geschrieben habe – vor allem „getrunken“ – und bestreite vielleicht 70% der kaum stattfindenden Wein-Forums-Diskussion. Und plötzlich sind sie alle wieder da, die „alten Freunde“, an einem einzigen Tag, mit unheimlich guten Beiträgen, mit Informationen, Bildern, Ideen… nur eben „aufgebrösmelt“ auf eigenen Blogs, die am Weinrallye-Tag gut vernetzt werden.

Nochmals: was läuft da im Forum auf Wein-Plus.eu? Nichts! Doch, es läuft offensichtlich etwas – nämlich schief.

Herzlich

Peter

 

Diskussion zum Thema (sofern sie stattfindet) hier auf Wein-plus.eu

15. April 2012

 

Warten auf Bordeaux

 

Es ist verdächtig ruhig bei an der Bordeaux-Front. James Suckling ist – wie immer – der erste, der sich in die Schlacht wirft. Sein genereller Eindruck ist längst online, die Noten sollen sofort folgen.

 

Das „Rennen“ ist ja erst gelaufen, die Athleten – Händler und Journalisten – kaum zurückgekehrt (in den Alltag); dazwischen die Ostertage. Man kann nicht zu viel verlangen, auch von Auguren nicht.

 

Doch René Gabriel, der Schnelle, ist immer noch etwas schneller. Auf seinem kostenpflichtigen „Bordeauxtotal“ (bxtotal.com) hat er bereits die ganze Palette der 2011er aufgelistet. Ein Überblick verrät: 100 Punkte-Weine gibt es nicht. Ein harter Schlag für die erfolgsverwöhnten Spitzengüter, die längst mit Preisen weit über 100 Euro (um nicht zu sagen um 1000 Euro) kalkulieren.

 

Der Punktesegen – Urbi et Bordeaux – bleibt für einmal aus. Ich höre es schon: „Endlich kann man wieder gute und bezahlbare Bordeaux kaufen“. Stimmt. Doch das konnte man auch in den letzten beiden Jahren, als die Spitze raketenartig in den Himmel schoss. Man musste sich nur von den Etiketten lösen und dem Wein zuwenden.

 

Und wie sieht es denn aus, in dem Bordeaux-Jammertal. Wie immer. Die poliertesten Namen liegen – wer hätte dies gedacht – weiterhin an der Spitze. Haut-Brion 19/20 – Mission Haut-Brion 18/20 – Margaux 19/20 – Lafite Rothschild 19/20 – Mouton Rothschild 18/20 – Latour 18/20. Das Spitzenrennen wie (fast) immer: „Spieglein, Spieglein an der Wand….“, das eine Mal ist es eben der Mouton, dann der Lafite.

 

Im Pomerol, dem Garanten für teure Weine, sieht es ganz ähnlich aus: Certan de May 19/20 – Lafleur 19/20 – Pétrus 18/20 – Evangile 18/20 – Vieux Châteaux Certan 18/20. Bleiben noch die beiden Spitzen von St-Emilion: Ausone 18/20 – Cheval Blanc 19/20. Ja im Westen, da gibt es wirklich nichts Neues.

 

Eigentlich ist die gabrielsche Wertung nur eine Speerspitze. Eigentlich wartet alles auf den Donnerschlag von Parker. Er mischt sich ja nicht unter das „gemeine Volk“, verkostet die Weine abgeschirmt im Hotel oder sonst an einem „geheimen Ort“. Wenn er sein Orakel gesprochen hat, laufen die Preise ein.

 

Im Augenblick erwarten alle ein sinkendes Preisschiff. Nein, keine Panik, es kentert noch lange nicht. Kentern tun einzig die Fasspreise der vielen ganz gewöhnlichen Weinbauern im Bordelais. Die schuften und schuften – ihre Weine will niemand. Sie werden längst fassweise aufgekauft von den Grossen, für Händlerweine. Die Winzer bekommen fast nichts mehr dafür, schon lange jedenfalls zu wenig zum Leben, ja zum Überleben.

 

Eigentlich muss ich mich entschuldigen, dass ich – als alter Bordeauxfan – nichts wirklich Neues verkünden kann. Keine Angst, ich habe dem Bordeaux nicht abgeschworen. Er ist und bleibt mein Lieblingswein. Nur nicht mehr in jeder Situation und in jeder Lage. Mein Geschmack und meine Zuneigung haben sich nicht grundsätzlich verändert. Nur habe ich – nach dreissigjähriger Bordeaux-Erfahrung (zwar lange nicht, aber schliesslich dann doch) gelernt, Leistung, Preis, Orakel, Werbung, Aufwand und Ertrag einigermassen zu trennen. Auch in meiner Beziehung zum Bordeaux. Das Blut gerät nicht mehr so rasch in

Wallung. Und dies ist gut so.

 

NB. Viel mehr in Wallung hat mich die Tatsache gebracht, dass ich eine grosse Las Cases-Verkostung mit meinen liebsten Weinfreunden dieses Wochenende verpasst habe, weil ich eben – nicht in Bordeaux, auch nicht in Bonne – im Languedoc bin.

11. April 2012

 

Vorbemerkung:

Auf Wein-Plus habe ich schon seit einiger Zeit keine Forumsbeiträge mehr geschrieben. Das Forum hat sich in den letzten Monaten - ja Jahren - zu einer lahmen Diskussions-Plattform zurück entwickelt, die vor allem Anfragen nach Flaschenpreisen (die berühmten Kellerfunde!!) und Tipps für Restaurants, bestenfalls Weingüter, enthalten hat. Da konnte und wollte ich nicht mitmachen!

 

Nun hat Wein-Plus - nach fast drei Jahren - einen neuen Internet-Auftritt lanciert, moderner, umfassender, attraktiver - leider noch immer etwas verwirrlich. Es ist zu hoffen, dass sich dies noch gibt, dass die "Kinderkrankheiten" bald einmal ausgeheilt sind.

 

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, wieder vermehrt mitzutun. Ich war zwar die ganze Zeit hindurch immer präsent mit meinen Getrunken, die ich fast täglich geschrieben und auch hier auf meiner eigenen Homepage publiziert habe. Es geht weiter mit diesen Weinnotizen, im bisherigen Stil.

 

Doch ich bemühe mich, auch bei anderen Weinfragen und -diskussionen wieder vermehrt mitzumachen. Die eigenen Beiträge stelle ich hier ein, die ganze Diskussion ist aber auf wein-plus.eu  mitzuverfolgen. Ich hoffe, dass sich wieder etwas Leben einstellen wird hier und auf www.wein-plus.eu

 

10. April 2012

 

2011-Bordeaux-Rummel

- wie jedes Jahr

 

 

Joachim schrieb am

05.04.2012 16:46

 

Bordeaux ist Wein und Wein ist ein Geschäft, DAS Geschäft in Bordeaux. Und wie überall, wo es um Geld geht, gibt es grundehrliche Leute, Leute, die die Grauzonen ausloten und solche, die kriminell sind und erwischt oder auch nicht erwischt werden. Das trifft auch auf Bordeaux zu und auf die angereisten, verkostenden Journalisten. Auf beiden, Weingütern und verkostenden Journalisten, wird jedes Jahr wieder reichlich rumgehackt.

Zu den Gütern: Nur weil die Top 30 - 50 Chateaux grenzenlos in ihrer Gier nach Gewinn sind, müssen sie nicht kriminell sein oder Grauzonen ausloten. Ob man die Weine zu diesen Preisen (und mittlerweile diesem Stil) wirklich braucht, muss man wohl den Käufern überlassen. Ich habe für mich bereits nach dem Preisanstieg 1990 entschieden, dass es reichlich Alternativen zu den Top-Bordeaux gibt. Leider sind etliche davon in den letzten 22 Jahren ebenfalls auf ein Preisniveau gestiegen, das mir ebenfalls nicht mehr 'schmeckt'. Wenn es nicht unbedingt die Top 30 sein müssen, finden sich ansonsten in jedem Jahrgang hervorragende Tropfen zu einem moderaten Preisniveau auch im Bordelais. Insofern finde ich, dass das Rumhacken auf den 'Bordeaux-Rummel' gar nichts bringt und sinnlos ist.

Zu den verkostenden Journalisten: Jeder, der nur halbwegs in der Materie drin ist, weiß wie anstrengend Verkostungen sind, wenn man das professionell macht. Aber das muss man ja nicht machen, man kann durchaus auch was anderes machen, das ist ja selbst gewählt. Und man muss auch nicht so tun, als wäre das ein Job für Opferlämmer (Ostern vor der Tür) und alle Beteiligten auf Seiten der Weingüter wären gute, lammfromme Hirten. Man braucht nur die Meldungen der letzten Jahre verfolgen, um zu sehen, dass da meist knallharte Geschäftsleute dahinter stehen, bei den Top 30 immer. Dies ist ein knallhartes Geschäft und da riecht es mehr als genügend nach mehr oder minder subtiler Einflussnahme. Insofern finde ich die Entrüstung über kritische Anmerkungen zum alljährlichen 'Bordeaux-Rummel' ebenfalls nicht sonderlich nachvollziehbar.

Wie seht Ihr das? Mit vinophilen Grüßen, Joachim

Ich antwortete am

#2 06.04.2012 11:59

 

Grüezi Joachim
Natürlich hast Du recht: jammern und wehklagen nützen nichts. Das Bordeaux-Geschäft ist brutal geworden. Wir müssen die Dinge mal nehmen wie sie sind. Bezüglich Bordeaux „vers…“. Das sage ich, als langjähriger Bordeauxgänger und –liebhaber. Jahr für Jahr das gleiche Theater. Das Spektakel wird langweilig, aber neues Publikum findet sich ein, Russen, Chinesen, Saudis und wie sie alle heissen.
Und trotzdem: das Geschäft blüht, auch bei uns, auch in Amerika. Sei es, weil die Gier nach berühmten Weinen zu gross ist; sei es, weil jeder hofft, auf lange Sicht doch ein Schnäppchen zu machen; sei es, weil es ganz einfach viele reiche Leute gibt.
Solange das Geschäft blüht, lassen wir die Blüten lieber ruhen, sie sollen sich von mir aus sich entfalten. Ich trinke Wein – auch oft Bordeaux – aber keine Blüten. Dies ist mir vergönnt, weil ich zu einer Zeit zu kaufen, trinken und sammeln begonnen habe, da Bordeaux ordentlich gesunken und die Preise im Keller waren. Das Bordeaux-Rennen (vor Ostern) verfolge ich jetzt amüsiert, noch amüsanter die Parkerpunkte, nach denen sich die ganze Welt richtet.
Dank Parker hat mein Sammlerkeller das x-fache an Wert. Was bringt es? Ich will sie ja die Weine trinken – ob mit oder ohne Parkerpunkte. Diese angebliche Wertsteigerung bringt nur Ärger und Kosten: Sicherheitsanlage, Auslagerung, Anfragen… Nein, ich will sie trinken – wenn möglich mit guten Weinfreunden – all die Weine, die ich in den vielen Jahren angesammelt habe.
Trotzdem verfolge ich die Wertungen der Journalisten – auch in diesen Tagen. Ich trage sie schön säuberlich ein, in eine Datei, welche Tausende von Irrtümern der Bordeaux-Welt (und ihrer Herolde) mit Namen und Daten ausweist. Ein aufwändiges Hobby, sicher! Doch da geht man wieder mit mehr Ehrfurcht an Weine heran, ich meine an jene Weine, die nicht einfach „gemacht“ sind, sondern von Herzen kommen und eine Seele haben (Zitat: Paul Liversedge, Master of Wine im „Vinum“). Bordeaux hat seine Seele längst verkauft. Bezahlen tun es all die Weinliebhaber, die nach verhökerten Seelen jagen.
Herzlich
Peter

15. Dezember 2011

 

 

Aldi-Angebot:
Marquis d'Alesme Becker 2004 und 2006

 

 

Antwort auf folgende Anfrage im Forum:

 

Hallo Forum

http://www.aldi-sued.de/de/html/offers/2867_30303.htm

 Mich würde nur interessieren: Hat hier jemand diesen Wein gekauft und probiert? Gibt es Unterschiede zwischen dem 2004er und dem 2006er?

Adventliche Grüße ringsum von Frank

 

Grüezi Frank

Ja – ich habe ihn getrunken, schon sehr oft. Marquis d’Alesme Becker ist – das wurde von Dominique bereits gesagt – ein Weingut, das den Ansprüchen (dem „Rang“) eines klassifizierten 3ème Cru (Klassifikation 1855) in der Regel nicht mehr gerecht werden kann. Das heisst nicht, dass es ein „schlechter“ Bordeaux ist, aber verglichen mit anderen 3ème-Cru doch eher ein schwacher Wein. Man muss nicht einmal das nicht weit entfernten liegende Château Palmer zum Vergleich nehmen (gleiche Klassifizierung, aber x-fachen Preis), sondern auch „kleinere“ Weine, wie den Ferrière, den Calon-Ségur oder den Lagune (alle gleiche Klassifizierung), da hat es der Marquis d’Alesme Becker schwer, selbst im Vergleich mit vielen Cru Bourgois. Das Weingut gehörte lange Zeit der Familie Zuger, die ein anderes 3ème-Cru- Weingut in der Appellation Margaux besitzt, das Malescot Saint Exupéry, das in den letzten Jahren zu einem „Spitzengut“ aufgestiegen ist, während Marquis d’Alesme Becker weiterhin nicht überzeugen kann oder konnte. (Seit dem Tod von Vater Züger haben seine beiden Söhne die Weingüter übernommen: Roger das Malescot, Claude das Marquis. 2006 wurde das Weingut an den Besitzer von Labégorce verkauft. Der wollte die drei Weingüter im Margeaux – Labégorce, Labégorce Zédé und Marquis d’Alesme Becker zusammenführen und zu einem Spitzenweingut machen (die beiden Labégorce sind schon zusammengeführt, Zédé gibt es nicht mehr), doch dann verunfallte der ambitionierte Kaufmann und Neueinsteiger im Bordelais. Man weiss noch nicht genau, was die Erben mit den Weingütern beabsichtigen, alles ist wieder in Schwebe.
Soweit die Geschichte des Weinguts. Dies erklärt einiges oder macht zumindest deutlich: die Weine von Marquis d‘Alesme Becker haben nicht den besten Qualitätssiegel, die Zukunft de Weingutes ist ungewiss (zumindest kennt man die Perspektiven nicht) und – das scheint mir der wichtigste Aspekt zu sein – die Lager mit Weinen der „schwächeren“ Jahrgänge – 2004 und 2006 – sind übervoll und müssen „abgestossen“ werden. Ein Phänomen, das sich in Bordeaux nach den hochgejubelten 2005er, 2009er und 2010er (und den entsprechenden Preisen) zunehmend zeigen wird. Die Händler sitzen auf ihren Weinen (dieser Jahrgänge) und haben zunehmend mehr Schwierigkeiten sie loszubringen. Der Mythos Bordeaux schwindet zudem immer mehr.

Ich selber habe noch ein paar Flaschen 1996 des Weinguts im Keller und ich werde wohl am Wochenende eine Flasche öffnen und etwas darüber unter „Getrunken“ auf meiner Homepage (sammlerfreak.ch) und im Forum schreiben. Zum Preis ist zu sagen: der Wein kostet (seit Jahren) so um 30 Franken (in der Schweiz), in Deutschland um 25 Euro in der Subskription. Die beiden Jahrgänge 2004 und 2006 werden jetzt also bei Aldi etwa zu (oder sogar unter) dem Subskriptionspreis vermarktet. (Die Schweizerpreise in der Subskription: 2004 – 28 Fr.; 2006 – 32 Fr.) Je nach Umrechnungsfaktor macht dies ca. 20 Euro die Flasche (jedenfalls noch vor dem heuten (zu)hohen Schweizerfranken). Gegenwärtig wird der Jahrgang 2006 im Fachhandel hier zu 38 – 40 Franken angeboten (laut vinfox). Von einem Schnäppchen kann man also nicht gerade sprechen, aber von einem günstigen Preis für einen mittelmässigen Wein. Parker gibt ihm nur 78 Punkte, was ich – nach den eigenen Erfahrungen – allerdings zu tief finde. René Gabriel liegt da mit seinen 17/20 Punkten schon deutlich richtiger. Er schreibt - gewohnt blumig - über den Wein: „Sehr dunkles Purpur mit violettem Schimmer. Verrücktes, grosses Bouquet, schwarze Holunder, dunkle Rosen, Pumpernickelbrot, Cassisnoten. Im Gaumen weist der Wein momentan noch einen recht deutlichen Holzstempel auf, den es noch zu verdauen gilt, die Struktur ist aber von einer gewaltigen Konzentration, man spürt die Würze des Petit Verdots der im Extrakt ein Aroma von schwarzen Beeren und Szechuan-Pfeffer zeigt, kein Finessen-Margaux sondern ein Klassiker der eine neue, wesentlich vielversprechendere Zukunft für dieses zu lange vernachlässigte Weingut einläutet. Wenn er seine fordernden Gerbstoffe richtig verdaut, kann er ein ernsthafter Konkurrent für die bisher immergleiche Margaux-Elite werden“. Anzufügen wäre: es ist der erste Jahrgang unter dem neuen Besitzer – die Revue du Vin de France urteilt ähnlich. Der 2004er war hingegen deutlich schwächer.

13. Dezember 2011

 

 

Vertikale junger Mouton Rothschild

 

Grüezi mitenand

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, drei junge Jahrgänge von Mouton Rothschild zu verkosten: 2005, 2006 und 2007. Kein alltägliches Ereignis, kosten die drei Jahrgänge zusammen (je eine Flasche) doch gut 2‘000 Franken (in der Schweiz). Sie sind eigentlich für eine Verkostung viel zu schade, weil sie noch zu jung sind. Es geht also um eine Potentialwertung und nicht um den Lustfaktor. Doch die Lust stellte sich ein, vor allem beim jetzt fünfjährigen 2007er. Er zeigte schon Spuren der Reife, hat die Tannine gut verarbeitet und kommt als runder, nachhaltiger, fruchtiger klassischer Pauillac daher. Rein punktemässig ist es der schwächste der drei Jahrgänge: Parker 92/100, Gabriel 19/20 und Revue du Vin de France 18/20. Zum Vergleich: 2006 – Parker 98/100, Gabriel 19/20, RdVdF 19.5/20. – 2005: Parker 96/100, Gabriel 19/20 und RdVdF 20/20. Laut Parker gibt es also einen klaren Sieger, der 2006er, dem der Weinpapst sogar „Genialität“ zugesteht, ihn mit dem 82er vergleicht und mindestens 20 Jahre der Reife verlangt (Genussreife 20-60+ Jahre).

Es bewahrheiten sich wieder einmal zwei eigentlich längst gemachte Erfahrungen: Bei jungen Topweinen ist die geschätzte Reifeperiode in den Angaben zuverlässiger Weinverkoster meist aussagekräftiger als die reine Punktezahl und – Potentialbewertungen sind nicht selten trügerisch. Das heisst: der/die VerkosterIn muss in der Lage sein, analytisch zu denken und den augenblicklichen Genuss nicht zu stark in die Beurteilung einfliessen lassen.

Gottseidank bin ich kein beruflicher Weinverkoster, vielmehr im Weinbereich ein reiner Genussmensch. So konnte ich den Mouton 2007 auch wirklich geniessen: das beerige Bukett, die inzwischen gut integrierten Holznoten (eher Palisander als Tanne oder Buche, wie so oft!), fein geschliffene Tannine, kein Wein, der den Gaumen platzen lässt, vielmehr elegant und nobel. Betrachte ich nun die Reifeangaben des Weins (Gabriel 16-35, Parker 10-25, RdVdF 13-25) und vergleiche diese mit den anderen beiden Jahrgängen (2005: Gabriel 14-35, Parker 18-40, RdVdF 15-45; 2006: Gabriel 17-40, Parker 20-80+ und RdVdF 18-45), dann kommt eben das zum Ausdruck, was nicht in Punkten festgehalten werden kann: die etwas feinere Differenzierung.

In den Degustationsnotizen steht dann meist der banale Satz: „kann schon früh getrunken werden“, oder so ähnlich. Dies sagt viel mehr aus, als man meist registriert. Der 2003 war so ein Jahrgang (sehr heisser Sommer), man hat ihn zwar relativ hoch bewertet, dann aber schon rasch immer wieder angemerkt – „früh zu trinken!“.

Weine vom Kaliber (und Preis) eines Mouton Rothschilds trinkt man in der Regel nicht zu früh; da wartet man geduldig, bis er die „Genussreife“ erreicht hat (und nicht selten noch einiges länger). Deshalb sind Vertikaldegustationen solcher Weine von besonderem Interesse und auch von einiger Aussagekraft. Für mich war der 2006 nahezu „untrinkbar“, tanningeprägt, noch fast im Zustand der Fassprobe, unharmonisch, die Frucht überdeckt von bitterer Schockolade, zwar saftig aber auch kantig, fast schon krautig. Wenn man nicht hinter diese „Kraftausdrücke“ guckt, dann tut man dem Wein unrecht, dann achtet man eben zu wenig auf sein Potential.

Ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt, kam mir der 2005er vor. Immerhin mit knapp 900 Franken, der teuerste der drei Weine. Im Augenblick viel Extrakt, noch viel getoastetes Holz in der Nase, mineralische Klänge, sehr alkoholisch.

Der Kellner, welche die Zuteilung überwachte (es war ja „nur“ eine „Degustation“ mit den gewohnten kleinen Mengen), fragte mich spontan: „und nun, welcher Jahrgang ist nun der beste!“ Als ich ebenso spontan geantwortet habe: „der 2007er“, schaute er mich mit so grossen Augen an, dass ich spürte, was er wohl dachte, etwa: „da verstehe ich die Welt nicht mehr!“ Wenn man einer Verkostung zubilligt, eine Momentaufnahme zu sein (und nicht das „Jüngstegericht“!), dann ist die Welt für mich und vielleicht auch für den Kellner doch noch in Ordnung.

Herzlich

Peter

 

Hier geht es zur Diskussion im Forum von Wein-Plus über diesen Beitrag

02. November 2011

 

Piemontissimo

 

Grüezi mitenand

Auf meiner Homepage – sammlerfreak.ch – sind Bilder von der Reise mit Max Hendlmeier eingestellt und ein paar „Gedankensplitter“, die ich in Zusammenhang mit dieser Reise geschrieben haben. Noch immer liegen ein paar Notizen vor mir, noch nicht formuliert, aber festgehalten. Sie werden sich – wenn die verfügbare Zeit es zulässt – wohl auch auf die Homepage schleichen.

Zudem geht es auch in meiner nächsten Kolumne (nächste Woche) wieder einmal in den Süden, natürlich ins Piemont. So bleibt mir hier nur wenig nachzutragen: zum Beispiel – was schon Bernd gesagt hat – es war eine schöne Reise, sehr gut organisiert und geleitet von Max Hendlmeier, sehr charmant präsentiert von Patrizia Castellano-Bolzan. Doch dies alles interessiert vor allem die, die mitgekommen sind und vielleicht noch die, welche (aus welchem Grund auch immer) daheim blieben.

Für die breite Leserschaft im Forum trotzdem ein paar Stichworte aus meinem ureigensten Erleben:

Nebbiolo: Die Rebsorte dominiert das Piemont. Man trifft sie in allen nur denkbaren Varianten, vor allem lagebezeichnet als Barolo und Barbaresco (Ortsnahmen). Eine Traube, die eigentlich nur im Piemont (und ein wenig in der Lombardei) zuhause ist, sozusagen eine autochthone Rebsorte also. Man muss sich – und kann sich – an die tanninreichen, körperreichen Weine gewöhnen. Man kann sich sogar – wer hätte dies gedacht – in sie verlieben! Mühe hatte ich – siehe „Gedankensplitter“ auf meiner Homepage – mit dem Einsatz des Holzes. Kostbare Vanillesauce habe ich nicht nur einmal spontan ausgerufen.

Dolcetto: Die piemontesische Art eines Beaujoulais. Es ist der Alltagswein im Piemont, jung getrunken, frisch, leichte Kirsch- und Pflaumentöne. Das Piemont ohne Dolcetto kann ich mir kaum vorstellen. Man liebt den oft leicht säuerlichen, leicht bitteren, aber frischen Wein. Bei uns, den Touristen, auch den Weintouristen, kommt der Wein in der Regel nicht gut an. Das reizt mich und weckt mein Interesse. Ich bleibe dran!

Autochthone Rebsorten: Die Fülle der mir gänzlich unbekannten Rebsorten hat mich fast erschlagen. Ist dies nur ein Autochthonen-Hype oder eine echte Entdeckung? Neugierig wie ich einmal bin, habe ich – wo auch immer ich konnte – Weine aus wenig bekannten Rebsorten – mit oft ganz anderen Aromen – getrunken und degustiert. Dies hat mir unheimlich gefallen. Freisa (kaum mehr anzutreffen), Ruche, Arneis, Timorasso, Croatina und, und… Hei, was habe ich da alles gelernt und was hat mein Gaumen an Nuancen geniessen können.

Weingüter: Nein, es waren keine der ganz Grossen dabei. Von Gaja hat man immer wieder gesprochen, ich stand auch vor dem abweisenden metallenen Tor. Kein verstohlener Blick erlaubt uns der Kultproduzent. Die Tocher des „Traditionalisten“ Rinaldi hingegen haben wir in einem einfachen, gemütlichen Lokal in Alba angetroffen. Leider ist mein italienisch nicht konversationstauglich für ernsthafte Wein-Gespräche. Sonst hätte ich gerne einiges erfragt, ja sogar vieles.

Traditionalisten versus Erneuerer: Gleich an meinem ersten Piemont-Abend hatte ich einen Barolo von Elio Altare im Glas. Er gilt als Modernist, was immer das heissen mag. Später habe ich auch einen älteren (1996) Rinaldi getrunken, leider war er bereits etwas abgebaut – oder sind alte Barolo so? Irgendwie hat sich mir der vielzitierte „Kampf“ zwischen Modernisten und Traditionalisten nicht mitgeteilt. Für mich waren die Weine oft einfach überholzt und ebenso oft zu jung. Besonders gut fand ich jene Weine, die eindeutig Flagge zeigten, Charakter hatten: Albino Rocca, Sottimano, Eugenio Bocchino zum Beispiel.

Junge Weine: In der Regel waren die Weine, die wir verkosten konnten, recht jung. Ein guter Barolo oder Barberesco, aber auch ein Barbera sollte nicht so jung getrunken werden, sonst setzt sich ein falsches Bild fest. Bei einigen Winzern hatte ich jenen pelzigen Mund und Gaumen, den ich von den Fassproben im Bordelais bestens kenne (auch dazu ein „Gedankensplitter“ auf meiner Homepage). Man bemüht sich in solchen Fällen, Potential festzustellen, und resigniert rasch einmal bei den Verkostungen…. genussverhindert. Ich weiss, dieses Problem ist auf Weintouren kaum zu lösen, es sei denn, man gönnt sich dann am Abend – in einem guten Restaurant mit einer grossen Weinkarte – ein paar wirklich alte, zumindest trinkreife Weine. Wir haben dies zum Teil getan.

Zum Schluss noch ein Wort zur Reisegruppe, zu Weinreisengruppen ganz allgemein. Die Interessen sind da recht unterschiedlich. Sicher nicht ganz so eindeutig wie in Bordeaux, wo mindestens die ganz grossen Namen mit dabei sein müssen. Auch im Piemont leckt der/die eine oder andere nach Berühmtheiten in Sachen Wein. Andererseits sucht man – vor allem wenn man das Weingebiet noch nicht oder wenig kennt – nach dem Typischen, nach dem Anerkannten, nach dem, was man im internationalen Weinhandel schon angetroffen hat. Schliesslich gibt es immer auch eine Gruppe, die möchte einkaufen, direkt beim Winzer, zu möglichst günstigen Preisen. Und dann ist da noch die (meist kleine) Schar von Neugierigen. Sie stürzen sich auf Unbekanntes, Neues, Spezielles. Ich habe den Verdacht, ich gehöre dazu. Das Programm von Max Hendlmeier ist so – und dies ist keine blosse Schmeichelei, sondern die xte Erfahrung – dass für jeden und jede etwas dabei ist, für den Suchenden und den Bestätiger, für den Neugierigen und den einfach Geniessenden.

Ganz zum Schluss: Die Erfahrung der letzten Woche – im Piemont – war auch für mich eine Bestätigung: man muss vor Ort sein, die Landschaft erleben, die Menschen kennenlernen, die Weine einmal da trinken, wo sie zuhause sind. Immer wieder habe ich versucht, italienische Weine an Degustationen und Präsentationen in mein WeinWissen einzubauen. Fast hoffnungslos! Es bleiben Namen, Fakten, Beurteilungen – sie bekommen erst ein Gewand, eine Seele, wenn man wenigstens einmal dort war, wenn man nicht nur das Wissen, sondern auch das Erlebnis mit nach Hause nimmt.

Vielen Dank an alle, die mitgereist, mitgemacht und mitgetrunken haben.

Herzlich

Peter

10. Oktober 2011

 

Peter Rosegger (1843-1918)

 

Wer kennt ihn noch, den österreichischen Schriftsteller Peter Rosegger? Wer ihn oder zumindest seinen Namen noch kennt, der denkt eher an "Zither und Hackbrett", an "Waldheimat" oder das "Sünderglücklein", aber kaum an Wein. Norbert Tischelmayer hat auf eine Liebeserklärung an den Wein von Peter Rosegger aufmerksam gemacht, geschrieben von einem eher vergessenen sozialkritischen und poetischen Autor des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Ich gehöre noch zu jener Generation, die Rosegger einst gelesen nicht gerade geliebt, aber für viele seiner Texte bewundert hat. Noch blass taucht bei mir eine Stelle aus den "Schriften des Waldschulmeisters" auf, die mich einst überzeugt hat, und die ich jetzt wieder nachgeschlagen habe:

"Beim Ministrieren hab' ich dem Pfarrer Wein in den Kelch gegossen; aber unter dem Wasserkrüglein hat er gleich gezuckt; kaum ein Tröpflein, ist er schon davongeruckt. Wasser und Wein, als Fleisch und Blut, das ist unser höchstes Gut, aber wer in den Kelch zu viel Wasser tut, der verdirbt das rosafarben' Christiblut."

An diese Aussage habe ich mich ein Leben lang gehalten.

30. September 2011

 

Versagen der Weinzeitschrift „Vinum“

 

Wir alle mussten mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen: die Weinjournalistin und ehemalige Chefredakteurin von „Vinum“ ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen – erschossen von ihrem Exfreund. Barbara Meier-Dittus war für die Lesern von „Vinum“ seit Jahren eine vertraute Persönlichkeit. Weinfreunde in der Schweiz haben sie immer wieder an Veranstaltungen getroffen. Ihr Editorial war witzig, lebendig, informativ, Spass machend, ihre Beiträge ein Gewinn für die Zeitschrift.

 

Das Verbrechen geschah am 19. August 2011. Wie reagiert jetzt „Vinum“ nach aussen? In der Oktober-Ausgabe kommt die neue Chefredakteurin im Editorial in 10 Zeilen darauf zu sprechen, die so enden: „….Trotz des Schocks, der Trauer und unserer Gedanken, die in diesen Tagen bei den Angehörigen weilen, sind wir uns dennoch unserer Verpflichtung bewusst, Ihnen ein spannendes Heft mit einem vielfältigen Themenmix anzubieten.“ Verpflichtung gleich „business as usual“? Dem Heft vorgeschaltet ist – nebst den zehn Zeilen im Editorial – die einzige Reaktion eine weisse Seite mit dem Vermerk: „Für Barbara Meier-Dittus (29. Juni 1964 – 19. August 2011).“ Ein weisser Grabstein also, als Würdigung!

 

Vornehme Zurückhaltung oder journalistische Unfähigkeit? Ich weiss, um die lange Vorlaufzeit einer Zeitschrift. Ich weiss, um die Schwierigkeit einen Planungs- und Produktionsprozesss zu unterbrechen. Ich weiss aber auch, was die langjährigen „Vinum“-Leser erwarten: zumindest ein Nachruf, eine Würdigung oder auch nur das Wiederlesen einer ihrer Arbeiten. Die bisherige Reaktion auf ein unfassbares Geschehen ist – zumindest in der Schweizerausgabe von „Vinum“ – ein totales Versagen, eine journalistische Fehlleistung, die mit edler Zurückhaltung nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

 

Weil ich diese Haltung – was immer auch dahinter steckt – nicht begreifen kann und vorgeschobene Produktionszwänge als langjähriger Medienschaffender nicht akzeptiere, konsultiere ich wenigstens die Website von „Vinum“, also das gegenwärtig schnellste und flexibelste Medium, das aktuelle Aushängeschild von „Vinum“. Und da das gleiche Schweigen, einzig im Impressum, neben der Foto von Barbara Meier-Ditting, ist zu lesen: „Die VINUM-Redaktion trauert um Barbara Meier-Dittus, Freundin und Kollegin, ehemalige Chefredakteurin, langjährige und geschätzte Mitarbeiterin, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind aus ganzem Herzen bei Barbaras Familie.“

 

Und sonst? Nichts, gar nichts. Auch wenn ich weiss, dass „Vinum“ vor allem auch eine deutsche Zeitschrift ist, und da oft andere Prioritäten gesetzt werden, bleibt für mich die redaktionelle Leistung nicht nur unverständlich, sie zeigt vielmehr wenig Gefühl für Pietät, für Dankbarkeit für eine journalistische Leistung, die das Heft lange mitgeprägt hat. Selbst ein Hinweis (den es im „Vinum“ nicht gibt), dass man die Persönlichkeit (ausserhalb des weissen Grabsteins) auch journalistisch einmal würdigen wird, wäre in meinen Augen ein journalistisches Versagen. Es gibt im Journalismus immer eine Verfallszeit – auch im Printjournalismus, auch bei Fachmagazinen - und ist längst abgelaufen. Für mich ist nicht nur Barbara Meier-Dittus gestorben, für mich ist auch „Vinum“ tot.

Herzlich

Peter

 

Liebe zum Bordeaux

 

Wie aus einer Frage eine Diskussion entsteht!

 

Hallo Forum,
ich war mit einer Gruppe Gleichgesinnter Ende August für ein paar Tage in und im BDX. Das erste Mal. Da beschäftigt man sich über Jahre mit dieser Gegend, sowohl theoretisch als auch praktisch, aber hat es nie geschafft, bis vor Ort. Es war ein Erlebnis, keine Frage. Tolle Eindrücke, viel gelernt, viel verkostet auf den großen Weingütern dieser Welt und abends gut gegessen und getrunken (dann die bezahlbaren Weine). Es war eine hervorragend organisierte Tour, vom lieben Max Hendlmeier (ich bin nicht verschwägert oder so und bekomme auch keine Tantiemen). Kann ich allen nur raten mitzumachen die den Mythos mal erleben wollen.


Anfrage

Habe aber auch noch eine Frage an die Profis: In BDX habe ich drei Weine getrunken die mir gut gefallen habe, die ich aber bei meiner Recherche hier nicht gefunden habe. Kann mir jemand helfen: Ch. Naudin-Larchey,Pessac; Ch. Vieux Maillet, Pommerol; und Ch Latour Martillac bzw. Lagrave Martillac. Wo kann man die Weine kaufen?
Vielen Dank im voraus
Jürgen Erdmann

Antwort

Grüezi Jürgen
Es ist immer schwierig, Ratschläge bezüglich Bezugsquellen zu erteilen. Oft wechseln die Anbieter oder die Weine sind gerade nicht erhältlich. Am besten funktionieren Suchmaschinen wie der Weinfander bei Wein-Plus.de, der wine-surcher.com oder snooth.com etc. Allerding sind auch diese nicht immer auf dem neuesten Stand, denn in der Weinszene wechselt so manches so rasch. Deshalb habe ich mir längst eine umfangreiche Dokumentation über Bordeaux-Weine selber geschaffen und immer wieder aktualisiert. Sie umfasst im Augenbilck 1350 Weine mit ihren Preisen, Daten und Bezugsquellen.

Unter diesen Weinen ist Naudin-Larchey nicht vertreten, also wird er - zumindest in der Schweiz - kaum angeboten. Auch in Deutschland habe ich ihm nirgends begegnet. Einzig in Frankreich trifft man den Wein ab und zu an. Preiskategorie um 10 Euro.

Vieux Maillet wird vor allem auf dem Platz Bordeaux kommerzialisiert aber auch nach USA - und in die Schweiz - exportiert. . Hier (in der Schweiz) ist er in mehreren Weinhandlungen erhältlich. Preisklasse um 25 Euro. In Deutschland hat ihn sicher C&D im Angebot. Es dürften aber noch weit mehr Bezugsquellen sein. Ich meine, hier ist das Finden kein Problem.

Noch einfacher ist es, die beiden Weine Latour Martillac und Lagrave Martillac zu  finden. Vor allem Latour Martillac wird regelmässig auch "en primeur"  Subskription) angeboten. Preisklasse ebenfalls um 25 Euro. Hier ist ja besonders auch der Weisse sehr interessant. Wiederum C&D, aber auch Cleverwein und andere haben ihn im Programm. Lagrave Martillac ist der Zweitwein von Latour Martillac. Preisklasse um 12 Euro und deshalb eher bei Anbietern von günstigen Bordeaux zu suchen, zum Beispiel bei Vinatis.de und andern. Etwa die Hälfte der Produktion dieses Château geht in den Export und ist in vielen Ländern häufig anzutreffen, auch in Deutschland. Am besten über einen Wein-Fahnder oder -Sucher die Vergleiche studieren und ein günstiges Angebot finden. Herzlich
Peter

 

Aussage

Herzlichen Dank Peter, ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich bin in diesen Tagen ein Fan von Pessac Leognan geworden. Deine Anmerkung zu dem Weißen von Latour Martillac kann ich nur zustimmen. Beide, Rot und Weiß haben meine Frau und ich in einem Restaurant in BDX genossen.  Wobei die Gegend in PL einen nicht unbedingt umhaut. Darüberhinaus hatten wir noch folgende Weine, die uns viel Spass bereitet haben: Haut Bergey und Larrivet Haut Brion, ebenfalls aus PL.

Was mich zu der Frage führt: Wie kommt es, dass eine Appelation sich so für uns in den Vordergrund schiebt und zu unseren Lieblingen des Genusses wird? Und, uns ging es nicht alleine so, auch gewonnene Freunde der Weinreise erging es ähnlich. Das die Weine des BDX insgesamt einen "fetteren" Stil haben als ergleichbare Weine des letzten Jahrtausend ist offensichtlich, aber warum stach diese Gegend besonders hervor für uns? Wie auch immer, in den letzten Tagen haben meine Frau und ich >vegleiche mit anderen Weingegenden angestellt: Burgund, Piemont und Toskana, keine dieser Weingebiete ist so führend, was die
Komplexidität des Weines angeht wie BDX. 
Meine unmaßgebende Meinung!

Zum Wohl Jürgen Erdmann

Antwort

Grüezi Jürgen

Du wirfst eine Frage auf, die mich schon lange beschäftigt: Warum erküren wir eine bestimmte Gegend, einen bestimmten Wein, eine bestimmte Appellation zu unseren Lieblingen, oft auch nur für eine gewisse Zeit? Neudeutsch ausgedrückt: warum werden wir Fan (nicht nur von Sportmannschaften, auch von Weinen)?

 

Ich glaube, es gibt drei entscheidende Faktoren: ein objektiver, der in der Sache liegt, und zwei subjektive, die nicht so leicht voneinander zu trennen sind. Gerade bei gemeinsamen Weinreisen - ich habe recht viele gemacht, einige auch mit Max Hendlmeier - spielt die Gruppendynamik (dazu gehört auch das Wohlfühlen in der Gruppe) eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ich habe immer wieder erlebt,

wie die gleiche Region, das gleiche Weingut, auf unterschiedlichen Reisen, in unterschiedlichen Gruppen, ganz verschieden wahrgenommen wird. Man mag sich noch so sehr dagegen wehren: Gruppenstimmungen schlagen sich in Einzelmeinungen - ja sogar in Einzelempfindungen - nieder, positiv und negativ (das heisst ablehnend oder zustimmend).

 

Der zweite wohl noch wichtigere Faktor ist das, was man so gemeinhin als Prägung (Sozialisation) bezeichnet. Von Kindsbeinen an werden wir auf gewisse "Geschmäcker", Vorlieben, Erfahrungen getrimmt. Ich meine dies nicht negativ. Als Dozent der Medienwissenschaft habe ich - zusammen mit meinen Soziologenkollegen - das Phänomen der Prägungen immer wieder erforscht und diskutiert. Prägungen gehören zu den wichtigsten Faktoren bei der Rezeption - im einen Fall: einer TV-Sendung - genau so aber auch beim Wein. Verhaltensänderungen - die weitgehend auf Prägungen beruhen - sind unheimlich schwer zu vollziehen, für uns alle. Psychiater können davon ein "Liedchen

singen".

Der wohl am besten erfassbare (und messbare) Faktor ist der Werteines Weins: ich meine damit die Qualität, aber auch das vieldiskutierte Preis-Leistungsverhältnis, all die mehr oder weniger gesicherten Werte, die beim Wein ins Gewicht fallen. Wenn wir im Bordelais sind, dann ist Graves (Pessac-Leognan) wohl das beste Terroir, der beste Boden für Reben. Es heisst nicht um sonst Graves = gravier = Kiesel, wo die Wärme am Tag gespeichert und nachts wieder abgegeben wird, wo ein nährstoffarmer Boden die Reben zwingt, sich auf das Leben und Überleben zu konzentrieren… Nicht umsonst haben die Römer hier die ersten Weingärten angelegt, nicht im renommierteren Haut-Médoc und nicht im höchstbezahlten Pomerol. Ich meine, wir sind da noch viel näher bei dem, was die Natur uns gibt, als in allen andern Bordeaux-Appellationen. Da spielt die Technik des Menschen (im Rebberg und im Cave) eine weit geringere Rolle. Und der Winzer im Graves - sieht man einmal ab von den paar Grossen in Pessac-Leognan - haben hier weit mehr zu kämpfen als in St-Emilion, Pomerol oder Médoc. Ich habe immer den Eindruck - die Weine sind hier zwar nicht unbedingt besser, aber echter, natürlicher, eigenständiger, individueller. Man meint den Menschen zu spüren, der den Wein gemacht hat und nicht den Computer, der die besten Werte errechnet hat. Herzlich

Peter

MÉMOIRE & FRIENDS
Dies ist ein Anlass der Schweizer Weinszene, der sich zum grossen Wein-Ereignis gemausert hat. Gestern war es wieder so weit. Es präsentierten sich 140 Schweizer Winzerinnen und -Winzer im Kongresshaus in Zürich
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Der Beitrag - ohne Bilder - ist auch im Forum von Wein-Plus erscheinen. Da findet allenfalls auch die Diskussion statt.