Perfekter Weingenuss

  

 

Ein wunderbarer Wintertag

 

Eigentlich ist dies ein Titel für die Werbung, nicht für einen (selbst)kritischen Rückblick auf einen spontanen Weinabend. Zu absolut ist die Aussage, vielleicht doch zu hoch gegriffen für zwei Flaschen, die – eingeschenkt in grosse Riedel-Gläser – immer wieder Ahhhs und Ohhhs auslösten. Eigentlich war der Abend so nicht geplant. Zwei Freunde – Weinliebhaber  – besuchten meine aktuelle Ausstellung der  „Kleinkrippen aus aller Welt“. Anschliessend gingen wir in die „Weinschenke“, in ein Restaurant, das zu Recht für Essen und Trank bekannt ist und einen guten Ruf hat. Wir kehren da öfters ein, denn es liegt keine zwei Kilometer von unserem Haus entfernt (wir wohnen halt auf dem Land). Doch es war nicht der Tag des Kochs, das Essen war mittelprächtig (gar nicht wie sonst) und die Weinkarte stark reduziert (später erfuhren wird, dass ein Besitzerwechsel bevorsteht!). Kurzum – anstatt eine zweiten Flasche zu bestellen, beschlossen wir, zuhause weiter zu machen, den Abend ausklingen zu lassen, mit ein, zwei guten Flaschen. Und da ist er passiert, der fast perfekte Weingenuss!

                                                                 

 

Erste Flasche: Tertre Rôteboeuf 1996, ein nicht ganz unumstrittenes, kleines, eigenwilliges Weingut in St-Emilion. Die Weine polarisieren oft, die Handschrift von François Mitjaville, einem der wenigen „grossen“ Winzer im Bordelais, der noch „Weine mit Seele“ macht. Bordeauxkenner Max Gerstl spricht von dem Wein als „malerische Weinschönheit, charaktervoll und  mit unbändigem Charme“. Ich gebe zu, da bin ich nicht ganz objektiv – befangen, wie man sagt. Seit ich vor zwei, drei Jahren auf dem Weingut war und erlebt habe, wie hier Wein gemacht wird, wie man die Weinberge und die Trauben liebevoll pflegt, behandelt, entfalten lässt und zwar mit einfachen Mitteln, verglichen mit der modernen Agrar- und Kellertechnik, welche so manchen hochgelobten und –bezahlten Bordeaux  entstehen lässt, da bin ich „Fan“ von diesem Weingut und seinen Weinen geworden. Wir wissen es: Fans sind nie objektiv – müssen es auch nicht sein. Darum hier – in Stichworten – meine Eindrücke: in der Nase dunkle Cassisnoten, leichte Anklänge an schwarze Schokolade, Griottes, mit langem, langem Atem (schon in der Nase). Dann das überraschend Leichte, Tänzerische im Gaumen, burgundisch sagen die Kenner des Burgunds, saftig, frisch, elegant: incroyable (unglaublich) würde ich dem Winzer zurufen. Ich gebe zu: der Wein gehört (preislich) bereits zu „den oberen Zehntausend“ (die gottseidank noch keine Zehntausend sind), aber noch lange nicht zu den hysterisch überzahlten Hypes.

Nun kommt mein persönliches Dilemma. Was bringe ich als zweiter Wein an diesem Abend ins Glas. Einen Abstieg möchte ich nicht, eine Steigerung ist nur schwer möglich. Ich greife trotzdem zu einer zweiten Flasche:

 

 

Cheval Blanc 1996, Saint Emilion. Gleicher Jahrgang, gleiche Appellation, doch ein ganz anderer Wein. Während Tertre Rôteboeuf zu 80% (oder mehr) aus Merlot besteht, ist der Cheval Blanc die Cabernet-Franc-Ausnahme in St-Emilion. Nicht  selten 60 und mehr Prozent Cabernet Franc. Dieses Jahr, 1996,  waren es – wenn die Angaben stimmen – etwa 55%. Ich gebe zu, ich war nervös, als ich den Wein öffnete und in die Dekantierflasche füllte. Beim Cheval Blanc handelt es sich doch mittlerweile um einen jener Hypes, die mir das Bordelais längst vermiest haben. Gut tausend Euro kostet der Cheval Blanc jetzt in der Subskription, damals - der 1996er - etwa 140 Euro (mehr als heute der Tertre Rôteboeuf kostet). Kann der „kostbare“ Wein standhalten gegenüber dem von mir über alles geliebten Tertre? Um es vorweg zu nehmen: er kann. Auch die zweite Flasche des Abends war ein Hochgenuss. Parker hat einmal gesagt, er unterschätze den Cheval Blanc immer wieder. Dies war offensichtlich auch 1996 der Fall. „….. ein potentiell unsterblicher Wein, der seit der Abfüllung erheblich an Gewichtigkeit zugelegt hat.“, notiert Parker 2003. Ich weiss nicht wie der Wein nach seiner Abfüllung war, ich habe den jungen Wein nie degustiert. Doch heute, 14jährig, zeigt er sich mit Tiefgang und einem ausdrucksstarken Bukett. Nein – man darf und kann ihn nicht mit dem Tertre Rôteboeuf vergleichen und man muss nicht an den heutigen Preis denken, sonst geht die Rechnung nicht auf.  Der Wein steht einfach für sich im Glas: wunderbar ausbalanciert, mit charakteristischen Feigennoten, zarten Tabakanklängen, hochelegant und wohl noch lange nicht auf dem Zenit seiner Entwicklung. Zu früh geöffnet?

 

 

Nein – da protestiere ich. Ein fast perfekter Weinabend soll es werden und da passte der Wein einfach dazu. Mag sein, dass er in 10 Jahren noch viel besser wäre. Mag sein, dass dann sein Preis noch viel stärker angezogen hätte. Ist mir egal, ich habe ihn einst gekauft, damit er mir einen wunderschönen Weinabend bereitet. Das hat er getan, durch einen (fast) perfekten Genuss.

Herzlich

Peter