Kolumnen von Peter Züllig bei Wein-Pllus.eu (Eine Auswahl von 226 Kolumnen)

11.01.2006
Grüezi mitenand
Grosse Verkostungen oder Staatsbegräbnisse erster Klasse

So wie jeder Jäger seine schönsten Erlebnisse in schmuckvollem Jägerlatein immer wieder zum Besten gibt, so schwärmt auch der Weinliebhaber oft und gerne von seinen „großen” Verkostungen. Bei mir sind es schon einige dieser „unvergesslichen” Erlebnisse, von denen ich immer wieder gerne erzähle. Zum Beispiel eine Jahrhundert-Degustation der „besten französischen Weine” des 20. Jahrhunderts, oder eine Mouton-Vertikale mit René Gabriel, oder eine Verkostung von jenen Weinen, welche die Weinwelt veränderten und - erst kürzlich - eine Vertikale der besten Châteauneuf-du-Pape von Henri Bonneau. All diese Weinerlebnisse haben etwas gemeinsam: die begleitende Zeremonie, jene Kulthandlung, in der die Weine „zu Grabe getragen” werden. Eigentlich ist es kein übliches Sterben, kein Abschied in Trauer. Im Gegenteil: Es sind die Stunden und Minuten, in denen der Sinn eines Weindaseins in Erfüllung geht. Der alleinige Zweck, dem Menschen, dem Genießer allerhöchste Lust zu bereiten und dann abzutreten aus dem irdischen Wein-Dasein. Alle Weine, die diesen Zweck erfüllen, leben weiter in den Erzählungen und Schilderungen von denen, die dabei waren.

 

Eröffnung der einmaligen Bonneau-Präsentation. 28 der legendären Weine wurden von Gerhard Präsent in Graz vorgestellt. Die Teilnehmer kamen aus vielen Gegenden, aus Zürich, aus Hannover, aus London etc.
Die Zeremonie aber, die den Hinschied begleitet, gleicht einem „Staatsbegräbnis erster Klasse”.Niemand ist wirklich traurig, nicht einmal die nächsten Angehörigen (in diesem Fall die stolzen Besitzer). Jeder an der Tafel weiß, das Ableben hat einen höheren Sinn, erhält jetzt seine höchste Weihe und zwar im einem harten Wettbewerb, den Anwesenden höchsten Genuss zu verschaffen.

 

Alle Teilnehmer am rituellen Staatsbegräbnis haben sich ihre geistige Uniform angezogen. Deutlich erkennbar die verschiedenen Schichten: Amateur, Profi, Genießer, Skeptiker, Vertrauter, Kenner, Neugieriger... Das geistige Gewand ist vielfältig und nicht ohne weiteres erkennbar - uneinheitlich also. Doch alle sind mit den Insignien ihres Standes dekoriert. Zwar wird Lässigkeit demonstriert, in Wirklichkeit aber steigt die Erregung. Zuerst werden die Mittrinker (oder Verkoster) unauffällig, aber umso schärfer unter die Lupe genommen: Wer hält das Glas falsch? Wer streckt seine Nase zu lange ins Glas? Wer trinkt mehr als er verkostet? Wer spuckt und wer nicht? Wer notiert systematisch und verteilt sogar Punkte?

 

Kritisches Prüfen an der sensationellen Bonneau-Degustation vom 17. Dezember in Graz
Dann kommt der Wein an die Reihe. Drei oder vier Gläser, tümpelhoch gefüllt, werden ans Licht gehalten, zur Nase geführt, schluckweise geleert, der Inhalt durch Mund und Gaumen gezogen... Schließlich wird mit einer möglichst lässigen Kopfbewegung der hehre Augenblick quittiert. Ein Staatsbegräbnis: zwar werden keine Fahnen zum Grab hin gesenkt, zwar gibt es keine Kränze mit dem „letzten Gruß”. Doch die Stimmung entspricht jener, die sonst auf Kranz- und Bouquetschleifen festgehalten wird: „in Kameradschaft, Freundschaft oder gar Liebe, Dein...”.

 

Wie bei jedem echten Staatsbegräbnis wird vorerst in Ehrfurcht geschwiegen, minutenlang. Dann melden sich die engsten Freunde zu Wort: Verdienst, Eigenheit, Leistung, sogar ein Stück Werdegang werden formuliert und zaghaft ausgesprochen. Widersprechen mag keiner. Dies gebietet schon die Würde des Anlasses, die Erhabenheit des Augenblicks. Erst später, im kleinen Kreis, kommen auch kritische Stimmen zu Wort, allfällige Laster und Ungereimtheiten werden aufgezählt, allerdings eher verhohlen, hinter der vorgehaltenen Hand.

Man spricht bereits über die Nachfolge und freut sich auf das nächste Staatsbegräbnis 1. Klasse. In verschiedenen Internetforen werden Kondolenzlisten aufgelegt, und die große Weinwelt nimmt geistigen Anteil am Abschied. „Congratulations for a maybe once in a lifetime tasting.” So oder ähnlich wird geschrieben, gelobt, analysiert und geschwärmt. Das Staatsbegräbnis bleibt in Erinnerung, es wird den Enkeln und Urenkeln als geistiges Weinerbe weitergereicht. Und irgendwann verwischt sich die Erinnerung mit der Zeremonie und der Wein mit dem Erlebnis dabei gewesen zu sein.

Herzlich Ihr/Euer
Peter (Züllig)

02.08.2006

„Unverschämt schön, diese Farbe!”:
Eine Liebeserklärung an den Rosé

 

Echte Weingenießer rümpfen die Nase: Rosé! Dies ist doch kein Wein. Tatsächlich genießt der Rosé in der „wahren” Weinwelt kein allzu großes Ansehen.

Es ist noch nicht allzu lange her, da mokierte ich mich über den Rosé eines angesehenen Winzers am Zürichsee: eine unnötige Konzession an den schlechten Weingeschmack!

In Neuenburg, wo es den echten „Oeil de Perdrix” ( „Auge des Feldhuhns”) gibt, wurde ich ob meiner abfälligen Bemerkungen beinahe aus dem Keller geworfen. Schließlich klatschte ich in die Hände, als ein Winzer in Chur den "Schiller" aus seinem Programm verbannt hat: „nicht mehr verkäuflich!” „Schiller” ist nämlich ein spezieller Rosé, den es nur in der Region von Chur gibt.

Schon gar nicht begreifen konnte ich, dass ein Winzer, der sonst einen hervorragenden Geschmack hat und Jahr für Jahr ausgezeichnete Weine keltert, seinen Verzicht auf den „Schiller” tief bedauert. Ich habe sein betrübtes Gesicht und die Welt nicht mehr verstanden.

Jetzt aber bin auch ich unter die Rosé-Fans gegangen. Zwar wage ich noch nicht, meinen weinverliebten Gästen einen Rosé vorzusetzen, auch im Sommer nicht. Es muss zumindest ein echter Schweizer, ein Languedoc oder gar ein Bordeaux sein, vielleicht ein Weißer, sicher aber kein Rosé. Zuviel an Glaubwürdigkeit in Sachen Wein hätte ich da zu verlieren.

Es gibt aber den Roséwein - in recht unterschiedlicher Prägung - sozusagen in allen Weinländern, zumindest in Europa. In Deutschland den „Weißherbst”, in Österreich den „Gleichgepressten”, in Italien den „Bardolino Chiaretto”, in Portugal den „Mateus”, in Frankreich eben den „Rosé”... Im Süden Frankreichs, wo man die Hitze im Sommer nicht suchen muss, da kann Rosé auch ein „Qualitätswein” sein.

„Mein” Rosé ist aber kein Qualitätswein, er wird, „en vrac” angeboten, also offen, in großen Behältern, hat keinen Namen, nicht einmal der Winzer ist bekannt.

Mittag für Mittag kommt er - sobald wir aus unseren Liegestühlen auftauchen -unaufgefordert auf den Tisch im kleinen Strandrestaurant. „Eine unverschämtschöne Farbe”, so der tägliche Kommentar,und wir stoßen an, auf einen herrlichen, aromatischen, durststillenden Schluck. Ich erlaube mir sogar - welch Frevel! -ab und zu einen Eiswürfel in den Wein zu geben, damit er auch wirklich kühl ist und noch schöner im Sonnenlicht funkelt.Nicht einen Augenblick komme  ich auf den Gedanken, nach Nase, Gaumen und Abgang zu fragen. Alle Punkte, ob 10er, 20er oder 100er System, sind in eine andere Welt verbannt. Ab und zu kann ich es dann doch nicht lassen: „une belle composition de pulpe de framboise et de fraise, un palais au fruit juteux doté d’une matière pleine et fraîche” (frei übersetzt:  schöne Frucht von Himbeeren und Erdbeeren, am Gaumen fruchtig, saftig, voll und frisch”.

Solche Anflüge hoher Weinkultur verflüchtigen sich rasch, sind sie trotzdem allzu beharrlich, dann vertreibe ich sie mit dem zweiten südländischen Sommergetränk, dem unverschämt grellgrün leuchtenden „Menthe à l’eau”. Da fügt sich der Gaumen dem Auge, der Sommer ist perfekt!

Ich gebe es zu, ich bin verliebt in diesen Rosé, seine Schönheit hat es mir angetan. Plötzlich finde ich ihn auch nicht mehr so belanglos. Verunsichert blättere ich im Weinmagazin des Südens: „Cave des Lirac, Rosé, cuvée „vieilles vignes”, médaille d’Or, 85 Punkte”. Oder «Château Mas Neuf, Costières de Nîmes, Compostelle, 17 Punkte». Die meisten Winzer, deren Rotwein ich schätze, keltern auch einen Rosé. Den habe ich bisher links liegen, im Weinkeller stehen gelassen. In den Bewertungen der „Weinpäpste” taucht er kaum auf, wenn er schon einmal erwähnt wird, erreicht er kaum 15 Punkte. Noch nie hat mir ein Winzer den Rosé besonders empfohlen, eher verschämt in der Ecke stehen gelassen.

Seit diesem Sommer ist bei mir alles anders geworden: Ich bin froh, einen Wein entdeckt

zu haben, den ich nicht beschreiben, benoten, bepunkten muss, den ich einfach trinken kann, unbeschwert. Er muss nicht eingelagert, nicht registriert und im richtigen Augenblick aus dem Keller geholt werden. Der Rosé aus der Languedoc, ob mit schillerndem Namen oder namenlos, ist „l’ art de vivre de l’été” - die Kunst, den Sommer zu leben, zu genießen.

 

Herzlich 

Ihr/Euer

Peter (Züllig)

 

NB. Es ist zu befürchten, dass der nächste Besucher, auch wenn er ein Weinfreund und -kenner ist, einen „Rosé du Languedoc” vorgesetzt bekommt.

10. Oktober 2006
Nicht die „Caine”, nein, der „Morgon” war mein Schicksal
Nicht ganz geheime Gedanken eines Preisträgers im Augenblick der Ehrung

Und noch ein zweites Mal: nein! Mit Humphrey Bogart verbindet mich nichts, außer einer großen Bewunderung für seine schauspielerische Leistung. Auch sein Gegenspieler, José Ferrer, kann mir in diesem Augenblick nicht helfen. Im Glas und unter der Nase habe ich einen „Morgon”, einen Rotwein aus dem Beaujolais. Ich bin eingetaucht in eine (Wein-)Welt, die nicht die meine ist. Jürgen hat mir drei Morgon mitgebracht, zum Verkosten, zum Vergleichen, zum Besprechen. Dazwischen platzen zwei charmante Damen. Zuerst Barbara, mit einem beachtlichen Chianti. Auch nicht meine Weinwelt, aber gut, sehr gut.

 

Bordeaux-Seminar am Nachmittag. Noch ganz ohne "Weinnase", aber mit kniffligen Fragen

Dann setzt sich Kerstin zu uns, mit einem „Gressier Grand Poujeaux”. Dies ist nun Bordeaux, genauer „Moulis”, doch ich kenne den Wein nicht, weder den Jahrgang, noch das Châteaux - da bin ich erwischt worden! Hat der Wein zu wenig Renommee, kein Mythos?

 

Es darf auch gelacht werden!
Sam, der inzwischen Jürgens Platz eingenommen hat, findet den Chianti noch besser als ich, einfach, aber großartig. Ich nutze die Gelegenheit, um von Sam mehr über Unstrut/Saale zu erfahren. Da aber geht ein Raunen, ein Gelächter durch den Saal. Der Staatspräsident der „sozialistisch-demokratischen Republik Molwanien” ergreift das Wort.

Molwanien? „Szlengro... (was soviel wie „Willkommen!” heißt) im Land des schadhaften Lächelns.” „Wo”, laut Reiseführer, „der größte Produzent von Roter Beete und die Ursprungsregion des Keuchhustens zu finden ist”. Gibt es da etwa auch Wein?

Diese ungewöhnlich fulminante Rede des Staatsvorsitzenden - politisch oft inkorrekt - kann nur von Dominik stammen. Witz und Esprit hindern mich, es José Ferrer gleichzutun und das Glas, inzwischen mit Molwanischem Tittinger - also einem Riesling - gefüllt, nach dem Anstoßen in eines der Gesichter zu schleudern, die mich in diesem Augeblick umgeben, aufgestanden sind und klatschen!

 

Peter, schwer umlagert von Menschen und Weinen und kaum zu überzeugen

Da bin ich im Gebiet des Beaujolais, werde vom Chianti nach Italien umgelenkt, besuche mit dem Poujeaux den Südwesten Frankreichs, und schon soll ich mit etwas, das nach deutschem Riesling schmeckt, auf die Ehrenbürgschaft der „sozialistisch-demokratischen Republik Molwanien” anstoßen.

Himmel, wo ist denn meine (Wein-)Heimat?

Aber halt, dieser Ehrenbürger bin ja soeben ich geworden. Himmel, jetzt gilt es Fassung zu bewahren: ich rufe (im geheimen) Bogart zu Hilfe, oder dann eben Ferrer. Es hilft alles nichts! Man zeigt mir die Weinnase.

Ich rechne rasch nach: Wie viel habe ich schon getrunken? Nein, ich bin nicht betrunken, nicht in einen Weinrausch verfallen. Die Nase gilt mir! Zwei Gläser in der Hand, im einen Beaujolais, im andern Riesling, so ergreife ich das Mikrofon. Keine geschliffene Rede, nicht vorbereitet, sondern überrascht, gerührt, dankbar.... was soll ich sagen?

 

Weinnase, "visionärer Erschaffer unserer zukünftigen nationalen Weinautobahn"
Ganz einfach, die Geschichte der beiden Weine „erzählen”, die ich gerade in der Hand halte.

Zuerst die Riesling-Geschichte. Durch Wein-Plus lernte ich Natz und Max-Georg kennen. Zwei ausgeprägte Rieslingfans: Riesling trocken! Seit vier Jahren versuchen mir die beiden den besten Wein Deutschlands näher zu bringen. Dazu reisten wir gemeinsam schon das vierte Mal in ein deutsches Weingebiet: Drei, vier wunderschöne Tage (diesmal soeben an Saar/Ruwer/Mosel), in wunderschöner Freundschaft, das hat mir der einst schnöde abgelehnte Riesling gebracht. Riesling trocken! Ich sage es (noch) nicht offen, aber ich habe ihn sogar gern!

Und die andere Geschichte: Beaujolais, für mich der „Un-Wein” meines (Wein-)Lebens. Es sind kaum zwei Wochen her, da hat mich Dierk angeregt, einmal über dieses Weingebiet nachzudenken, das bis heute verschlossen ist: „Ja, was weiß ich darüber”, frage ich mich in einem Forumsbeitrag schon fast verzweifelt. Ich schlage in der Literatur nach, recherchiere bei „meinen” Weinhändlern, mit mäßigem Erfolg! Dann kommt Jürgen zu Hilfe. Er verspricht, einen Morgon zum „großen Treffen” mitzunehmen. Es wurden daraus sogar drei!

Und einer davon ist in meinem Glas. Noch immer kann ich mich nicht ganz an die Gamay-Frucht gewöhnen, doch..... Dies ist eben eine Geschichte, die weiter gehen wird.

 

Dominik, als Staatspräsident der sozialistisch-demokratischen Republik Molwanien

Schlagartig ist mir bewusst: Der Weinnasenpreis ist ein Preis für das „Geschichten erzählen!” Weingeschichten. Christian Segers, auch „Weinnase” genannt und Stifter des Preises, ist vor allem ein „Geschichten-Erzähler”. „Architekt der prachtvollsten molwanischen Luftschlösser”, steht in der soeben verliehenen Urkunde. Das stimmt. Doch Luftschlösser sind mitunter wirklicher, solider, beständiger als jene aus Stein und Mörtel, ja sogar als jene aus Beton. Sie können in ihrer Grund-Botschaft sogar viel „wahrer” sein, als alle belegbaren und messbaren Faktenreihen, auch wenn es um Weine geht.

Preisträger sind immer auch Botschafter. Botschafter wofür? Mit der Schönheit ist es längst vorbei, da kann ich nicht mehr aufs Podest steigen. Mit dem Wissen, na ja, da hört es oft kurz hinter Bordeaux auf. Vielleicht aber Botschafter der Weingeschichten, Botschafter für Menschen, die hinter dem Wein stehen, die ihn machen, verkaufen, erdulden, genießen, benoten....

 

Der Weinnase-Orden und Zeichen der soeben erhaltenen Ehrenbürgerschaft

Da kommt mir „der einzige Master of Wine der Schweiz” in den Sinn. Sein exklusiver Titel wird ständig vermarktet, er steht „über dem Menschen”, der dahinter zu stehen hat. Der Titel ist zu seinem wichtigsten „Verkaufsargument” verkommen. Ich kann es nicht mehr hören, andern geht es wohl genau so. Nun aber bin ich „der einzige Weinnasen-Preisträger der Schweiz”. Keine Angst, ich werde den Titel nicht vermarkten. Ich habe nichts zu verkaufen, es seien denn: meine Geschichten des Weins und die Geschichten der Menschen, die mit ihm umgehen.


Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Weinnasenpreisträger)


Peter Züllig

 27.10.2014

 

Letzte Kolumne:
Abschied
 

„Scheiden tut weh“, sagt man. Mann oder Frau haben gar nicht so unrecht. Jede Veränderung enthält beides, das Alte, das abstirbt, weggeht, meist auch bald in der Vergessenheit versinkt. Und das Neue, das man zuerst erfahren, kennenlernen muss, an das man sich wohl auch rasch gewöhnt. Warum soll es mir und dieser – meiner – Kolumne anders ergehen? Es ist die letzte, die ich bei Wein-Plus schreibe, schreiben kann, schreiben darf. Das Magazin – so wie es sich heute präsentiert – wird verschlankt, abgespeckt, aufs Kerngeschäft getrimmt. Vor nahezu neun Jahren – am 6. Dezember 2005 – habe ich die erste Kolumne geschrieben und von da an alle 14 Tage ein neues Thema aufgegriffen. 226 sind es geworden. Alle subjektiv, sehr subjektiv, aus der Sicht eines Weinliebhabers, eines Sammlers, eines Umtriebigen in Sachen Wein.

Bild aus einer der ersten Kolumnen; Thema: „Große Verkostungen oder Staatsbegräbnisse erster Klasse“ (Foto: P. Züllig)
Glossar zum Thema
Utz Graafmann, der Gründer und Geschäftsführer von Wein-Plus, hat mir vertraut, mir die Möglichkeit gegeben, im größten europäischen Wein-Netzwerk „über den Rand hinaus zu denken“ und festzuhalten, was an Gedanken, Fragen, Erlebnissen, Erfahrungen im Alltag so aufgetaucht ist. Er hat nie etwas zensiert, in Frage gestellt oder abgelehnt. Die Kolumne erschien so, wie ich sie geschrieben habe, auch wenn sie unter oder neben dem Kerngeschäft gelegen hat. Für diese Meinungs- und Narrenfreiheit bin ich dankbar, unglaublich dankbar. Vielleicht war es auch diese eher seltene, unkonventionelle Offenheit, außerhalb des routinierten Geschäftsgangs, welche Wein-Plus ein kleines Stück Einmaligkeit, Besonderheit, Anderssein gegeben hat. Kürzlich war ich eingeladen bei einem renommierten Winzer zu einer Präsentation seiner Weine, verbunden mit einem hervorragenden Essen – fünf Gänge – und einer Kellerbesichtigung. Am Schluss wollte ich doch noch wissen, warum ich zu dieser Ehre gekommen bin, denn ich existiere nicht auf seiner Kundenliste, und als Journalist bin ich längst nicht mehr tätig. Er meinte lachend: „Wissen Sie, ich lese immer Ihre Kolumne bei Wein-Plus, weil sie so wohltuend anders ist, so ganz anders, als die normierte Weinpublizistik.“ Dies hat mich im sonst so routinierten Weinbetrieb (wie viele Besichtigungen von Weinkellern und wie viele Wein-Präsentationen habe ich doch schon erlebt!) wieder einmal nachdenklich gestimmt und angeregt zu eigenen Gedanken, Überlegungen, Einsichten, die ich in meiner nächsten Kolumne einbringen wollte. Soweit ist es nicht mehr gekommen. Die Kolumne wird eingestellt, jetzt.
Bild der letzten (geplanten) Kolumne; Thema: Cicero war nicht nur ein römischer Politiker, Philosoph und berühmter Redner. Cicero ist auch eines der besten Weingüter in der Schweiz. (Foto: P. Züllig)

Weder der Winzer noch ich ahnten, dass damit so etwas wie das Schlusswort in dieser Kolumne gesprochen wurde. Nicht präzise ausformuliert, einfach aus dem Alltag gegriffen, hingeplaudert, aus Höflichkeit, aus Verlegenheit, aus der eigenen Erfahrung. Wer weiß es schon so genau? Für mich war dies aber das schönste Lob, das ich in all den Jahren – in Bezug auf die Kolumne – erfahren habe. Ein Stück Alltag, Weinalltag, einzubringen in das oft schmucklose Kerngeschäft, das wollte ich, und oft – so scheint es – ist es mir auch gelungen. Ich musste mich nie kümmern um Einschaltquoten, Marktanteile, Unkosten und das berühmte Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Die einzige Routine war der Termin, alle 14 Tage musste er kommen, der zündende Gedanke. Oft kam er, oft auch nicht, oft lag ich gut im Trend, oft auch nicht. All das beschäftigte mich wenig, ich notierte, dachte, schrieb und fotografierte. Es waren an die 20.000 Aufnahmen, mit denen ich meine Gedanken zu illustrieren versuchte. Meine Kamera war immer mit dabei, wenn ich – wo und wie auch immer – beim Wein war. Etwa 1.000 Bilder davon habe ich in meine Kolumne eingebaut: Bilder rund um das Thema Wein. Weitaus die meisten habe ich also „auf Vorrat“ geschossen, sie ruhen jetzt in meinem Archiv. Trotzdem war ich immer wieder in Bildnotstand. Gedanken und Worte lassen sich oft nur schwer in Bildern erfassen. Bilder haben immer ihr Eigenleben, nicht viel anders als es meine Kolumne hatte. Wichtig war für mich das „Bild hinter dem Bild“, oder eben die „Geschichte hinter der Geschichte“.

Links: ich im Weinberg – vor neun Jahren, als ich beschloss, diese Kolumne zu schreiben. Rechts: ich heute – mit der Kamera auf Weingütern in Südafrika unterwegs. (Fotos. P. Züllig)

Und die passt nicht immer ins Kerngeschäft eines Unternehmens. Da hilft alles nichts, auch nicht ein wunderbares Glas Wein, auch nicht die leichte Wehmut des Abschiednehmens und schon gar nicht trübe Gedanken über all das, was noch zu tun (oder sagen) wäre und das man nicht getan (oder gesagt) hat. Es bleibt mir der Dank an alle, die mich gelobt und getadelt haben, in all den Jahren, die ausgehalten und mich wahrgenommen haben, neun Jahre lang, hier bei Wein-Plus, die mir (meist privat) geschrieben haben und die – es sind viele – zu guten Freunden wurden. Auch ein paar „Feinde“ habe ich mir geschaffen, ihnen bin ich besonders dankbar. Für mich sind es keine „Feinde“, vielmehr Menschen, Leser und Leserinnen, die mich gezwungen haben „über den Rand hinauszudenken“, vieles von dem, was ich als gesichert betrachtet habe, zu hinterfragen, neu zu definieren, mich neu zu finden.

Wümmle 2014 – Weiß- und Grauburgunder-Beeren an der gleichen Traube (Foto: P. Züllig)

In meiner ersten, der Kolumne 1, habe ich geschrieben: „Ich weiß vieles (noch) nicht, aber das, was ich hier schreibe, habe ich immer selber erfahren. Erfahrungen sind subjektiv, deshalb aber nicht weniger wahr! Wir können eben Welt – auch die Weinwelt – zwar definieren, beschreiben, aber nur subjektiv erleben.“ Dieser einfache, aber grundlegende Gedanke kam mir bei der Weinlese in den Rebbergen der Bündner Herrschaft (Ostschweiz), wo wohl die besten Pinot Noirs der Schweiz wachsen und wo ich im Augenblick wieder beschäftigt bin, Jahr für Jahr: „Wimmlen, sagt der Bündner – und meint nicht bloß die Traubenernte, sondern verbindet damit auch seine ganze Liebe zur Rebe und zum Wein. Wimmle ist nicht nur Lese, es ist Auslese.“ So habe ich meine Kolumne verstanden. „Die guten Beeren werden von den schlechten getrennt. Traube um Traube, Beere um Beere. Nur so kann schließlich jener Pinot werden, der zu den besten gehört.“ In der Kolumne war das nicht viel anders. Auslese: Gedanke um Gedanke, Erlebnis um Erlebnis, Bild um Bild. Ob daraus das Beste geworden ist, das habe nicht ich, das haben Sie zu entscheiden.

Herzlich
Ihr/Euer

Peter Züllig

 

13. Oktober 2014

 

Müller-Thurgau:
Fruchtbar, frühreif, viel Zucker, mäßige Säure

 

Die Rebsorte hat nicht den besten Ruf, vor allem nicht in Kreisen von Weinliebhabern. Zu banal erscheint ihnen der aus dieser Rebsorte gekelterte Weißwein , zu wenig raffiniert, zu eintönig im Geschmack und zu bescheiden in den Aromen. Dieses Pauschalurteil, das sich in den Fünfzigerjahren durchgesetzt hat und dem Wein noch immer anhaftet, stammt hauptsächlich aus einer Zeit, als man im Weinbau die Masse pflegte. Nicht nur beim Müller-Thurgau, überall, wo Rebstöcke eine reiche Ernte versprechen konnten. Dieses Versprechen lieferte er damals, der Müller-Thurgau oder Riesling-Sylvaner, wie er auf Grund der Angaben des Züchters einst genannt wurde. Die Rebe ist unproblematisch im Anbau, gedeiht fast überall, ist früh reif und liefert hohe Erträge. Damit verbunden: ein anspruchsloser Charakter, „der auch ungeübten Weintrinkern erste harmlose Weinvergnügen beschert“. Grund genug, die bereits 1882 neu gezüchtete Rebsorte – vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg – weinweltweit anzubauen. Gerade recht, um die Weinversorgungslücke zu schließen.

 

Müller-Thurgau, die wichtigste Weißweinsorte in der Ostschweiz (Foto: P. Züllig)


Noch heute ist Müller-Thurgau die weltweit am häufigsten angebaute Neuzüchtung, 40.000 Hektar sollen es sein, und noch heute ist ihr schlechter Ruf weltweit so verbreitet, dass die Rebsorte in Weinzirkeln kaum Beachtung findet – oder dann etwa so: „Im Sommer ist ein sauberer Müller-Thurgau ein ausgezeichneter Schorle-Wein.“ Oder: „Man kann nur hoffen, dass Müller-Thurgau seine Bedeutung für den deutschen Weinbau verliert und durch höherwertigere und anspruchsvollere Rebsorten ersetzt wird. Dass es trotzdem hin und wieder richtig gute Müller-Thurgau-Weine gibt, liegt dabei weniger an der Rebsorte als an deren Winzern.“ Als vor bald zwei Jahren Nathalie auf www.cucina-casalinga.blogspot.ch eine Weinrallye zum Thema „Müller-Thurgau“ vorgeschlagen und organisiert hat, musste sie zugeben: „Ganz am Anfang muss ich gleich mal gestehen –  und als Kochbloggerin darf ich das hoffentlich – , dass ich gar nicht wusste, dass der Müller-Thurgau soooo einen schlechten Ruf hat. Was fielen da in den klassischen Weinblogs für skeptische Bemerkungen, als sie von meinem Thema hörten. Bei mir war dieses negative Image nicht angekommen. Ich trinke seit langer Zeit Müller-Thurgau. Meist von kleinen Weingütern aus Franken oder vom Bodensee, und natürlich aus Südtirol.“

 

Weinberg in der Schweiz: rote Rebsorten Pinot Noir, weiße Rebsorten Riesling-Sylvaner (Foto: P. Züllig)

 

Weingut Huber & Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft, “Liebesheirat” Müller-Thurgau 2012, Baden (Foto: Blog www.schnutentunker.de)
Das Thema – es mag noch so skeptisch beäugt werden – interessiert, denn es nahmen an dieser Weinrallye mehr als zwanzig Blogs teil und präsentierten Beispiele vom guten Basiswein bis zum hochwertigen Edeltropfen, von der Spezialität bis zum beliebten Alltagswein. Ich selber machte mich unter dem Motto „Das ungeliebte Kind“ auf die Suche nach Weinkindern, die „Müller-Thurgau“ heißen und die man liebt. Als dann sogar der von mir sehr geschätzte Carsten Henn im Vinum-Blog ein öffentliches Geständnis ablegte: „...dann gab es einen Wein für den Abend, mit dem ich mich beschäftigen, den ich mit mehr als einem Schluck genießen will. Diesmal war es der beste Müller-Thurgau Deutschlands, und ich bin mal so dreist zu sagen: der beste trockene Müller-Thurgau, den es in Deutschland je gegeben hat...“ – da war auch für mich der Bann gebrochen. Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen, den besten Müller-Thurgau, der auch noch den romantischen Namen „Liebesheirat“ trägt. Ich habe ihn nicht kennengelernt, weder den Wein, noch seinen Schöpfer, den Spitzenwinzer Bernhard Huber aus dem badischen Breisgau. Er ist vor wenigen Monaten im Alter von 55 Jahren gestorben. In einer Würdigung lese ich: „...er war einer der wenigen, der sogar dem Müller-Thurgau neue Facetten entlockte und deutlich machte, dass sich aus dieser im Rückgang befindlichen Rebe Weine mit viel Tiefgang gewinnen lassen.“

 

Preisträger 2014, Kategorie Müller-Thurgau (Foto: Vinum)
Weine mit Tiefgang aus der Rebsorte Müller-Thurgau, das wünsche ich mir, nicht zuletzt, weil sie in der deutschsprachigen Schweiz die am häufigsten angepflanzte weiße Sorte ist. Sie wurde von einem Schweizer (von Hermann Müller aus dem Kanton Thurgau) gezüchtet, zwar nicht in der Schweiz, sondern in Deutschland, an der „Königlichen Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau in Geisenheim“, und sie trägt auch seinen Namen, nur nicht in der Schweiz. Hier wird die Rebsorte – typischer schweizerischer Eigensinn – noch immer als „Riesling-Sylvaner“ bezeichnet, zumindest mit einem falschen Elternteil, denn inzwischen ist erwiesen, dass der Vater nicht Sylvaner, sondern Madeleine Royale war. Mein Wunsch geht immer häufiger in Erfüllung, es gibt ihn durchaus, den „Riesling-Madeleine Royale“ mit Tiefgang, zum Beispiel bei Thomas Marugg in Fläsch. Ich habe ihn nicht einfach so gefunden, aber auch nicht in der Bündner Herrschaft gesucht, wo eigentlich die besten Pinot Noirs der Schweiz zu Hause sind. Der „Grand Prix du Vin Suisse“, der große Preis des Schweizer Weins, hat mir dabei geholfen und den Riesling-Sylvaner 2012 von Thomas Marugg zum Siegeswein in der Kategorie „Müller-Thurgau“ erkoren.

 

Glossar zum Thema
Da brauchte ich nur noch nachzuverkosten, zuzustimmen oder Widerspruch zu erheben. Ich habe zugestimmt, ob es allerdings wirklich der beste ist, kann ich nicht sagen. Inzwischen bin ich noch manchem guten bis ausgezeichneten Riesling-Sylvaner – pardon, Müller-Thurgau – begegnet, nicht nur in der Schweiz, zum Beispiel auch bei Horst Sauer im Maindreieck oder Werner Anselmann in der Pfalz. Doch da haben die Weine – im erlauchten Kreis der Großen – kaum eine Chance. Ich behaupte nun einmal – meine Freunde in Deutschland mögen mich schlagen –, ein Müller-Thurgau auch von einem renommierten Weingut wie Horst Saurer hat keine Chance. Mindestens zwei Wertungspunkte weniger, nur weil es ein Müller-Thurgau und kein Riesling ist, noch bevor überhaupt verkostet wird. Ich frage mich, ob ein junger Wein – das heißt, ein Wein, der jung getrunken sein will – per se der schlechtere Wein ist. Ich frage mich, ob die Geschmacksnorm, die sich bei vielen – fast allen – Rebsorten durchgesetzt hat, wirklich der wichtigste Maßstab zur Ermittlung der Qualität ist? Es scheint fast so, denn diese Beobachtung mache ich auch bei den berühmtesten Rotweinen, beim Bordeaux zum Beispiel. Zugegeben, als Rotweintrinker verstehe ich vom Bordeaux weit mehr als vom Riesling und vom Müller-Thurgau. Der Bordeaux ist auch viel stärker vom internationalen Renommee abhängig: ein paar wohlwollende Parker-Worte mehr, und der Trend ist gemacht.

 

Bündner Herrschaft, ein Rotweingebiet, doch auch hier gibt es ausgezeichnete Weißweine (Foto: P. Züllig)


Anders beim Müller-Thurgau, beim Stiefkind (im wahrsten Sinn des Wortes) der Weißweine in Deutschland, aber auch bei uns in der Schweiz. Von ihnen spricht kaum jemand, sie gelten – bestenfalls als Basis- oder Alltagsweine – als „unkompliziert, geschmacklich leicht zugänglich und aufgrund ihrer harmonischen Charaktereigenschaften gerne getrunken“. Ist das wirklich die Norm, oder gibt es da nicht Ausnahmen, viel mehr Ausnahmen, als die Weinkritik registrieren mag? Auf meinem kleinen Feldzug durch Schweizer Riesling-Sylvaner habe ich paar Weine getroffen, von denen man Ähnliches sagen könnte wie der Weinjournalist (und Schriftsteller) Carsten Henn von der badischen „Liebesheirat“: „Ein Wein, der die Leichtigkeit und Würze eines klassischen Müller-Thurgaus mit langem Nachhall und Komplexität vereint. Er hat einen unheimlichen Trinkfluss und sogar mineralische Tiefe. Dies ist ein Müller-Thurgau einer neuen Generation – und hoffentlich der Beginn einer Renaissance für diese unterschätzte Rebe, die aus einer Liebesheirat entstanden ist. Man darf ihn trotzdem an allen Tagen genießen – und nicht nur am Valentinstag.“

Herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig

29.09.2014

 

Gastroweine Wenig
Freude an „offenen“ Weinen

 

von Peter Züllig


Da saß ich in einem kleinen, gepflegten Restaurant in einem Fremdenverkehrsort im südfranzösischen Weingebiet. Ich war allein und wollte am Mittag einen kleinen Imbiss einnehmen. Die Speisekarte: vielfältig, gebietsspezifisch, attraktiv; die Weinkarte beschränkt auf wenige „offene Weine“, Hausweine sozusagen. Gerade richtig zum kleinen Mahl: „Un quart de rouge en pichet“ (was so viel bedeutet wie: ein „Viertele“, bitte). Das „Viertele“ wurde aufgetischt, doch – der Wein war so gut wie ungenießbar. Nicht nur, dass er ein nichtssagender, billiger Massenwein war, er wurde auch viel zu kalt (offensichtlich direkt aus dem Kühlschrank) serviert, und war bereits oxidiert. Das soll ein „Hauswein“ sein? Normalerweise folgt da ein Disput mit der Wirtin oder dem Wirt. Diesmal aber bin ich tief ins Grübeln versunken, verärgert, deprimiert, ohne jegliches Verständnis, denn das gleiche passierte mir schon öfters, auch an Orten, wo Wein zur zentralen Gastro-Kultur gehört.

 

In einem kleinen Restaurant mitten im südfranzösischen Weingebiet (Foto: P. Züllig)

Gastroweine, was kann man darunter verstehen? Wie müssten sie sein? Kein neues, aber ein heikles Thema. Jeder Weintrinker – aber auch jeder Wirt – weiß da Geschichten zu erzählen. Anstatt zu trinken (und zu essen), habe ich mir ein paar Gedanken notiert und dabei ganz vergessen, den Wein zurückzuweisen. Man hätte ihn wohl ausgetauscht – mit dem gleichen unglaublich banalen Wein, diesmal aber nicht eiskalt und nicht oxidiert, einfach aus einer anderen, einer neuen Flasche. Das macht die Sache aber nicht besser. „Offene Weine“ – Weinliebhaber, gewöhnt an Name und Etikett, rümpfen die Nase – sind gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. „Offene Weine“ können ein Angebot sein für alle, die keinen Tanz um den Wein machen, sondern zum Essen einfach gern Wein trinken. Hauswein ist keine schlechte Bezeichnung für Offenweine, bedeutet sie doch: „Er gehört zum Haus, entspricht der Hauskultur, das Haus steht zu diesem Wein“, auch wenn auf der Karte „offene Weine“ und nicht „Hausweine“ steht. Sprachlich viel unverbindlicher ist da schon der „Ausschankwein“.

 

Gehört zum guten Essen immer ein Flaschenwein? Darf es nicht auch einmal ein „Hauswein“ sein? (Foto: P. Züllig)

Ich rede von den einfachen, guten Gaststätten, in denen man sich im Alltag (vor allem am Mittag) verpflegt, wenn man nicht zu Hause ist, oder sich am Abend noch einen Schlummertrunk gönnt, wo man anstatt eines obligaten Biers ein Glas Wein bestellt. Was man da in vielen Fällen, nach meinen Erfahrungen in der Mehrheit, als Wein vorgesetzt bekommt, würde man als Speise auf dem Teller nicht akzeptieren. Als Wein aber – ob weiß, rosé oder rot – gibt es anscheinend kaum Reklamationen, so wenige, dass der Wein munter weiter ausgeschenkt wird, oft über Monate und Jahre. Weinliebhaber halten sich an Flaschenweine – sie werden immer häufiger auch glasweise angeboten –, und alle anderen – die Weinbanausen, denkt wohl so mancher Wirt – geben sich in der Regel mit dem zufrieden, was angeboten wird. „Offene Weine“ müssen bezahlbar sein und – Ansprüche ausgeklammert – trinkbar, von Genuss redet da kaum jemand. Was darüber hinaus geht, ist zu viel verlangt: „Denken Sie nur an die Kosten: Service, Gläser, Lokal, Lagerung etc. Da wird die Marge klein!“

 

Eine nicht ganz untypische Weinkarte (Foto: P. Züllig)
Wie oft habe ich das schon gehört, in allen nur möglichen Varianten. Stimmt es aber auch? Nein, entschieden nein! Es gibt kleine, gute, „offene“ Weine, auch von vielen Produzenten mit Namen und gutem Ruf. Ihre „einfachsten“ Weine, die sogenannten Basisweine, oft „Literweine“, sie sind das, was man als einen guten „Gastrowein“ bezeichnet, eine Alternative zu den Massenweinen, industriell hergestellt irgendwo in der Welt. Was in den Restaurants unter der Bezeichnung „Gastrowein“ oft angeboten wird, ist alles andere als gastrofreundlich, nur „wohlfeil“, anders ausgedrückt: billig. Es ist halt so bequem, vom Getränkehändler, der all die verschiedenen Wässerchen und meist auch das Bier ins Haus bringt, auch noch den „offenen Wein“ liefern zu lassen. „Wir haben da noch ein Angebot, beliebt, süffig und auch noch günstig. Für diesen Wein zahlen Sie in der Flasche gut das Dreifache“, so oder ähnlich argumentiert der Lieferant. Oft stimmt das sogar, der Wein kann durchaus trinkbar, anständig, vielleicht sogar gut sein, er ist aber meist „gesichtslos“. Ob er zur Gaststätte, zum Essen, zur Kultur des Hauses passt, ist gleichgültig. Hauptsache, er rechnet sich.

 

Die Weinkarte ist die Visitenkarte des Hauses (Foto: P. Züllig)
Es liegt mir fern, hier eine Beschimpfung der Wirte anzustimmen. Doch als Weintrinker, viele Jahren viel unterwegs, hat dies meine Erfahrung mit offenen Weinen geprägt und das Bild getrübt.

Ich sitze noch immer vor meinem fast untrinkbaren Wein, bei meinem inzwischen kalt gewordenen Essen, stochere in der Suppe und würze das Couscous, lustlos, ohne Freude. All die belanglosen, nichtssagenden, abgestandenen, oxidierten offenen Weine tauchen wieder auf, denen ich in all den Jahren begegnet bin. Die guten – es gibt sie tatsächlich auch – blieben nicht in Erinnerung, sie sind im Alltag untergetaucht, haben sich eingereiht in die guten Flaschenweine, die ich in Gaststätten auch getrunken habe. Aber die miesen Weine, sie blieben haften. Es sind Visitenkarten, die man im Gedächtnis behält, Visitenkarten der Unkultur oder Kulturlosigkeiten. Ich lege das Geld für die Konsumation hin, verlasse – grußlos – das Lokal und werde sicher nie mehr da einkehren, obwohl es am Weg liegt und ich dort oft vorbeigehe.

 

Glossar zum Thema
Das Problem der „offenen Weine“ liegt aber nicht nur beim Einkäufer, der oft zu wenig Zeit, Interesse und Sorgfalt investiert, es liegt allzu oft auch am Personal. Die Weine werden zu kalt, zu warm, in unmöglichen Gefäßen serviert; sie werden oft zu lange und an falschen Orten aufbewahrt, offen stehen gelassen oder gar zusammengeschüttet. Weinkultur beginnt für viele eben erst dort, wo der Korken ploppt, wo zuerst – die linke Hand auf dem Rücken – ein kleiner Schluck zur Degustation eingeschenkt wird, wo die Gläser (je nach Preis der Flasche) ausgetauscht werden und wo der Verschluss nur ein Korken sein kann (der dann fein säuberlich neben der Flasche liegt).

Gute Gastroweine brauchen dieses Ritual nicht. Sie können auch „offen“ sein, im Alltag, dort, wo halt nur ein „Viertele“ oder eben ein „quart de rouge en pichet“ bestellt wird. Nämlich dann, wenn sie nicht nur trinkbar sind, sondern auch ein Gesicht haben, auch einen Charakter, eine Persönlichkeit. Am „offenen“ Wein lässt sich die Weinkultur eines Hauses besser messen als an einer großen Weinkarte; nämlich dann, wenn auch der Kleine, der gepflegte Hauswein da zu Hause ist.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig

15.09.2014

 

Einfache Weine:
 
„Das Gewöhnliche gibt Bestand, das Außergewöhnliche den Wert“ (Oscar Wilde)

 

von Peter Züllig


Es ist nicht ganz leicht, das Einfache gut zu finden, das ganz Gewöhnliche, das Alltägliche, und erst noch glücklich zu sein, wenn wir es gefunden zu haben. Wir haben es längst aus unserem Leben verbannt, suchen das Außerordentliche, das Einmalige, das Besondere und merken nicht, dass das Besondere inzwischen auch alltäglich, zumindest gewöhnlich geworden ist. Diese Lebenserfahrung – sie mag noch so altklug anmuten – trifft auch bei der Suche nach den besten, den außerordentlichsten Weinen zu. Da sitze ich bei herrlichstem Herbstwetter auf der Terrasse eines Schlosses, das längst zum Museum geworden ist. Vor mir steht ein Glas Wein, weiter unten liegt ein kleiner Schlossrebberg, der in den letzten Jahren wieder angelegt wurde. Kein Renditegarten, vielmehr eine Reminiszenz an die Zeiten, in der Wein in die Gegend gekommen ist. Doch alles wird dominiert von einer offenen Landschaft, in der sich Dörfer und Weiler dicht aneinander schmiegen und waldige Hügel den Horizont begrenzen. Darüber der blaue, leicht in Dunst getauchte Himmel. Wieder kommt mir in den Sinn: „Wein trinken an schönen Orten“, und ich ergänze spontan: „guten Wein trinken an schönen Orten“.

Schloss Wartenfels, Lostorf, Kanton Solothurn, Schweiz; urkundlich erstmals erwähnt im 13. Jahrhundert. (Foto: P. Züllig)

Ist es wirklich ein guter Wein, den ich da im Glas habe? Sicher kein schlechter, vielmehr ein gewöhnlicher, ein alltäglicher, ein Landwein eben, wie er so oder ähnlich fast überall zu finden ist. Das Außerordentliche ist der Ort, wo ich ihn trinke; das Außerordentliche ist wohl auch der Rebberg, von dem die Trauben stammen, ein Schlossgarten zu meinen Füßen, und außerordentlich – zumindest nicht alltäglich – sind auch die Rebsorten: Neuzüchtungen, sogenannte PIWIS, die hier – vor etwa 15 Jahren - angebaut wurden: Cabernet Jura, Johanniter und Seyval Blanc. Genügt das für ein außergewöhnliches Weinerlebnis? Oder anders gefragt: Wie muss ein Wein sein, in dieser ganz speziellen Situation?

Blick auf die Rebberge des Schlosses (Foto: P. Züllig)

Ich denke an die Hektik bei der Weinauktion am Tag zuvor, wo die Spitzenweine – die außerordentlichen – mit viel Geld gejagt wurden, während andere, die gewöhnlichen – wie zum Beispiel ein Wein wie dieser hier – unbeachtet blieben, rasch ausgeschieden als zu gewöhnlich, zu alltäglich, das Geld für eine Investition nicht wert. Sind auch die Weine – wie so vieles, ja, fast alles in der Welt – in einfache Kategorien wie „Gewöhnlich“ und „Außergewöhnlich“ einzuteilen? Wenn man ihren Wert an den Preisen misst, an der Skala der Weinbewertung (die sich immer auch im Preis niederschlägt), dann mag das stimmen: Es gibt sie, die Namenlosen und die Berühmten, die Gewöhnlichen und die Besonderen. Ich denke an meinen Weinkeller, an die Besuche von Weinfreunden, an die gestrige Weinauktion, überall dreht sich alles um das Besondere: besonders gut, besonders teuer, besonders selten, besonders wertvoll muss ein Wein sein. Nur dann kann er bestehen, dort, wo Wein zur Kultgröße, zum Prestigeobjekt oder zur Rendite geworden ist.

Auktion der „Weinbörse“ in Zürich (Foto: P. Züllig)

Ja, dieser kleine Wein, aus dem kleinen Rebberg vor dem Schloss, dem erhaltenen Zeugen früherer Macht und Größe, trägt mich mit meinen Gedanken fort, zu Fragen, die weit über den Weinkodex hinaus führen. Wie viel ist das Gewöhnliche wert? Und das Außerordentliche: Wie rasch wird es zum Gewöhnlichen, zum Alltäglichen? Ich schaue ins Tal hinunter, wo die menschlichen Werke und Werte die Natur immer mehr verdrängen: Straßen, Häuser, Fabriken, Werksgebäude, Schienen... mitten drin, alles überragend, scheinbar alles bestimmend, die Anlage eines Atomkraftwerks, mit seiner riesigen Dampfwolke, die unaufhörlich aus dem Turm quillt. Mein Nachbar, mit dem ich auf den wunderschönen Tag anstoße, meint: „Hier könnte ich nicht leben“, und zeigt mit dem Finger auf den Kühlturm.

Wertordnung im 21. Jahrhundert – in der Landschaft weithin sichtbar (Foto: P. Züllig)

Und wieder drehen sich meine Gedanken um die Begriffe: Wert und Bestand. Bestand – zumindest ein paar Jahrhunderte – hatten die Schlossmauern, die für den Besitzer einst wertvoll waren, viel wertvoller jedenfalls als alles, was rundherum von Menschen damals gebaut und geschaffen wurde. Doch die alten Mauern haben nur noch musealen Wert. Das Wertvolle (für die Menschen von heute) ist zum Beispiel der Atomreaktor, der sich mitten in einem ländlichen Wohn- und Lebensraum da unten erhebt, weit größer und dominanter als das Schloss, das eigens zur Repräsentation – Zeuge der damaligen Werte – auf dem Berg erbaut wurde. Meine Gedanken kehren zurück von den „großen Werten“ zu dem „kleinen Wein“ und damit zu allen „kleinen Weinen“, die ich schon getrunken habe und noch trinken werde. Sie dokumentieren und garantieren den Bestand an Weinkultur, als ein Agrarprodukt, das durch die Jahrhunderte zwar verfeinert und veredelt wurde, letztlich aber das gleiche geblieben ist.

„Wartenfelser“, der kleine Wein vom kleinen Schlossgarten (Foto: P. Züllig)
Glossar zum Thema
Der Schlossrebberg steht wieder da, nicht viel anders als vor 100 und mehr Jahren. Die Reben bringen Früchte, Trauben hervor, aus denen Wein gemacht wird, nicht viel anders als schon Jahrhunderte zuvor. Wie wertvoll das Produkt – der Wein – ist, bestimmt allein das Wertdenken der Menschen, die meist das Gewöhnliche nicht mehr wahrnehmen und nahezu immer nach dem Außergewöhnlichen jagen. Was geschieht, wenn wir diese Jagd nicht mehr mitmachen, wenn wir das Besondere am Gewöhnlichen wieder erkennen und anerkennen? Wenn wir ihm wieder einen Wert geben? Mein „kleiner Wein“ im Glas ist jetzt getrunken, ich kehre zurück zur materiellen Welt. Der Wein heißt „Wartenfelser“, Jahrgang 2013, Rebsorten Johanniter und Seyval Blanc. Es gibt davon nicht viel mehr als 1.000 Flaschen, vermarktet wird er nur in dieser Gegend und kostet um die 16 Schweizer Franken; Kurzbeschreibung: feines bis kräftiges Bukett, rassig, harmonisch, erinnert an Riesling und Pinot gris. Parkerpunkte: natürlich keine. Fast das Gewöhnliche! In Gedanken bleibe ich aber bei dem Besonderen, bei der Einmaligkeit dieses gewöhnlichen Weins. Ich weiß, dass er schon im 13. Jahrhundert hier angebaut und wohl auch von Wernher von Wartenfels, dem Schlossherrn, getrunken wurde. Es wächst in mir die Überzeugung, dass jeder „kleine Wein“ das Besondere (was das auch immer sein mag) auch in sich trägt und (mehr) Beachtung verdienen würde. Wie sagte es Oscar Wilde: „Im Durchschnittlichen (oder Gewöhnlichen) liegt der Bestand.“

Herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig

01. September 2014

 

Die Weinstrasse:

Elsass

 

von Peter Züllig


Es ist bei weitem nicht die einzige Weinstraße in der guten „alten Weinwelt“. Es gibt sie fast überall, wo Reben wachsen, Winzer wohnen und ihre Weine anbieten. Doch kaum eine andere Weinstraße ist so kompakt und einheitlich, so faszinierend und ursprünglich wie der fast 170 Kilometer lange Zickzack-Parcours durch das Elsass. Es ist eine Welt für sich: „Awer d Elsasser sìn stolz ìwer ìhra Region un gann sìch zwàr Miahj fer ìmmer prima Frànzeesch z'reda“, historisch hin und her gerissen zwischen Deutschland und Frankreich, voll von Traditionen, vielen kleinen Weinstädtchen und Weindörfern und mehr als hundert Weinbaugemeinden. In den engen Gassen zwischen den Fachwerkhäusern wähnt man sich oft im Mittelalter, wäre da nicht der Touristenstrom, der sich wie eine Lawine über so manche Orte ergießt und vieles, das eigentlich Kultur oder Kulturgeschichte wäre, rasch und gründlich in ein Disneyland wandelt. Selbst Käthe Wohlfahrt, die „Rothenburger Weihnachtswerkstatt“, hat sich hier eingenistet.

 

Die Weihnachtswelt von Käthe Wohlfahrt in Ribeauvillé (Foto: P. Züllig)

Eine ganze Reihe von Dörfern buhlt um die Ehre, der schönste Winzerort zu sein: Obernai, Ottrott, Barr, Andlau, St-Hyppolyte, Bergheim, Ribeauvillé, Riquewihr, Turckheim, Gueberschwihr, Pfaffenheim, Rouffach... Die einen streiten um den Ruhm, den schönsten Kirchturm zu haben, andere um die Ehre, das älteste Weindorf zu sein, den schönsten Marktplatz, das älteste Steinhaus oder den bizarrsten Brunnen präsentieren zu können. All das Kokettieren – und die damit verbundene touristische Vermarktung – kann der Schönheit der Dörfer und Städtchen – vor allem aber der Landschaft – wenig Abbruch tun. Die Einmaligkeit der weiten, geschlossenen Rebberge, in die viele Orte geradezu eingebettet sind, die kulturellen Besonderheiten, angefangen von dem (leider aussterbenden) Dialekt über die Verehrung des großen Humanisten Albert Schweizer bis zur Verrücktheit einer mittelalterlichen Burg, die zu Beginn des 20. Jahrhundert erbaut wurde (Haut-Kœnigsbourg), vom wohl legendärsten Auto Europas (Bugatti) bis hin zu kulinarischen Spezialitäten wie Choucroute, Guglhupf oder Baeckeoffe, all das – fast schon zusammengepresst auf kleinstem Raum (8.280 km²) – prägt das Elsass. Dabei haben die europäischen Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs hier besonders tiefe Spuren hinterlassen. Der Hartmannswillerkopf und das Schlachtfeld von Linge, zwei der vielen Kampfgebiete im Ersten Weltkrieg, sind heute nationale Gedenkstätten, traurige Andenken an die weit über 30.000 Soldaten, die hier im Krieg gefallen sind.

 

Schlachtfeld Linge, Kriegsgedenkstätte (Foto: P. Züllig)

Man kann das Elsass nicht auf die alten Fachwerkhäuser, das gute Essen, den vorzüglichen Wein und die faszinierenden Rebberge reduzieren, da gibt es mehr, noch viel mehr, auch eine wechselvolle Historie. Und doch ist man versucht es zu tun. Man pilgert ins Alsace, aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Frankreich, ja, aus der ganzen Welt, um hier gut zu Essen und zu trinken. In einem Satz zusammengefasst: Gut Essen und „Wein trinken an schönen Orten“, da steht das Elsass ganz vorne an.

 

Glossar zum Thema
Auf meiner Reise habe ich zwar nicht ganz auf den kulinarischen Genuss „an schönen Orten“ verzichtet. Doch mir war – dieses eine Mal – die Landschaft mit ihrem Heer von Reben weit wichtiger als Essen und Trinken. Ich wollte ganz nahe sein, spüren, erleben, riechen, sehen, wie und wo der elsässische Wein seine Wurzeln hat. Deshalb verzichtete ich weitgehend auf Winzerbesuche und Degustationen. Das vor kurzem erschienene Buch von Wolfgang Fassbender, „Elsass: Entlang der Weinstraße (Weine, Winzer, Lagen, Spezialitäten)“ ist eine ausgezeichnete Dokumentation, die ich nicht neu zu erfinden habe. Das Buch hat mich hat mich aber dazu verleitet, einmal weniger die Weine als vielmehr die Landschaft zu erkunden. Schon viele tausend Kilometer „Weinstraßen“ bin ich abgefahren – in den berühmtesten Weinlagen der Welt, nicht nur in Europa, auch in Australien, Kalifornien, Südafrika und sogar China –, doch noch nie habe ich ein kompakteres, faszinierenderes Rebenpanorama erlebt wie hier im Elsass.

 

Reben an der Weinstraße. Ein ähnliches Bild bietet sich über fast 100 Kilometer, von Weindorf zu Weindorf, von Burg zu Burg. (Foto: P. Züllig)

In der Landschaft wird Wein konkret, da wird Wein zurückgesetzt in die Natur, dorthin, von wo der Rebsaft gekommen ist. Die paar leuchtend weißen Buchstaben in den berühmtesten Lagen stören mehr, als dass sie erklären. Sie erinnern bestenfalls daran, dass Weinqualität nicht nur durch Menschen gemacht und bestimmt wird, sondern auch durch die Lagen, durch die Natur, durch das, was wir oft so lieblos „Terroir“ nennen. Gerade weil viele Dörfer inmitten der Reben wie Oasen aus dem Mittelalter anmuten, weil die Industrie weitgehend im Tal geblieben ist und sich nicht die Hänge hinauf gefressen hat, weil das historische Bewusstsein (und die touristische Vermarktung der Idylle) allzu große Kulturschäden verhindert hat, ist das Weingebiet ein Weingebiet geblieben und nicht zu einer Weinproduktionsstätte (mit riesigen Anbauflächen und pompösen Kellern) geworden. Man ist und fühlt sich hier beim Wein zu Hause.

 

Pfingstberg, Grand-Cru-Lage in Orschwihr mit Riesling, Gewürztraminer und Pinot Gris (Foto: P. Züllig)

„Noch nie war der Wein aus dem Elsass so gut wie heute. Es wäre nicht nur schade, es wäre ein großer Fehler, das Elsass links liegen zu lassen. Eine Entdeckungsreise nach Colmar oder Guebwiller, nach Ammerschwihr oder Barr lohnt gerade jetzt mehr denn je.“ So wird Wolfgang Fassbenders Weinbuch beworben. Es stimmt, aber ich weiß nicht, warum es sich gerade „jetzt mehr denn je“ lohnt. Weil die Weine besser geworden sind? Mag sein, doch der Fortschritt im Weinbau und die Qualitätssteigerung der Weine sind weltweit festzustellen. Weil die Gefahr besteht, dass die dominierende Weinprägung im Elsass allmählich verloren geht, zugunsten eines überbordenden Kulinar-Tourismus? Anzeichen dafür sind vorhanden, Traditionelles wird immer mehr zur Folklore, auch der Wein. Da steht zwar noch ein Brunnen aus der Renaissance, aus dem einmal im Jahr Wein statt Wasser fließt (Fontaine du Vin in Ribeauvillé) – einst war das in vielen historischen Weingebieten ein alljährliches Geschenk der Weinbauern an die ärmere Bevölkerung –, doch diesen „Massenwein“ will heute niemand mehr trinken. Auch der Weinbrunnen ist zur Folklore geworden.

 

Fontaine du Vin, der Weinbrunnen in Ribeauvillé (Foto: P. Züllig)

Doch etwas ist über all die Zeit echt und ursprünglich geblieben: die Reben an den Hängen und auf den sanften Hügeln, vielleicht etwas gepflegter, adretter als einst. Sie überragen das geschäftige Tun in den vielbesuchten Dörfern, wo man die Einheimischen bereits suchen muss. Die Rebberge sind Zeugen einer Kultur, die keine Folklore braucht, um attraktiv zu sein. Vielleicht hat sich das traditionelle Bild des Winzers und der Winzerbetriebe gerade deshalb so gut erhalten (trotz aller Modernisierung), weil die 15.000 Hektar Rebland von mehr als 4.500 Winzern bewirtschaftet werden, viele davon (weit mehr als die Hälfte) besitzen nur zwei oder gar weniger Hektar Reben. Auch wenn es durchaus größere Betriebe gibt, so ist diese extreme Kleinteiligkeit wohl ein Garant für die Tradition und ihre Erhaltung. Nie habe ich so oft auf einer Weinstraße angehalten, noch nie bin ich so lange durch die Reihen der Rebstöcke gegangen, um die Schönheit der gepflegten bewirtschafteten Natur aufzunehmen. Das ist mehr als Landwirtschaft, das ist Landkultur.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig

18. August .2014

 

Das Maß des Getränks:
Benediktusregel

 

Die benediktinischen Regeln wurden vor bald 1.500 Jahren im Kloster Montecassino von Abt Benedikt von Nursia geschrieben. Es sind 73 Kapitel, die das Leben der Mönche zur Zeit der auslaufenden Spätantike bis ins Detail bestimmen. Das Werk wurde im Laufe der Jahrhunderte im gesamten Abendland zur maßgebenden Mönchsregel, nach der sich die meisten Orden ausgerichtet haben, bis heute. Oft und gern zitiert wird das Kapitel 40, das unter anderem festhält: „...jeder Mensch hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so... mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen meinen wir, dass für jeden unserer Gemeinschaft täglich eine Hemina Wein genügt.“ Es taucht natürlich die Frage auf: Wie groß ist denn eine „Hemina“? Das zuverlässige Glossar von Wein-Plus.eu definiert: „Hemina = 0,274 Liter, altes Rom, Bechermenge.“ Doch das Maß der Hemina hat sich immer wieder verändert, vor allem dort, wo sie bis heute zur Tischtradition gehört, in vielen Klöstern.

 

Hemina, Tischwein vom Kloster Einsiedeln in der Schweiz (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Aus dem Angebot der Klosterkellerei Einsiedeln: „Hemina ist ein Tischwein, welcher aus mehreren Sorten verschiedener Herkunft zusammengestellt wird. Ein wesentlicher Anteil stammt aus unserer Eigenproduktion aus der ‘Leutschen’, der größere Anteil ist ausländischer Wein.“ Der Wein hat also – wohl seit der Sanktion durch den heiligen Benedikt – in vielen Klöstern bis heute eine Tradition. Tatsächlich, wo immer im Mittelalter Klöster gegründet wurden, hat sich rasch auch der Weinbau angesiedelt. Ob Benediktiner, Zisterzienser, Augustiner, Dominikaner, ja, selbst die Franziskaner (Bettlerorden), sie haben – wo immer es klimatisch möglich war – Reben angebaut. Zuerst, um den Messwein zu keltern, doch schon bald schon machte man auch Wein für den täglichen Gebrauch, denn schließlich hat der Benedikt, Urvater der Klostergemeinschaften, den Wein erlaubt. In vielen Klöstern wurde der Rebbau und das Keltern von Wein zu einer der wichtigsten Einnahmequellen. Heute können viele Klöster auf 900 und mehr Jahre Weinbau-Tradition zurückblicken. Viele große Weingüter und Weingegenden sind sowohl historisch als auch geografisch mit der Geschichte eines Klosters eng verbunden: Eberbach, Pforta, St. Hildegard, Cluny, Fontenay, La Oliva... Die Liste ist unendlich lang, viel länger als die der Klöster, die heute noch existieren.

 

Zisterziensterkloster Pforta an der Saale, eines der vielen in unterschiedlichen Jahrhunderten aufgehobenen Klöster (Foto: P. Züllig)
Nicht immer und überall ist es der Wein, der die klösterlichen Weingüter heute noch auszeichnet. Viel häufiger sind es die altehrwürdigen Klosteranlagen oder das, was von ihnen noch erhalten geblieben ist, die auch die Weintouristen anlocken. Also weniger der Wein als vielmehr das kulturelle Erbe. Viele der einst blühenden und berühmten Klöster erlebten im Verlauf der Geschichte ein ähnliches Schicksal wie La Oliva (Navarra), das schon vor zweihundert Jahren aufgehoben wurde, heute aber ein Nationaldenkmal und ein berühmtes Weingut ist. Ähnliche Beispiele lassen sich überall finden, in Frankreich, Italien, Deutschland... wo immer Mönche leben oder gelebt haben.

Wein ist auch durch die Klöster zu einem wichtigen Kulturgut geworden und zu einem zentralen Wert in der christlichen Lehre. Die Eucharistie (Abendmahl oder Herrenmahl) mit Brot und Wein – je nach Glaubenslehre: Wiederholung des letzten Mahls Jesu mit seinen Jüngern, unblutige Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers oder Feier zur Erinnerung einer Tradition – wurde zum wichtigsten Symbol der christlichen Heilsbotschaft. Selbst in Frankreich – wo die Revolution so ziemlich alle Klöster weggefegt hat – lebt die klösterliche Weintradition bis heute weiter. Sie ist nicht nur in musealen oder verlassenen Klöstern in Stein gemeißelt, sie zeigt sich auch in vielen Weinbergen, die schon lange nicht mehr von Mönchen bewirtschaftet werden. Weingeschichten sind auch Klostergeschichten, und Klostergeschichten sind Weingeschichten. Aufgelöst wurden meist die Klöster, nicht aber ihre Weinberge. Das Kloster Eberbach (Rheingau) war zum Beispiel das älteste und bedeutendste Zisterzienserkloster in Deutschland. Es verfügte schon im 15. Jahrhundert über mehr als 300 Hektar Anbaufläche, die größte Deutschlands. Die Mönchsgemeinschaft gibt es seit 200 Jahren nicht mehr; zum Weingut Kloster Eberbach gehören aber noch heute 220 Hektar Reben, auf der Strecke von mehr als 100 Kilometern von der  Hessischen Bergstraße bis nach Assmannshausen.

 

Kloster Eberbach im Rheingau, schon im Mittelalter größtes Weingut Deutschlands (Foto: P. Züllig)

All dies – und noch ein einiges mehr – wurde mir wieder bewusst, als ich als Gast im Refektorium des Benediktinerklosters Disentis (Schweiz) zu Tische saß. Das Kloster liegt in den Bergen und besitzt keine eigenen Reben und kein Weingut. Es kam auch keine Hemina Wein auf den Tisch, da stand vielmehr eine Flasche mit dem Bild des früheren Abts Pankraz, der einst mein Klassenlehrer war. Hommage an den Wein oder Hommage an den Klassenlehrer? Ich weiß es nicht.

 

Klosterwein der Benediktiner in Disentis in der Schweiz (Foto: P. Züllig)
Es tut gut, auch im heutigen hektischen „Weinbetrieb“ – wo immer mehr Weine und Weingebiete auf den Markt drängen – ab und zu nachzudenken und nachzuschlagen, welche Bedeutung Wein in unserer Kultur hat. Es tut gut, ab und zu festzuhalten, dass Wein – wie kein anderes Nahrungs- und Genussmittel – Jahrhunderte der Entwicklung durchlaufen hat und ein Kulturgut darstellt, das schon im Mittelalter in allen Schichten – nicht nur an fürstlichen und kaiserlichen Höfen – einen wichtigen Platz eingenommen hat. Es tut gut, ab und zu festzuhalten, dass mit dem Wein und der Weinbereitung immer auch Handwerk verbunden ist und war, das Menschen Verdienst, Freuden, aber auch Elend brachte, sowohl bei Konsumenten als auch bei Produzenten. Ich denke da an die Küfer, sie bildeten einst eine der wichtigsten Zünfte (Innungen), mussten aber plötzlich zusehen, wie Wein immer mehr in Flaschen abgefüllt wurde und damit eine ihre Existenzgrundlagen verloren ging. Ich denke an die viele Winzer, die sich als Kleinbauern und Handwerker verstanden, plötzlich aber nicht mehr mithalten konnten, als Wein in Massen den Markt überschwemmte.

Das Bild meines Klassenlehrers und späteren Abts machte mir schlagartig bewusst, welch umfassende Kultur – auch ein gutes Stück christlicher Kultur – in der Geschichte des Weins steckt: Entwicklung vom schlichten Agrarprodukt zum hochbezahlten Luxusgut, vom einfachen Weinbauern bis zum millionenschweren Château-Besitzer, von der klösterlichen Hemina bis zum Prestigewein im mundgeblasenen Glas, von ein paar Reben auf wenigen Ar bis zu den riesigen Rebflächen auf hundert und mehr Hektar, vom Weinhändler am Ort bis zur internationalen Online-Vermarktung, vom klösterlichen Weinbau bis zum Auktionsbetrieb in Millionenbeträgen. Und immer geht es um das gleiche Produkt – in seiner Grundsubstanz kaum verändert –, um den Traubensaft, der zu Wein wird. Die Kulturgeschichte des Weins – sie ist zwar längst geschrieben, verirrt sich aber immer wieder, in all den Jahrhunderten bis heute, in profane Genuss- und Gewinnsucht. Der heilige Benedikt schrieb deshalb in seinen Regeln: „...zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche, weil aber die Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar die Weisen zu Fall.“

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

04.08.2014

 

Die Online-Welle:
Rabattschlacht

 

Es gibt immer mehr Wein in der Welt, und es wird – laut Statistik – in vielen Ländern immer weniger Wein getrunken. Allein in der Schweiz ist der Weinkonsum seit der Jahrtausendwende von knapp 45 auf 34 Liter pro Kopf der Bevölkerung zurückgegangen, das sind immerhin rund 20 Prozent in 14 Jahren. Dabei liegt die Schweiz in Bezug auf das Weintrinken noch „gut im Rennen“, an dritter oder vierter Stelle (berücksichtigt man den Vatikan mit 70 Litern und Island mit 53 Litern pro Kopf in der Statistik nicht). Selbst das Weinland Frankreich jammert. Jährlich geht hier der Weinkonsum um zwei bis drei Prozent zurück, das aber auf höchstem Level (etwa 50 Liter pro Kopf der Bevölkerung). Deutschland liegt – mit knapp 25 Litern Pro-Kopf-Verbrauch – weit zurück. Sogar weltweit geht der Weinkonsum – trotz Boom in Schwellenländern und im Fernen Osten – jährlich um rund zwei Prozent zurück. Der Weinhandel kann also kein blühendes Wachstumsfeld sein.

 

Der Kampf um Kunden: mit Weinmessen die Anonymität durchbrechen – hier auf der Badischen Weinmesse (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Trotzdem greifen immer mehr Online-Plattformen in den Weinhandel ein, als ob da das große Geschäft zu machen wäre. Nicht nur, dass fast jeder – auch der „kleinste“ – Weinhändler ohne Internetauftritt nicht mehr auskommen kann, die großen Online-Anbieter haben jetzt den Kampf um Marktanteile aufgenommen. Es ist vor allem ein Kampf in Bezug auf die Preise, das Angebot und die Bequemlichkeit. In den Ländern der EU sind Grenzen ja längst kein Hemmnis mehr. Nur die Schweiz hat beim grenzüberschreitenden Einzelhandel noch zu kämpfen: allzu hohe Zoll- und Versandkosten. Da rechnet sich ein grenzüberschreitender Internetauftritt kaum. Und doch möchte der Großverteiler Coop (Schweiz) mit seiner neuen Online-Plattform „Mondovino“ so rasch wie möglich Marktführer werden. Schon in drei Jahren sollten jährlich mindestens 30 Millionen Franken umgesetzt und die drei härtesten Konkurrenten Denner, Mövenpick und Flaschenpost hinter sich gelassen werden. Coop, Denner und Mövenpick waren bisher in erster Linie in ihren Einzelhandelsgeschäften erfolgreich, nicht im Handel via Internet. Dies soll sich in der nächsten Zeit ändern.

 

Werbung im Online-Geschäft – Marktauftritt von Mondovino (Foto: P. Züllig)

Da der Weinkonsum also seit Jahren zurückgeht (in der Schweiz in 14 Jahren von 3 auf 2,75 Millionen Hektoliter pro Jahr), geht das Wachstum im Internet-Weinhandel (man spricht da von mehr als 40 Prozent) ausschließlich auf Kosten anderer Marktteilnehmer, auf Kosten der vielen Weinhandlungen (die Schweiz soll das dichteste Netz von Weinhandlungen aufweisen), der Filialen im Lebensmittelbereich und der Discounter (auch von Aldi und Lidl, die sich erst vor wenigen Jahren in den Schweizer Markt gedrängt haben). Eines ist sicher: Der Druck auf die Branche nimmt zu.

Für mich – als Konsument – reduzieren sich all die Probleme des Weinhandels auf die eine Frage: Welche Vorteile habe ich letztlich als Käufer durch den geballten Internetauftritt? Da ist eine ehrliche Bilanz sehr viel schwieriger. Ist es der Preisdruck, der als Argument immer wieder angeführt wird? Selbstverständlich sind Preisvergleiche inzwischen einfach geworden, mit ein paar wenigen Klicks auf dem Computer, Handy oder Smartphone ist das „beste Angebot“ rasch ermittelt. Ob es dann auch wirklich das beste ist, sei dahingestellt. Das Kleingedruckte, die Verkaufsbedingungen, die Lieferkosten, die Verfügbarkeit und die vielen „Sonderangebote“ bringen den scheinbar klaren Wettbewerb gründlich durcheinander.

 

Website des Online-Anbieters „Weinbestellen“ (Foto: P. Züllig)

Eine kleine Episode: Wie jeden Tag holte ich heute Morgen zwei Brötchen im kleinen Geschäft direkt neben dem Haus. Da kam mir ein Nachbar entgegen, auch mit zwei kleinen Brötchen, geholt bei Lidl, 500 Meter entfernt. Eingespart hat er, wenn es gut geht, 30 Cent. Damit wird er mich – auf lange Sicht – aber zwingen, auch die 500 Meter zu Lidl zu gehen, wenn ich frische Brötchen möchte. Ich weiß, der Vergleich hinkt; Brötchen sind keine Weine und es geht da meist um größere Beträge: zwei, drei Franken (oder Euro) pro Flasche; es geht auch um die Auswahl, die Verfügbarkeit und die Präsentation. Es geht aber auch – zumindest bei der Alternative im Internet – um die Bequemlichkeit: Hauslieferung – „Wine-Home“, in einer gehetzten Zeit eine willkommene Erleichterung.

Ein Argument wird für den Internetverkauf immer wieder ins Feld geführt: die umfassende Information über den Wein, über das Weingut, die Ratings und, und... Dazu noch eine kleine Episode: Es erreichen mich von Bordeaux-Anbietern (während der Subskriptionskampage) fast täglich Lobeshymnen über den Bordeaux-Jahrgang 2013, begleitet von einer einzigen Aussage, zusammengefasst: „Unbedingt kaufen!“ Ich bin verunsichert, vernehme auch ganz andere Signale und nehme deshalb an einer Primeurverkostung (Jahrgang 2013) teil: 50 Weine probiere ich und weiß nun, ich werde keinen einzigen (zum jetzigen Preis) kaufen. Soviel zum Argument der guten Information.

 

Rabatt-Gutscheine für Weinbezug werden im Internet bereits gehandelt (Foto: P. Züllig)

Die Verlagerung des Weinhandels ins Internet hat – nach meinen Beobachtungen – zu einem fast unglaublichen Kampf um Rabatte geführt. Da lese ich: „Für Sparer – 20 Prozent auf alle Weine – einzulösen in allen Supermärkten von...“ Oder: „Während der Weltmeisterschaft – 50 Prozent Rabatt auf einen der besten Argentinier.“ Ein großer Online-Anbieter hat sich sogar eine „Wein-Gutschein-Oase“ ausgedacht: „Mit dem Wein-Gutscheincode sparen sie zusätzlich noch bei einer Onlinebestellung.“ Vor allem Coop und Denner buhlen mit hohen und höchsten Rabatten. Da können natürlich die anderen – die nicht ganz so großen – nicht abseits stehen. Die Rabattschlacht ist eröffnet!

Dazu noch eine letzte Episode: Nicht weit von meinem Haus entfernt liegt ein Vergnügungsareal mit Bahnen, Buden und Ständen. Fast jeden Tag lese ich auf Tafeln, angebracht an Zäunen und Masten: „Vergnügungspark: Heute zum halben Preis!“ Was der ganze (imaginäre) Preis wäre, steht nirgends geschrieben. Er ist bestenfalls zu errechnen.

Da kommt mir mein erstes Französisch-Lehrbuch in den Sinn und einer der ersten Sätze, die ich in der Fremdsprache gelernt habe: „Demain on mange ici gratuit“ („Morgen speist man hier umsonst“). Die Szene: Zwei Wanderer kommen an einem Dorfgasthof vorbei und lesen dies auf der Tafel neben dem Eingang. Die beiden beschließen: Heute essen wir woanders, morgen kommen wir dann hierher zurück. Am nächsten Tag also kehren die beiden im Restaurant ein und speisen fürstlich. Am Schluss präsentiert ihnen der Wirt die Rechnung. Natürlich sind die beiden empört. Der Wirt weist auf die gestern gelesene und noch vorhandene Tafel: „Morgen isst man hier gratis.“ Da erst begreifen sie: Morgen ist es umsonst, heute aber ist das, was gegessen und getrunken wurde, zu bezahlen. Ein sprachliches Lehrstück, das ich – auch hier im ganzen Rabattkrieg – nicht vergessen kann.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig

21.07.2014

 

Weltmeisterlich:
Argentinien

 

Sie haben es nicht geschafft bei der Fußball-Weltmeisterschaft, nur Vizeweltmeister, nur Silber. Was ist das schon, wo doch ausschließlich Gold zählt? Argentinien todtraurig, Deutschland himmelhochjauchzend. So ist der Sport. Für mich – als mäßiger bis rarer Sportkonsument – hat die Welt der Sportemotionen eine andere Ebene, eine vorherrschende Ebene. Weil ich zu jedem Spiel ein gutes Glas Wein trinke – sonst schlafe ich in der Regel ein – versuche ich, passende Weine aufzutreiben, meist etwas aus dem Land der im Augenblick agierenden Spieler. Das war einst noch einfach: Frankreich, Italien, Spanien, Portugal... Bei dieser Weltmeisterschaft sind sie aber schon früh ausgestiegen. So blieben mir für das Finale nur der Riesling und argentinische Weine.

 

Fußball und Wein (Foto: P. Züllig)
Als bekennender Rotweintrinker (und in Anbetracht der Kompetenz der deutschen Riesling-Liebhaber) bleibt mir also nur Argentinien. Und da erinnere ich mich an einen Malbec, der Spuren hinterlassen hat. Nein, nicht Foulspuren wie bei den Spielern, Erinnerungsspuren. Hierzulande kennt man eher den chilenischen Weinbau und die chilenischen Weine. Doch Chile scheiterte schon im Achtelfinal gegen Brasilien. „Samba am Gaumen“, hat der Falstaff kommentiert. Brasilien beginnt sich mit drei Millionen Hektoliter als Weinnation zu etablieren. Allerdings weit hinter Argentinien (15 Millionen Hektoliter) und Chile (8,5 Millionen Hektoliter). Nach dem Achtelfinale habe ich mich bereits aufgemacht, irgendwo in der Schweiz einen brasilianischen Wein aufzutreiben. Ich dachte an den Samba im Gaumen beim Finalspiel. Doch es kam alles ganz anders: Argentinien gegen Deutschland.

Rund 200.000 Hektar soll die Rebfläche betragen, auf der jährlich knapp 15 Millionen Hektoliter Wein produziert werden. Natürlich Messweine, dachte ich, denn die Spanier haben den Wein nach Südamerika gebracht, zuerst einmal, um tüchtig die Messe feiern zu können (auch nach der Messe, dazu brauchte es vor allem Wein für die Massen). Doch das war einmal: Heute gibt es in Argentinien durchaus eine Weinkultur, jenseits der Mess- und Massenweine. Ich erinnere mich an einen Besuch von Laura Cantena – der Winzerin von der Bodega Catena Zapata – in Zürich. Vor allem aber erinnere ich mich an ihre Weine, speziell an den Malbec.

 

Bodega Cantena Zapata (Foto: P. Züllig)

Es ist gut, dass ich diesen Wein, vor allem den „Cantena Alta“ aus Reben, die auf einer Höhe zwischen 900 und 1.500 Metern wachsen, hier – mitten in der Languedoc – nicht auftreiben konnte. Ich vermute, das WM-Finale hätte viel, viel länger gedauert für mich; vielleicht wäre es noch immer nicht zu Ende. Nur eines wäre sicher: Für mich hätte es wohl einen andern Sieger gegeben – den Malbec aus Argentinien.
Wenn ich so darüber nachdenke – leider ohne den entsprechenden Wein im Glas –, haben Weine, die bis vor Kurzem noch als Experimente beschrieben wurden, nämlich Weine aus Höhenlagen, unglaublich an Prestige gewonnen. Zuerst war es der Heida-Wein (Païen alias Traminer), vom „höchsten Rebberg Europas“ im Wallis. Dann meine patriotische Enttäuschung, dass es in den Pyrenäen einen noch höher gelegenen Weinberg in der höchsten Qualitätsstufe geben soll. Kürzlich besuchte ich dann – auch auf gut 1.000 Metern über dem Meeresspiegel – das Weingut Cederberg in Südafrika mit seinen hervorragenden Weinen. Und jetzt, in der Erinnerung, ein Malbec, aus Mendoza, von den argentinischen Bergen (bis 1.500 Meter Meereshöhe). Bei all diesen so unterschiedlichen Weinen (Heida ist ein Weißer) dominieren Kraft, Konzentration, Eleganz und Tiefe, und sie alle haben einen wundervollen Abgang.

 

Cederberg, Südafrika: Reben auf mehr als 1.000 Metern Höhe (Foto: P. Züllig)

Für mich kam „die Wende“ der argentinischen Weinkultur schon vor Jahren, rein zufällig. Eine gute Bekannte bereiste Argentinien und landete auf einem Weingut und bei argentinischen Weinen, die ihr mächtig Eindruck gemacht haben. Jedenfalls begann sie, vom „argentinischen Wunder“ zu sprechen, und möchte mich – den Weinliebhaber – immer wieder nach Argentinien locken. Bis zu diesem Zeitpunkt und bis ich die Weine der Bodega Catena Zapata kennen gelernt hatte, waren die Argentinier (die Weine natürlich) eher mit den früheren Algeriern vergleichbar: einfach, leicht, hell und aromenarm, bestenfalls Tischweine, für den lokalen Bedarf und für Europa ohne Bedeutung (höchstens als Billigweine für den Verschnitt).

 

Puro-Weine von Dieter Meier aus Argentinien (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Nicht ganz zufällig assoziiert jeder weininteressierte Schweizer mit Argentinien auch den Namen Dieter Meier, den Schweizer Konzeptkünstler, Musiker (“Yello”), Filmer, Geschäftsmann und Hansdampf in allen Gassen. Er ließ schon vor Jahren in Mendoza auf einer riesigen Biofarm Reben anbauen und daraus die drei Bioweine der Linie „Puro“ produzieren: einen reinen Malbec und zwei Assemblagen, eine aus Malbec, Cabernet Sauvignon und Merlot („Corte“), die andere aus Malbec, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon („Corte d’Oro“). Preis: 17 bis 30 Franken. Freilich erschöpft sich der argentinische Weinbau nicht mit diesen paar wenigen Weinen, aber ihre Verbreitung in Europa ist noch klein. Ich gebe zu, ohne diese Weltmeisterschaft und meinen etwas abseitigen Ansatz, die „richtigen“ Weine zu den Spielen zu trinken, hat mich diesmal (fast weltmeisterlich) nach Südamerika gebracht. Mit Deutschland – man sagt: dem verdienten Sieger – hätte ich es mir einfacher machen können. Ein deutscher Riesling wäre hier – an der Mittelmeerküste – wohl besser aufzutreiben gewesen. Doch mit Argentinien – oder gar (wie erwartet) Brasilien – hat man mich vor fast unlösbare Probleme gestellt. Bei der nächsten Weltmeisterschaft – sollten es einmal andere Nationen sein, etwa Äthiopien, Mosambik oder gar Osttimor – müsste ich bei meiner weltmeisterlichen Weintradition endgültig passen. Schade, denn kaum je habe ich beim Sport so viel gelernt über wenig bekannte Weine wie bei dieser Runde. Argentinien sei Dank, auch wenn es nur Silber ist.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

07.07.2014

 

Wein in Zahlen erfasst:
Die Statistik

 

Einmal im Jahr verliert der Wein – jedenfalls für mich – jede Sinnlichkeit, nämlich dann, wenn das statistische Amt seine Zahlen, Vergleiche, Tabellen und Kreuztabellierungen zum Wein veröffentlicht. Da wird auch meine gute Flasche zur rein statistischen Größe, zum winzigen Anteil an den 273 Millionen Litern Wein, die in der Schweiz jährlich getrunken werden; statistisch ist also meine Flasche zu vernachlässigen. Ich selber (als Weintrinker) mutiere zum anonymen Konsumenten, der im Jahr (durchschnittlich) 353 Gläser Wein trinkt. In solchen Momenten bedauere ich, all meine getrunkenen Gläser nicht gezählt zu haben, dann wüsste ich jetzt wenigstens, ob ich ein durchschnittlicher, ein überdurchschnittlicher oder gar ein unterdurchschnittlicher Weinkonsument bin. Ich vermute,  in diesem speziellen Fall bin ich wohl überdurchschnittlich. Allein heute Abend, jetzt, wo ich diese Kolumne schreibe, werden es wohl zwei, drei Gläser sein. In einem Jahr schreibe ich etwa 25 Kolumnen, dies macht also 75 Gläser, da ist schon fast ein Viertel meines statistischen Wein-Guthabens aufgebraucht, denn der Schweizer (und natürlich auch die Schweizerin) trinkt im Jahr – statistisch – durchschnittlich 34 Liter.

 

Zerzauste Haare beim Schreiben der Kolumne (Foto: P. Züllig)

Schon oft habe ich mir überlegt, was mir solche Zahlen bringen. Natürlich Information. Ist sie aber für den Weintrinker auch brauchbar? Zugegeben, die Zahlen sind – inmitten all der Anpreisungen in der Werbung, mit all den Superlativen – erfreulich sachlich, erfrischend und vor allem neutral. Ich weiß jetzt zum Beispiel – schwarz auf weiß belegt und auch noch vom Bundesamt für Landwirtschaft –, dass ich (durchschnittlich) 34 Liter Wein trinke, mehr als ein Drittel davon stammt (statistisch) aus der Schweiz. Ich wusste ja schon immer – man hat es mir oft genug gesagt –, dass wir Schweizer unsere Weine selber trinken. Doch bei mir ist das ganz anders. Da kommen mir schon meine nächsten Bedenken: Bin ich wirklich ein so schlechter Patriot? Wenn ich meinen Konsum an Schweizer Weinen grob überblicke, dann sind es keine 30 Prozent, höchstens fünf, vielleicht auch nur drei.

Bereits die nächste statistische Erhebung rüttelt wieder an meinem Selbstverständnis: Der größte Anteil an Rotweinimporten (ich bin ein ausgesprochener Rotweintrinker) kommt aus Italien, das ist gut ein Drittel mehr als aus Frankreich. Hoppla! Der Anteil an Weinen aus Italien, die in meinen Gläsern landen, macht keine fünf Prozent aus. Dabei sind die Italiener in den letzten Jahren – weinmäßig – in meinem Wohlwollen unglaublich gestiegen. Auch das ist – leider – statistisch unerheblich.

 

Bekanntester Weinberg im Kanton Thurgau: das Schlossgut Bachtobel in Weinfelden (Foto: P. Züllig)

Es kommt aber noch weit schlimmer! Im Kanton Thurgau (Ostschweiz, 254.000 Einwohner, knapp 1.000 Quadratkilometer), wo im vergangenen Jahr fast 15.000 Hektoliter Wein erzeugt wurden, ist ein markanter Rückgang des Absatzes zu verzeichnen, immerhin 7,5 Prozent. Und ich habe mit meinen drei Flaschen (im letzten Jahr) aus dem Thurgau – das ist viel weniger als ein Prozent – nichts zur Trendwende beigetragen. Mein Trost: Das ist zwar eine Tatsache, aber statistisch zu vernachlässigen. So bin beruhigt, denn das hätte ich meinem verstorbenen Vater, der ein Thurgauer war, nicht antun können. Dann aber doch noch ein Lichtblick im Zahlenmeer: Es wurde (prozentual) wieder mehr Schweizer Wein getrunken, fast zehn Millionen Liter mehr und zwar auf Kosten ausländischer Gewächse. Auch da aber habe ich gegen den Trend gehandelt. Mein Weinkonsum (nicht alle Weine habe ich selber getrunken, meine Frau und viele Gäste waren genau so daran beteiligt) bestand zu gut neunzig Prozent aus ausländischen Weinen, vor allem von den Franzosen.

 

Mutige Schritte nach Italien, ins Piemont (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Schon wieder sitze ich in der Statistikfalle. Weitaus die meisten Weine kamen – laut Bundesamt – aus Italien, rund 200.000 Hektoliter mehr als aus Frankreich. Auch dazu habe ich nichts, aber auch gar nichts beigetragen, ich konnte die Franzosen und ihre Weine mit meinem gut 60-Prozent-Anteil der getrunkenen Weine nicht retten. Leider ist das ebenfalls statistisch irrelevant. Bleiben wir noch kurz in der Schweiz. Die Schweiz besteht (je nach Zählung, es gibt nämlich da auch „Halbkantone“) aus 26 Kantonen. Nicht ganz in allen (aber fast in allen) wird auch Wein gemacht. Es ist zwar schon lange nicht mehr ein zentraler wirtschaftlicher Faktor, eher ein Randgebiet im wirtschaftlichen Motor der Schweiz, für einige Kantone ist der Weinbau aber wirtschaftlich noch sehr wichtig. Zum Beispiel im Bergkanton Wallis, wo weitaus am meisten Reben angebaut werden und von wo also auch am meisten Schweizer Weine herkommen, etwa 165 Tausend Hektoliter pro Jahr. Die Walliser Weine sind inzwischen auch so etwas wie Botschafter des Schweizer Weins, vor allem die autochthonen Sorten, die gleichsam einen Siegeszug durch die Weinwelt angetreten haben: Cornalin zum Beispiel oder Humagne Rouge, Amigne, Eyholzer, Heida, Himbertscha oder gar Lafnetscha. Sie sind zwar Exoten unter den Wallisern, aber man spricht von ihnen – zu Recht. Und schon wieder der statistische Hammer: Trotz ihrer Berühmtheit machen die Autochthonen nur einen ganz kleinen Teil – keine drei Prozent – im Anbau der rund 23.000( )! Walliser Weinbauern (davon sind etwa 20 Prozent hauptberuflich Winzer) aus.

 

Typisches kleinteiliges Weingebiet im Wallis (Foto: P. Züllig)

Ausgerechnet diese seltenen Rebsorten haben auch in meinem Schweizer-Wein-Konsum eine stattliche Größe: Ohne statistische Erhebung kann ich sagen, es sind sicher mehr als 30 Prozent. Hingegen von den Fendants – bekanntester Weißwein aus dem Wallis (Chasselas-Traube) –und vom  nicht weniger bekannten roten Dôle (Pinot Noir und Gamay) trinke ich nur wenige Flaschen im Jahr, meist auch nur dann, wenn ich ausländische Gäste habe, die den Schweizer Wein kennenlernen möchten. Je mehr ich mich in den statistischen Zahlen tummle, desto unheimlicher wird es mir. Ich bin offensichtlich keine statistisch relevante Größe, ich bin nur Weintrinker – nein, Weingenießer, vorwiegend von Rotweinen. Wenigstens da – das ist ein kleiner Lichtblick – liege ich statistisch auf der richtigen Seite. Es wird deutlich mehr Rotwein getrunken (oder auch nur eingelagert, wie soll das statistische Amt das so genau wissen?), nämlich 1.830.056 Hektoliter Rotwein gegenüber 1.084.953 hl Weißwein (inklusive Schaumweine).

 

Weinstatistik – Auszug aus der Schweizerischen Weinzeitung (Foto: P. Züllig)

Ich zeige mich versöhnlich, wende mich wieder ab von der amtlichen Statistik, befasse mich lieber mit meinem Wein im Glas: natürlich ein Franzose – Château Beau-Séjour-Bécot 2000; leicht rauchig, schwarze Johannisbeeren, Kirschen, Lakritze, Liebstöckel, vollmundig und harmonisch, ein moderner Bordeaux, der mir unglaublich Spaß macht. Rasch vergessen sind die Zahlen der Statistik, vergessen, bis nächstes Jahr die neuen Werte vom Bundesamt für Landwirtschaft publiziert werden. Dann wird die nächste Reise durch die Zahlen fällig, und sie wird nicht viel anders ausfallen als in diesem Jahr. Doch eines möchte ich jetzt doch noch wissen: Wie stehen wir da beim Weinkonsum, international gesehen? Das steht nicht in der Bundesstatistik, ist aber (dank Internet) leicht ausfindig zu machen. An der Spitze liegt Frankreich mit 53 Litern pro Kopf der Bevölkerung, weit abgeschlagen, mit kaum einem Liter, liegt China. Die Schweiz rangiert an vierter Stelle, noch vor Deutschland (25 Liter pro Kopf). Da geht mir plötzlich durch den Kopf: Was heißt das, wenn China seinen Weinkonsum um hundert Prozent auf zwei Liter pro Kopf der Bevölkerung steigert? Nicht auszudenken, denn das bedeutet (bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen) nicht weniger als 2,8 Milliarden Liter oder 2,8 Millionen Hektoliter. Geschätzte Weltproduktion an Wein heute: 250 Millionen Hektoliter, also würden die Chinesen (statistisch) bereits ein Hundertstel der Weine weltweit wegtrinken, und bei einem Konsum von 35 Litern pro Kopf (wie in der Schweiz) wären das...

Nein, ich mag es nicht ausrechnen. Ich wende mich lieber wieder meinem Weinglas zu. Der Wein beruhigt und lässt mich – trotz Statistik – gut schlafen. Zum Wohl!

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

23.06.2014

 

Von großen und kleinen Weinen:
Cederberg in Südafrika

 

Flugzeug in Zürich gelandet, „Fasten your seat belts“ erlischt, Grabschen nach dem Gepäck, Gemurmel, Gedränge, da richtet sich – über zwei, drei Sitzreihen hinweg – eine Frage an mich: „Wo haben Sie dieses T-Shirt gekauft?“ Zuerst verstehe ich nicht, was der Fremde – er spricht Englisch – meint. Dann: Natürlich, ich trage ja noch das T-Shirt mit der Aufschrift  „Cederberg, wines with altitude 1036“, gekauft auf einem Weingut in Südafrika, das auf einer Höhe von rund 1.000 Meter über Meer liegt. Bisher hatte mich noch niemand auf das T-Shirt bzw. auf seinen Aufdruck angesprochen. In Südafrika kennt man das Weingut, weiß von der Einmaligkeit in Bezug auf die Lage, als auch auf seine Weine. Wenn ich überlege, was auf mich auf meiner Südafrika-Reise, die über Südafrika hinaus bis ins Okavango-Delta und an die Victoriafälle führte, am meisten Eindruck gemacht hat, dann sind es die berühmten Wasserfälle in Simbabwe und die Zederberge (englisch: Cederberg; afrikaans: Cedarberg) in Südafrika, ein Naturschutzgebiet rund 200 Kilometer nördlich von Kapstadt. Da wird – man glaubt es kaum – auch Wein gemacht, inmitten von bizarren Steinformationen. Und: auch noch ausgezeichneter Wein!

 

Ein Weingut mitten in der Steinwüste: Cederberg (Foto: P. Züllig)

„Eingebettet in eine der atemberaubendsten Landschaften der Erde, die Cederberg Mountains, liegen die Weinberge der Familie Nieuwoudt“, habe ich in einem Prospekt gelesen und wollte unbedingt hin. Das muss ich sehen, das muss ich erleben! Allerdings war es dann nicht ganz einfach. Die Anfahrt im Norden – von der Kleinstadt Clanwilliam (7.400 Einwohner) – führte über eine Naturstraße, die sich rasch in eine Holperpiste verwandelte, und dauerte fast zwei Stunden. (Wir haben die kürzere, schlechter ausgebaute Naturstraße gewählt, denn wir wollten so viel wie möglich von den Cederbergen sehen. Der bessere Weg wäre weiter, aber schneller gewesen.) Dann tauchte es vor uns auf, das berühmte Weingut, in einer noch fantastischeren Landschaft, als wir uns vorgestellt hatten. Der Besuch war kurz – wir wollten noch weiter in den Süden, Richtung Stellenbosch nach Tubagh –, und das Navi verkündete: „Sechs Stunden bis zum Ziel.“ Da irrte das Gerät zwar, es waren nur zwei Stunden, doch auch sie ließen uns wenig Zeit zum Verweilen und zum Weine-Verkosten. Doch das Weingut, das also fast 1.000 Meter über Meer liegt, hat mich tief beeindruckt. Allein schon die Anfahrt, dann die Rebberge an den Hängen, eine Oase in der Steinwüste. Den gekauften Wein haben wir erst später – am Abend oder am folgenden Tag – getrunken. Er war ebenso beeindruckend, weil er anders war als all die Weine, die wir uns in Südafrika eingeschenkt haben.

 

Ein Bild dokumentiert die extreme Lage des Weinguts: Winter (Foto: P. Züllig)

Wie anders? Dies kann ich – wie so oft und nach ein, zwei Gläsern –  nur schlecht beschreiben. Der Wein ist wilder, bestimmter, eindeutiger, eigenwilliger, tiefer als alle anderen verkosteten Weine aus Südafrika. So das spontane Urteil. Habe ich wieder einmal die Landschaft in den Wein projiziert? Ich muss mich gedulden, bis wir zu Hause sind, bis ich ein paar der Weine vom Weingut Cederberg getrunken habe, und zwar allmählich, kritisch und mit Bedacht, nicht nur die Roten, auch die Weißen. Das Weingut keltert durchaus auch beachtliche Weißweine, vor allem den traditionell so beliebten, gaumenfreundlichen, frischen, rassigen, knackigen Chenin Blanc, der – wie man weiß – immer mehr vom modischen Chardonnay verdrängt wird. Man findet die Cederberg-Weine (wie die meisten Südafrikaner) auch bei uns, wenn man sie sucht. Zum Beispiel bei „KapWein“ in der Schweiz oder in Deutschland bei „Red Simon“ – Weinhändler, die sich ausschließlich auf Südafrika spezialisiert haben. Ich habe die Cederberg-Weine für diese Kolumne gekauft und in den letzten Tagen getrunken. Und zwar habe ich – entgegen dem üblichen Vorgehen – mit dem teuersten (und besten?) der Weine (ca. 60 Franken) begonnen, ganz einfach, weil ich so rasch wie möglich wissen wollte, ob die Weine wirklich anders sind. Wenn ja: wie anders? Cabernet Sauvignon 2009, einer der beiden Paradeweine mit dem Label „Five Generations“,  aus einer Einzellage: unheimlich tief, kräftig, erdig und mit einer warmen Fruchtsüße. Allerdings – für meinen Geschmack – mit allzu viel Alkohol  (14,5 Volumenprozent), nicht nur auf dem Etikett, deutlich spürbar. Auch etwas weniger Holz würde ihm gut anstehen, aber eben, es ist der Powerwein des Weinguts und – ähnlich dem Bordeaux – zum Reifen und Lagern gemacht (und nach fünf Jahren noch viel zu jung, um ihn zu trinken).

 

Eindruckvolles Angebot des ganz speziellen Weinguts (Foto: P. Züllig)

Kann ich jenes (eingebildete?) Quäntchen Anderssein entdecken, das ich bei der allerersten Verkostung (ich habe Cederberg in Südafrika zwei-, dreimal getrunken) wahrzunehmen glaubte? Ich kann, aber fast zugedeckt – wie so oft bei Powerweinen – von Holz, aber auch Frucht, Tanninen, Kraft und, und... Ich muss wohl rasch einen der kleineren Weine – zum Beispiel Merlot-Shiraz (18 Franken) – zu Rate ziehen. Und siehe da: Er ist wieder da, dieser einmalige, kleine Schlenker zur Wildheit seiner Geburtsstätte, zur Kargheit des Bodens, zu seinem ganz besonderen Klima. Es ist das, was ich bei vielen Weinen suche, das Besondere im Wein, in der Literatur meist mit Authentizität umschrieben. Vielleicht muss man sich auch die Bilder ansehen und in die Weine hineinhorchen, die vorgeprägten Geschmacksweichen neu stellen, um authentische Weine wirklich zu erfassen (und sie auch zu genießen). Umso ärgerlicher ist es – wenigstens für mich und mein Weinverständnis –, wenn gerade die Einmaligkeit, die eigentlich in jedem guten Wein liegen müsste, zugepflastert wird (ich kann es nicht anders sagen).

 

Bizarre Formen, bizarre Landschaft (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Das wird noch deutlicher beim Spitzenwein unter den Weißen von Cederberg („Five Generations“), einem Chenin Blanc 2009 (40 Franken), „der eindrucksvoll die Chenin Blanc-Kompetenz von Cederberg unterstreicht“ (so die Werbung). Tatsächlich, es ist ein „großer“ Wein – bisquitartig, und doch frisch und elegant; sogar ein „großer“ Chenin Blanc, aber ähnlich wie der Rote, gekonnt eingehüllt in Noten, die eindeutig von den Fässern stammen. Diese „magische Kraft des Eichenholzes“ macht einen Wein – wie hier – vielleicht besser, edler (und ich weiß nicht, was noch alles), aber er nimmt ihm die Einmaligkeit des Terroirs. Das mag bei vielen Weinen – und an vielen Orten – sogar gut sein: Hauptsache, es ist guter Wein, der vielleicht sogar die Handschrift des Winzers verrät. Wenn aber ein Wein aus einem Gebiet stammt, das einzigartig ist – nicht nur im eigenen Land, weit darüber hinaus –, dann erwarte, nein, verlange ich von einem guten Wein Authentizität und nicht die Verbindlichkeit einer Holzvermählung, selbst wenn sie gekonnt, einige würden sagen, sogar genial ist. Ich verzichte gerne auf diese Genialität, wenn der Ort selber, wo der Wein wächst, so großartig, ja, genial ist, und zwar nicht von Menschenhand zurechtgebogen, sondern ein Stück erlebbarer Natur. Vielleicht ist das ein zu pathetisches Weinverständnis, mag sein. Doch es zeigt sich immer wieder, was ich am Cederberg (und bei seinen Weinen) erlebt habe:  Möglichst viel – auch Wein – wird weltläufig gemacht.

 

Natur und Weinkultur (Foto: P. Züllig)

Der „kleine weiße Bruder“ der „großen“ „Five Generations“, der Chenin Blanc 2012 (17 Franken), ohne Holz und – im Vergleich – ohne Schnickschnack, ist für mich wirklich „groß“, weil er in seiner Frische, Bestimmtheit, vielleicht sogar in seiner Kargheit dem entspricht, was ich in der außergewöhnlichen Landschaft erlebt habe. Da taucht in mir ein kühner Gedanke auf: Wird vielleicht gar das, was sich hinter den Begriffen Natur und Kultur verbirgt, auch hier beim Wein sichtbar? Das eine, die Natur, entstanden aus Kräften, auf die der Mensch keinen (oder wenig) Einfluss hat; das andere, die Kultur, von Menschen gestaltet und geformt. Ist es das, was man – jetzt auch in der Weinszene – mit der so genannten Bio-Welle herbeizwingen möchte? Ist es das, was so oft als Gegensatz dargestellt wird: natürlich gegen künstlich? Für mich sind das keine Gegensätze, auch in der Weinproduktion nicht. Sie gehören zusammen, denn Wein wird immer von Menschen gemacht, seine Kultur hinterlässt da mehr als nur Spuren.

 

Eine Landschaft, nicht nur für Südafrika einmalig (Foto: P. Züllig)

Doch wenn eine Landschaft so einmalig, so anders ist wie der Cederberg (nicht umsonst wurde er zum Naturschutzgebiet erklärt), dann möchte ich auch in seinem Wein etwas davon spüren. Dass das möglich ist, zeigen die „kleinen Weine“, sie sind für mich – wie so oft – die wirklich großen.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

10.06.2014

 

Für einmal in die Ferne schweifen...
Südafrika

 

Für uns liegt es wirklich in weiter Ferne: etwa 10.000 Kilometer entfernt, das Weinland ganz im Süden Afrikas, wo die Seefahrer einst Halt gemacht haben, auf ihrem langen Schiffsweg nach und von Indien. Hier haben sie sich nicht nur mit Proviant eingedeckt, auch mit Wasser und noch viel lieber mit Wein. Wein, der seit dem 17. Jahrhundert auch hier gekeltert wird, eingeführt vom Schiffsarzt, Kaufmann und Expeditionsleiter Jan van Riebeeck, der die ersten Reben aus Frankreich kommen ließ und 1659 hier den ersten Wein kelterte. Doch das ist Historie, 355 Jahre alte Geschichte, die nachzuschlagen ist, in jedem guten Weinlexikon. Viel interessanter ist hingegen der Stellenwert, welchen die Weine aus Südafrika – nach vielem Auf und Ab – heute haben. Meist werden sie zur „neuen“ Weinwelt gezählt, was stilistisch durchaus stimmen mag, historisch gesehen aber falsch ist.

 

„Grand Constance“ – ein Süßwein, den schon Napoleon getrunken hat (Foto: P. Züllig)

Schon Napoleon und Friedrich der Große – so ist verbürgt – ließen Süßweine (die noch heute unter dem Namen „Grand Constance“ angeboten werden) vom ältesten Weingut Südafrikas – Groot Constantia – an ihre Höfe bringen. Auch Großbritannien, das mit Frankreich (Napoleon) zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Krieg war, bezog den größten Teil des Weinbedarfs aus Südafrika, wo die Briten inzwischen die Kolonialherren geworden waren. Diese Blütezeiten für den Weinhandel sind aber längst vorbei. Im 20. Jahrhundert hat das Apartheid-Regime (bis 1994) das Land weitgehend isoliert. Auch der Weinhandel, der dringend  auf Exporte angewiesen ist (heute zu fast 50 Prozent), kam zum erliegen. Südafrikanische Weine sind erst in den 1990er Jahren wieder in die „alte“ Weinwelt – nach Europa – zurückgekehrt. Vor allem die Preise machten sie attraktiv, weniger ihre Qualität. Doch die südafrikanischen Weinproduzenten haben die Chance genutzt. Sie investierten in die Produktion, setzten vermehrt auf international beliebte Rebsorten, und sie haben schnell begriffen, was heute „internationaler“ Geschmack ist. Die Weine wurden in kurzer Zeit viel besser. Die alte Weinbautradition (am Ende des 17. Jahrhunderts brachten die aus Frankreich geflohenen Hugenotten ihr Wissen und Können nach Südafrika) lebte wieder auf.

 

Ältestes Weingut in Südafrika: Groot Constantia (Foto: P. Züllig)

Das günstige Klima (Sonne, aber auch kühle Winde vom Meer), genügend Niederschläge, sanfte Hügel und eher magere, aber durchlässige Böden sind gute Voraussetzungen für den modernen Weinbau. So entstehen immer mehr körperreiche, kräftige, oft auch sehr alkoholische, tanninreiche Rotweine, immer häufiger als Cuvée im Bordeaux-Stil vinifiziert. Weine, die sich auch in der Gastronomie gut verkaufen lassen. Ähnlich ist es bei den Weißweinen. Der traditionelle Chenin Blanc, die meist angebaute Rebsorte – hier auch „Steen“ genannt – muss dem modischen Chardonnay immer mehr weichen, und der Holzeinsatz macht so manchen Terroir-Ansatz zunichte. Vielleicht ist es gerade dieses Streben nach Mainstream, das dem südafrikanischen Wein bei uns – in Europa – angelastet wird.

 

Estate Lanzerac, wo 1959 der erste Pinotage verkauft wurde (Foto: P. Züllig)

Die Gegend um Stellenbosch – Zentrum der südafrikanischen Weinregion – ist inzwischen auch ein beliebtes Touristenziel, nicht nur (aber auch) für Weinliebhaber. Parkanlagen, historische Bauten im kap-viktorianischen Stil, interessante Kulturangebote, Cafés und Restaurants, in denen man gut essen kann und natürlich – das wichtigste – mehr als 100 Weingüter, die auch für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Es ist nicht unbedingt der Wein, der die Touristen zu den Weingütern lockt; es sind weit mehr die Atmosphäre, die herrlichen parkähnlichen Anlagen, die historischen Gebäude, die ganze Gegend, die Wein zu atmen scheint, und zwar einen leichten, frischen, süffigen Weißwein, nicht den schweren, erdigen Roten. Vielleicht ist es gerade die Diskrepanz zwischen den gekelterten Weinen (vor allem den modernen Cuvées) und der offenen, fröhlichen – vielfach auch vornehmen – Stimmung, die die Skeptiker auf den Plan ruft. So hat zum Beispiel mein Schwager – durchaus dem Wein zugetan – nach einer Südafrika-Reise Bilanz gezogen: „Ich bin nicht einem einzigen wirklich guten Rotwein begegnet.“ Und mein Schwager ist nicht der Einzige, der mir Ähnliches gesagt hat.

 

Das Delaire Graff Estate steht für Luxus und Einzigartigkeit in einer der schönsten Weinregionen der Erde – so die Werbung (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Zum Beispiel zu Hause auf einer Weinveranstaltung meinte mein Tischnachbar: „Ich war bei einer Präsentation südafrikanischer Weine hier in der Schweiz, nicht einen einzigen guten Wein habe ich gefunden“; doch er ergänzte rasch, „dann aber war ich in Südafrika und fand die Weine plötzlich gut, ja, großartig.“ Was soll ich von solchen gegensätzlichen Aussagen – sie stehen für viele ähnliche Urteile – halten? Wem soll ich beipflichten, wem widersprechen? Jetzt bin ich selber wieder da gewesen, eine ganz Woche im Weingebiet. Beim Wetteifern der Weingüter um die Internationalität ihrer Weine habe auch ich meine liebe Mühe (nicht nur in Südafrika). Beim heutigen riesigen Angebot genügt es einfach nicht, nur gute Weine zu machen, sie müssen auch etwas von der Eigenart eines Landes, eines Weingebiets, der Rebsorten, der Tradition erlebbar machen; sie müssen so etwas wie ein Unikat sein, sonst sind und bleiben sie austauschbar. Deshalb ist mir wohl der einheimische Pinotage – übrigens auch in grandioser Qualität (zum Beispiel von Lanzerac) – so ans Herz gewachsen. Ich habe – obwohl ich kein Weißweintrinker bin – auch den Chenin Blanc bewundert sowie den eleganten, würzigen, bittersüssen Shiraz (Syrah), den ich so noch in keinem andern Weingebiet (auch nicht an der Rhône) angetroffen habe.

 

Typisch für den Neuaufbau in den letzten Jahren: Neubepflanzung auf dem Weingut Tokara (Foto: P. Züllig)

Immer dann, wenn im Wein etwas an Eigenständigkeit, Originalität, Stimmigkeit durchschimmert, – so beobachte ich mich selber – scheint er mir zu gefallen, und immer dort, wo ich rasch einmal versinke im Meer der Gefälligkeit (des Gefallen-Wollens!), kommen mir nicht nur die 10.000 Kilometer Luftlinie in den Sinn, auch die Kulturunterschiede und ein Rest von Kolonialmentalität: Alles so machen (oder einrichten), wie „alle“ es machen oder sind und wie wir es uns längst eingerichtet haben. Symptomatisch dafür ist: Der Pinotage (in Stellenbosch gezüchtet) befindet sich im Rückgang, der „Steen“ genau so, dafür sind Cabernet, Merlot, Chardonnay und sogar der schwierige Pinot Noir (für den es eigentlich in Südafrika zu warm ist) im Kommen. Unglaublich viele neue Assemblagen – meist in Barriques ausgebaut und trotzdem früh trinkbar – wetteifern um die Gunst der Weinkonsumenten. Es liegt nicht an den Rebsorten, an der Kunst (oder dem Können) der Winzer, guten Wein zu machen oder gar an Klima und Boden, dass der Durchbruch in die internationale Weinwelt – trotz Verdoppelung des Exports in den letzten zehn Jahren – einfach nicht ganz gelingen will. Es liegt wohl eher am Selbstverständnis der Weinmacher und an der südafrikanischen Weinkultur, die so lange Zeit isoliert war. Man versucht es jetzt in allen oder zu vielen Sparten und Stilen.

 

Blick vom Weingut Ammani über das große Weingebiet von Stellenbosch (Foto: P. Züllig)

In der einflussreichen Liste der besten 100 Weine des Landes („Top of SA Wines“), die jedes Jahr durch eine Fachjury erstellt wird, finden sich dieses Jahr – zum Beispiel – gerade mal drei Pinotages, während der modische Cabernet Sauvignon (vor allem in Cuvées) mehr als ein Viertel der prämierten Weine ausmacht. Aber auch „Exoten“ (für Südafrika) tauchen da auf, wie Viognier, Gewürztraminer, Grenache (Garnacha) oder Muscadelle. John Platter (eine Art Robert Parker für Südafrika) verteilt seine Gunst fast auf alle Güter, Rebsorten und Weinstile, quer durchs Land. Es gibt sicher wunderschöne moderne Weine in Südafrika, zum Beispiel auch Bordeaux-Blends, aber es gibt anderswo weit bessere; es gibt wunderschöne Viogniers, aber andernorts weit bessere, und von Chardonnay,  Pinot Noir und Co. ist das gleiche zu sagen. Warum sollen wir dafür in die Ferne schweifen? Für die so genannten Cape-Weine aber – meist mit viel Pinotage –, oder allgemeiner gesagt: Weine, die es nur in Südafrika gibt (oder so gut gibt) schweife ich gerne in die Ferne, denn da liegt das Bessere nicht so nah.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig

26.05.2014

 

On parle français:
Bordeaux-Ritual

 

Wenn bei einer Weinveranstaltung im deutschsprachigen Zürich nur Französisch gesprochen wird, dann ist mit einiger Sicherheit Bordeaux zu Besuch. Denn nur die Repräsentanten der „berühmtesten Weinregion der Welt“ können es sich leisten, – dort, wo viel Geld zu Hause ist – die eigene Sprache zu sprechen, allenfalls – gnädigst – ins Business-Englisch zu wechseln. Es klingt dann etwa so: „70% Merlot, 10% Cabernet Sauvignon, 10% Cabernet Franc, 10% Petit Verdot“ – soweit ist das in allen Sprachen zu verstehen – und dann, fast litaneiähnlich: „...The palate is medium-bodied with mulberry and dark plum fruit intermingling with Chinese tea and a touch of cloves...“ Jetzt aber unbedingt eine ernste Miene aufsetzen, ja nicht widersprechen (oder gar neue Aromen herausspüren); viel besser ist es, das allerbeste Schulfranzösisch hervorzukratzen, tief ins Glas zu schauen und andächtig zu nicken, sonst wird man mit einem Schwall „Français“ überschüttet. So geht es von Tisch zu Tisch, von Château zu Château. Ein Ritual eben…

 

Primeur-Verkostung – ein Ritual (Foto: P. Züllig)

Früher waren es nur Weinhändler und Journalisten, die in den Genuss der allerjüngsten Bordeaux-Weine kamen, jedes Jahr so um die Osterzeit. Dann nämlich ist der neue Jahrgang ins Fass gewandert, und es ist Zeit, die ersten „Weinkompositionen“ zu kreieren, um dem Fachpublikum den „neuen Jahrgang“ vorzustellen. Die weltbesten Verkoster (leider nicht nur diese) stecken dann ihre Nase in das Degustierglas, prüfen mit (fast) allen Sinnen den Jungwein und fällen ihr Urteil. Ein Urteil, das entscheidend ist für die anlaufende Subskription, in der der neueste Jahrgang bereits weltweit verkauft wird, obwohl er noch fast zwei Jahre in den Fässern auf den Châteaux bleibt und erst dann abgefüllt und ausgeliefert wird. Es ist sozusagen ein Termingeschäft, bei dem das Urteil der Weingurus alles beeinflussen kann: hohe Gewinne oder gar Verluste für die Weingüter und die Händler. Wer sich verspekuliert, bleibt auf den Weinen sitzen, hat hohe Lagerkosten und muss sie schließlich mit Abschlägen verkaufen. Bordeaux-System nennt sich das Ganze, es hat eine recht lange Tradition und eine beliebte Spielwiese für nachgeborene Glücksritter, die das Goldgraben im 18. Jahrhundert verpasst haben.

 

Potentialwertung – auch ein Glücksspiel (Foto: P. Züllig)

Was neu ist in diesem Spiel: Man muss nicht mehr nach Bordeaux fahren (fliegen), um mitreden zu können. Bordeaux kommt zu den Konsumenten; die Châteaux tingeln mit ihren unreifen Neuweinen durch ihre wichtigsten Absatzgebiete: Großbritannien, Deutschland, Österreich, Luxemburg, die Schweiz, ja, sogar der Ferne Osten wird so „bewirtschaftet“, vor allem China und Japan. Der „Vorfinanzierer“ einer Ernte, der Käufer und Konsument, kann so selber Richter spielen und ist nicht mehr ganz den Weinjournalisten ausgeliefert. Die Prüfungszeit dauert nur ein paar Stunden (in Zürich waren es vier), in denen er Weine trinken (oder eben verkosten) muss, die eigentlich noch gar nicht trinkbar sind: so genannte Fassproben. Professionelle Auguren sprechen dabei von einer „Potentialbewertung“, was etwa bedeutet: Was könnte aus dem Wein werden in ein paar Jahren? Und so etwa klingt dann das Orakel:„Ein introvertierter Klassiker mit mittlerem Druck, aber langem Rückaroma. Geht in Richtung 1994, 1998, 2004. Könnte bei 19 Punkten (von 20) landen, ist aber so schon der beste von...“ Dazu kommt noch das Geschwätz um Mokkanoten, nussiges Bukett, Schwarzbrotkruste, Damassinenpflaumen und was alles noch so als Aromen-Analogie auftauchen mag. Die potentiellen Käufer nicken beifällig, wenn sie die – im Grund untrinkbare – weinähnliche Flüssigkeit durch den Mund rollen, sie am liebsten gleich wieder ausspucken und den Rest der Miniration so rasch wie möglich im Spucknapf entsorgen. Oder sie schütteln schon nach dem ersten Kontakt mit dem Wein den Kopf und entleeren das Glas, um es dann, bei ganz großer Abneigung, mit etwas Wasser auszuspülen.

 

Ein gesellschaftliches Ereignis (Foto: P. Züllig)

 

Glossar zum Thema
Eigentlich geht es bei diesen Anlässen weniger um den Wein als vielmehr um das gesellschaftliche Ereignis, um die Legitimation, auch mitreden zu können, nicht ganz den Spekulationen und Gerüchten rund um den Primeur-Verkauf (Subskription) ausgeliefert zu sein. All jene, die viel Geld in das Termingeschäft stecken, sind längst in Bordeaux gewesen, haben ihre Meinung und ihre Geschäfte gemacht. Es geht jetzt vor allem um den Endverbraucher und seine gesellschaftliche Akzeptanz in Weinkreisen. Die Botschaft: 40 Primeur-Verkostungen habe ich geschafft in nur vier Stunden, jetzt weiß ich Bescheid! Aber – weiß man nachher wirklich Bescheid? Sechs Minuten pro Château, inklusive das Warten im Gedränge bei den hochdotierten Weingütern, saubere Entsorgung der Restmengen des Weins im Glas und im Mund, Notizen, die man auch nachher noch lesen kann und die dauernde Vorsicht, sich nicht mit Wein zu bekleckern (was vor allem für Spuckungeübte ein Problem ist). Zudem trifft man auf Schritt und Tritt Bekannte (die auch Bordeaux lieben), wechselt ein paar Worte, ist sich aber bald einig: „Kein besonders guter Jahrgang“, die Weinpostillen haben es ja bereits über die ganze Weinwelt posaunt, „aber trotzdem ein paar schöne Weine entdeckt“. Bei solchen Je-Ka-Mi-Verkostungen (Eintrittspreis 100 Franken) gibt es immer „ein paar gute Tropfen“ und sogar – niemandem sagen! – einen oder zwei Geheimtipps. Das gehört zum Spiel.

 

Das Urteil ist gefällt (Foto: P. Züllig)

Auch ich habe das über viele Jahre mitgemacht. Viele Stunden mit dem Bordeaux-Primeur verbracht, viel Aufwand betrieben (mit endlosen Listen von Bewertungen aller namhaften Weinkritiker und Zeitschriften), nicht nur Punkte evaluiert und addiert, auch Beschreibungen eingescannt und miteinander verglichen, die recht teuren Datenbanken von Gabriel (Bordeaux Total), Parker (The Wine Advocate), Betane (b+d), Guide Hachette bis Robinson Jahr für Jahr erneuert und... eines Tages aufgehört mit der Geschäftigkeit rund um den Bordeaux. Es war anfänglich wie eine Trennung von einer „großen Liebe“, mit all den bekannten Entzugserscheinungen. Der Trennung war kein Krach vorausgegangen, kein Zerwürfnis, nicht einmal ein Sich-auseinander-Leben. Ich konnte (und vor allem wollte) den unverhältnismäßig gewachsenen Ansprüchen der Geliebten nicht mehr entsprechen. Ihr Flaschentanz um das goldene Kalb – eigentlich ein Götzendienst – wurde für mich immer heidnischer und entsprach gar nicht mehr dem, was ich unter Weinliebe verstehe. Meine Bordeaux-Flaschen, die ich noch vor den Praktiken auf dem Goldparkett erwarb, haben diesen Tanz nie mitgemacht, sind ruhig wartend (und reifend) im Keller geblieben, hoffend auf den Tag, an dem sie mich beglücken können. Und sie haben mich beglückt und sie beglücken mich noch immer. Ihnen ist – wie jeder echten Geliebten – jede Spekulation fremd, jemals bei einem reichen Prinzen oder einer noch reicheren Prinzessin zu landen. Ihre Bestimmung bleibt: Freude zu bereiten, nicht durch ihren äußeren Wert, sondern vielmehr durch ihre innere Qualität zu überzeugen.

 

Primeur-Verkostung in Zürich (Foto: P. Züllig)

Nach Jahren der inneren Distanz bin ich wieder einmal hingegangen zur Primeur-Verkostung, um zu sehen, was aus der „alten Liebe“ geworden ist. Wie habe ich mich gefühlt? Gut, aber wehmütig; es war die Begegnung mit einem Wein, dem man im Herzen treu geblieben ist, doch nicht mehr verliebt wie einst, vielmehr vertraut, erinnernd, nah und durchaus auch voll Anerkennung. Doch das übergestülpte goldene Kleid und die Tanzfläche – die zwar schon wacker bröckelt – haben mich angewidert. Der Traum ist ausgeträumt; der Traum vom Bordeaux, der gekauft wird, um Weinfreuden zu bereiten. Das traditionelle Potenzial-Bewertungsritual reduziert sich immer mehr auf die Frage: „Wie gut lässt sich die Wertsteigerung (in harter Währung) erahnen und vorhersagen?“ Eine mögliche Antwort: „In fünf Jahren eine Wertsteigerung von 200, 300 Prozent, dann ist der Wein gut.“ Ob er dann als gereifter Wein zum Trinken gut ist – 200, 300 Prozent besser –, das interessiert schon lange nicht mehr.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

 12.05.2014

 

Im Weindorado unterwegs
Weintourismus

 

Das Pilgern von Weingut zu Weingut ist zum Sport vieler Weinliebhaber geworden. Man möchte schließlich wissen, wo die Lieblinge herkommen, die man im Keller lagert; man möchte das Gelände kennenlernen, wo sie aufgewachsen sind, ihr Mutterhaus besuchen. Ich rede da nicht von den Kontakt- und Einkaufstouren der Weinhändler und -vermittler, für sie gehören Winzerbesuche zum Geschäft, zum Beruf. Ich rede auch nicht vom Verkauf der Weine direkt ab Hof, der vor allem für kleinere Weingüter (ohne großes eigenes Vertriebssystem) wichtig, ja, notwendig ist, um leben (oft auch überleben) zu können. Ich denke da an die ritualisierten Prozessionen zu den bekanntesten Namen und Größen in allen prestigeträchtigen Weinregionen. Bordeaux mit seinen repräsentativen Châteaux dient wohl als Vorbild. Da gehört – seit Jahrhunderten – das Zeigen von Erfolg und Wohlstand zum Geschäft mit dem Wein. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Auch der Wein darf ein prunkvolles, ein historisch interessantes, ein schönes, oft auch ein ruhmreiches Zuhause haben.

 

Besuch auf dem berühmten Château Cheval Blanc, St-Émilion, vorbei am Wahrzeichen des Weinguts (Foto: P. Züllig)

Es stellt sich aber die Frage: Welche Informationen können bei der Präsentation eines Weinguts vermittelt werden? Und wie wichtig ist diese Präsentation? Sie gehört zweifellos zum Image eines Weins und des damit verbundenen Weinguts, zumindest im Kreis der Weinliebhaber. Davon zeugt der rege Verkehr der Weintouristen im Umfeld der bekanntesten und berühmtesten Weingüter. Man macht „Heimbesuche“ und hofft dabei „Homestories“ zu erleben. In der Presse – in Illustrierten und vor allem in den Boulevardblättern – sind „Homestories“ heimisch und seit vielen Jahren ein sicheres Erfolgsrezept, weil damit das Gefühl vermittelt wird, möglichst nahe dran zu sein, mit eigenen Augen zu sehen, vor Ort direkt zu erleben, hinter die Kulissen und Mauern schauen zu dürfen... Warum soll das im Geschäft mit dem Wein nicht genau so funktionieren? Schließlich geht es nicht nur darum, wie ein Wein schmeckt, nach dem Kauf, zu Hause, im Glas. Es geht auch darum – vor allem unter Weinenthusiasten –, erzählen zu können, woher ein Wein kommt, wie er entstanden ist, man möchte seine Erzeuger und Erzieher kennen lernen; selber sehen, wie ein Wein behandelt (oder misshandelt) wird.

 

Führung durch einen Weinkeller in China: Dragon Seal (Foto: P. Züllig)

Dazu sollen die Besuche auf Weingütern, bei Winzern und in weinverarbeitenden Betrieben dienen. Vor allem im Ausland, in Weingebieten, zu denen man als erklärter Weinliebhaber – zumindest einmal im Leben – pilgern muss, zum Beispiel ins Burgund, Bordelais, Napa Valley, Barossa Valley, in die Toskana oder gar nach Stellenbosch. Findet man aber da – mitten im Weintouristenstrom –, was man eigentlich sucht oder zu suchen vorgibt? Zum Beispiel einen intimen Blick hinter die Kulissen (oder Mauern) der Weingüter, oder landet man nicht unweigerlich vor Kulissen, bei geschäftlich-netten Empfangsdamen und -herren, in Showräumen und bestenfalls in einem Vorzeigekeller, wo die Barriques in Reih’ und Glied aufgebahrt sind?

 

Glossar zum Thema
Es ist erlaubt, ein paar Fotos zu machen, an denen man später wenig Freude hat, weil der Keller zu dunkel oder der Blitz zu schwach war. Die dienstbeflissenen Damen und Herren – Vertreter des Hausherrn, des Kellermeisters oder des Weinmachers (denen man in der Regel nie begegnet) – sind jederzeit bereit, Besucher einzeln oder in Gruppen zu knipsen (natürlich mit Hintergrund des Weinkellers oder eines Emblems des Weinguts), und sie erzählen (besser gesagt sie zählen auf), was man eigentlich schon weiß, gelesen hat oder später – bei der obligaten Verkostung – nochmals zu hören bekommt. „Ausbau in Barriques, zwei Drittel neue Fässer, französische Eiche, Lagerung 18 Monate...“, so oder ähnlich klingt die gekonnt abgespulte Information. Auf besonders beliebten (deshalb oft besuchten) Weingütern verzichtet man sogar auf dieses Ritual. Man hat Schaufenster eingebaut, die den Blick zum Fasslager freigeben, wo Barriques ruhen, meist eingetaucht in magisch-geheimnisvolles Licht, oder die Sicht in einen modernen Keller, der sich nur durch die hohen, eleganten, silberglänzenden Gärtanks als Kelterei zu erkennen gibt . Die vermittelte Botschaft: Da also wird unser Wein gemacht, in hochmodernen Anlagen und romantischen Kellern. Die alten Werkzeuge, Zeugen der Weinbereitung wie Presse, Kelter, Fuder etc. stehen als Schaustücke draußen im gepflegten Park oder im angegliederten Museum.

 

Show-Fenster zum Barrique-Keller auf dem Weingut Thelema, Südafrika (Foto: P. Züllig)

Nach einem eher beiläufigen Rundgang – wenn er überhaupt stattfindet – kommt der Höhepunkt: die Verkostung. Auch sie ist längst geregelt, perfekt organisiert: „Dies ist unser Basiswein, dies unsere Spezialität, dieser Wein stammt von lehmigen-mineralischen Böden und dies...“ So geht es munter weiter, vier bis sechs Weine werden eingeschenkt – meist in Rekordzeit –, dann ist Schluss. Bei den teuersten Weinen hört die Verkostung in der Regel auf. Wenn man trotzdem danach fragt, folgt zuerst ein verlegenes Zögern, dann ein prüfender Blick und: „Sie haben Glück, es ist gerade eine Flasche offen...“ Nach einem knapp bemessenen Schluck (es handelt sich da schließlich um eine besondere Gunst des Hauses) das erwartungsvolle „Na – und?“, weniger als Frage, vielmehr als ultimative Aufforderung, den hervorragenden Wein auch gebührend zu loben. Es folgt das Bestellformular, 15 Prozent Rabatt, Lieferung frei Haus, in welchem Land man auch immer wohnen mag. Eine Homestory ist das wahrlich nicht, vielmehr eine gut eingespielte Begegnung – ein munteres Ausloten – des Weingeschäfts, mit Argwohn auf beiden Seiten: „Ist ein Interesse an unseren Weinen überhaupt vorhanden?“, so die unausgesprochene Frage auf der einen Seite und auf der anderen die fast schon dreiste Erwartung, unentgeltlich und ohne Verpflichtung zu einem guten Schluck zu kommen. Der Spucknapf (etwas eleganter ausgedrückt: der „Crachoir“) – untrügliches Kennzeichen professioneller Verkostung – wird gar nicht erst aufgestellt. Es wird ja nur selten gespuckt, eigentlich viel eher getrunken, weniger andächtig, doch mit hohen Erwartungen. Immer mehr Weingüter wehren sich gegen diese Art von Weintourismus, indem sie für eine Degustation einen fixen Preis verlangen: etwa 10 Euro eine Vierer-, 15 Euro eine Sechserrunde.

 

Weinprobe im gepflegten Rahmen auf dem Weingut Lanzerac, Stellenbosch (Foto: P. Züllig)

Zum ersten Mal bin ich – vor vielen Jahren – dieser Art von Weintourismus in Bordeaux begegnet. Da war ich noch stolz, auch dabei zu sein, merkte nicht, was ich da treibe und was mit mir getrieben wird. Ich wollte einfach nur erfahren, wo die Weine herkommen, wollte ihnen in ihrer Heimat begegnen. Allmählich lernte ich aber diesen Weintourismus, dem ich mich bis heute nicht entziehen kann, etwas besser kennen, auch in seiner Hierarchie: Da gibt es Weingüter, die empfangen keine Weintouristen, oder nur jene mit gutem Namen und guten Geschäftsbeziehungen. Andere wiederum verlangen Voranmeldung, damit selektiert werden kann. Weine werden da kaum verkauft und wenn, dann nur in Kleinstmengen, sozusagen als Souvenirs – meist zu überteuerten Preisen. Die „kleinen“ Châteaux, die durchaus für Besuche und Verkäufe offen wären, erscheinen kaum auf den Touristenlisten. Da stehen nur die großen Namen, die ihr Ansehen zu zelebrieren wissen. Dies ist in fast allen berühmten Weinregionen ähnlich, sei es Kalifornien, Australien, der Toskana oder – soeben erlebt – Südafrika. Allerdings hat man da gelernt, mit den Besuchern aus aller Welt umzugehen: Verpflegung, Souvenirshops, und – entgegen dem Usus im Bordelais – Wein wird da auch verkauft. Nicht direkt – flaschenweise – als Mitbringsel, vielmehr über weltweite Vertriebskanäle, kistenweise, in beliebigen Mengen.

Ein geübter Weintourist schafft so fünf bis acht Weingüter am Tag (je nachdem, wie weit diese auseinanderliegen), in der Woche können es also gut 30 sein. Und mit jedem Tag wächst das Bewusstsein: das besuchte Weindorado zu kennen und erlebt zu haben. Es werden sogar Rangordnungen erstellt, von „schönen“ und weniger „schönen“ Gütern, als ob sich Glanz und Vornehmheit einer Präsentation unmittelbar auf die Qualität des Weins übertragen würden. Und doch, wer ein berühmtes Weingebiet wo immer auch besucht, kann sich dem Sog des Weintourismus’ kaum entziehen. Er wird einfach mitgenommen, getrieben, und lässt sich noch so gerne treiben. Zu Hause dann, später, wächst die Erkenntnis: Auch Weingüter gehören „zu jenen Dingen, die man gesehen haben muss, weil andere sie auch gesehen haben“, wie es der Schauspieler Hans Söhnker einst treffend formuliert hat.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

28.04.2014

 

Der "richtige" Wein zu...
Beratungsresistenz

 

 

Aus dem Verdicchio-Paket: Welches ist der Sonntagswein? Und welcher passt nur für den Werktag? (Foto: P. Züllig)
Es ist Spargelzeit. Alle Jahre wieder. Ich liebe ihn, den Spargel. Deshalb stelle mir immer wieder die Frage: Welcher Wein passt dazu? Und sie trudeln alle Jahre wieder ein, die guten (und weniger guten) Ratschläge. Sie gehören längst zum Spargel wie das Amen zur Kirche. Da meint der Selbstdarsteller, Winzer und Blogger Dirk Würtz in seinem Videoauftritt auf stern.de: Natürlich ein Verdicchio. Und er bietet – das gehört offensichtlich zum Spargelspaß – gleich ein Paket von sechs Flaschen an, dreimal für den gewöhnlichen Tag, dreimal für den Sonntagsspargel. Verdicchio? Eine Traubensorte aus Mittelitalien, die schon die Etrusker angebaut haben.

Ein anderer Vorschlag kommt natürlich aus Österreich: „ein harmonischer, nicht zu leichter Grüner Veltliner“. Aus Deutschland: „der Allrounder Silvaner mit dezenten Fruchtnoten von Stachelbeere und Quitte oder – als Alternative – ein spritziger Rivaner“. Ein Vorschlag aus Frankreich: „La Fleur Gitane Blanc aus dem Süden, je zur Hälfte aus Sauvignon Blanc und Chardonnay gekeltert“. Die Spanier setzen eher „auf Verdejos mit ihrer fruchtigen, zugänglichen Stilistik“. Die Portugiesen auf Alvarinhos, „reinsortige oder als Cuvées, in denen die Rebsorte den Vinho Verde dominiert“.  Vom Kap der guten Hoffnung (Südafrika): „ein finessenreicher Chenin Blanc mit viel Mineralik, dicht, üppig und kräftig am Gaumen“. „Pokerface“ aus Australien sei hingegen das Richtige, ein „Chardonnay ausdruckstark, erfrischend und würzig, mit fruchtigen Aromen von Pfirsich und Limonen und langem Finish“. Und dann: die immer wieder auftauchende ultimative Warnung, „bloß kein Rotwein, weil er zu kräftig ist und den zarten Geschmack des Spargels übertönt“.

 

Spargel auf dem Markt (Foto: P. Züllig)

Jahr für Jahr also das gleiche Dilemma. Vor zwei Jahren habe ich dazu hier eine Kolumne geschrieben, und noch immer bin ich nicht weiter mit meinen Spargelwein-Erkenntnissen; noch immer werde ich beraten, beraten, beraten, fast täglich, sobald der erste Spargel auf dem Markt ist.

 

Pinotage zum Grillfest? (Foto: P. Züllig)
Und es geht weiter, mit einem ähnlichen Beratungsspiel, sobald die Grillsaison beginnt: „Grillgerichte zeichnen sich hauptsächlich durch die entstehenden Röstbitterstoffe aus. Als Gegenstück zu dieser würzigen Geschmackskomponente ist ein starker Wein nötig, mit Gerbstoffen und guter Struktur.“ Gestern habe ich den Grill angeworfen und einen Pinotage (Pioneer vom Weingut Lanzerac, Stellenbosch) getrunken. Ob er stark genug ist, genügend Gerbstoffe und auch die richtige Struktur hat, habe ich mich gefragt und ihn dann – mit viel Freude – ohne weiter zu fragen, einfach getrunken, zufällig mit Fleisch vom Grill.

Doch die Weinberatung hört da noch längst nicht auf. Kaum ist das erste Frühlingsgemüse auf dem Tisch, begleitet von Saucen (Rahm, Hollandaise, Pilze etc.), erreicht mich eine neue Botschaft: „Da braucht es einen Wein, so leicht und ‚luftig‘ wie das Gemüse selbst, damit der Gemüsegeschmack nicht in den Schatten gestellt wird.“ Hoppla, da gibt es Weine, die haben auch noch einen Schatten, in dem das Gemüse verschwinden kann. Bei mir ist es nicht verschwunden, als ich kürzlich einen Riesling (QbA trocken vom Schlossgut Diel) dazu getrunken habe. Einfach so, ohne spezielle Beratung. Doch es plagte mich das schlechte Gewissen: War es der „richtige“ Wein? Hätte ich auf die mastige Sauce verzichten müssen? Wäre eine Zubereitung des Gemüses im Riesling („... Paprikastreifen, Tomatenwürfel und Zucchinischeiben zu den Zwiebeln in die Pfanne geben und kurz mitschmoren. Mit Wein aufgießen und alles etwa 10 Minuten bei geringer Temperatur köcheln lassen...“) das Richtige gewesen? Ich suchte Trost in der Weinbeschreibung: „Sehr mineralisch, feingliedrig und spielerisch am Gaumen. Elegant und sehr klassisch mit einem Hauch von Grapefruit im Abgang.“ Da steht nichts von einem Schatten, aber Grapefruit im Abgang, ob das zum eher herben Gemüse passt?

 

Aubergine, Frühlingsgemüse, Wild – und jetzt welcher Wein? (Foto: P. Züllig)

Mir graut schon vor der nächsten Beratungsrunde, zum Beispiel beim Wild im Herbst. Da wird es schon kompliziert. „Reh-Schnitzel & Co.: süßliches, dunkles Fleisch mit teilweise animalischen Noten, serviert mit Pilzen, Rotkraut und Früchten... Bei diesen Wildgerichten ist eine gewisse Opulenz (‚Fett‘) gefragt, um mit den süßlichen Noten (inkl. Früchte) der Wildspeise zu harmonieren...“ Ganz anders bei Wildhase, Fasan, Wildgeflügel etc. „Sie verfügen über starke animalische Noten... Bei der Harmonie von Wein zu diesen Wildgerichten steht die Süße des Gerichts nicht mehr im Mittelpunkt... Um diesen kräftigen Fleischgenüssen Paroli zu bieten, sind ausgesprochen konzentrierte Weine mit viel guten Gerbstoffen gefragt.“ Schon wieder diese „guten Gerbstoffe“. Wo sind die „guten“, wo sind die „bösen“. Ich bin überfordert. „Herbstzeit – Wildzeit – Rotweinzeit. Diese drei Schlagworte sagen es bereits. Zu Wild wird ausschließlich Rotwein getrunken. Bier hat hier nichts zu suchen und Weißwein passt nicht wirklich zu Wild.“ Schon wieder diese ultimative Aussage: Weißwein passt nicht dazu! Doch da lese ich bei Chandra Kurt: „Ganz allgemein kann gesagt werden, dass klassische europäische Weine wunderbar zu Wild passen. Nicht nur Rotweine, auch Weißweine. Letztere sollten jedoch sehr aromatisch sein oder gar etwas Restsüße besitzen.“ Eine ganz neue Variante – aber europäisch müssen sie sein. Da passt wohl mein Pinotage nicht – also Vorsicht im Herbst, wenn es so weit ist.

 

Rotwein zum Fisch – schon fast ein Sakrileg. (Foto: P. Züllig)

Hier kommt mir noch eine Legende in den Sinn – bis heute von Fisch- und Weinliebhabern hartnäckig vertreten: „Zum Fisch passt nur Weißwein“. Da wir im Restaurant sehr oft Fisch bestellen, sehe ich das entsetzte Gesicht des Kellners oder der Kellnerin vor mir, wenn ich – als bekennender Rotweintrinker – einen Rotwein dazu bestelle. Inzwischen ist es zwar besser geworden, „noblesse oblige“, man akzeptiert zuvorkommend meinen Wunsch: „Also ein Flasche Cabernet Franc von der Loire, gerne!“ Die leicht säuerliche Miene übersehe ich. Wie hätte das Gesicht wohl ausgesehen, wenn ich gar einen „kleinen Bordeaux“ bestellt hätte?

 

Glossar zum Thema
Inzwischen übersehe ich geflissentlich den üblichen Nachsatz bei jeder Kurzbeschreibung der Weine, die ich im Internet bestelle. Da steht etwa: „... passt zu: Braten, Wildgerichten, Auberginenauflauf, Rösti... kräftigen Gerichten, Grilladen, Wild... Rind- und Lammfleisch, diversen Käsesorten... mittelschweren Gerichten wie Saltimbocca, Hackbraten, kalte Platte mit frischem Brot...“. Was nun, wenn ich nichts von all dem auf dem Teller habe? Oder wenn ich für meinen Auberginenauflauf den empfohlenen Cabernet Sauvignon aus Argentinien nicht auftreiben kann? Muss ich dann auf Wein verzichten oder beim Discounter oder gar beim Weinhändler auf die Suche gehen?

Ich habe dieses Beratungsspiel längst aufgegeben, bin quasi beratungsimmun oder -resistent geworden. Der „richtige“ Wein ist für mich immer der, der zu mir (und nicht unbedingt zum Gericht) passt. Ich wähle das Essen aus, ich wähle den Wein aus – und wenn ich Glück habe, passen Essen, Wein und meine Wahrnehmungen und Gefühle zusammen. Wenn nicht, dann liegt das eher an mir, an meinen Erwartungen und meiner augenblicklichen Stimmung.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

14.04.2014

 

Qualität oder Geschichte:
Kraft der Vergangenheit

 

Beim Rundgang durch das Weingut Groot Constantia in Kapstadt taucht die naheliegende Frage erstmals auf: Warum besuche ich gerade dieses Weingut zuerst? Natürlich, es liegt in Stadtnähe, ist mit dem Touristenbus einfach zu erreichen, bietet täglich Verkostungen an, hat einen guten Namen und, und, und… Es gibt sicher viele Gründe, zumal der Wein vom südafrikanischen Weinguru John Platter auch ordentlich gelobt wird. Doch die beiden Nachbargüter Klein Constantia und Buitenverwachting sind genauso berühmt, zwar weit kleiner (und einst aus Groot Constantia hervorgegangen), aber sie produzieren genau so gute Weine, mitunter sogar bessere. Stellenbosch, wo es mindestens zwanzig, dreißig Weingüter von Weltklasse gibt, liegt nicht weit entfernt (ca. 30 Kilometer) und ist ebenfalls gut zu erreichen. Doch Groot Constantia hat etwas, was viele Weingüter nicht haben: eine Jahrhunderte alte Geschichte. Es war das erste Weingut in Südafrika.

 

Das Herrenhaus von Groot Constantia brannte 1925 vollständig ab, wurde jedoch originalgetreu wieder aufgebaut. (Foto: P. Züllig)

Historisch ist das zwar nicht präzise belegt. Steenberg soll, nach verschiedenen Quellen, zwei Jahre älter sein. Doch die Historie wurde auf Constantia geschrieben: 1683 erhielt Gouverneur Simon van der Stel (1639-1712) für seine Verdienste bei der East India Company (VOC) ein großes Grundstück geschenkt, das auf der Rückseite des Tafelberges liegt. Dieses Land wollte er – damals noch Kommandeur am Kap der Guten Hoffnung, später Gouverneur von Kapstadt – landwirtschaftlich nutzen. Nach verschiedenen Versuchen im Gemüse- und Obstbau entschloss man sich schließlich, Reben anzubauen. Sie versprachen wohl am meisten Gewinn abzuwerfen. Kapstadt war damals der wichtigste Versorgungsposten auf den Weg von und nach Indien. So entstand hier das Weingut Constantia mit prächtigen Gutshäusern im kap-holländischen Stil. Eine wechselvolle Geschichte begann. Das Gut verarmte, wurde geteilt, erlebte verschiedene Besitzer, bis Hendrik Cloete 1778 die Farm übernahm und Groot Constantia wieder zum Erfolg führte. Bald wurde es auch in Europa bekannt und lieferte seine Weine auch an die Höfe von Napoleon (1769-1821) und Friedrich dem Großen (1712-1786). Dies wird noch heute auf dem Weingut dokumentiert.

 

Wein für einen König – Verkostungsraum auf Groot Constantia (Foto: P. Züllig)

Es sind die historischen Fakten, und nicht allein die Qualität des Weins, die das Weingut von anderen Produzenten abheben, es ist der Glanz der Geschichte, die Kraft der Vergangenheit. Wie auch immer diese Geschichte (in den verschiedenen Epochen) ausfallen mag – glorreich oder gescheitert, erfolgreich oder missraten – Geschichte (Historie) bleibt am Wein immer hängen. Bordeaux mit seiner Klassifizierung von 1855 liefert dafür einen überzeugenden Beweis. Was einst, vor 159 Jahren, aufgrund damaliger Kriterien und Urteile zu bewerten und einzuteilen war – ist das heute noch richtig? Wohl kaum! Selbst wenn die besten der Weingüter ihre „immerwährende“ Qualifikation noch zu nutzen (und vermarkten) wissen – die Qualität ist stets auch starken Schwankungen unterworfen, vor allem bei Besitzerwechseln oder Winemakern mit unterschiedlichem Talent. Der Weinkritiker René Gabriel hat immer wieder versucht, ein neues Bordeaux-Classement (aufgrund langjähriger Beobachtung) aufzustellen. Er ist damit kläglich gescheitert (und das bei weitem nicht als einziger). Die Geschichte ist viel prägender als noch so viele und überzeugende Argumente, Beurteilungen, ja, Beweise. Es ist letztlich die Macht der Magie, die alle geschichtlichen Ereignisse immer wieder zu begleiten scheint und unser Denk- und Wertsystem maßgebend beeinflusst. Was war einst, was ist heute und was wird morgen sein? Da gibt es einen Zusammenhang, und der – man mag es zugeben oder nicht – bestimmt einen großen Teil unseres Handelns. Ein Weingut, ein Wein mit „Geschichte“ ist etwas anderes als „nur“ ein gut gemachter Wein.

 

Die neue Klassifizierung von René Gabriel, veröffentlicht im Magazin "Bordeaux Total" (Foto: P. Züllig)

„Unser Weingut blickt auf eine lange Familientradition zurück.“ So oder ähnlich stellen sich viele Weinbetriebe vor. Familientradition, die auf vier, fünf, ja, mehr Generationen zurückgeht. Ist wirklich von Bedeutung, was vor fünfzig, hundert und mehr Jahren auf einem Weingut geschehen ist? Rein sachlich gesehen wohl kaum, denn die Umstände, die Menschen, die Techniken, der Geschmack der Kunden – das alles hat sich geändert, gewandelt, der Zeit angepasst. Nicht einmal der Boden – oder das, was heute als Terroir umschrieben wird – ist gleich geblieben. Ein paar besonders alte Rebstöcke sind mitunter das einzige, was die Vorfahren als brauchbares Material – sozusagen als Erbe – hinterlassen haben. Genügt das, um einen Wein besonders hervorzuheben, besonders zu „adeln“? Sind die Jahreszahlen, die an vielen Herrschaftshäusern aus dem 18. Jahrhundert auch in Südafrika über dem Eingang stehen, schon ein Garant für gute Weine? Ob im Bordelais, im Burgund oder eben in Südafrika – das anzunehmen oder gar zu behaupten, wäre vermessen. Qualität entscheidet sich nicht in der Geschichte eines Weinguts. Und trotzdem ist diese Geschichte wichtig, mitunter sogar entscheidend.

 

Warwick (Stellenbosch), ein Weingut aus dem 18. Jahrhundert (Foto: P. Züllig)

Je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker wird mir bewusst, wie viele Weine und Weingüter ich bisher vor allem wegen ihrer geschichtlichen Dimension besonders beachtet habe. Es gibt ja kaum ein Weingut, das – wenn es kann – nicht auf geschichtsträchtige Wurzeln hinweist oder darauf aufmerksam macht, wer von all den gekrönten oder ungekrönten Häuptern den Wein schon getrunken hat. Königin Elisabeth II. soll Château Nenin aus Pomerol besonders gern haben (wie oft habe ich das schon gelesen oder gehört), und Altbundeskanzler Helmut Kohl liebt nicht nur den Saumagen, sondern auch den pfälzischen Wein. Geschichte bleibt eben nicht stehen, sondern schreibt sich immer wieder weiter, mitunter auch ganz neu.

 

Weinetikett von Château Pape-Clément (Foto: P. Züllig)

Selbst die Französische Revolution (1789-1799) konnte die Weintradition der Klöster und Kirchenfürsten in Frankreich nicht hinwegfegen. Das Weingut Pape-Clément des Erzbischofs von Bordeaux und späteren Papstes Klemens V. (1264-1314) gibt es noch immer. Es ziert sich mit den päpstlichen Insignien, auch wenn es seit Jahrhunderten nicht mehr von kirchlichen Kreisen, sondern von weltlichen Geschäftsherren (heute Bernard Magrez, der noch ein halbes Dutzend anderer Weingüter besitzt) geleitet wird. Auf dem Schloss zeugt weiterhin – dort, wo heute Weine gelagert werden – ein Sarkophag mit dem Bildnis von Papst Klemens V. – in Stein gehauen – von der historischen Dimension des Weinguts.

 

Glossar zum Thema
Überdies wird immer wieder versucht, Geschichte – Weingeschichte – neu zu schreiben. Stars – Ikonen der Neuzeit – kaufen oft und gern Weingüter, um ihren Ruhm und ihren Namen mit geschichtsträchtigem Besitztum zu mehren. So haben Gérard Depardieu, Brad Pitt und Angelina Jolie, Cliff Richard, Francis Ford Coppola, Antonio Banderas, Bob Dylan, Johnny Halliday, die Beckhams, Johnny Depp, Gianna Nannini und Madonna längst ihre eigenen Weingüter. Wohl auch in der Hoffnung – in alter Weintradition –, eine Tranche der historischen Bedeutung für sich abzuschneiden. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Jedenfalls lässt es sich gut vermarkten, und gemäß den vielen geschichtlich dokumentierten Beispielen ist die Chance groß, dass die „Macht der Vergangenheit“ und der „Mythos der Geschichte“ (auch wenn an Jahren noch jung) den Wein und das Weingut besonders hervorheben, eben adeln oder – was bei den vielen guten Weinen, die heute produziert werden, nicht ganz unerheblich ist – einmalig machen. Einmaligkeit durch den Reiz der Geschichte, ganz neu ist das nicht – das wird aber in Weinkreisen kaum zugegeben.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig

 

02.04.2013

 

Der ungeliebte Wein:
Pinotage

 

„Es gibt sehr wenige Weine, die ich nicht mag, und nur einen, von dem ich immer gesagt habe, dass ich ihn hasse.“ Dies schreibt Lettie Teaque auf der wöchentlichen Seite „Eating and Drinking“ im amerikanischen „Wall Street Journal“. Bis heute wagte ich es nicht, in aller Öffentlichkeit zu erklären, dass ich den Pinotage – ganz im Gegensatz zur amerikanischen Fachfrau – richtig gern habe, ja, liebe. Ich habe mich vor dem vernichtenden Urteil der Weinliebhaber gefürchtet: Banause. Bin ich wirklich ein Wein-Banause, nur weil ich den schlechten Ruf eines Weins nicht weiterplappere, ja, sogar gestehe, dass ich richtig Spaß habe an einem Wein, der nach „Sprühfarben und angebrannten Reifen“ duften soll und der nach Jancis Robinson (Oxford Weinlexikon) einen bananenähnlichen Geruch verströmt (flüchtige Ester)?

 

Top-Angebot in Vaughan Johnson’s Weinhandlung Kapstadt: Pinotage (Foto: P. Züllig)

Soll ich trotzdem eine Lanze brechen für den Pinotage oder ganz einfach schweigen und meine geheime Liebe für mich behalten? Soll ich zugeben, dass Weine auch Moden unterworfen sind, und diese sprechen im Augenblick ganz und gar nicht für den Pinotage? Das war einmal ganz anders: 1997 erzielte „Pinotage von alten Reben höhere Preise als jede andere Sorte“, und dies so lange, bis Anfang der 2000er Jahre das aktuelle Modediktat den Pinot, den Shiraz, den Cabernet und andere Rebsorten begünstigte und den Pinotage fast ganz vergessen ließ. Pinotage sei entweder Südafrikas eigene Handschrift bei den Rotweinen oder dann Südafrikas schlimmster Weinbotschafter, verkündet das soeben neuaufgelegte Weintrauben-Kompendium von Jancis Robinson, Julia Harding und José Vouillamoz.

Vielleicht genieße ich die Gnade der späten Begegnung, denn jenen Pinotage, der „ein schwerer, richtig zäher und uncharmanter Brocken“ war, habe ich so nie angetroffen. Das sei, so sagt man mir, bis vor etwa 20 Jahren aber die einzige Art von Pinotage gewesen. Offensichtlich lebt der schlechte Ruf weit länger als die Realität. „Meine“ Pinotages – ich habe die Weine dieser Rebsorte zum ersten Mal vor vier Jahren auf meiner Südafrikareise getrunken – sind trotz ihrer Kraft und Dichte elegant, nobel, saftig, pfeffrig und – dies ist mir wichtig – eigenständig.

 

Stellenbosch, Zentrum des Weingebiets in Südafrika (Foto: P. Züllig)

In einer Zeit, in der die autochthonen Rebsorten überall wiederentdeckt werden und damit auch das Andere, das Eigenständige, das Individuelle wieder Mode wird, bekommt vielleicht auch der ungeliebte Pinotage eine Chance. Die Farbe zeigt sich heute heller, die Frucht frischer, das Erdige leichter, das Pfeffrige gemildert, und doch – so scheint mir – ist sein leicht bitterer, leicht salziger, leicht pflaumiger Charakter geblieben: unverkennbar Pinotage.

Cahors-Weine kommen mir in den Sinn, die „schwarzen Weine von Cahors“, Malbec, hier als Côt oder Auxerrois bezeichnet. Einst fast schon sündhaft schwerer, schwarzer, kräftiger, eigenständiger Wein. Die eleganteren Cabernets sind in der AOC Cahors immer noch nicht erlaubt. Das nahe gelegene Bordelais hat die tanninreichen Tropfen aus Cahors – mit seinem traditionellen Weinstil – an die Wand gedrückt, fast verdrängt, und die Cahors-Weine ließen sich lange Zeit außerhalb der Gegend kaum mehr vermarkten. Und der Ruf des undurchsichtigen, schweren, uneleganten Burschen haftet ihm noch heute an, obwohl die Weine – bei gleichbleibendem Grundcharakter (Boden und Rebsorten sind noch immer gleich) längst viel eleganter, viel „trinkbarer“ geworden sind.

 

Weine aus Cahors: dunkel, tanninrech, konzentriert (Foto: P. Züllig)

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich beim Pinotage. Obwohl die Rebsorte hier nicht wirklich alt und traditionell ist. Erst 1925 hat Izak Perold, Professor für Weinbau an der Universität Stellenbosch, sie als Züchtung aus Pinot Noir und Cinsault (hier als Hermitage bezeichnet) neu entwickelt und Pinotage (zusammengesetzt aus Pinot und Hermitage) genannt. Warum konnte sich die Rebsorte in Südafrika durchsetzen? Das liegt vor allem am hohen Ertrag und der Widerstandsfähigkeit der Rebe. Pinotage war lange Zeit der billigste und populärste Wein Südafrikas, den man sich auch in der Unterschicht gerade noch leisten konnte.

 

Glossar zum Thema
Das änderte sich in den späten 1980er Jahren, als sich das Land allmählich von den Privilegien der Weißen lösen musste und die Politik der Apartheid eingestellt wurde. Der allmächtige Verband der Weinproduzenten verzichtete auf die starken Einschränkungen und gab die Förderung der Massenproduktion auf. Erst da begann man, Erträge zu reduzieren, neue Produktionsmethoden einzuführen, die Weinberge besser zu pflegen, neue Rebsorten anzupflanzen.

Auch der Pinotage wurde entscheidend aufgewertet: Er verlor seine Härte und Rauheit, näherte sich mehr dem beliebten Pinot Noir, ohne seine Eigenständigkeit, ja, Eigenwilligkeit aufzugeben. Doch die Konsumenten haben bis heute noch das „alte Bild“ vom Pinotage, das gastronomisch gesehen fast ein hoffnungsloses Unterfangen darstellt. Der immer wieder zitierte Lackspray und die versengten Reifen werden auch festgestellt, wo es sie längst nicht mehr gibt. Die Pinotage-Bändigung hat nur bei den Trauben und beim Wein stattgefunden, nicht in den Köpfen der Konsumenten und Konsumentinnen. „Anscheinend bin ich nicht die einzige, die erst vom Charme des Weins überzeugt werden muss“, stellt die Kolumnistin im „Wall Street Journal“ fest.

 

Pinotage in Südafrika: eine eigene Handschrift oder ein schlechter Weinbotschafter (Foto: P. Züllig)

Doch der Pinotage ist weitgehend in Südafrika zu Hause geblieben. Es gibt zwar ein paar eher bescheidene Anbaugebiete in Kalifornien, Neuseeland, Australien, Washington und sogar  in Deutschland (ein einziger Winzer).

Der Pinotage ist und bleibt das Flaggschiff Südafrikas, das ins Schlingern geraten ist. Doch auch die Qualität der traditionell angebauten und vinifizierten Pinotages ist massiv verbessert worden. Daraus ist ein Wein geworden, der auch als die „Urgewalt des Pinotage“ bezeichnet werden kann, die „ihre schwarze grimmig-animalische Seele abgelegt hat“ und auch für den Weinliebhaber eine Alternative darstellt zu den Weinen, die sich immer mehr ähneln, ob sie nun aus Frankreich, Kalifornien, Australien und auch Südafrika kommen.

Inzwischen wurde beim Pinotage auch ein Stil entwickelt, der schon fast mehrheitsfähig ist, der „Schokoladenwein“. Der Weinkritiker und -autor Sigi Hiss spricht von „Mokka und Räucherspeck“ und von einer „überfallartigen Invasion von Espresso,“ die den Pinotage mit seinem schokoladenen Anstrich einem breiten Publikum näher bringen kann. 

 

Hier wird ein moderner, schokoladiger, eleganter Pinotage gemacht (Foto: P. Züllig)

Es gibt bereits so etwas wie Prototypen für die verschiedenen Stile des Pinotage, die sich in den letzten Jahren herauskristallisiert haben. Den „schokoladigen“ Pinotage habe ich zum Beispiel im „Carpe Diem“ („Genieße den Tag“) vom Weingut Diemersfontei gefunden. Den eher klassischen, aber modernen, vom Pinot Noir inspirierten Wein bietet das Weingut Kanonkop an; er gehört zu den beliebtesten (wenn man das schon so sagen kann) Pinotages aus Südafrika, wohl weil er auch viel französischen Charme hat. Für mich aber ist der „traditionelle“ Pinotage – modern gemacht – von Kleine Zalze ein Maß aller Pinotage-Dinge. Vor einem Jahr schrieb ich in der Rubrik „Getrunken“: „Ein komplexer, eigenständiger Wein, der mich beeindruckt. Da sind die leicht salzigen Pinotage-Noten, die Aromen von (überall nachzulesen) Pflaumen, für mich eher Holder, Brombeeren und etwas ‘spitzige’ Würze, auch Rauch und Zimt stelle ich im Abgang fest. Doch was sind dies alles für geläufige Begriffe, die man – bewusst oder unbewusst – nachplappert, wiederholt. Für mich ist dieser Wein einfach einer der bisher besten Pinotages.“ Doch ich bin weiter auf der Suche, und es wäre schade, wenn ich ihn jetzt schon gefunden hätte, den besten.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig