Getrunken ab 22. Juli 2016 (3)  (aktuell)

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

www.facebook.com/sammlerfreak

23. März 2017

 

Dieter Meier - Ojo de Agua:
Malbec 2007, Mendoza, Argentinien

 

 

«Ein Hansdampf in allen Gassen, sei er», sagt Dieter Meier mitunter von sich selber: Winzer, Musiker, Poker-Spieler, Unternehmer, Performance-Künstler, Frontman von Yellow, Investor, Gastronom, Farmer, Herr über 10'000 Rinder… Ja, er macht und machte vieles; von all dem etwas, aber so gut, dass es meist rentiert. Auch beim Wein?  Bio-Wein, natürlich! Und zwar bevor die grosse Bio-Wein-Welle über uns hereingebrochen ist. Wenn ich an argentinische Weine denke, dann – welch ein Wunder – kommt mir Malbec in den Sinn und Holz, viel Holz. Malbec ist – zu Recht – die Traube Argentiniens. Das Klima sei dafür geschaffen, sagt man. Eigentlich ist Malbec - unter dem Namen «Côt» - eine französische Rebsorte, die für den «schwarzen» Cahor verantwortlich ist: fruchtig, pflaumig, tabakig, bitterschockoladig, wachholdrig… Und der Malbec aus Dieter Meiers Weingut in Mendoza? Solche Pauschalcharakterisierungen sind ihm nicht abzusprechen. Doch sie präsentieren sich in einer Grandezza von Charme, von Eindeutigkeit und Bestimmtheit. Bei aller Üppigkeit, ein eleganter Wein, der sagt, was er ist, sein will: vielleicht ein Tausendsassa, wie sein Schirmherr, von allem etwas, aber im Grunde genommen „ehrlich“; vor allem nicht von Holz erschlagen, wie es so manche argentinischen Weine sind und in guter Harmonie. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Wein schon fast zehn Jahre in der Flasche ist; vielleicht, weil er zu den frühen Jahrgängen des Weingut gehört; vielleicht, weil ich – auf Grund des Rauschens im Blätterwald – einen anderen, viel raueren, viel „gepressteren“, vielleicht sogar auf Natürlichkeit gestylten Wein erwartet habe; in einer Art Scheinzwangslosigkeit und gefällig. Gefällig ist er, aber gar nicht im meist negativen Sinn. Vielmehr: er hat mir gefallen.  

20. März 2017

  

Kellerei Meran und Burggräfler: Graf von Meran 2014, Merlot-Lagrein, DOC Südtirol Selektion, Italien

 

Auf der Such nach Neuem – das heisst für mich noch unbekannten Weinerlebnissen – stosse ich immer mal wieder auf Weine, die ausserhalb meines sensorischen Erfahrungsschatzes lieben. Zwar kenne ich in der Regel die Gegenden, die Rebsorten, ab und zu sogar den Namen des Winzers oder des Betriebs. Das alles ist heute ja in der breiten „Weinliteratur“ nachzulesen, zu ergooglen oder zumindest bei Weinfreunden oder Händlern zu erfragen. So zum Beispiel auch bei diesem Wein aus dem Südtirol. Er kam eigentlich nur in meinen Keller, in mein Glas, weil ich – immer, wenn ich ein Weingeschäft aufsuche – nach Neuheiten frage: Neue Jahrgänge, neue Winzer, neue Weine …. Diesen „Grafen“ kannte ich nicht, zumal Südtirol – für mich ganz persönlich – ziemlich abseits meiner Weinwelt liegt, geografisch zwar nicht fern, als Weingegend aber von mir eher unbetreten. Wenn ein Wein zudem noch aus einer Genossenschaftskellerei kommt, dann geht mir – so urteile ich unbesehen - jene Individualität verloren, die ich immer wieder suche. Ich denke unwillkürlich an Grossproduktionen, an Weine, die dem vorherrschenden Weingeschmack nahekommen und sich auch international vermarkten lassen. Das muss nicht schlecht sein, doch es kann in der Regel den Weinfreak nicht kitzeln. Ja, dieser Graf ist so: kräftig, mit viel Aromen, fruchtig, rauch-holzig, erdig, saftig: ein Kraftwein. Kein Leichtgewicht, eher ein elegantes Schwergewicht, das aber mit Gefälligkeit nicht aneckt und bis in den langen Abgang hinein überzeugt. Aber eben: wo ist die Individualität, die Originalität, wo ist das vielbeschworene Terroir? Nicht jeder Weingeniesser braucht dies, ich aber schon, immer mehr. Die Eintönigkeit – bis hinein in die Bordeaux – wo es nur noch um Nuancen in den Unterschieden geht – langweilt mich. Man merkt dies vielleicht auch daran, dass ich immer seltener Notizen im „Getrunken“ schreibe. Die Geschichten gehen aus. Ein Wein aber ohne Geschichte ist für mich langweilig, stumm, erzählarm, oder – weit häufiger noch – eingebettet in eine technische Welt. Man macht Weine mit immer mehr Hilfsmitteln, in modernsten Kellern, in  technisch totalüberwachter Produktion, vom Wachsen im Weinberg bis zur Flaschenabfüllung (und darüber hinaus). Und trotzdem: ich drücke hier zwei Augen zu, weil der Wein der Gefälligkeit weitgehend entgeht; weil er das ist, was er sein will: stolz, bestimmt, nobel. Mit einer Noblesse, der man gerne wieder begegnet und aufsucht. Zumal der Anteil der Rebsorte Lagrein (30%) dem Wein etwas von der Individualität geben kann, die weit über die Merlot-Traube (ca. 70%) hinaus geht und sich sensorisch - für mich - neuen, andere Räumen öffnet. Nicht nur in der Kraft und Eleganz: auch im Charakter und in der Kultur, der Weinkultur!

12. März 2017

 

Château Haut-Brion 1997, Pessac-Leognan, Bordeaux, Frankreich

 

Eines meiner  Hobbies war es, meist auf Auktionen, hochdotierte Weine aus sogenannt «schwachen» Jahrgängen zu kaufen, meist, weil sie in einer bestimmten Phase (im Handel) nur noch schlecht zu verkaufen waren und deshalb oft sehr günstig «abgestossen» wurden. Bordeaux-Weine des Jahrgangs 1997 sind so Beispiele. Anfänglich (in der Subskription) stark überteuert, dann nach acht bis zehn Jahren, kaum mehr «verkäuflich» und zum Teil zu «Schleuderpreisen» auf den Markt geworfen. Wer kauft schon einen Top-Wein eines schwachen Jahrgangs, wenn dafür der Marktpreise wie für einen weit besseren Jahrgänge des entsprechenden Châteaux zu bezahlt ist ? Für einen Kauf gibt es ganz andere Gründe. Zum Beispiel eine Erinnerung, Geburtstage, Jahrgangsvergleiche etc. Deshalb habe ich an Auktionen oft zugeschlagen – wenn ein bestimmter Jahrgang in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine besondere Bedeutung hat. Die Tochter meines Freundes hat den Jahrgang 1997, also…

Also habe ich vor Jahren bei einer günstigen Gelegenheit eine Flasche Haut-Brion ersteigert und diese irgendwann dem Freund – oder seiner Tochter – geschenkt. Jetzt ist die Tochter 20 geworden. Bei einer Einladung zu ihren Ehren wurde der 97er Haut-Brion geöffnet. Inzwischen ist sein Preis – er ist jetzt ein typischer und mitunter sogar gesuchter Geburtstags- oder «Jahrgangs»-Wein – wieder beträchtlich gestiege, so um 400 bis 500 Franken sind jetzt zu bezahlen. Also keine Flasche, die man mir-nichts, dir-nichts öffnet. Doch als Gast der kleinen «Geburtstagsfeier» durfte ich den Wein «mitgeniessen». Und es war – allen Unkenrufen zum Trotz - ein Genuss. Eine feste Regel mag zwar stimmen: schwache Jahrgänge sollte man früh trinken und nicht erst nach zwanzig Jahren. Vielleicht stimmt auch das, was Weinkritiker in Sachen Abbau eines schwachen Jahrgangs zwangsläufig feststellen (feststellen müssen, wenn sie glaubwürdig sein wollen). Ein solcher Wein hat nicht gut zu sein. Basta! «Höchste Zeit, wenn man hier noch etwas erleben will. Bei Einschenken war das Bouquet ziemlich gross. Dann gings bergab. Zuerst in der Nase, dann zerbröckelte der Gaumen wie ein Kartenhaus», verkündete René Gabriel. Das zusammengebrochene Kartenhaus konnten wir – beim besten Willen – nicht entdecken. Da war ein Wein im Glas, der noch präsent ist, würzig, sogar mit einer guten Portion Frucht, mit einer warmen, erdigen Süsse im Abgang, mit einem etwas dumpfen Bouquet, Leder- und Edelholznoten, Rosinen und Lakritze… Waren wir – die Mehrheit der Runde bezeichnet sich als Weinfreaks («Amateurs du Vin») – so blöd, etwas festzustellen, was nicht (mehr) vorhanden ist? Auch bei Berücksichtigung der Umstände (Feier rund um einen Geburtstag, hervorragendes Essen, gute Stimmung) kann ich nicht nachvollziehen, dass dieser Wein abgestiegen sein soll, abgewirtschaftet von einst 18/20 zu 15/20 Punkten, von einem guten zu einem nur noch knapp trinkbaren Wein. Vielleicht ist er etwas anders gworden, entzieht sich ein paar der üblichen Bewertungen, macht aber noch viel Spass. Nicht nur an Geburtstagen.

04. März 2017

 

Domaine du Mas des Armes: Perspektives 2014, IGP (Indication Géographique Protégée) Pays de l'Hérault, Languedoc, Frankreich

 

Immer häufiger tauchen sie auf, die IPG-Weine, auch im Weingebiet der Languedoc, wo man noch immer – und mit immer mehr Erfolg – auf die Tradition setzt. Die Tradition verlangt  für Weine der höchsten Kategorie AOP (AOP = Appellation d’Origine Protégée – früher AOC = Appellation d’Origine Controlée) bestimmte Rebsorten. Dies sind vor allem Syrah, Mourvèdre, Grenache, Carignan und Cinsault (und zwar zu einem bestimmten Mindestanteil). Die Weine aus den verschiedenen Appellationen im Languedoc, welche die Bezeichnung AOP (AOC) tragen, sind denn auch mehrheitlich Cuvées aus drei bis fünf dieser Rebsorten. Dadurch – und die vorgeschriebenen Produktionsbedingungen - haben sie auch einen eigenen Charakter, eine eigene Originalität und Identität. Nun gibt es aber auch immer mehr Winzer – auch Spitzenwinzer – die den Anschluss an international dominierenden „Weingeschmack“ nicht  verlieren, der immer stärker von den Rebsorten Cabernet Sauvignon und Merlot (Bordeaux-Blend) geprägt ist. Deshalb gibt es seit 2009 die Bezeichnung IPG als „geschützte geografische Angabe“, welche die Herkunft aus der Region (oder Appellation) garantieren, den Produzenten aber mehr Freiheiten lassen in den Rebsorten, beim Anbau und bei der Vinifikation. So haben denn IPG-Weine im Languedoc vor allem Cabernet Sauvignon und Merlot in ihren Assemblagen. So auch hier: 40% Syrah, 20% Grenache, 20% Cabernet Sauvignon, 20% Merlot. Kompliziert? Ja, aber nur für die, die es genau wissen möchten. Der Weinliebhaber urteilt auf Grund seiner Vorlieben: eher traditionell oder internationaler. Südfranzosen sind es allemal, auch wenn die Vorschriften gelockert sind. Dieser „Perspektives“ hat zwar etwas von den sonst prägenden Eigenschaften verloren, dafür an Akzeptanz, an Trinkfluss, an Verbindlichkeit gewonnen. Der Wein verleugnet seine Herkunft nicht- im Gegenteil –doch er ist für viele WeinliebhaberInnen nicht mehr der Aussenseiter. Er reiht sich mühelos ein, in die Kategorie gern getrunkener Terroir-Weine.

26. Februar 2017

 

Château Valcyre Gaffinel:  Benezech Grand Cuvée 2013, Pic Saint Loup, Coteaux du Languedoc, Frankreich

 

Es gibt Weine, die gefallen – schon beim ersten Schluck. Sie sind geschmeidig, fühlig, angenehm, verbindlich. Kurzum, die Versuchung ist nahe, ihn als Schmeichler zu bezeichnen. An diesem Begriff haftet ein schlechter Ruf, weil er – laut Definition -  „in übertriebener Weise Komplimente macht, nur  Gutes sagt, um sich Wohlwollen und Zuneigung zu sichern.“ Kein Wunder, dass schmeichelnde Weine, zwar gern getrunken, aber von Weinliebhabern meist mit Verachtung bestraft werden. Ein Schmeichler! Man ist ihm gegenüber voll Argwohn und unterstellt ihm sehr rasch einmal, mit unredlichen Absichten oder unehrlichen Argumenten zu operieren. Dieser Wein ist ein Schmeichler, aber weder mit unredlichen Absichten noch unehrlichen Argumenten. Vielleicht – das kann man ihm unterstellen – ist es kein typischer Languedoc-Wein, schon eher Rhone orientiert. Viel Syrah, so vermute ich, und wenig der „klassischen“ vier Languedoc-Rebsorten, die mit ihren unterschiedlichen Anteilen so etwas wie eine Verbindlichkeit von Languedoc ausmachen und stark der Tradition verpflichtet sind. Tatsächlich besteht diese Grand Cuvée nur aus zwei Rebsorten, Syrah zu 80%, Grenache zu 20%. Ein moderner Wein, der mit der Cabernet-Sauvignon/Merlot-Welle mithalten kann und doch kein Schmeichler ist; kein Allerweltswein, der überall gemacht werden könnte. Er steht zu seiner Herkunft, zu seinem Terroir, zu seiner Heimat an der Sonne. In diesem Fall ist Charmeur – oder eben Schmeichler – kein Schimpfwort, sondern Ausdruck echter Zuneigung zum Weinliebhaber.

17. Februar 2017

 

Château du Tertre 1986, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

Irgendwann macht man immer mal wieder – auch als Weinfreak – einen Fehler. Man kauft oder ersteigert einen Wein, den man gar nicht kaufen oder ersteigern wollte. Die Hand zu lange oben gehalten, zu wenig aufmerksam gewesen, die Übersicht verloren oder was auch immer… Jedenfalls ist es mir wieder einmal so ergangen bei diesem Wein. Eigentlich konzentrierte ich mich auf das nächste Lot – den Tertre Rôteboeuf – sah plötzlich den ausgezeichneten Jahrgang 1986 bei Du Tertre, überlegte mir was Gabriel oder Parker wohl dazu geschrieben haben, und schon – tagg - der Hammer ist gefallen, die Kiste «Du Tertre» ist mein. Pech gehabt oder Glück? Weder noch! Den Tertre Rôteboeuf hat man mir noch zugesprochen, den einfacheren Tertre habe ich rasch vergessen. Unkosten eines allzu neugierigen und voreiligen Weinliebhabers. Jetzt – bald ein halbes Jahr später – ist die erste der Flaschen offen und der Wein im Glas. Keine Enttäuschung, weil ich nichts (oder nicht viel) erwartet habe. Aber auch kein Hochgefühl, weil der Wein – nach dreissig Jahren – nicht mehr viel Kraft besitzt. Durchaus noch würzig, ein eleganter Körper und eine bestimmte Art von Überreife. René Gabriel sieht es viel drastischer: «Zum Essen passabel, aber weit weg vom Stand von heute.» Magere 14 Punkte. Dies ist der Moment, wo mich ein Wein zu wieder zu interessieren beginnt. Fakten oder Vorurteile? Wohl beides. Tatsächlich gehörte das Weingut damals noch zum Besitz von Calon-Ségur, wurde vernachlässigt und fristete einen Dornröschenschlaf. Erst gut zehn Jahre später wurde es und sein Wein «geweckt», durch einen neuen Besitzer, dem auch Château Giscours gehört. Ein Wein also noch aus der alten Ära. Das kann nicht gut sein! Und wenn der Wein nun doch recht gut ist? Wenn ich auch nach dreissig Jahren noch Frucht erkennen kann; wenn die Mineralik noch klingt und die Eleganz in einen nicht mehr ganz so langen Abgang mündet. Nein, der Wein lebt, hat überlebt, zwar längst nicht mehr an der Spitze – es gibt bessere Altweine – aber durch seine Offenheit und Gefälligkeit. Ohne mein Fehlverhalten hätte ich diese Erfahrung nie gemacht. Das wäre schade.

05. Februar 2017

 

Celler Aixala I Alcait; Les Civelles de Torroja 2013, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Mein önologischer Feldzug durchs Priorat geht weiter. Angeregt durch durch die Vorbereitung zur nächsten Weinrallye, in der es um Vorurteile geht, habe ich zu diesem Wein gegriffen. Das kolportierte Vorurteil: "Priorat-Rotweine sind alkoholisch und überreif. Mir ist natürlich klar, dass das so nicht wahr sein kann, aber für so einiges, was ich bislang getrunken habe (Val Lllach, Mas d'en Compte), traf es zu." Also muss ich weitermachen mit meinem ganz persönlichen Entdeckungsfeldzug. Eigentlich bin ich immer unterwegs, aber nicht ausschliesslich und allzu oft im Priorat. Es gibt ja so viele gute Weingebiete und so viele Weine und mehr als eine gewisse Dosis hat mir der Arzt längst verboten, zumal ich nur über das schreibe, was ich trinke, und nicht nur degustiere. 

Aus der Degustation bei Torsten Hammer (Priorat-Hammer) habe ich in Erinnerung, dass dieser Wein stark mit dem schwarze Schokolade verbunden ist. Nicht in Bezug auf Süsse, vielmehr im Aromenspiel. Nun - ich gebe es zu - solche schon fast schlagende Anklänge liebe ich nicht. Sie sind mir suspekt, weil sie oft nicht nur mich, sondern auch die Feinheiten eines Wein erschlagen. 100% Samsó - will heissen Carignan - und 14%vol. Alkohol, auf dem Papier nicht mein Wein. Und im Glas? In mir findet ein Kampf statt - eine Rebsorte die ich (als Languedoc-ianer) liebe und Power (angefangen bei der tiefschwarzen Farbe), die nicht meinen Vorstellungen eines "filigranen, vielschichtigen" Weins entspricht. Und? Wer oder was hat gesiegt? Bei meiner Frau ist das Urteil eindeutig: toll. Ich hingegen zögere, will mich auf keine (extreme) Seite schlagen. Schliesslich siegt - und das ist nicht bloss Höflichkeit - die Carignan-Liebe. Warum? Weil der Wein mit seinen Talenten spiel; weil zwischen der Üppigkeit eine Frische, die Frucht, feine Mineralik aufblitzt, weil sie mich hin und her jagt im Erleben. Dieses Spielen liebe ich beim Wein. Auch im Priorat.

29. Januar 2017

 

Germans Duran: Trosset de Porrera 2011, Priorat Katalonien, Spanien

 

Auf meiner ganz individuellen «Reise » durchs Priorat begegne ich Weinen, die ich inzwischen – zumindest degustationsweise – kenne und, so hoffe ich, auch einigermassen einschätzen kann. Ein faszinierendes Weingebiet beginnt sich allmählich zu entschlüsseln. Doch noch immer brauche ich die Karte, um meine Eindrücke einer fast wöchigen Fahrt (vor gut einem Jahr) – auf und ab, rechts und links – quer durchs Priorat wenigstens geografisch einordnen zu können. Weinmässig haben wir in dieser Woche nicht allzu viel erfahren, denn die Landschaft, die Besonderheiten – bis zum stillgelegten Bergwerk, die Kulturgüter, die Gruppierung von kleinen Dörfern, und immer wieder die Landschaft, haben uns vollauf in Trab gehalten. Auch meine Weinfreunde hier in der Schweiz können mir nicht allzu viel helfen, denn ausser den drei, vier «grossen Namen» ist nicht allzu viel zu erfahren. Torsten Hammers Prioratführer ist mir da eine Hilfe. Aus seinem Angebot – man muss offensichtlich gut 700 Kilometer nordöstlich reisen, um das 1200 Kilometer südwestlich liegende Priorat auch in Bezug auf Weine zu erfassen – stammt dieser Wein. Irgendwie fühle ich mich – bei diesem Wein – «zuhause» hat er doch Berührungspunkte mit einigen Topweinen aus dem Languedoc, meiner zweiten Heimat. Sind es die Rebsorten, ist es das Klima, der Boden, ist es der Schiefer, den ich so erkennen glaube, ist es die Vinifizierung…? Ich weiss es nicht. Oder ist es, weil mir der Wein – so empfinde ich es jedenfalls – eine Geschichte erzählt, oder Geschichten, die nirgends nachzulesen sind ausser in diesem Wein. Oder ist es das Etikett, welches meine Phantasie beflügelt? Jedenfalls ist es ein sinnlicher Wein, so sinnlich, wie ich ihn auf der bisherigen Prioratreise noch nie angetroffen habe. Bisher waren es meist bestimmte Noten (Aromen), oder eine besondere Kraft, oder eine unglaubliche Tiefe, die mich beeindruckten. Hier aber treffe ich auf ein Element, das ich bei vielen guten Weinen vermisse. Das unbeschwerte, aber gehaltvolle Fabulieren.  Ich sehe (im Geist) ein Blumenmeer, aber auch viele Steine, Mineralien, schwarze Früchte und erlebe ganz, ganz in der Ferne Erinnerungen an schwarze Schokolade. Wenn das nicht echte Erzählkunst ist!

24. Januar 2017

 

Finca Ses Talai­o­les: Sestal 2012, Mallorca, Spanien

 

 

Zehn Jahre sind es her, seit ich mich zum ersten – und bisher einzigen Mal – mit der Weinregion Mallorca befasst habe. Weinregion Mallorca? Nicht Ferienort, Ballermann-Rummel oder Sangria-Saufen? Nein, mit Mallorca, einer Insel mit «Qualitätsweinen». Damals war unser Weinfreund «Weinnase» - einer der ersten Internet-Vielschreibern – für ein paar Monate nach Mallorca gezogen und hat von da aus seine Entdeckungen und Einschätzungen uns getan. Zugegeben, ganz so ernst nahmen wir ihn nicht, zumal wir alle wussten, dass «Weinnase» nebst ausgezeichneten Wein-Kenntnissen auch eine blühende Fantasie hat. Wieviel von dem, was er uns alles erzählte, sind eigene Erlebnisse, Erfahrungen oder eben tolle Weingeburten der Phantasie. Jetzt bin ich ihm wieder begegnet, dem Wein aus Mallorca – nicht der «Weinnase», die leider nicht mehr Reisen kann. Der neu entdeckte Wein – eine Entdeckung im strengen Sinn ist es wohl nicht – hat die Fantasie des guten, des ausgezeichneten Mallorca-Weins in die Realität gerückt. «Sestal», verantwortet von einem jungen deutschen Winzer, auf einem alten, aber vor gut zehn Jahren neu hergerichteten Weingut im steinigen, steilen Osten der Insel, kann mit den besten Weinen Spaniens mithalten. Und das heisst etwas: denken wir nur an die aufstrebende Weinregion Kataloniens, das Priorat. Anstatt von Barcelona nach Westen zu fahren, geht es nach Osten – etwa 170 Kilometer übers Meer – zum Ferienparadies Mallorca, zur grössten Insel Spaniens. Abseits des Touristenstroms, dort wo die Hänge zu steil und wohl auch zu heiss sind, wachsen die Reben der Finca Talaioles. Sie wachsen und gedeihen offensichtlich bestens. Der Wein ist kräftig, aber auch geschmeidig, vor allem ausdrucksstark. Auch wenn ich solchen Weinen, die mit ihren grossen Merlot- und Cabernet-Anteilen an Bordeaux erinnern, eher aus dem Weg gehe – zumindest sie doppelt so kritisch wie andere Weine bewerte – hat mich dieser Sestal überzeugt. Vor allem, weil ich – bei aller Geschliffenheit – doch ein gutes Stück Eigenwilligkeit feststelle, ein Stück Persönlichkeit, die ihren Ursprung nicht im Keller, vielmehr im Rebberg hat. Es ist für mich gefühlsmässig eine – wie es das Weingut formuliert – «aus dem Ort hervorgegangene Materialisierung des `Espiritu de Ses Talaioles´»

Sangenis i Vaque      (Foto: Weingut)
Sangenis i Vaque (Foto: Weingut)

17. Januar 2017

 

Sangenis i Vaqué: Clos Monlleò 2005, Garnacha, Cariñena, Poerra, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Jetzt passiert mir das, was vielen passiert, mir vor vielen Jahren immer wieder beim Bordeaux: ein Wein ist zwar schon «alt» - bald zwölf Jahre – aber immer noch zu jung für den vollen Genuss. Dieses «Zu-jung» taucht immer wieder auf - bei Weinbesprechungen. Und es ärgert mich, weil es eigentlich keine Qualitätsbezeichnung ist, sondern den Zustand beschreibt, wie er - meist sehr subjektive wahrgenommen wird. Nicht mehr, als eine Beurteilung von Weingeniessern und -geniesserinnen; nichts anderes als eine Schätzung des Potentials und ein Glaubensbekenntnis in Bezug auf den Wein, dass er noch besser werden kann. Dies ist oft möglich, doch ich habe genauso oft das Gegenteil erlebt. Deshalb bleibe ich gerne bei konkreten Aussage: Der Wein ist jetzt – hier in meinem Glas - grossartig. Dies genügt mir, da brauche ich keine Potentialwertung und keine Superlative wie: «Der Clos Monlleó ist die Krönung aus diesem Weingut von einer hoch gelegenen, kargen Lage. Ein grosser, lagerfähiger Wein mit viel Extrakt, Würze, reifen und geschmeidigen Tanninen», wie ein Schweizer Weinhändler. Ob es die Krönung ist, weiss ich nicht. Ich hasse solche Begriffe, weil sich das Leben (auch der Wein) immer wieder entwickelt und eine «Krönungen» nur ganz selten anstehen. Superlative evozieren immer neue Superlative, schliesslich trinken wir nur noch Superlative, statt guten Wein. Mir genügt ein «guter Wein», wenn er sogar sehr gut is – wie dieser - umso besser. Und wenn es gar der beste ist, dann weiss ich, dass vielleicht schon morgen ein noch besserer daherkommt. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Deshalb bleibe ich lieber bei schlichten Begriffen, wie «viel Extrakt, Würze oder geschmeidige Tannine». Ist alles richtig! Was den Wein aber – für mich - ganz besonders macht, das ist eine Art Würde, Abgeklärtheit, Intensität, Tiefe, und zwar in Nase, Mund und Gaumen. Vielleicht sind dies keine beglaubigten Begriffe in der Nomenklatur der Weinsensorik. Dafür sind es Dinge, die – ob superlativ oder nicht – beim Weingenuss entscheidend sind. Dieser Wein – erstmals im Glas – war für mich deshalb entscheidend gut. Viel besser als so mancher viel teurere Bordeaux, auf dessen Exploit ich – gemäss Potentialprognose – noch immer warte.

10. Januar 2017

 

Weingut Balaguer i Cabré: Lluna Vella 2012, Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Ein Baum auf der Weinflasche hat bei uns längst Tradition. Ein von uns geschätzter Alltagsweine (Languedoc) hat einen Baum auf der Etikette (aber keinen Mond) und wird von uns liebevolll als «Bäumliwii» bezeichnet. Ein weiterer «Bäumliwii» hat – zumindest in unserem Herzen – keinen Platz, dachte ich. Natürlich habe ich trotzdem - umso neugieriger - den «neuen Bäumliwii» an der Priorat-Präsentation von Torsten Hammer in Coswig degustiert.  Selbstverständlich skeptisch, denn wer lässt sich schon gerne seine «Darlings killen»? Was mir aber sofort in die «Nase gestochen» ist, respektive sich im Mund ausbreitet hat, das ist die von mir so geschätzte Grenache-Note: am ehesten würde ich ihr die Bezeichnung «Feigenaroma» anheften. Doch das greift viel zu kurz, ist viel zu plakativ und natürlich auch viel zu einfach. Denn da kriecht  der Einfluss des Bodens, Lehm und Schiefer, hervor, die frische beerige Frucht wirkt noch ungestüm und überdeckt viele subtilere Eindrücke, auch die Würze eines kleinen, aber vielfältigen Gewürzgärtchens. Kompliziert? Mag sein! Mir liegt einfach die Rebsorte Grenache, pardon Garnacha,,vor allem, wenn man die Eigenständigkeit des daraus gekelterten Weins  erkennen kann, wenn Garnacha den Ton – den eigenen Klang – vorgibt. Zugegeben, ich bin nicht ganz "neutral", durch meine zweite Wahlheimat – das südliche Frankreich – so etwas wie vorgeprägt, auf eine andere Spur geleitet, weg vom Pinot Noir und den Cuvées mit Cabernet sauvignon und Merlot, wie sie bald überall in der Weinwelt auftauchen. Noch etwas hat mich fasziniert: Weder der Alkohol (16%vol.), noch das Holz, in dem der Wein ausgebaut wurde, führen ein Eigenleben (wie in so vielen kräftigen Weinen), Hier wurde Harmonie erzeugt, hier wurde etwas geschaffen, das mich erreicht, das mich berührt hat, schon bei der ersten Degustation. Jetzt aber konnte ich mich endlich – zuhause – mit dem Wein ausführlicher beschäftigen, eine gute halbe Flasche lang (die andere Hälfte gehörte meiner Frau). Da hat der neue «Bäumliwii» Einzug gehalten, vielleicht noch nicht ganz in unserem Herzen; sicher aber auf unserer Genussliste und vor allem in unserer Achtung, vor der Kunst einen so guten, harmonischen, eigenständigen Wein zu schaffen. Wir bleiben dran!

08. Januar 2017

 

Domaine Doudeau-Léger: Sancerre 2015, Pinot Noir, Loire, Frankreich

 

 

«Sancerre» ist traditionell der Begriff für einen Weisswein (Sauvignon Blanc) aus einer kleinen Appellation im Departement Cher (Loire). Meine Frau hat auch prompt protestiert, als ich ihn bestellte. Zu einem gepflegten Essen in einem der schönsten Restaurants in Paris, im «Train Bleu» (Gare de Lion), gehört ein kräftiger Rotwein. Jedenfalls nach unseren - von der Gewohnheit geprägten - Vorstellung. Es war nämlich unser nachgeholtes Neujahrsessen, also ein Festtagsessen in einmaligem Rahmen. Wir, meine Frau und ich, bestellten unterschiedliche Menüs, so dass ein überlegtes Food-pairing kaum möglich war (jedenfalls für mich nicht!). Die Weinkarte präsentierte ausschliesslich französische Weine, vor allem Bordeaux und Burgund, aber auch Languedoc-, Rhône- und ein paar wenige Loire-Weine. Da bin ich an meine Grenzen gestossen. Bordeaux wollte ich nicht (immer aus dem gleichen Grund: zuhause habe ich – wie wohl einige der Gäste – einen üppigeren Bordeaux-Keller (mit reiferen Weinen); Burgund war mir hier - im Vierstern-Restaurant – doch zu teuer; Languedoc (und Rhône) sind die Weine, die wir am häufigsten trinken, wenn wir in unserem zweiten Wohnsitz sind. Also blieb die Loire. Dies war für uns doch etwas Spezielles: ein Rotwein aus «Sancerre». So dachte ich  jedenfalls und konnte auch meine Frau überzeugen. Manchmal, nein sehr häufig, sind solche Überlegungen und das Durchforsten einer Weinkarte nicht das Richtige, wenn man bestimmte – zwar unausgesprochene- Erwartungen hat. Wir wurden enttäuscht, ich weniger als meine Frau. Der Wein – eine Rebsorte war nicht angegeben – entpuppte sich als eher leichten, fruchtigen Rotwein, so gar keine Posaune zum festlichen Essen. Zuerst tippte ich auf Cabernet Franc,  in meiner Verunsicherung kam ich nicht auf das Naheliegende: es war ein Pinot Noir. Weiche, geschmeidige Tannine, ein ruhiger, harmonischer Abgang mit schönen Fruchtnoten, Kirschen, Kirschen, dahinter – leider im grossen prunkvollen Saal kaum zu entdecken – einige fremde Gewürze, etwas Schmelz, unaufgeregter als ich, der versuchte, das sancerre-typische Terroir zu finden – gezeichnet vor allem vom Boden (Kies und Mergel) und der damit verbundenen Harmonie. Holz hatte er jedenfalls nicht, was mich versöhnt hat, meine Frau aber nicht.

04. Januar 2017

 

Clos l’Eglise 1996, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

Die Appellation Pomerol – an der Seite von Saint-Emilion gelegen – ist klein, vielleicht zu klein um wahrgenommen zu werden. Also tut man alles, damit sie wahrgenommen wird. man: pflegt den Ruf, macht sich rar, erhöht die Preise massiv und konzentriert sich auf ein paar Spitzenprodukte, die (im Schlepptau) auch die weniger bekannten (und oft auch markant schwächeren) Weine mitziehen, ja mitreissen. So ist Pomerol zu dem geworden, was es heute ist: die wohl teuerste Appellation im Bordelais. Aber auch die beste? Das Trio Pétrus, Lafleur und L'Eglise-Clinet gibt unbestritten den Ton (und den Preis) an. Pétrus: unter zweitausend Euro ist eine Flasche kaum zu ergattern. Lafleur, schliesslich der Zweite unter den Ersten: da genügen fünfhundert bis tausend Euro. Und L’Eglise-Clinet? Da lese ich gerade in der Werbung meines Bordeaux-Händlers: «Jetzt nur für 167.40 CHF», allerdings auch nur der «durchzogene» 2013er. Kein Wunder rüsten da alle anderen Weingüter im Pomerol auf. Mein «kleiner» Clos l’Eglise, den ich gerade im Glas habe, kostete damals – in der Subskription – 34.20 Franken. Der Jahrgang 1996: für die Neunzigerjahre sehr gut, fast schon ausgezeichnet. Und heute:  selbst beim «durchzogenen» 2013er muss man mit dem doppelten Preis rechnen – 60 statt 30, das geht ja noch! Schliesslich ist das Leben teurer geworden, auch das Weinleben. Sicher ist es falsch, Bordeaux immer auf den Preis zu reduzieren. Es gibt noch andere Kriterien, die mehr oder weniger preis-unabhängig sind, sieht man einmal vom Aufwand und der Sorgfalt ab, mit der die Reben gepflegt und das Traubengut vinifiziert wird.  Ich denke da vor allem an etwas, das bei hochwertigen, konzentrierten Weinen in der Beurteilung kaum je festgehalten wird. Ich nenne es «swingen», im Jazz ist es jene nur schwer erklärbare Synkopenverschiebung, welche, bei aller Perfektion und der Dominanz im Rhythmus (und der Melodie), zu einer zwar wahrnehmbaren, kaum aber erklärbare Mehrschichtigkeit führt. Ein Wein muss für mich eben «swingen». René Gabriel sagt es etwas direkter: der Wein darf nicht langweilig sein. Gerade die in der Regel sehr konzentrierten Pomerols neigen – trotz ihrer Qualität – zur Langeweile. Zumindest dieser Clos l’Eglis – mittlerweile auch schon zwanzig Jahre «alt» - aber nicht, er swingt. Und dies ist seine eigentliche Qualität.

Foto: Arcadela Duoro
Foto: Arcadela Duoro

02. Januar 217

 

José Henrique de Oliveira Lopes : Arcadela 2012, Grande Reserva, Osório, Douro, Portugal

 

Experimente in Bezug auf Weine, die man nicht kennt, sollte man tunlichst an Fest- und Feiertagen vermeiden. Zu gross sind da – ohne dass man es sich eingesteht – die Erwartungen, zu dominant ist der unbemerkte eingenistete Gedanke: besonders gut – wenn möglich sogar einmalig – muss der Wein sein. Diese Erfahrung hat sich am Silvesterabend – beim Neujahrsschmaus – wieder einmal bestätigt. Das kam so: Auf der Weinkarte im Lokal, wo wir den Jahresabschluss mit einem guten Essen markierten, werden zwei portugiesische Weine angeboten. Den einen – den günstigeren – haben wir kürzlich getrunken und waren nicht nur angetan, sondern sogar begeistert. Den anderen, rund 20 CHF teurer, habe ich mir bislang aufgespart. Zu gut bestückt ist mein eigener Weinkeller, als dass ich im Restaurant zu den etwas teureren Weinen greife, zumal der übliche Faktor bei der Preisberechnung (Händlerpreis mal drei) meist happig ist. Doch um Preisfragen geht es hier nicht. Es geht darum, soll man ein Genuss-Experiment mit einem unbekannten Wein wagen oder doch zum Vertrauten greifen? Ich habe es gewagt und leicht bereut! Es ist zwar ein guter Wein, doch kein Festtagswein. Etwas spitz im Abgang, zu rau, weinig Trinkfluss, durchaus fruchtig, würzig, kein dominierendes Holz (bravo, dies hat mich etwas versöhnt. Doch es fehlte ihm – im Augenblick – zwar nicht die Tiefe, aber die Bestimmtheit, das Markante eines Weins aus dem Douro-Tal. Zwar wurde der Wein im Glas (durch den Luft-Kontakt) immer besser und ich rätselte dauernd die Rebsorten. Das Etikett verriet nichts, das nachträgliche Googeln genau so wenig und  zur eigenständigen Einordnung fehlen mir (vorläufig) die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen mit portugiesischen Weinen. Nur so viel weiss ich: unter dem Label Arcadela werden herkunftsgeschützte Weine aus dem Douro-Tal vermarktet. Kürzlich war ich an einer grossen Präsentation portugiesischer Weine in Zürich (mit einem ausführlichen Katalog) und vielen, vielen Degustationen. Doch es zeigte sich, dass dies längst nicht genügt, um sich einem Weingebiet (und seinen Weinen) zu nähern. Dazu braucht es mehr Geduld, auch etwas mehr Gelassenheit und weniger vorgefasste Meinungen. Das Experiment, ein Festtagsessen mit einem unbekannten Wein zu verklären, musste ja scheitern.

Ehepaar Romero, Solà Classic
Ehepaar Romero, Solà Classic

26. Dezember 2016

 

Weingut Solà Classic: Solà Classic 2010, Bellmunt, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Es war ein Wagnis. An Festlichkeiten erwartet meine Familie einen «grossen» Wein, natürlich einen Bordeaux, natürlich etwas Bekanntes, womöglich Berühmtes. Und da komme ich mit einer schlanken Flasche aus dem Keller. Schon der erste Blick verrät: kein Bordeaux. Etwas aus dem Priorat erkläre ich. Aus dem Priorat? Kein Bordeaux-Blend? Nein, kein Bordeaux-Blend! Etwas Handfestes aus den Rebsorten Grenache und Carignan. Die Enttäuschung ist nicht allzu gross, denn diese Art von Wein, diese Rebsorten, haben wir in der Languedoc – unserer zweiten Heimat – oft im Glas. Aber Solà Classic? Mein verschmitztes Lächeln verrät: Es liegt wohl etwas in der Luft. Tatsächlich habe ich den – preislich – günstigsten Wein der neuerworbenen Prioratserie aus dem Keller geholt, ganz entgegen meinen Festtagsgewohnheiten, entgegen dem, was man eigentlich erwartet hat. Doch der Wein – ich gestehe es - hat mir an der Präsentation von Torsten Hammer in Coswig (Anhalt) ausserordentlich gut gefallen: ausdrucksstark, persönlich, überhaupt nicht beerig, eher mineralisch, «prioratisch». Soviel habe ich inzwischen gelernt: Das Priorat hat seinen eigenen Touch, in der Qualität durchaus mit Bordeaux vergleichbar, im Geschmack und im Stil aber eigenständig, sehr eigenständig, mitunter sogar eigenwillig. Der Wein gefällt mir und – oh Wunder – auch der kleinen Festtagsrunde. Er ist dem Festtag würdig. Und das freut mich, denn am kommenden Freitag steht die Weinrallye #105 auf dem Programm, mit dem schönen Thema «Etikettentrinker». Das weiss man in der Runde und hat erwartet, dass ich die Gunst der Feierstunde nutze und jetzt Anlauf nehme. So hat man den unbekannten Solà Classic irgendwo zwischen Finca Dofi und Mouton Rothschild eingeordnet. Zwar im Stil und Geschmack ganz anders, sicher aber eine Entdeckung des Wein-Herrn-des-Hauses. Tatsächlich ist der Wein (für mich) eine Entdeckung. Kein «Weltklassewein», aber ein Wein, der so viel Eigenständigkeit besitzt – und so viel Kraft und natürlichen Schmelz, – dass ich ihn gerne (und zu recht») als «Weltklassewein» gelten lasse. In Kategorien ausgedrückt: «ein sehr guter Wein».

23. Dezember 2016

 

Bodegas Merum Priorati: Ardiles 2014, Porerra, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Meine Entdeckungssucht nach guten Weinen (ausserhalb meiner «Stammgebiete» Bordeaux und Languedoc) treibt mich – seit einiger Zeit – oft nach Spanien, genauer gesagt ins Priorat (Katalonien). Bei Torsten Hammer (Priorat-Hammer) habe ich eine ganze Reihe ausgezeichneter Weine kennengelernt, immer brav dokumentiert vom Priorat-Kenner. Dies sind aber Ausnahmesituationen, der Alltag ist anders. Da taucht das Priorat eher selten auf, vor allem nicht in den Restaurants. Umso schneller greife ich zu, wenn einmal ein Prioratwein auf der Karte zu entdecken ist. So bin ich eben auf diesen «Ardiles» aus Porrera gestossen, Prioratführer im Sack, einzig mit Vertrauen auf mein sensorisches Urteil. Was konnte es mir melden? Ein schöner Wein, ausdrucksstark, aber auch schmeichlerisch, jung, zu jung, wie Weine in Restaurants in der Regel sind. Allein schon die Tatsache, dass Grenache (Garnacha) den «Ton angibt» machte mich neugierig, obwohl Syrah und Cabernet Sauvignon in der Cuvée offensichtlich zu vermitteln suchen. Unverkennbar ein Aufbruch zur Internationalität, indem das Pfeffrige, Balsamische, Würzige – das sich mitunter in eine Wildheit steigert – gedämpft und geschliffen wird. Selbst der Alkohol (15 vol%) und die deutlichen Vanillespuren vom Holzeinsatz die Herkunft aus dem Priorat (oder einer vergleichbaren Region), nicht (ganz) vertuschen. Die mineralischen Noten – typisch für das Priorat - sind noch spürbar, weinerlebbar vorhanden. Ein im Restaurant eher seltenes Erlebnis, vor allem zum Restaurant-Preis von knapp 60 CHF (der Wein kostet beim Händler um die 30 CHF). Solche Weinvisitenkarten sind zu belohnen, zumal auch das Essen (Rindsmedaillon) hervorragend ist und gut zum Wein passt (oder umgekehrt: der Wein zum Essen). 

Jaume Roca, Winzer, Priorat
Jaume Roca, Winzer, Priorat

16. Dezember 2016

 

Ficaria Vins: Pater 2013, Grenache, Montsant, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

 

Es ist der erste von rund zehn Weinen, die ich am Event von Priorat-Hammer in Coswig kennengelernt und zu mir nach Hause beordert habe. Kennenlernen heisst für mich immer: sich wenigstens einen Abend mit einem Wein beschäftigen, ihn nicht «nur» zu degustieren, sondern zu trinken. Alle Weine, über die ich im «Getrunken» berichte, erfüllen diese Voraussetzung. Ich bin kein Önologe, der wertet und richtet,  der ein-, über- und unterordnet. Ich erzähle Geschichten eines Weinliebhabers. Im Rahmen dieser Geschichten nimmt das Priorat eine immer wichtigere Rolle ein. Von Bordeaux bin ich also weiter südlicher «gerutscht», nach Spanien, genauer gesagt, nach Katalonien. Warum? Nicht weil ich dem Bordeaux «abgeschworen» habe, vielmehr weil ich finde (man nehme es mir, dem Bordeaux-Sammler nicht allzu übel), es haben noch viele Mütter schöne Töchter, oder eben: Weingebiete und schöne Weine. Für mich bringt die Mutter Bordeaux immer mehr affektierte «Schönheiten» hervor, die zwar zu geniessen, aber nur noch selten zu spannenden sind und vor allem kaum mehr zue neuen Weinerlebnissen führen. Die «Mutter Priorat» hingegen hat einiges zu bieten, was weinweltweit noch nicht so bekannt ist und vor allem nicht tausendfach (in allen nur denkbaren Varianten) kopiert wird. Da ist vor allem die einmalige Landschaft (mit einem ganz anderen, speziellen Terroir), da sind aber auch Weinproduzenten, meist Kleinwinzer, die ihre Weine noch in Handarbeit erschaffen und es sind (auch) andere Rebsorten, welche zu «anderen» Weinen führen.
Es ist nicht zufällig, dass ich gerade den «Pater» zuerst eingeschenkt habe. Ein 100 Prozent «Garnacha» (Grenache) Wein, also aus einer mediterranen Rebe, die ursprünglich aus Spanien stamm, und hier einen eigenen "katalonischen" Wein hervorbringt. Wie viel an Eigenständigkeit dem Winzer (und seinem Können) zu verdanken ist, wie viel dem Terroir am Montsant oder wie viel der Traubensorte, kann ich nicht abschätzen und beurteilen. Ist eigentlich auch egal. Wichtig ist das Erlebnis: «Feigen» habe ich spontan festgehalten, dann sind starke Kräuternoten aufgestiegen, die im Pfeffer, aber auch in Kirschtönen sich eingenistet haben. All dies – und noch viel mehr – breitete sich aus, im Glas und im Gaumen, verwebte sich zu einem Erlebnis, einem Weinerlebnis, wie ich es – trotz vieler guter Weine im Glas – schon lange nicht mehr hatte.
Eigentlich liebe ich alkoholstarke Weine nicht, genau so wenig wie holzlastige Weine. Alkohol und «Holz» hat es im Pater, für mich vielleicht sogar zu viel, wäre da nicht das Erlebnis einer geschmacklichen Harmonie aufgekommen wäre, hatte ich wohl bald mit trinken aufgehört. So aber nicht, obwohl ich scheinbar (meine Frau hat dies kolportiert) immer wieder gehaucht haben soll: warten, warten, warten… Ich meinte wohl: der Wein wird mit den Jahren nochl besser, geschmeidiger, harmonischer…
Irgendwie kommt es mir vor, wie zur Zeit als ich mit Bordeaux begonnen habe. Ich konnte und wollte nicht warten. So viel Zeit habe ich jetzt nicht mehr, wie damals beim Bordeaux. So lange kann (und will) ich nicht mehr warten. Doch, das ist auch gut so… Das Priorat hat offensichtlich noch einiges mehr zu bieten. 

16. Dezember 2016

 

 

Fatascia Almanera: Nero d'Avola 2002, Sizilien, Italien

 

 

Wir werden immer mehr – vor allem in Restaurants – von süditalienischen Weinen «überschwemmt». An der Spitze natürlich mit dem Primitivo: meist ausdrucksarm, immer mehr in die blosse Gefälligkeit verbannt. Aber auch der «Sizilianische Fürst», wie die Rebsorte «Nero d’Avola» in Sizilien auch genannt wird, drängt immer mehr auf den Markt. Meist sind es Weine, die im Laden zwischen fünf und zehn Franken kosten, sehr süffig sind und den Eindruck eines üppigen Weins hinterlassen. Die Belanglosigkeit so vieler Primitivo wird abgelöst durch eine Eigenständigkeit in den Aromen, die den Nero d’Avola (sogar für «Laien») erkennbar machen. Ahh – Sizilien! Ferienträume werden wachgerufen, Erlebnisse erinnert, der Ätna beginnt (im Geiste) zu sprühen: dunkle Frucht, begleitet von Pfeffer und Wärme, von herben Tanninen und oft auch hohen Alkoholprozenten. Dies ist trotz Alltag nicht Alltag, aber zu Alltagspreisen zu haben. Es macht den Sizilianer attraktiv, jedenfalls attraktiver als den Primitivo, der den gewöhnlichen Chianti  (bei den offenen Weinen im Restaurant) abgelöst hat. Doch der Nero d’Avola ist auf dem besten Weg in die Balance des Gewöhnlichen einzudringen. Da nützt der immer häufiger feststellbare «Holzeinsatz» auch nicht viel. Im Gegenteil: er macht das Eigenständige zum Austauschbaren, den Sizilianer zum Weltbürger. Eine Entwicklung, wie sie sich schon bei vielen Weinen abzeichnet.
Um dem Nero d’Avola gerecht zu werden, muss man vielleicht doch ab und zu «ältere Jahrgänge» einschenken, zurückkehren in eine Zeit, als der «Fürst» noch sizilianisch war. 14 Jahre sind für einen Wein dieser Kategorie schon eine «lange Zeit». Flaschenreifung ist ohnehin nicht seine beste Eigenschaft. Da kommt in den Jahren nicht mehr viel dazu; nur der Abbau. Trotzdem: Dieser Wein hat noch einen verwelkten Charme. Von Vielem wenig übrig geblieben: etwas Restfrucht roter Beeren, etwas Kräuter, etwas Kirschen, etwas Lakritze, etwas Bitterschokolade…
Die Struktur ist aber eingebrochen und die durchaus noch feststellbaren Aromen haben sich hinter die eher rauen Tannine verkrochen.

13. Dezember 2016

 

 

Allesverloren: Tinta Barocca 1991, Swartland, Südafrika

 

 

Irgendwie sind südafrikanische Weine «aus der Mode» gekommen. Jedenfalls spüre ich dies deutlich, wenn ich hier im «getrunken» etwas zu Südafrika schreibe. Es gibt zwar eine beachtliche Anzahl von Fans, doch der Zugriff und die Reaktionen sind deutlich geringer, sobald ich mich mit der «neuen Weinwelt» befasse. Ähnliches ist in Bezug auf Australien zu sagen. Dabei sind die Möglichkeiten zum Kauf der Weine hier in Europa übersichtlich und «wohlgeordnet», im Gegensatz zu anderen Weingebieten, wo fast jedes Weingut einzeln zu suchen ist und die Händler zu eruieren sind. Spezielle Anbieter führen fast die ganze Palette der international vermarkteten Weine aus Südafrika.

Allesverloren» gehört zu jenen Weingütern, die – allein schon auf Grund des Namens und der damit verbundenen Geschichte - bei uns gut bekannt sind. Was man aber kaum beschaffen kann – auch bei Auktionen nicht –, das sind ältere Weine aus Südafrika. Weine vor der Lockerung (oder Aufhebung) der strengen Vorschriften bezüglich der Importe von Reben und der Vermarktung von Weinen. Erst nach 1997 hat die qualitative Verbesserung der der südafrikanischen Weine begonnen und in der Folge so etwas wie einen Boom ausgelöst: Erstaunen in Europas! Es kommen aus Südafrika hervorragende Weine. Diese Erkenntnis hat sich – nicht zuletzt auf Grund des zunehmenden Tourismus in Südafrika – asllmählich durchgesetzt.
Dieser Wein von «Allesverloren» entstand noch in der «alten» Ordnung des Landes, zwar zuer Zeit der Aufhebung der Rassentrennung (Apartheit) und der Wahl Nelson Mandelas zum Staatspräsidenten.  Doch so schnell veränderte sich weder das Land, die Politik, noch das Ansehen des Landes in der Welt. Auch die Weinordnung brauchte ihre Zeit, bis sie im neuen (besseren) System angekommen war. Deshalb bin ich gespannt auf diesen «Tinta Barocca» aus dem Jahr 1991. Im Vergleich zu heute: ein «grober» Wein, trotz seines Alters noch trinkbar, doch mit wenig Finessen, Harmonie und Tiefe. Was mich erstaunt, das ist die Tatsache, dass sich der Wein 25 Jahre lang gehalten hat und noch einige Kraft und Präsenz aufweist, vor allem aber keine oxidativen Noten zeigt. Er ist nicht nur «trinkbar» - wie viele alte Weine - sondern ausgesprochen «interessant». Es zeichnet sich bereits ab, was mit der Neuordnung (vor allem der Neubepflanzungen) werden konnte. Für mich ist klar, schon damals konnte das Weingut besondere Weine machen. Weine, die einen eigenen Ausdruck, einen eigenen Charakter haben und nicht nur Klonen der «alten Weinwelt» sind.  Bis heute wird da auch die portugiesische Rebsorte «Tinta Barocca» ausgebaut, zu einem weichen, warmen, würzigen Wein: kräftig und doch charmant, mit dezenten Noten von Zwetschgen, roten Beeren und Mokka. Dieser alte Tinta Baroccawart so etwas wie ein Modell dafür.

,
,

06. Dezember 2016

 

 

René Barbier: Clos Mogador 2005, Gratallops, Priorat, Spanien

 

Bei Torsten Hammer (Priorat Hammer) lese ich: "Wo die Bäume mitten in den Weinbergen sind, dort ist Mogador...". Wenn ich das gewusst hätte, als ich vor gut einem Jahr während fast einer Woche das Priorat kreuz und quer durchstreifte: auf und ab, rechts und links… Ich war froh, nur im Auto zu sitzen und nicht selber zu fahren. Dies übernahm mein Freund Peter, dem ich allerdings weinmässig auch nicht viel beibringen konnte. Ich selber wusste ja fast nichts. Natürlich kannte ich ein paar wenige klingende Namen: Álvaro Palacios, René Barbier, Carles Pastrana, José-Luis Pérez,  Perre Rovira. Und was ich darüber hörte, das klang wie ein Märchen und im Vergleich der Aussagen: wie eine schöne, aber eintönige Leier. Mein Lieblingsrestaurant wird von einem Spanier/Schweizer geführt und der hat mir – vor Jahren – erstmals einen Finca Dofi eingeschenkt; mir, dem Bordeauxliebhaber und -sammler. Dieser Wein kann ja mithalten, mit den Grossen, ja mit den Ganzgrossen des Bordelais. Da mir Dofi – im Restaurant – doch etwas zu teuer erschien, lernte ich Palacios «Les Terrasses», auch noch teuer (und gut). In verschiedenen Degustationen tauchte immer wieder mal ein Priorat-Wein auf, aber um sie kennenzulernen genügte dies noch lange nicht. An einem runden Geburtstag meines Freundes war ein Prioratwein auf der Karte (ich kann nicht mehr sagen, welcher). Da ich als Weinschreiberling die Weinauswahl treffen durfte (musste), tippte ich – zum Erstaunen der Geburtstagsgäste – auf das Priorat. Und dies wurde – Jahre später – zum Startblock einer Prioratreise. Eine Reise mit grossen Augen, wenig Basiswissen, null Beziehungen zu Winzern und priorat-sozialisiert, durch ein paar «grosse Weine» dieser kleine, bei uns eher wenig bekannten Weinregion. Einen Mogador habe ich bisher noch nicht getrunken, auch im Priorat nicht. Dafür stand ich vor dem Weingut und drückte (symbolisch) die Nase platt. Mogador – all die gelesenen und gehörten Geschichten um das Priorat tauchten auf, die Erinnerung an die platt gedrückte Nase. Wir hatten an diesem Vorabend der Priorat-Verkostung in Coswig bei Priorat-Hammer sogar zwei Mogadors im Glas: 2005 und 2006, dazu die stereotypische Frage: welchen findest du, ist der bessere. Ich weiss es nicht! Dazu bin ich zu wenig prioratgeschult. Aber ich weiss jetzt, Clos Mogador ist ein ausgezeichneter Wein: tiefpurpur mit einem unglaublich schönen Bouquet von Brombeere und Schwarzkischen, von Toastnoten und Mineralik, von Opulenz und dicht strukturierter Harmonie, konzentriert und doch leichtfruchtig… Aber, was schreib ich da, das weiss man alles oder kann es nachlesen, auch bei Parker und anderen Päpsten. Wichtig ist nicht, was geschrieben wird; wichtig was man selber erlebt. Ich habe es erlebt.

(Signet Website Gruaud Larose)
(Signet Website Gruaud Larose)

29. November 2016

 

Gruaud-Larose 2004, Saint-Julien, Bordeaux, Frankreich

 

Was ist jung, was ist alt? Diese Frage stellt sich immer wieder, nicht nur beim Wein. Wenn ich sehe, wie 50-Jährige ausgemustert werden, keine Stelle mehr finden, mit dynamischen, effizienten Jungen ersetzt werden (auch nicht länger als bis 45), andererseits das Pensionsalter hochgeschraubt wird, Stress und Leistungsdruck steigen (Burnout schon bei Jungen), Maxime: Produktivität um jeden Preis, «Hoffnungsträger» an der Spitze (aus der ganzen Welt zusammengetrommelt), dann erkenne ich durchaus viel Parallelen zum Wein, der Produktion und seinen Lebensphasen. Alter, Reife, Durchhaltevermögen sind gefragt, aber nur wenn es darum geht, Gewinne zu maximieren oder Investitionen zu sichern. Die Mode heisst: jung, dynamisch. Die Weine werden immer jünger getrunken (bestechende Frucht, Kraft, Energie – nicht Harmonie), altern ist nur für die «Gestrigen», die meinen: Ausgewogenheit, Reife und Erfahrung seien gefragt. Es gibt sie zwar noch, die Traditionalisten, welche Weine lagern, reifen lassen, Jahre aussitzen, um irgendwann einmal vom ganz besonderen Wein, vom «Altwein» zu schwärmen. In der prestigeträchtigen Weinregion Bordeaux kann dies exemplarisch beobachtet werden. Jeder Jahrgang ist toll, «Jahrhundert-Jahrgänge» reihen sich aneinander, auch teure Weine können schon früh getrunken werden, schliesslich steht Bordeaux in Konkurrenz mit vielen (auch neuen) Weingebieten auf der ganzen Welt, die jederzeit junge, genussreife Weine anbieten meist ohne das immer höher geschraubte Aufgeld für Renommee und Prestige.
Weingüter, die sich diesem Trend entziehen, werden in Bordeaux immer rarer. Das System Bordeaux verlangt – wie die Arbeitswelt – ein dauerndes Sichbewähren, an der Spitze bleiben. Und die Spitze wird unbarmherzig nach oben getrieben, sprunghaft, oft auch kopflos, allen Moden ausgesetzt. Gruaud-Larose ist entzieht sich (weitgehend) diesem Treiben. Es setzt auf Kontinuität und auf (modernisierte) Tradition, Beständigkeit und Erfahrung. Dieser Wein – Jahrgang 2004 (kein grosser Jahrgang, kein Jahrhundertjahrgang! – ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Ein Wein, der es mit den ganz, ganz Grossen aufnehmen kann: reif, gereift, elegant, bordeaux-typisch, charakteristisch, genussbringend… Ganz einfach, ein ausgezeichneter Wein, der sich still, ohne grosses Aufsehen, zu dem entwickelt hat, was er heute ist: klasse! (und erst noch zu einem Preis, den er verdient.)

Diablesse par worldblue
Diablesse par worldblue

24. November 2016

 

Vignobles des trois Châtaux:
La Diablesse 2013, Pic Saint-Loup, Coteaux du Languedoc, Frankreich

 

 

Es ist nicht ganz einfach, sich im Languedoc bezüglich der Appellationen und Klassifikationen zurechtzufinden. Seit Jahren bastelt man an einer Vereinfachung der Bezeichnungen und es wird immer komplizierter. Vor allem die grösste Appellation „Coteaux du Languedoc“ wird buchstäblich zerrieben zwischen den strengen Vorschriften, die für AOC-Weine (Appellation d'origine protégée) gelten und dem verständlichen Wunsch nach präziserer Kennzeichnung der einzelnen Lagen (sie sind bei „Coteaux du Languedoc“ übers ganze Weingebiet der Languedoc verteilt) und Regionen.

Pic Saint-Loup ist schon lange eine fast eigenständige Klassifikation, quasi eine Untersektion von „Coteaux du Languedoc“, die aber daran ist, einen eigenen AOC-Status zu erhalten. Doch damit nicht genug: Es machen immer mehr Winzer, die früher in den Caves Coopératives engagiert waren, ihre eigenen Weine und suchen sich mit Qualität und neuen Ideen einen festen Platz im heissumstritten Markt zu sichern. Dazu kommt die steigende Nachfrage nach „internationalen Rebsorten“, die in der Languedoc für AOC-Weine nicht erlaubt sind. Dafür gibt es nun eigene Bezeichnungen: IPG Pay d’Oc ist nicht so streng, lässt mehr Rebsorten und Assemblagen zu. Nicht zuletzt trägt auch zur allgemeinen Verwirrung bei, dass sich viele traditionelle Genossenschaften zusammengeschlossen haben und jetzt unter neuen Namen selbstbewusst auftreten und auch in der Lage sind, Spitzenweine zu machen. Viele der Caves Coopératives wurden erneuert und führen ein strenges Qualitäts-Regime. So die „Vignobles des trois Châteaux“, die eigentlich eine Kooperative ist, und mit ihren besten Weinen durchaus mit traditionellen Namen (wie Hortus, Cazeneuv, Clos Marie etc.) mithalten kann.

Diese „Teufelin“ (Diablesse) ist zwar nicht der beste Wein des Erzeugers. Doch es ist ein guter Wein (60% Syrah, 40% Grenache), ausdrucksstark und trotzdem fast schon ein Schmeichler. Man hat wohl den geläufigeren Namen „Diable“ (Teufel) – für einen kräftigen, würzigen, verführerischen Wein – nicht ganz treffend gefunden und die weibliche Form gewählt (Teufelin), was eher an eine Verführung, als an eine Vergewaltigung gemahnt. Der Name ist nicht schlecht gewählt, der Wein ist verführerisch und kommt daher als edler Tropfen „pour tous les repas festifs“.

18. November 2016

 

Mas des Chimères: Caminarèm 2013, Terrasse du Lazarac, Coteaux du Languedoc, Frankreich

 

 

In weniger als zwei Wochen ist die nächste Weinrallye unterwegs: Thema Gamay. Eigentlich müsste ich jetzt ein paar gute Gamay testen. Nein, keine Beaujolais, da kommt ja schliesslich jeder drauf, besonders jetzt, wo der dritte Donnerstag im November – der traditionelle Start zum Beaujolais Nouveau – unmittelbar vor der Tür steht. Also ein Gamay aus dem Languedoc? Dies gibt es kaum, nur am besagten Beaujolais-Tag, wird auch im Weingebiet des Südens Beaujolais Nouvieau getrunken. Im Glas habe ich hingegen Chimären. Es sind nicht Trugbilder eines Gamay, wie man vielleicht denken könnte. Nein, es ist ein Wein des „Mas des Chimères“, einem Weingut in Octon, auf den Terrassen von Larzac, an den Ufern des Lac du Salagou (Stausee, 1969 gebaut) Ein stiller Wein, der keine Aufregung, aber viel Genus bringt. Aufregende Weine gibt es genug. Meist stammt die Aufregung aus dem Keller, wo durch Zuchthefe, Konzentration, Assemblagen, Holzeinsatz etc. dem Wein weitgehend seine Natürlichkeit genommen wird. Weine also, die überall gemacht werden könnten, weil der Keller entscheidend ist. Nicht so beim Caminarèm. Hier ist wirklich etwas von der Frische und der Natur (Terroir) der Landschaft drin, in er die Reben stehen und der Wein gewachsen ist. Eine Sanftheit und ein Schmelz, der nicht schmeichelt, sondern sensorische Spuren hinterlässt: dunkle Früchte, Weihrauch?, Gewürze, Harz, statt Marmelade (wie so oft bei dunklen Weinen) eine samtige Strucktur und schliesslich ein bestimmter, aber kein hastiger Abgang. Die Schimären sind schliesslich Fabelwesen – Festgehalten auf der Etikette – die ein Stück Mythologie darstellen und offensichtlich dazu beitragen, einen Wein mit Geheimnissen zu evozieren.

13. November 2016

 

Château Latour: Grand Vin de Château Latour 1976, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Es ist doch eher selten, dass man einen Latour – so mir nichts, dir nichts – öffnet. Meist bewahrt man solche «grossen Weine» auf und wartet auf den «grossen Tag», der nie (oder lange) nicht kommen will. So sind viele «grossen Weine» beim Weinliebhaber, der irgendwann so etwas gekauft hat, meist überaltert. Was habe ich heute in «Hauptsache Wein» (Facebook-Gruppe) gelesen in Bezug auf einen Barolo gelesen: «Ich werd's nie verstehen, warum man solche Weine solange liegen lässt, vor 20 Jahren war der eine Offenbarung». Und gestern hat mir ein Weinliebhaber (der um 3'000 Flaschen im Keller hat) gestanden: «Man verliert halt rasch die Übersicht und lässt Weine zu lange liegen». Warum soll es mir anders ergehen? Der Wein ist zwar nicht liegen geblieben (dafür ist meine Weinbuchhaltung viel zu präzis), doch wie so oft, der «richtige Augenblick» wollte nicht kommen. Doch ich beschloss, dass er nun gekommen sei! Zumal der Jahrgang «seinem Ruf nie ganz gerecht worden ist» (so Parker) und alle Latour 1976 (gemäss Gabriel): «in der Normalflasche kaputt sind». Dies habe ich aber erst jetzt – Tage nach dem Konsum – gelesen. Mit Erstaunen, denn «kaputt» war er ganz und gar nicht. Er hat zwar nicht mehr die Grösse eines «Latour», wie er von Weinkritiker (meist «verklärt») bewertet wird. Aber er hat die Qualitäten eines guten Altweins. Natürlich ist die Frucht verblasst – was nach 40 Jahren zu erwarten ist – aber immer noch die von einer Geschmeidigkeit und Alterseleganz, mit Aromen von Gewürzen, Trüffeln,  schwarzen Früchten und etwas Laub; mit einer Textur, die durchaus noch als «cremig» zu bezeichnen ist. Wieder einmal erinnere ich mich an eine Ausspruch von Robert Parker: «Käufer von alten grossen Weinen – ob Bordeaux, Burgunder oder kalifornische Cabernets sollen den Satz ‘Es gibt keine grossen Weine, nur grossartige Flaschen’ bedenken.» Es war keine «grossartige», aber eine gute Flasche - eines noch genussbringenden Altweins.

10. November 2016

 

Weingut Scheibelhofer: Batonnage 2011, Neusiedlersee, Österreich

(Wild Boys of Club Batonnage)

 

Das ging aber daneben! Eine halbwegs Blinddegustation mit vier Bordeaux aus unterschiedlichen Jahrgängen (Latour 1976, Haut Brion 1995, L’Evangile 1994 und Gruaud Larose 2004) habe ich mit zwei «Piraten» ergänzt, mit dem Batonnage 2011 und einem Pinot «Mariafeld» 2006  (Tscharner, Schweiz). Es ging nicht darum, die Weine zu bewerten oder gar herauszufinden, was es für Weine sind (Rebsorten, Appellationen, Weingegenden, Jahrgänge etc. ). Es ging einzig und allein um so etwas wie den «Genusswert» festzustellen. Welche der sechs Weine sind die beliebtesten (für die kleine Runde von Weinfreaks) oder eben die genussvollsten. Es kam etwa so heraus, wie ich erwartet habe. Aber nicht doch nicht ganz! Der «alte» Latour wurde – noch ohne zu wissen was es ist – als ausgezeichneter Altwein bezeichnet, mit den Vorbehalten, welche viele Weingeniesser  gegenüber Altweinen eben haben. Vor allem, wenn der Faktor «Ehrfurcht» weg fällt. Der Gruaud Larose (mit seiner noch präsenten Frucht) kam am besten an, besser noch als die beiden rund zehn Jahre älteren Bordeaux Schwergewichte Haut-Brion und Evangile. Mithalten konnte auch der – immerhin zehn jährige - Pinot. Einzig der Batonnage wurde ausgemustert. Eine Bombe zwar, aber im Genuss deutlich daneben. Wow! Natürlich gibt es dafür gute und weniger gute Gründe: zu jung, kein passender Rahmen, ein unzumutbarer  Vergleich, eben etwas ganz anderes… Ein Genussfaktor – wenn es so etwas überhaupt gibt – hängt von vielen Faktoren ab. Nicht zuletzt von der «Gewöhnung» an einen Geschmack oder der verankerten Vorstellung, wie ein genussvoller Wein sein muss. Da fällt der Batonnage eindeutig aus dem Rahmen. Es ist eben ein Produkt der «wild boys of club batonnage». Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls blieb in der Flasche mehr als zwei Drittel des Weins zurück, während Gruaud Larose noch am Abend ausgetrunken wude. Man müsste jetzt länger über den Batonnage diskutieren, über seine Geschichte und seinen Aufstieg zum Kultwein. Doch darum geht es hier nicht.  Es geht um das, was ich wieder einmal gelernt habe. Der «Genusswert» ist etwas ganz anderes als es Punkte, Preise, Ansehen, Verfügbarkeit vermuten lässt. Und: der «Genusswert» ist sehr vom individuellen Geschmack und den eigenen Erfahrungen abhängig. 

07. November 2016

 

Alessia Imperatori, Cellino San Marco : Salice Salentino 2004, Negramaro, Puglia Salento, Apulien, Italien

 

Der fast schon inflationär vergebene goldene Kleber auf der Etikette markiert eine Goldmedaille für diesen Wein – vergeben an einer der vielen Weinprämierungen. Dieser Wein wurde 2008 an der «Expovina» in Zürich zum Kategoriensieger (im Bereich beste italienische Rotweine) erkoren. Acht Jahre später – in diesen Tagen – findet die «Expovina» – wie jedes Jahr – auf den Passagierschiffen des Zürichsee statt. Die Prämierung der Weine hat aber bereits im Juli stattgefunden. Dieses Jahr waren es 718 Weine, die mit Gold und Silber ausgezeichnet wurden. Doch: wer war in der Jury, wie viele Weine wurden begutachtet, nach welchem System, wer durfte Weine zur Jurierung einreichen…? Fragen, die hinter jeder Gold- oder Silbermedaille stecken und die vergebenen Medaillen schwerer oder leichter werden lassen. Der Konsument weiss dies in der Regel nicht. Er kann es zwar ergooglen, doch wer macht das schon? Selbst für mich – als Weinfreak – sind die meisten Weinprämierungen undurchschaubar. Momentaufnahmen, vielleicht. Doch allzu trügerisch, weil sich Weingenuss weder in Punkten noch in Medaillen festhalten lässt.

Die goldene Medaille von damals leuchtet noch immer auf der Etikette, acht Jahre nach der Prämierung, zwölf nach der Vinifizierung. Zu Recht?  Der Wein hat ein gutes Stück Weinleben hinter sich; die Goldmedaille gab (vielleicht) den Ausschlag zum Kauf, vor sieben oder acht Jahren. Und heute? Die Frucht, die damals vielleicht den Ausschlag für die 91 Punkte gegeben hat, ist verblasst. Die unbändige Kraft (der Jugend), die man dem Wein zugesteht, ist erlahmt, der Ausbau in neuen Barriques nicht mehr relevant, die hochgelobte Harmonie einer Verbindlichkeit gewichen. Also kein Goldwein mehr? Die heutige Momentaufnahme zeigt die Fragwürdigkeit einstiger Goldmomente. Der Wein strahlt zwar noch immer, aber nicht golden leuchtend, sondern warm, herzlich, unaufgeregt, in sich gekehrt. Werte, die man einem Altwein, wenn er gut ist, gerne zugesteht, ja sogar von ihm erwartet.

 

©Website Expovina, Zürich

30. Oktober 2016

 

Pecchenino Siri d'Jermu: Dolcetto Superiore 2009, Dogliani, Piemont, Italien

 

 

Wieder einmal ist es die Rebsorte, die mich gereizt hat. Wer spricht (oder schreibt) hierzulande schon von Dolicetto? Man hat mir bei mancher Weinrunde immer wieder erklärt, das sei ein Wein, der dort wachse, wo der viel bessere Nebbiolo nicht hingehöre, auf der Schattenseiten der Rebberge. Geglaubt habe ich die Geschichte nie. Jetzt, beim Recherchieren, habe ich wohl den Ursprung dieser Saga entdeckt. In verschiedenen Weinführer wird der Name Dolcetto «auf das Dialektwort dusset zurückgeführt, was Rücken oder Hügel bedeute und darauf hinweise, dass der Dolcetto häufig auf gleichen Hügeln wie der Nebbiolo wächst, allerdings dann auf der Schatten- und nicht auf der Sonnenseite, da der Dolcetto schneller reift». Weiter erfahre ich: Es gibt sieben DOC-Regionen (kontrollierte Ursprungsbezeichnung), die ihren eigenständigen Dolcetto pflegen. Unter ihnen Dogliani, die «romantische Gemeinde, rund 35 km nordöstlich der Provinzhauptstadt Cuneo.» Da soll die Heimat des Dolcetto sein. Doch dies – so meine ich – sagen wohl alle sieben Gemeinden oder Regionen, wo der Dolcetto angebaut wird. Der Status als DOC-Dolcetto di Dogliano verlangt, dass der Wein «zu 100 % aus der Rebsorte Dolcetto besteht. Vor dem Verkauf muss er mindestens 1 Jahr beim Winzer reifen; davon mindestens 6 Monate im Eichenfass. Beim Käufer kann der Wein bei sachgerechter Lagerung in der Regel noch 3 bis 6 weiter Jahre reifen.» Es lohnt sich doch, ab und zu das Lexikon (oder heute Wikipedia) zu konsultieren, wenn man einen Wein etwas besser kennenlernen und verstehen möchte.  Der Dolcetto – so wie ich ihn jetzt im Glas habe – ist ein würziger Wein, der für mich so etwas wie ein neues Charakterbild liefert: reife Fruchtaromen (obwohl der Wein bereits sieben Jahre alt ist), kompakter Körper, leicht mineralisch, etwas Bittermandeln, Erinnerung an Asche. Also alles andere als ein leichter «Landwein» wie man vom Dolcetto oft lesen kann. Dieser Dolcetto ist vielmehr ein ausgezeichneter Essensbegleiter und – deshalb schreibe ich dieses «Getrunken» - für mich (und wohl für viele Weinfreunde) eine echte Entdeckung.

26. Oktober 2016

 

Finca Mas d'en Gil: Clos Fontà 2009, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Es hat lange gedauert, bis ich - zum ersten und bisher einzigen Mal - ins Priorat gefahren bin, um das «Wunder» von Wein-Katalonien vor Ort zu erkunden, eine Weinregion, von der man seit Jahren spricht. Natürlich habe ich die Geschichte von Álvaro Palacios und den Pionier-Kollegen wie René Barbier, José -Luis Perez, Carlos Pastrana (und wie sie alle heissen), längst gehört, in allen nur erdenklichen Varianten. Was Pétrus Bordeaux bedeutet, soll l’Ermita für das Priorat, ja für ganz Spanien sein: Weinkult und mehr (natürlich mit den entsprechenden Preisen). Bis zur Finca Dofi und les Terasse bin ich zum Weinkult «vorgestossen», weiter aber nicht. Zusammen mit noch ein paar Spitzenweinen ist es eben das, wovon man spricht und was unsere Augen glänzen lässt. Ist es aber auch das, was das Priorat weinmässig charakterisiert? Ist Pétrus, Lafite, Latour etc. das, was das Bordelais definiert? Ich wollte schon etwas mehr erfahren, ich wollte wissen, wo der «Wein wächst». Rebberge, Klima, Landschaften, Bodenbeschaffenheit sagen mir mehr als Kellertechnik und Parker-Punkte. Ein kleines Intermezzo im Weinkeller von «Scala Dei» beschäftigt mich noch heute. Als wir uns entschuldigten, dass wir kein spanisch sprechen, sagte der Verantwortliche für den Weinkeller: «Ich auch nicht!» Unsere fragenden Blicke quittierte er: «Ich spreche nur katalonisch, französisch oder englisch». Nur katalonisch? Was heisst das? Ist das nicht auch spanisch? Das kategorische Nein hat uns erschreckt oder ratlos gemacht. Hat er es nun ernst gemeint, oder nur eine Pointe gesetzt? Ich weiss es nicht. Doch ich habe gelernt: der Wein, den ich in den wenigen Tagen im Priorat getrunken habe, ist nicht spanisch, er ist katalonisch. Ich bin versucht zu sagen: etwas ganz anderes, eigenständiges: eine Landschaft, ein Klima, eine Art zu leben, Tradition und Eigenwilligkeit  im Wein. Gestern habe ich, nach fast einem Jahr, wieder einmal einen Priorat-Wein im Glas. Erlebnisse, Weinerlebnisse kehren zurück. Der Wein spricht eben nicht spanisch- sondern katalanisch. Er ist zuerst verschlossen, dann herzlich; zuerst rauh, dann galant; zuerst eigenartig, dann charaktervoll; zuerst dominant, dann freundschaftlich dem Genuss verpflichtet. Wir waren nicht auf dem Weingut, obwohl wir in Gratallops gleohnt haben. Die paar heftigen Kurven bis zum Wein wären uns – das weiss ich jetzt – entschädigt worden, durch das Kennenlernen und den Genuss eines lebhaften Weins, voll von dem, was wir in der einzigartigen Gegend an Sinnesfreuden aufgenommen haben.

21. Oktober 2016

 

Weingut Moric (Roland Velich): Blaufränkisch 2013, Neusiedlersee-Hügelland, Burgenland, Österreich

 

 

Es war die schlichte Website – mit wenigen, aber aussagekräftigen Informationen, – die mich sofort angesprungen hat. Vor allem diese Aussage: «Der Grundgedanke zu Moric war schlicht und einfach Weine zu keltern, die ihre Herkunft eindeutig erkennen lassen». Eine stille Sehnsucht, die schon lange in mir schlummert, ist damit auch bei mir immer klarer, immer lauter geworden, die Suche nach Authentizität. Finde ich diese wirklich hier, in dem mir wenig vertrauten Burgenland? Bei einem Wein, den ich – zugegeben – nur flüchtig kenne. Und dazu noch die «Gretchenfrage»: muss es, um höchste Erfüllung zu bringen, die «Reserve sein», oder gar  «Alten Reben»? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, nur vom Besten (oder meinen wir damit dem Teuersten) grosse, ja höchste Qualität zu erwarten. Oder glauben wir wirklich, mit einigen Franken mehr, sei das Grosse, das Wahre (auch beim Wein) zu erkaufen? Die Abschrift eines Interviews mit dem Winzer Roland Velich hat mich bestärkt, in dem, was ich mir schon längst (innerlich) zurechtgelegt habe: «… es nicht die Opulenz, nicht die grössere Wucht. Sondern die Grandezza eines speziellen Parfums, die einen Wein aus einer speziellen Region so unvergleichlich macht. Die Franzosen nennen das den „Goût de Terroir“: den Geschmack, den ein kleines Stück Erde in Kombination mit einer Rebe hervorbringen kann. Das ist das Spezielle: die Begegnung mit der Natur. Die Kunst, etwas zuzulassen, das keine noch so raffinierte Technik je herstellen kann…» So schön kann ich es nicht formulieren, es scheint mir aber, als ob die Sätze bei ihm direkt aus dem Herzen gesprungen sind., die Frage nämlich: «Was kann eine Rebsorte wirklich? Was passiert, wenn ich den Wein nicht technologisch verzerre?» «Technologisch verzerren», genau das ist es, was mich – nach gut dreissig Jahren Erfahrung mit grossen, aber auch mit kleinen – mit guten, aber auch weniger guten Weinen - so stark beschäftigt. Ich habe mir deshalb den «kleinsten» Moric eingeschenkt, und zwar mit dem grössten Interesse, wohl wissend, dass ich weder das Terroir, noch die Rebsorte so gut kenne, dass ich Vergleiche anstellen kann. Aber ich kenne «technologisch verzerrte Weine», zuhauf, auch aus Weinregionen die ich bestens kenne, wie das Bordelais, Languedoc, das Rhone-Tal… Das Authentische ist auch da immer seltener anzutreffen, obwohl jeder Weinproduzent – egal wo – stets beteuert, nur das Echte anzustreben und sich dabei aber immer mehr dem Mainstream andient. (Schliesslich müssen die Weine auch verkauft werden!) Und jetzt, nachdem ich den Wein – den Blaufränischen – getrunken habe, langsam, bedächtig, aufmerksam, interessiert...?Es ist wirklich ein Wein, der anders ist. Nicht nur anders, auch gut; und um so mehr ich darüber sinniere: sogar besser, viel besser. Ich mag nicht an die teuren, die «grossen» Weine denken, die auch im Keller lagern. Vergleiche sind fehl am Platzt und das ist gut so. Dieser Wein ist einfach gut, weil er anders ist, weil vor die Opulenz, Kraft und Frucht etwas stellt, was im grossen «Weinspektakel» untergeht: die Finesse, die leisen Töne, das Flüstern eines Weins. Was hat er mir «zugeflüstert»? Verstanden habe ich es nicht ganz. Ist auch nicht nötig, denn seine Schönheit habe ich erkannt.

(Foto: Weingut Salvatore Molettieri)
(Foto: Weingut Salvatore Molettieri)

18. Oktober 2016

 

Azienda Vitivinicola: Taurasi 2004, Vigna Cinque Querce, Kampanien, Italien

 

 

Taurasi, das ist ein Gemeinde im Süden Italiens (ca. 2'500 Einwohner). Taurasi ist aber auch ein Wein, der in der Region von Kampanien gemacht wird. Ich kenne beide nicht, weder den Wein, noch die Gemeinde, nicht einmal die Region. Bildungslücken? Mag sein, in diesem Fall aber Anlass für Recherchen, dies ist heute ja einfach, man googelt. Die Fakten sind rasch gefunden, wie aber soll ich da eine Geschichte erzählen? Ich habe mir zum Ziel gesetzt, nur dann über Weine zu schreiben, wenn ich etwas zu erzählen weiss, Geschichten eben. Diesmal hilft mir Google aus der Patsche: «In den 1920er Jahren gelangte der Taurasi zu europäischer Bedeutung. Die Reblausplage hatte große Teile der norditalienischen und französischen Weinberge vernichtet. In der Region des Taurasi hatte sich der Schädling jedoch nicht ausbreiten können, da die sehr hoch gelegenen sandigen Böden vulkanischen Ursprungs die Ausbreitung des Parasiten verhinderten. In diesen Jahren entstand die "ferrovia del vino" (Eisenbahnlinie des Weines), mit der ganze Tankzüge, gefüllt mit Aglianico-Wein, in die Weinbaugebiete der Toskana, Piemont und Bordeaux entsandt wurden». Auch dies wusste ich nicht! Aber es ist eine gute Geschichte. Ich hoffe nur, sie stimmt. Nin weiss ich aber auch, dass der Taurasi-Wein zumindest aus 85 % der Rebsorte Aglianico besteht. Aglianico? Und wieder müsste ich googeln. Diesmal nehme ich aber ein Buch zu Hand, schliesslich muss meine «Weinbibliothek» (immerhin ein Büchergestell prall voll mit Weinbüchern) amortisiert werden. Nicht die Jancis Robinson (Das Oxford Weinlexikon), nein zuerst ein «verdaulicheres» Werk, die «Wein Enzyklopädie». Doch da erfahre ich nur, dass die Aglianico-Traube «Die qualitativ beste Rotweintraube Süditaliens ist». Also doch das «Oxford Weinlexikon» (mit Schuber). Da sind immerhin ca. vierzig Zeilen dem Aglianico gewidmet, in denen ich erfahre, dass es sehr spät reifende Sorte ist: «so dass sie selbst in diesen südlichen Breiten erst im November gelesen werden kann». Von der «Eisenbahnlinie des Weines» steht leider nichts. Also schlage ich – zur Beruhigung – unter «Taurasi» nach, etwa 30 Zeilen. Auch da kein Zug, aber zwei Namen, welche die besten sein sollen und internationale Reputation haben. Der Produzent «meines» Weins ist nicht dabei. Also klappe ich die Bücher zu, vertraue auf meine eigene Wahrnehmung, denn ich habe den Wein, den ich zum ersten Mal im Glas hatte, genossen (meine Frau weniger!). Ein kräftiger Wein, auch in der Farbe dunkel, dunkel, dunkel… Trotz seine Alters (12 Jahre) noch viel Säure, geschliffene Tannine… Aromen von Wachs, Wachholder, Schwarztee… schwarz, schwarz, schwarz Kirschen… Teer, Kakao, dunkle Schokolade… ein voller, aber weicher Körper. Kein Wunder, mag meine Frau den Wein nicht. Für mich eine neue Erfahrung. Ich werde ihn wieder trinken, den Taurasi. Vielleicht weiss ich dann etwas mehr über den Eisenbahnzug. Die Geschichte interessiert mich wirklich. 

(Foto: Weingut Pöckl)
(Foto: Weingut Pöckl)

13. Oktober 2016

 

 

Weingut Pöckl Mönchhof: Pinot Noir 1997, Burgenland, Österreich

 

 

Die Jahreszahl verleitet zur Frage: «Welcher Idiot hat diesen Wein fast zwanzig Jahre gelagert?» Die Frage ist berechtigt, ich kann sie nicht beantworten, denn ich haben den Wein an einer Auktion erworben. Warum? Ich bin eben neugierig, ich versuche immer wieder die Grenzen auszuloten, auch beim Wein. Ein Pinot Noir – nicht aufgepäppelt, konzentriert und mit Holz übertüncht – hält etwa zehn Jahre, dann gibt er sein Trinkgewand ab, langsam aber sicher, je nach Lagerung etwas langsamer oder schneller. Dieser Pinot – ich kann es vorwegnehmen – hat sicher seinen Höhepunkt überschritten, ist auf dem Abstieg oder gar abgestiegen. Nur – man hat spontan nicht diesen Eindruck: Es ist noch viel Präsenz, Geschmeidigkeit und auch leichte Frucht vorhanden, so viel, dass man sogar von einem guten Wein sprechen kann. Der «Pinot classic» von Pöckl ist ein fruchtiger Wein, der zwar acht Monate in Barriques liegt, aber nicht in neuen, in gebrauchten. Der Winzer spricht von etwa zehn Jahren Trinkreife, da mag er Recht haben, denn seine Einschätzung basiert auf Erfahrung. Für eine Lagerung, für das Auskosten der perfekten Flaschenreifung empfiehlt er seinen Pinot Noir Reserve, den «Gentleman», 18 Monate Barriqueausbau, mit einer «Lebenserwartung» von gut zwanzig Jahren. Da hat der Vorbesitzer des Weins wohl etwas falsch gedeutet oder verwechselt. Zudem ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, weshalb das Alter ein so wichtiger qualitativer Faktor sein soll. Weine werden zum Trinken und nicht zum Lagern geschaffen. Der eine braucht vielleicht eine längere Flaschenreife (bis er sich ganz entfaltet), andere können schon nach zwei, drei Jahren quasi vollreif getrunken werden. Auch dieser Pinot ist eigentlich jung zu trinken ist, jedenfalls jünger als jetzt, mit fast zwanzig Jahren. Doch, was ist aus ihm geworden? Er hat sein Temperament verloren, sicher, er hat auch Kraft verloren, auch die Schönheit der Jugend. An ihre Stelle ist etwas getreten, was man Alters-Abgeklärtheit nennen könnte. In der Nase nicht einfach nur noch erkennbar, vielmehr präsent; am Gaumen ausgesprochen kräuterwürzig, zwar mit einer gewissen Süsse, die aber durch verwobene Tannine und geglättete Säure eingekleidet wird. Ein interessantes – durchaus nicht gewohntes – Altweinerlebnis. Aus der einst offenen Frucht ist eine in sich gekehrte, in sich ruhende Aroma-Kapsel geworden, an der man Spass haben kann.   

07. Oktober 2016

 

Château Beau Soleil: Beau Soleil 1996, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

Ein kleines Weingut, das wenig bekannt ist - obwohl es seit Jahren gute, bisweilen sehr gute Weine macht, jedenfalls «typische» Pomerols mit jener Typizität, die immer wieder zitiert wird und doch so schwer zu definieren ist: etwa weich, rund, frisch, pflaumig. Ich denke da eher an eine Blumenwiese, als Wald, Erde und dunkle Beeren. Dieser Wein hat aber eine ganz spezielle Note, die ich dem eisenhaltigen Boden («chasse de fer») zuordnen würde, ihm vielleicht auch nur «zu- oder andichte». Wer weiss das schon? Dabei wird immer und immer wieder vom typischen Pomerol gesprochen (man denkt unwillkürlich an Pétrus, auch ein fast reiner Merlotwein, den aber die wenigsten je getrunken haben). Damit ist wohl eher die Rebsorte Merlot gemeint, die in der Regel in Pomerol (vor allem in Pomerol) dominiert, in diesem Fall fast zu hundert Prozent. Zum Merlot gehören eben auch süsse, malzige Töne, von denen man nicht offen spricht, vor allem weil von teuren, so aristokratisch auftretenden Weinen wie den Bordeaux eher herbe, gebieterische Strenge, Dominanz und Bestimmtheit erwartet wird, denn als eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die hauptsächlich von der geringeren Säure – im Vergleich mit dem Cabernet Sauvignon – evoziert wird.
Während ich dies so schreibe und all die Urteile und Vorteile Revue passieren lasse, die Bordeaux (auch Pomerol) begleiten, da wird mir erst so richtig bewusst, wie abhängig unsere Sprache, auch die Wortwahl doch ist, von Vorstellungen, von Mythen und weiter getragenen Meinungen, die Bordeaux weitgehend charakterisieren und – man verzeihe mir – beherrschen. Dazu gehört auch die Haltbarkeit des Weins. Merlot soll weniger haltbar – was immer das ist – sein, als zum Beispiel die klassischen Cuvées mit viel Cabernet Sauvignon. Diesen Eindruck habe ich bei diesem 20jährigen Wein nicht. Überhaupt nicht! Er ist reif, rund, samtig, nicht korpulent, aber auch nicht schlank wie ein Model. Eher nach menschliche Mass und Durchschnitt

29. September 2016

 

Cantina Santadi: Terre Brune Carignano del Sulcis 2012, Sardinien, Italien

 

 

In Frankreich hat man in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Rebsorte «Carignan noir» tüchtig gerodet. Sie gehört zwar mit Grenache, Syrah, Mourvèdre und Cinsault zur «klassischen Assemblage» im Languedoc. Ihr Ruf ist nicht der allerbeste, diente sie doch häufig als Verschnitt von Massenweinen, und zwar auf Grund ihrer dunklen Farbe, den starken Tanninen und einer prägender Säure. Einen charmanten Wein – so meinte man lange – kann daraus nie werden. Doch er kann (übrigens immer häufiger auch im Languedoc), wenn man der scheinbar unzähmbaren Rebsorte gekonnt, vor allem liebevoll und sorgfältig begegnet. Die Genossenschaftskellerei Santadi in Sardinien macht es vor: Hier setzt man auf spezielle, möglichst einheimische Rebsorten und macht daraus auch eigenständige Weine, die sich von allen anbiedernden Dutzendweinen (oder gar Massenweinen) deutlich abheben. Aus dem oft prallen Körper strömt dann viel Wärme und Würze, aber auch Charme und Eigenständigkeit, die in jedem Augenblick, von der Nase bis zum Gaumen, restlos überzeugen.  Für mich ist der Wein vor allem eindeutig, was so viel heisst, wie: unverwechselbar, unverwechselbar gut; kein Schielen nach geschmäcklerische Noten, nach geschliffenem Trinkfluss, nach Aromenbildern, die inzwischen weltweit in so vielen Weinen kopiert werden. Nein, hier hat man einen Wein, der (zurecht) selbstbewusst auftritt: zu seiner Säure steht, weil sie die ausdrucksstarken Aromen umrankt; Aromen, die so gleichsam aufblühen und sich in der festen Struktur und der Frucht des Weins integrieren. Es sind nicht einfach «nur» Brombeeren, es sind «sardinische» Brombeeren (was auch immer dies sein mag), was ich damit meine: ich nehme alles – von der Farbe, über die Aromen bis zum Finale – Nuancen stärker wahr, ausgeprägter, wenn man so will: eigenständiger. Dies macht den Wein zum Erlebnis und zur Insel in der italienischen Weinwelt.

(Foto: Weongut Mathier)
(Foto: Weongut Mathier)

27. September 2016

 

Adrian und Diego Mathier: Cuvée Rosmarie Mathier rouge 2013, Nouveau Salquenen (Salgesch), Wallis, Schweiz

 

Schweizer Restaurants führen – es ist eine Schande – in der Regel (wenn überhaupt) nur ein kleines Angebot an Schweizer Weinen. Es mag daran liegen, dass im Hochpreisland Schweiz der Grundpreis für gute Schweizerweine relativ hoch ist, und diese bei einem Faktor 3 in Gaststätten kaum gefragt sind. Es liegt aber auch – davon bin ich überzeugt – am mangelnden Selbstbewusstsein der Winzer und der Wirte. Ein süffiger Massen-Primitivo, geschliffen und getrimmt, und erst noch wesentlich billiger, findet halt mehr Anklang als ein subtiler, raffinierter Schweizerwein. Ob dies immer und für alle zutrifft? Ich wage es zu bezweifeln. Geflissentlich habe ich das Angebot aus Italien und Spanien übergangen, ich bin direkt auf die paar Schweizerweine zugesteuert. Nebst den wenigen „Lokalmatadoren“ stand diese Cuvée aus dem Wallis (dem grösssten Anbaugebiet der Schweiz) mit Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Syrah und Humagne rouge auf der Karte. Allein schon die Kombination von Cabernet und Pinot (zwei doch recht unterschiedliche Rebsorten) konnte mein Interesse wecken. Mehr aber noch der „Humagne rouge“, eine Spezialität aus dem Aostatal (Italien), die inzwischen im Wallis heimisch geworden ist. Der „Humagne rouge“ ist ein robuster, tanninreicher Wein mit starken Holznoten und viel Anklänge an Wald (und dies nicht künstlich durch Barriques erzeugt!) In der Schweiz (nicht nur im Wallis) wird er oft auch als „Höllenwein“ bezeichnet, nicht ganz zu unrecht, denn er begleitet oft deftige Speisen. Diese autochthone Rebsorte „Humagne Rouge“, zusammen mit der Primadonna Pinot noir, dem weltweit geläufigen Cabernet Sauvignon und dem edlen Syrah – wenn dies nur gut geht! Ich habe es kaum geglaubt: es ist gut gegangen. Der Wein hat bestanden, sowohl vor als auch nach der Speise, und mit einem doch eher  rustikalen „Kalbskopf“. In meinen Fantasien tauchte unmittelbar Wild auf, zum Beispiel ein feiner Rehrücken, und der Wein hat noch eine Stufe zugelegt. Noch etwas: Der Wirt hat offensichtlich auf den Faktor 3 verzichtet, bietet den Wein günstiger an und hat damit das nötige Selbstvertrauen bewiesen, welches die einheimischen Gewächse (auch) brauchen.

20. September 2016

 

Château Clos du Clocher: Clos du Clocher 1995, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

 

Es ist der «Dritte im Bunde» in meiner kleinen Betrachtung - hier im «Getrunken» - von Weinen, die sich in zwanzig Jahren gut, ja sehr gut entwickelt haben und sich heute – allen Unkenrufen zum Trotz – stolz präsentieren. Es ist wieder – zum dritten Mal - das kleine Lied der «kleinen Weine», abseits der hochgejubelten und überteuerten Spitzenbordeaux. Allerdings haben auch andere dieses Lied wahrgenommen und schnell reagiert. Der «Clos du Clocher» kostet heute bereits etwas über 40 CHF und kann deshalb kaum mehr zu den «Kleinen» gezählt werden. Warum soll ein «Kleiner» nicht auch einmal gross werden? Darauf setzen die Weingüter – nicht nur im Bordelais – und schrauben die Preise, wann immer der Kunde mitzieht in die Höhe. Dieser «Clos du Clocher» hat in der Subskription etwa die Hälfte von heute gekostet, so um 20 CHF. «La Fleur-Pétrus», mit dem weit berühmteren Namen, aber durchaus mit «Clos du Clocher» vergleichbar, kostete schon damals das Dreifache. Die Frage nach der Haltbarkeit darf also durchaus gestellt (und beantwortet) werden. Obwohl es in Pomerol keine Klassifizierung gibt, liegen zwischen den beiden Weinen - nach Preisen und Ansehen -  durchaus zwei bis drei Stufen. Bezogen auf Flaschenreifung (oder/und Haltbarkeit) müssten also deutliche Unterschiede wahrzunehmen sein. Und wieder – ein drittes Mal im Rahmen dieses Experiments – kann ich den Unterschied nicht – oder kaum wahrnehmen. Der «Fleur-Pétrus» ist zwar kräftiger, vielleicht sogar expressiver, würziger oder beeriger als der «Clos du Clocher», ein anderer Wein, sicher, doch besser gereift? Genussvoller? Da setzen meine Zweifel ein. Ich stelle fest: Der Wein hat keine oxidativen Noten, ist im Gaumen noch samtig, mollig, zeigt noch immer schöne Cassisnoten, viel Würze und so etwas wie eine feingliedrige Altersgelassenheit mit einem ordentlichen Abgang. Der Wein hat sich wunderbar entwickelt. Nur wer meint, aus dem «Kleinen» entsteige – nach zwanzig Jahren – ein Grosser, also ein «Fleur-Pétrus» oder gar ein «Pétrus», der vermag wohl die Kraft und Anmut dieses Wein nicht zu erkennen. Wer aber sieht, wie sich ein «Kleiner» nicht nur halten, sondern entwickeln kann, der muss zufrieden oder sogar begeistert sein. 

13. September 2016

 

Châteaux Le Prieuré: Le Prieuré 1996, Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer! Diese Redewendung tauchte bei auf, als ich mir eine weitere Flasche «kleine» Weinen eingeschenkt habe. Vor ein paar Tagen machte ich mir hier im «Getrunken» Gedanken über die Haltbarkeit «kleiner Bordeaux», und ich liess mich aus über jenes kleine «Mü» bei den «grossen» Weinen aus, über das so gerne und häufig diskutiert wird. Darum bleibe ich bei den «Kleinen», diesmal bei einem Weingut der rechten Seite, von Saint-Emilion. Es ist zwar ein etwas teurerer Wein, bereits um knapp 30 CHF, also im preislichen Bereich kein ganz «Kleiner» mehr. Aber als Château eher auf der kleineren Bank, obwohl er mitunter (bei guten Jahrgängen) schon mal 17/20 Punkten erhalten kann. Dieser Prieuré 1996 – glaube ich den Bordeaux-Spezialisten – ist vorbei: «Das Bouquet geprägt von einer Spur überreifer Früchte, Luftton, Oxydationsnoten. Im Gaumen tiefe Säure, wird dadurch eher plump, darunter leicht metallische Extraktnote, schwierige Zukunft» (René Gabriel 1997). Die angesprochene Zukunft ist inzwischen da. Und? Ein ähnliches Bild wie vor ein paar Tagen, zwar andere sensorische Eindrücke, aber die (fast) gleiche Feststellung: ein schöner Wein, noch immer viel Persönlichkeit (Terroir) und eine Fröhlichkeit, die das Alter (wenn man so sagen kann) grandios überspielt. Wenn ich feststellen muss, dass der Jahrgang 2011 von Le Prieuré bereits als «Restposten» vermarktet wird, obwohl man ihm eine Genussreife bis 2035 zugesteht (also 24 Jahre), wackelt mein Vertrauen in die Augurenarbeit der Bordeaux-Profi. Ein «fröhlicher» Wein im Glas, ohne Tadel, und das Palaver um die Haltbarkeit, führen einfach zur Frage: Wieviel davon sind sensorische Fakten und wieviel einfach nur Weinpolitik? 

10. Sptember 2016

 

Château Tour de Pez: Tour de Pez 1995, Saint-Estèphe, Bordeaux

 

 Als Bordeaux in den 90er-Jahren begann, sich in eine Zweiklassengesellschaft (oder gar Drei-Klassengesellschaft) aufzuteilen – die erste Klasse wurde zum reine Luxusgut für gewisse Länder und war für «Normalsterbliche» ab 2000 kaum mehr erschwinglich – da begann ich mich ernsthaft mit den sogenannten «kleinen» oder eben «erschwinglichen» Bordeaux-Weinen auseinanderzusetzen. Wie gross ist den der Unterschied – den es sicher gibt – von der obersten bis zu nächst unteren Klasse oder gar bis zu den Cru Bourgeois oder gar nicht Klassifizierten. Ich meine dies nicht preislich, sondern sensorisch, oder in «Genussfaktoren» gewertet. Umso weiter es «nach oben» geht, spricht man oft nur noch von den berühmten «Müs» (Millionstel), die von den Weingütern hart erarbeitet werden müssen. Mir sind solche Diskussionen – ich gebe es zu – zuwider, geniesse aber jedes «Mü», sofern ich es auch registrieren kann und es nicht nur aus dem Arsenal der Einbildungen entnommen ist. Da tappe ich oft noch immer im Dunkeln.
Ein viel leichter überprüfbarer Faktor ist hingegen die Haltbarkeit. Ist der «kleine Wein» so lange haltbar – im Sinne von Flaschenentwicklung, – wie der sogenannt «grosse Wein» aus obersten Klasse. Die Antwort, die ich überall höre, lautet: Nein! So oft habe ich aber bei Verkostungen mit «grossen Weinen» die Erfahrung gemacht, dass sich «kleine Weine» nach Jahren sogar besser präsentierten als die Grossen. In der Diskussion war es dann immer eine «schlechte Flasche», ein fragwürdiger Keller, eine unbestimmte Herkunft etc. Diese Degustationserfahrung brachte mich schon vor 2000 dazu, kleinere Bordeaux einzulagern, nicht viele von jedem Châteaux, aber einige Jahrgänge. Dieser Tour de Pez ist so ein Wein. Parker hat ihn damals kaum registriert, Gabriel gab gerade ihm immerhin 17/20 Punkte, meldete aber schon 2003 «vorbei!». Tour de Pez ist der Weingüter vom kleinen Weiler Pez in Saint-Estèphe, und zwar in der Regel (gemäss Bewertungen) der am wenigsten gute. Also keine «Mü» Diskussion, sondern schlicht die Frage: hat der Wein (im guten Keller) 21 Jahre gehalten? Er hat! Und wie: Ein eleganter, kräftiger, schöner Wein, mit eine klaren, pflaumigem Bukett, Rauchnoten und noch immer viel Druck im Finale. Was will man mehr? Eine Diskussion über «Müs» erübrigt sich. Einfach Freude haben an einem schön gereiften Wein. Nur zur Einordung: Der Wein hat damals weniger als 20 CHF gekostet – noch heute: er ist (inzwischen ein Cru Bourgeois) meist um 20 CHF oder sogar um ein paar Franken weniger zu kaufen. Das typische Bild einer Zwei- oder Drei-Klassengesellschaft! Die dritte Klasse lässt sich im besten Fall noch als Fasswein verkaufen, den man dann in Mouton Cadet (oder ähnlich geadelten Massenweinen) für noch weniger Geld (um 15 CHF) als «edlen Tropfen» erstehen kann. 

(Bild: Petzel - Filmbuch)
(Bild: Petzel - Filmbuch)

05. September 2016

 

Weingut Karl May: «Blutsbruder» 2012, Rheinhessen, Deutschland

 

Kürzlich wurde in einem Weinblog die Frage gestellt: «Sind Karl May und seine Helden nicht längst vergessen?» In Weinkreisen eine eher unübliche Frage. Natürlich wurde ich – als Karl-May-Sammler – sofort als «Kronzeuge» aufgerufen. Ich bin in den Keller gestiegen und habe eine Flasche "Blutsbruder - für immer vereint" 1912, geholt, eine Cuvée vorwiegend aus Cabernet Sauvignon (präzise Rebsortenanteile sind schwer zu ermitteln). Natürlich habe ich den Wein, vor allem, wegen der Namens-Beziehung zu Karl May in den Keller gelegt, denn die beiden Brüder, Peter und Fritz May, bewirtschaften jetzt den Hof – in der siebenten Generation – und nennen ihren Paradewein «Blutsbruder», etwas, was ja hier auch im wörtlichen Sinn zutrifft, aber immer auch Assoziationen zu den «Blutsbrüdern» Winnetou und Old Shatterhand wecken kann. Natürlich ist die Anspielung gewollt, natürlich wird hier die Namensidentität genutzt. Dagegen ist kaum etwas einzuwenden (es gibt dümmere und irreführendere Werbebotschaften) und wenn ein paar Karl-May-Freunde so zum guten deutschen Wein finden, dann kann mir dies nur recht sein. Die Frage bleibt: Wie gut ist dieser «Karl-May-Wein»? Ist es nur die Nostalgie, die hier in die Flasche oder ins Glas gepackt wurden? Gut, ökologisch, das heisst naturnah ausgebaut, werden die Weine.seit Jahren. Da würden Winnetou und sein Blutsbruder keine Einwände haben. Doch was sagt der Weinliebhaber? Lässt er sich vom Namen blenden? Oder gar vom Kosmos, in welchem Winnetou und Old Shatterhand sich begegnet sind? Oder von all den Abenteuergeschichten, die eigentlich längs durch Harry Poters und Pokémons ersetzt worden sind? Ich suche mich mit klarem Kopf und offenem Herzen dem Wein zu nähern: Nichts auszusetzen, ein sauberer, runder, schöner Wein. Vielleicht nicht so einmalig, wie es die Helden Karl Mays waren. Dafür ein schönes Stück Rheinhessen in einem rassigen – man verzeihe mir den Begriff – süffigen Tropfen, der eigentlich nur Spass macht. Vielleicht fehlt ihm etwas der Pulverrauch, der Rauchgeschmack, die Wucht des Bärentöters; vielleicht kommt der Wein allzu versöhnlich daher: rund und weich, bis in den Abgang hinein. Doch was ist da Fantasie und was sind sensorische Grössen? So genau weiss ich es nicht, so genau kann ich dies auch nicht auseinanderhalten. Was tut es zur Sache? Meine Weinfreunde – es sind weiss Gott nicht nur Karl-May-Freaks – sind zufrieden. Sie schmecken sogar Walderde, Nelken und Wachholder: kein Wunder rückt so der «wilde Westen» näher zu Rheinhessen.

(Foto: Weinhaus Schuler)
(Foto: Weinhaus Schuler)

30. August 2016

 

Baron Edmond der Rothschild: Château Clarke 2004, Listrac, Bordeaux, Frankreich

 

Mitte des 19. Jahrhunderts ging das damals schon berühmte Château Lafite an den französischen Zweig der Familie Rothschild. Seither ist die die weit verzweigte Bankierfamilie auch im Weingeschäft verankert. Nach verschiedenen Wirren (Mehltau, Reblaus, Kriege) und Verstaatlichungen gelang es Élie de Rothschild das von deutschen Besatzern zerstörte Château Lafite-Rothschild (Pauillac) zurückzukaufen und wieder zu neuer Blüte zu führen. Sein Cousin (zweiten Grades), Baron Edmond de Rothschild, ebenfalls Bankier (er war auch an Lafite beteiligt), wollte aber selber in das Weingeschäft einsteigen und kaufte 1973 zwei Crus Bourgeois in Listrac und Moulis, Château Clarke und Château Malmaison. Unter einem besonders guten Stern stand Château Clarke vorerst nicht: ein vernichtender Brand in den Rebbergen, grosse Investitionen (Drainage) bei den Rebflächen und Ausbau der Kelleranlagen verzögerten das Heranwachsen eines «grossen Weines». 1997 starb Edmond de Rothschild, bevor er den Wein zu dem gemacht hat, was er sich erträumt hat. Zwar ging es auf dem Weingut es weiter mit einer eigens dafür gegründeten Gesellschaf,t «Compagnie Vinicole Baron Edmond de Rothschild». Doch zur eigentlichen Blüte stieg das Weingut bis heute nicht auf. In Deutschland ist «Clarke» kaum zu kaufen, in der Schweiz vermarktet ihn ein Weinhaus fast exklusiv. Clarke ist eigentlich ein «Stiefkind» in der weit verzweigten Rothschild-Dynastie. Der klingende Name ist es – und die Möglichkeit nötigen Investitionen für einen Spitzenwein zu tätigen – welche das Weingut von anderen Cru Bourgeois abhebt. Der Wein kostet in er Schweiz inzwischen um 45 CHF. Auch wenn er unter den Listrac-Weinen sicher ein Leader ist, gibt es differenziertere, auch feinere Weine, vor allem individuellere Weine unter den Cru Bourgeois. Dies jedenfalls ist mein Eindruck, nachdem ich - seit längerer Zeit – nun wieder einmal einen Clarke eingeschenkt habe: sehr dicht in der Struktur, mit leichten Noten von Tabak und (noch) ordentlicher Frucht. Doch mir fehlt das «Fleisch», das füllige Bouquet, die eindeutige «Handschrift» eines individuellen Weins. Ein sehr guter Essensbegleiter, ist dieser 2004er jedenfalls. Ich werde in der nächsten Zeit noch einige andere Jahrgänge öffnen; Ich bin gespannt!

27. August 2016

 

Gebrüder Kümin: Leutschner Clevner 2009, Spätlese (Blauburgunder), Freienbach (SZ), Schweiz

 

Es ist einfach, einen angesehenen, einen teuren, einen hochwertigen Wein zum «Herzenswein» zu machen. Da gibt es so viele Zeugen für Rang und Qualität, da sind meist auch der Preis – und nicht zuletzt – die Verfügbarkeit, mitunter sogar die Seltenheit wichtige Faktoren. Aber einen «kleinen» Wein, der nur lokale, bestenfalls regionale Bedeutung hat, auf ein Podest zu erheben, ihm die Treue durch ein bewegtes Weinleben zu bewahren, ist weit schwieriger. Dies war mir – bis zur letzten «Weinrallye» - überhaupt nicht bewusst. Erst als ich mir – so quasi – selber in die Tiefen des Herzens schauen musste, da stieg der «kleine» Leutschner auf, zum stillen, unscheinbaren Begleiter meiner Weinerlebnisse. Natürlich war er nicht immer dabei – oft sogar in Vergessenheit geraten oder schnöde links liegengelassen. Besseres gab es allemal. Doch immer mal wieder hatte ich ihn im Glas, diesen Blauburgunder, der sich hier am Zürichsee «Clevner» nennt. Heute kommt er nicht nur ins Glas, sondern erstmals (und wohl auch ein einziges Mal) in diese Rubrik «Getrunken». Es ist ein «Landwein», wie es viele «Landweine» gibt, nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Weine der Kategorie. Preis so um 15 CHF (Hochpreisland Schweiz), sauber gemacht, direkt, ohne Firlefanz und doppeltem Boden. Gewürze: ja, aber längst kein Aromenbad; Frucht: ja, eher Himbeeren als Kirschen und Cassis; Tannine: ja, aber eher ein weicher Teppich als eine klare Struktur, Säure: ja – vielleicht eher etwas zu viel (was ihn sommerfrisch macht); Abgang: ja, zwar lang aber wenig verbindlich. Ein guter Wein also, aber kein aussergewöhnlicher. Das Aussergewöhnliche liegt, wie bei so vielen Weinen, in seiner Herkunft, in seiner Geschichte, in seiner ganz persönlichen Verbindung zu mir: zu meinem Geschmack, zu meinem Erleben zu meinen Vorstellungen, wie ein Wein (auch) sein kann. Obwohl es nur ein «kleiner» Clevner ist. Dazu die persönliche Geschichte hier bei der Weinrallye. 

(© BY-SA 3.0)
(© BY-SA 3.0)

21. August 2016

 

Lupé-Cholet: Comte de Lupé 1990, Pinot Noir, Burgund, Frankreich

 

Es gibt berühmtere Burgunder, viel teurere, auch viel bessere: Allein der Name «Côte-d’Or» garantiert noch nichts, und der Jahrgang, für einen Burgunder – zumindest in dieser Preisklasse – schon ein Methusalem. Die halbe Flasche steht – seit zwei, drei Tagen – vor mir auf dem Pult, grad neben der Tastatur (wenn das nur gut kommt!). Ich kann mich einfach nicht richtig aufmachen, darüber zu schreiben: Kein Verriss, aber auch keine Lobeshymne. Normalerweise würde ich die Situation mit «Experiment» umschreiben, doch es ist mir gar nicht ums Experimentieren.  Und doch liegt etwas Faszinierendes am – oder im – Wein. Die Faszination, Wein zu sein und doch eben auch anders; Erwartungen nicht zu erfüllen und doch noch geniessbar, ja sogar genüsslich zu sein. Der Füllstand war nicht mehr perfekt (hohe Schulter), Brauntöne selbst durch das Flaschenglas auszumachen. Nach dem ersten Probeschluck bin ich wieder in den Keller gegangen, um meiner Frau etwas Besseres zu bringen (sie ist keine Altweintrinkerin, liebt es eher fruchtig). Ich hingegen habe die leichte «Todessüsse» gerne, welche alte Weine oft und gern begleiten. Ich kann mit den tertiären Noten durchaus etwas anfangen, mich sogar daran begeistern. Doch die Begeisterung fällt aus. Zuerst nippe ich nur am Glas, denke an den kräftigen, fruchtigen, geholzten Australier, der im Glas meiner Frau Genuss verspricht. Ich beherrsche mich: bleibe bei «meinem» Altwein – zumindest der Stolz eines Weinenthusiasten verlangt dies. Dann aber – mit jeder Viertelstunde, mit jedem Schluck wurde der Wein besser (zumindest in meiner Wahrnehmung). Nein, es war kein Aschenputtel-Erlebnis, vielmehr ein sanfter, gemächlicher Abend mit einem Wein, den so ich noch nie im Glas hatte. Dass die halbgefüllte Flasche zurückblieb, deutet doch eher darauf hin, dass es nicht eitle Freude, vielmehr leise Anerkennung war. Wie gesagt: dann blieb der Rest der Flasche zurück, bis heute, wo ich ihn – mitten am Tag – nochmals einschenke: Nachverkostung. Es steigt noch immer kein Phönix aus der Asche: dafür ein Wein, ohne oxidative Noten, der noch immer viele sensorische Geheimnisse birgt. Sozusagen ein Stück alte burgundische, Weinkultur.

(© BY-SA 3.0)
(© BY-SA 3.0)

21. August 2016

 

Finca Sandoval: Finca Sandoval 2006, Manchuela DO, Ledaña (Cuenca), Spanien

 

Ein vergessener Wein; besser: eine fast vergessene Weinregion Spaniens; Manchuela in der Mancha, wo einst Don Quijote gelebt hat; wo jahrzehntelang nebst Weiss- und Sektweinen vor allem „komplizierte Tintosʺ gemacht wurden. Die Region hat aufgerüstet, weinmässig den Tritt gefunden. Entstanden sind viele moderne Weinberge mit spanischen und internationalen Rebsorten sowie eine ganze Reihe neuer, anspruchsvoller Weinbauprojekte vor allem in Höhenlagen über 700 Metern. Die Finca Sandoval gehört dazu und – ihre Weinberge liegen noch weit höher, wachsen auf Kalksteinböden, passen sich an, an die heissen Tagen (Zentralspanien) und die kühlen Nächte, eine gute Voraussetzung für «charaktervolle» Weine. Eigentlich ist «Bobal» in dieser Region die «einheimische Traubensorte»; doch Bobal hat keinen guten Ruf. Es wurden daraus während vielen Jahren Massenweinen mit tiefdunkler Farbe gekeltert, ein typischer Spanier. Ganz anders dieser Wein. Zwar auch sehr dunkel, auch sehr „spanisch“, doch viel feiner, nuancierter, aromenvielfältiger: Er besteht offensichtlich (wohl mehrheitlich) aus Syrah und – dies macht wohl das Anderssein dieses Syrah-Weins aus – aus Bobal und Monastrell. Und so konnte der Wein sogar ein internationales Ansehen erlangen, bis hin zur Parkerwürde. Grund genug, alle Vorurteile gegen Spaniens Massenweine abzulegen und anzuerkennen, dass sich – meist unter Ausschluss der öffentlichen Wahrnehmung hier in der Schweiz (und Deutschland) – viel verändert hat: spanische Qualität auch in (zwar grossen) aber weniger bekannten Weinregionen. Der Wein sei „ein Feuerwerk“ habe ich gelesen. Das finde ich nicht, wahrscheinlich ist ihm in den zehn Jahren das Feuer ausgegangen. An seiner Stelle ist ein cremiger, samtiger, würdevoller Wein entstanden, der der zurückhaltend und doch auch bestimmend ist, bis in den langen Abgang hinein.

16. August 2016

 

Châteaux Moulin Saint-Georges, 2008 Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Bordeaux-Jahrgang mein Essen (zuhause) begleitet, der jünger als zehn Jahre ist. In der Regel sind es Degustationen, bei denen ich die jüngeren Jahrgänge immer mal wieder verkoste und teste. Typisch «Altweintrinker» - oder auch Privilegierter aus früheren Bordeaux-Zeiten, als die Weine noch so gemacht wurden, dass sie gut zehn Jahre im Keller zu ruhen sollten (um ihre Umgänglichkeit und Harmonie) zu finden. Doch für einmal musste es sein: Ich erinnere mich – es mögen gut zwanzig Jahre her sein – dass ich in einem kleinen Shop in Bordeaux, an der Strasse (nicht weit vom berühmten Ausone entfernt) den Moulin Saint-Georges zum ersten Mal gekauft hatte um ihn dann – mit einer Bordeaux-Reise-Gruppe – an einem geselligen Abend zu trinken. Es war mit Abstand der beste Spontankauf, der mir viel Bewunderung als «Bordeaux-Kenner» eingebracht hatte. In diesem Fall zu Unrecht, denn ich kannte den Wein kaum und der Kauf war eher ein Zufall, er war einfach besser als das, mit dem wir uns damals in den Superstores mit «bezahlbaren» Bordeaux eingedeckt hatten. Heute weiss ich mehr über den Wein. Den kleinen Hofladen in Bordeaux gibt es längst nicht mehr – der Wein aus dem Haus Vauthier versteckt sich hinter dem viel, viel, viel berühmteren (und weit, weit, weit) teureren Ausone (auch aus dem Hause Vauthier). Gekeltert und Ausgebaut werden beide – der Moulin Saint-Georges und der Ausone – dort, wo die schwarzen Limousinen vorfahren, mit dunkel-getönten Gläsern und sich der gewöhnlich sterbliche Weinliebhaber kaum Zutritt verschaffen kann.
Kein Wunder, das die Frage immer wieder auftaucht: ist dieser «kleine Bruder» von Ausone (ähnliches Terroir, gleiches Team für den Ausbau) so anders, oder noch pointierter, so viel schlechter als sein glorifizierter Bruder. Die Neugier ist stark. Sie wächst sobald ich spontan den Korkenzieher ansetze und – oh Schmack – den Wein zu einer Grillade einschenke. Ich habe sechs Flaschen an einer Auktion ersteigert, brutto zu etwa 20 CHF, Jahrgang 2008 – nicht der beste im Bordelais, weit übertrumpft von den anschlissenden zwei Jahre. Doch der Preis: ein Zwanzigstel vom Ausone 2008, der es immerhin bei Parker auf 99 Punkte brachtet. Solche Vergleiche hinken, sie hinken immer, weil der Preis eines Weins von vielen Faktoren abhängt, die Qualität ist verhältnismässig der kleineste und auch schwer auszumachen, weil es eben nicht der gleiche Wein ist. Moulin Saint-Georges, ein Wein, der schon mal an Auktionen verhökert wird.  So darf man es auch hier offen und laut sagen: der Wein ist gut, sehr gut sogar, natürlich weit entfernt, ein «Ausone» Bomber zu sein. Er wird ja auch als «geborener» Kleiner vermarktet, der nicht einmal den Ausone-Zweitwein (Chapelle d’Ausone) gefährden darf (Preis um 160 CHF). So bleibt er eben der «verkannte Kleine» und es kommt mir vor, als würde er von der Familie Vauthier bewusst verstossen, um klein zu bleiben.

11. August 2016

 

Wolf Blass: ‘Black Label’ 1993, Cabernet Sauvignon/Shiraz, Australien

 

Es gab eine Zeit, da waren Südaustralische Weine unglaublich in Mode: eine willkommene Alternative zu den «grossen» Kult-Weinen der alten Welt: Bordeaux, Burgund, Toskana, Piemont…. ja selbst zu den kultischen Kaliforniern. Die Preisexplosion im Hinblick auf den «kultischen» Jahrtausend-Jahrgang (2000) hat die Entwicklung zusätzlich angeheizt. Ben Glaetzer, Peter Lehmann, James Irvine, Wolf Blass, Peter Gago (Penfolds). Mark Lloyd, Mac Laren und wie sie alle heissen… Meist Einwanderer aus Europa, die – weil in Australien alles viel grösser ist – rasch einmal Weinimperien aufgebaut haben. Die Weine kräftig, bestimmt, fruchtig, alkoholreich; kleine Monumente, auch bei uns rasch Beachtung gefunden haben, vor allem weil sie sich immer mehr als Kultweine auf den Markt drängten. 1992 wurde Wolf Blass and der «International Wine and Spirit Competition» zum „Internationaler Weinmacher des Jahres“ gekrönt. Die Weinszene hatte ihre neuen Stars. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Black Label aus dem Folgejahr (1993) stammt und jetzt – mehr als zwanzig Jahre später – in Auktionen auftaucht. Man hat damals eben – wie man dies Bordeaux vorgemacht hat – auch tüchtig eingekellert, im Gedanken an die Flaschenreifung und Wertsteigerung. Doch Moden – die haben es so an sich – sind eben Moden und nicht immer und jederzeit «in». Die Weine blieben liegen, im Keller – neue Moden haben sie in die hinterste Ecke – oder gar in die Vergessenheit gedrängt. Die Erfahrung, wie sich australische Kult-Weine in «Bordeaux-Langsamkeit» entwickeln, fehlt, der Glaube an Kraft und Potenz (wie ihn Parker uns seit Jahrzehnten eingeimpft hat) hat Brüche bekommen: filigrane Weine, differenzierte Weine, spielerische Weine, geheimnisvolle Weine… Der Modetrend hat gekehrt, die Keller der Weinliebhaber sehen heute anders aus. So also – über Kellerauflösung – bin ich zu diesem Spitzenwein von Wolf Blass gekommen. Ein Wein, der noch immer um 100 CHF kostet (schliesslich ist es ein Monument!) und – dies sei verraten: hervorragend gealtert hat. Er hat seine Strenge (Black Label) verloren, ist zugänglicher, gemütlicher geworden und verlockt mit seinem old-fashioned Charme. Irgendwie erinnert mich der Wein an alt gewordene Monumente des Jazz. (Zweite Verkostung in diesem Jahr)

09. August 2016

 

 James & Marjorie Irvine: Grand Merlot 1994, Eden Valley, Australien

 

Es macht mir riesigen Spass: ein Wein im Glas, den ich wohl kannte, aber noch nie im Glas hatte. Und erst noch ein alter – für einen australischen Merlot - schon fast ein uralter Jahrgang: 1994. Ein Experiment, auf für mich. Ich habe den Wein ersteigert – für wenig Geld, so quasi als «Restposten», gar nicht gefragt und deshalb besonders interessant. Hat der Wein «überlebt»? Es geht nicht darum, ob man ihn noch trinken kann, ob er noch etwas zu bieten hat, ob er noch Spass machen kann. Davon gehe ich aus. Es geht darum, was aus dem kräftigen, fruchtigen, verführerischen Wein des «King of Merlot», James Irvine geworden ist: Aromen von Pflaumen, aber auch Zedern, Spuren von Feigen, ja aromatisch noch leicht durchschimmernde rote Beeren, das starke Holz (französische Eiche) hat sich aufgelöst in einem «Gesamtkunstwerk». Es kommen Erinnerungen an den Kult-Merlot aus Pommerol – Pétrus – den ich natürlich genau so selten im Glas habe, aber doch von diversen Degustationen her kenne. Der kann doch nicht besser sein. Oder darf er nicht besser sein (weil wesentlich teurer)? Ein Modewein, habe ich irgendwo gelesen. Wenn Mode so gut ist – Mode aus den Neunzigern – dann rapple ich mich gerne auf zum «Modeaffen». Der Wein – bei uns so um knapp 100 Franken im Weinhandel – habe ich an einer Auktion für die Hälfte dieses Preises erworben. Risikoabzug! In diesem Fall dürfte man – wüsste man es so genau – Risikozuschlag verlangen, denn der Wein präsentiert sich jetzt -  in allerbesten «Altform», nicht mehr der kräftige – fast schon aufdringliche – Kraftwein, vielmehr ein verführerischer, abgeklärter, tiefgreifender, nachhallender Spitzenwein. Jetzt wo ich dies schreibe – der Wein ist längst getrunken – verklärt getrunken – bin ich versucht zu kommentieren – schau ich mich doch in Weinsuchprogrammen um: Jahrgang 1994, nur ein Angebot in einem australischen Weinhaus, für (umgerechnet) 900 CHF. Auch dies sind Weingeschichten, schöne!

05. August 2016

 

Groot Constantia: Pinotage 2012, ConstantiaDiemersdal: Pinotage, 2013 DurbanvilleLanzerac: Pinotage 2010, Stellenbosch Südafrika

 

Drei (leere) Flaschen Pinotage stehen vor mir: «Groot Constantia» (2012), «Lanzerac» (2010) und Diemersdal (2013). Getrunken! Die Versuchung, jetzt zu werten, den einen gegen den anderen auszuspielen um – mindestens für mich – den besten zu erküren. Ein Spiel, das dem Weinliebhaber liegt und auch Spasst macht. So quasi: Wer ist der Beste? Und als letzte (mögliche) Konsequenz: was wird am besten eingekellert? Hier geht es mir aber um etwas ganz anderes; es geht um die Tatsache, dass an schönen, heissen Sommertagen der «Pinotage» zum Sommerwein mutiert; zum Wein, der der Hitze, sogar der Grillade im Garten, standhalten kann. Viele meiner Weinfreunde – ich weiss es – schütteln jetzt den Kopf, vor allem in Deutschland, wo in dieser Situation ein trockener Riesling so etwas wie eine «ultima Ratio» darstellt, während es für einen Südfranzosen ganz klar ist:  da muss ein Rosé her! Ob Rosé, Riesling oder Pinotage – «Hundstage» unterscheiden sich kaum, was dazu getrunken wird, aber schon! Entscheiden tun einzig und allein die Durstigen. Als «Durstiger» habe ich da eine klare Meinung: Pinotage! Die leicht bitteren Noten, der ruhige Trinkfluss, die Unaufgeregtheit des Weins und nicht zuletzt eine moderate kühle - nicht kalte - Temperatur bringen Struktur und Festigkeit in den Gaumen und erzeugen gleichzeitig eine feine, fast schon perlende Wirkung. Fantastisch! Ich höre etwas von Rosé – Pinotage-Rosé –, wie er als sogenannter Sommerwein angeboten wird. Dies meine ich nicht, dies ist schon fast doppelt-gemoppelt. In diesem Fall bevorzuge ich es ich es einfach: einfach Pinotage – angenehm temperiert – harmonisch, rund, spritzig (nicht spitzig!) und fruchtig. Wer jetzt doch noch wissen möchte, welchen der drei Weine – unabhängig von Hundstagen – ich generell bevorzuge: Schwer zu sagen! «Groot Constantia», klassisch, eindeutig, wenig verspielt, eher beständig, traditionell. Ganz anders «Lanzerac»: eleganter, feiner, verspielt, inovativ, modern, reife Beeren und Pflaumen in der Nase und im Gaumen, mit lange anhaltendem Nachgeschmack. 

Malans  (Bild: Schweizer Tourismus)
Malans (Bild: Schweizer Tourismus)

03. August 2016

 

Georg und Ruth Fromm: Malanser 2001, Pinot Noir, Malans, Bündner Herrschaft, Schweiz

 

Ein renommierter Winzer, einer der besten in der Schweiz, Bündner Herrschaft, Hochburg des Pinot Noir oder eben des Blauburgunders, Weine von Gantenbein, Fromm, Grünenfelder, Donatsch und wie sie alle heissen, eine Referenz für hohe Weinkultur, für einen Trinkspass auch am ersten August, dem Schweizer Nationalfeiertag. Es sollte nicht sein. Zuerst war meine Frau enttäuscht, sie hat die Flasche aus dem Keller geholt. Ich habe ihr Gesicht gesehen und gleich gespürt, da stimmt etwas nicht. Kein fröhliches Strahlen, keine spontanen Kommentare, vielmehr ein leicht verzogenes Gesicht, analog dem Wein bitter: kraftlos, brutal gesagt: vorbei. Natürlich musste ich sofort in meinem Glas nachfassen: stimmt, in der Nase leicht oxidative Noten, nichts von der eleganten Wolke eines Pinots aus der Herrschaft. Kein Trinkfluss, irgendetwas Verzahntes zwischen Reife und Abgestandenheit, allerdings Spuren von dem, was da wohl einmal in der Flasche war. Ein Wein, der von feinen Pinot Noten – sozusagen filigranen – lebt, oder besser gelebt hat. Tannine jaulen noch auf, doch nicht als Stütze, nicht als festes, zusammenfügendes Gerüst. Primärnoten – die Frucht – sind fast weg. Da kommt mir in den Sinn, den Jahrgang etwas genauer anzusehen: 2001, also ein Weinjahr vor 15 Jahren. War es ein gutes, war es ein schlechtes? Ich weiss nicht (mehr); es tut auch nichts zu Sache. Der Wein hat nicht überlebt. Ich rege an, eine andere Flasche aus dem Keller zu holen. Wird abgelehnt, wir beissen uns durch den Wein. Am Schluss bleibt die halbe Flasche vor. Ich habe schon so manchen fünfzehnjährigen Pinot aus der Herrschaft getrunken (und auch ältere!), die noch gut aufgestellt waren. Doch dieser Malanser ist es eindeutig nicht. Fazit: Auch Topweine haben ihre Vergänglichkeit, warten lohnt sich ab und zu, aber noch lange nicht immer. Nicht alles was alt ist, ist auch gut. Dies gilt auch für Weine.

31. Juli 2016

 

Château La Gaffelière: La Gaffelière 1996, Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

  

Es gibt in Bordeaux eine Rufhierarchie – so ausgeprägt wie in kaum einem anderen Weingebiet – die Weingüter über Jahre, ja Jahrzehnte begleitet – im Guten und im Schlechten. Vielleicht hat dies schon mit einer Qualitätsperiode zu tun, mit ein paar Jahren der Anstrengung oder des Nachlassens, mit Erneuerungen und Investitionen. Mag im einzelnen Fall alles so sein. Doch ein Ruf ist meist so resistent, dass es daraus kaum ein Entrinnen gibt. Da können Weinkritiker – selbst Parker – noch so stark anrennen, es bleibt oft viel vom «Hintergrundruf» (hat nichts oder wenig mit der Klassifizierung zu tun) hängen, da hilft eigentlich nur dagegen antrinken. Ich habe dies nun schon so oft erlebt. Château Pédesclaux ist oder war so ein Weingut. Zwar «nur» 5ème Cru (Pauillac), doch die renommierten Kritiker reden sich meist darum herum. Ich habe in meiner «Sammelwut» vor Jahren den ersten Pédesclaux gekauft (um von jedem Grand Cru Classé ein paar Flaschen im Keller zu haben) und dabei erstaunt festgestellt:  So schlecht ist er gar nicht, wie sein Ruf, aber fast immer tief in den 80ern Punkten (Parker). Selbst in Jahrhundert-Jahrgängen wie 2009 und 2010 (auch bei Pédesclaux wirklich ein grossartiger Wein – und erst noch günstig zu kaufen) überkletterte er bei Parker die 89 Punkte nicht. Ähnlich geht es seit Jahren dem Rauzan-Gassies (2ème Crulassé, Margaux), das zwar seit etwa 10 Jahren durch Kellererneuerungen kräftig zugelegt hat, doch noch immer gegenüber seinem hochangesehenen Nachbarn Rauzan-Ségla bei Gabriel noch immer um 16/20 Punkten dümpelt. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen: Rufhierarchie eben! Bei La Gaffelière ist es zwar nicht ganz so krass, doch der (fast) Nachbar, Canon La Gaffelière (Graf von Neipperg), stiehlt ihm seit Jahren die Show. Canon la Gaffelière in den letzten zwanzig Jahren kaum weniger als 90 Parker-Punkte, La Gaffelière hingegen kaum mehr als 90. 1996 – dieser Jahrgang also – Canon La Gaffelière 90 PP, La Gaffelière hingegen 87 PP. Ob dies immer mit der Qualität zu begründen ist? Ich habe da meine ernsthaften Zweifel. Gerade bei diesem 96er La Gaffelière bestechen Kraft und Aromen (noch nach 20 Jahren!) entwickeln vielleicht nicht den Charme eines jüngeren Canon la Gaffelière, dafür behält er Zuverlässigkeit, Typizität (Merlot) und ist noch immer mit einem eigenwilligen, aber fast umwerfenden Bouquet «gesegnet».

26. Juli 2016

 

Torre Raone: Raone Rosso 2006, Colline Pescaresi, Biowein, Abruzzen, Italien

 

Die leere Flasche steht schon lange in meinem Büro, nicht einmal im Büchergestell, wo die Weinbücher stehen. Nein, dort wo täglich, fast stündlich hinschaue, neben dem Fernseher, über der Kamera, neben Medienliteratur. Warum steht er da? Eine leere Flasche! Die Erinnerung ist verblasst, Notizen diesmal nicht vorhanden. Wie soll ich da eine Geschichte schreiben? Wichtig war für mich der Wein, sonst wäre die leere Flasche längst in der Glasabfuhr. Aber warum war er wichtig? Was ist eine (seine) Geschichte. Also doch entsorgen, nicht mehr darüber sinnieren, aus dem Bereich der Weinerlebnisse – der Weingeschichten – tilgen? Wie so oft, bringe ich es nicht übers Herz. War es nicht doch ein schöner Moment – ein schöner Weinabend – als sein Inhalt im Glas war? Ein Reinfall war es jedenfalls nicht, das wüsste ich bestimmt. Die Flaschenleiche wäre weg. Vielleicht war es das Label «Bio», das bei und in mir noch immer Skepsis und Fragen auslöst. Ein Modetrend, der oft so etwas wie eine Mogelpackung ist. Wer hat nicht alles in den letzten Jahren auf «Bio» (in den verschiedenen Ausprägungen und in unterschiedlichem Verständnis) umgesattelt. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil sich so ein Wein und sein Image besser verkaufen lässt. Nachdem ich nach dem Besuch des Premiergutes «Latour» (Pauillac, Bordeaux) - mit den modernsten hochtechnisierten Anlagen zu Vinifikation – in den Reben das Arbeiten mit Ross und Pflug gesehen und erlebt habe, sind meine Zweifel noch gewachsen.  Ist vielleicht dieser Raone Rosso eine echte Alternative, ein «echter» Biowein und nicht nur ein potemkinsches Bio-Dorf. Vielleicht ist dies die Geschichte? Kurzum: ich weiss es nicht (mehr). Und doch gibt es nach den vielen Überlegungen jetzt eine «neue» Geschichte. Die Geschichte von «vergessenen Weinen», von «vergessenen Weinerinnerungen». Da trinken wir – sozusagen Tag für Tag – vor allem am Abend – einen Wein. Nicht einfach nur, weil wir Durst haben. Nein, weil wir den Genuss, das Weinerlebnis suchen und meist auch finden (die Auswahl ist ja nicht zufällig!). Und dann? Meist ist der Nachhall etwas länger als der Wein im Gaumen! Aber wie lange? Die erinnerten Erlebnisse reduzieren sich. War angenehm, war schön, war genüsslich! Ich meine: auch Genusserlebnisse sollten Nachhaltig sein, jedenfalls nachhaltiger als das zehn Weinflaschen, die noch für – wohl verdrängte Geschichten – in der Küche am Boden stehen. Gleichsam als materialisierte Erinnerung an Weine, die einmal zum Genuss in meinem Glas waren. Die standardisierten Beschreibungen wie: «Aromen von schwarzen Beeren und roten Kirschen, dunkle Schokolade und Tabak; im Gaumen geschmeidig und voll, viel Frucht… « kommen mir schon etwas eintönig vor. Jedenfalls nicht zum Erinnern. Eigentlich können nur Geschichten gut erinnert werden. Weingeschichten. Dies ist also die Geschichte eines nicht-erinnerten Weins.

22. Juli 2016

 

Hospices de Beaune: Savigny-les-Beaune 1993, Cuvée Forneret, Burgund, Frankreich

 

 

Es sind die Geschichte, der Name, der Mythos, die Tradition, welche diesen Wein prägen, viel mehr noch als die Qualität. Ein 1931er – habe ich gesehen – wird für 750 Franken angeboten, vielleicht ist er gar nicht mehr (mit Genuss) zu Trinken, bestimmt aber eine Rarität. Das Hospitz de Beaune, 1443 gegründet, war bis 1971 ein Krankenhaus; eine Pionierinstitution der Krankenpflege; ein Spital, das vor allem aus dem Erlös der Weine aus den eigenen Weinbergen finanziert wurde. Noch heute findet einmal im Jahr (während der «Trois Glorieuses») eine Auktion statt, wo viele der bekanntesten Weinhäuser Frankreichs ein Fass ersteigern – um dann eine eigene (firmeneigene) Abfüllung zu machen, gleichsam als Visitenkarte des Unternehmens. «Wenn Beaune hohe Preise bei der Hospiz-Auktion erzielt, so wird der gesamte Burgunder-Jahrgang teurer». (Wikipedia) Das Hospiz selber füllt einen Teil seiner Weine auch selber ab und verkauft sie unter dem eigenen Namen. Unsere Cuvée hier wurde von Coop Suisse angekauft; ausgebaut und abgefüllt aber von Patriarche Père et Fils au Couvent des Visitandines. Es ist also nicht ganz gleichgültig, aus welchem Haus de Wein kommt (auch wenn es letztlich die Weinberge sind). Patriarche ist einer der grössten Weinhändler von Burgund, mit einem alten Weinkeller, der jährlich von über 50'000 Menschen besucht wird. Dies sagt zwar wenig in Bezug auf die Qualität, umso mehr über das Ansehen und den Stellenwert der Weine aus den Hospices. Tatsächlich gebietet dem Wein – immerhin 23 Jahre alt – eher Ehrfrucht als Weinbegeisterung. Trinkbar ist er aber immer noch – sogar mit Genuss trinkbar – , doch es gibt weit bessere Burgunder. Da haben sich bereits Firnisse eingeschlichen und – beim Menschen würde man sagen – die grauen Haare überwiegen. Und die Säure? Auch die hat sich verkrochen. Trotzdem: Es ist ein Wein, der durchaus als Monument gehandelt werden kann, wenn man die paar altersbedingten Ecken und Kanten nicht sieht.