Spiegel-Artikel: Früchte des Zorns

Klimaerwärmung (Spiegel Nr. 44 - 2014)
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Im milden Licht der Kronleuchter von Chateau Ausone plaudert sich Alain Vauthier fort aus dem verabredeten Thema, er flieht in ferne Jahrhunderte, greift nach gefahrlosen Anekdoten, kommt von den Rosenkriegen zu Rennpferden, von kaputten Traktoren zu abenteuerlichen Reisen seiner Vorfahren nach Algerien. Im Schein goldener Seidentapeten erzählt er vom 47er Cheval Blanc, den er selbst noch im Glas hatte, findet Grunde, über Hummer zu sprechen, über die Anfang des Fernsehens auch, er mokiert sich über Autobahngebühren, teurer als Billigflüge, und alles nur, um nicht über die Sache reden zu müssen, die lästige Sache.

Er sagt zwar, einmal: „Ich gehöre nicht zu jenen, die den Klimawandel leugnen", aber auf seine elegante Weise tut er es doch immerzu. Alles sei eben sehr komplex, sagt er, ein älterer Herr im Halbarmhemd, der es als Winzer auf Rang 273 der Liste der reichsten Franzosen geschafft hat. Es gebe, sagt Alain Vauthier, sicher kein „bon probleme", wie sie den Klimawandel hier in der Gegend bis vor Kurzem genannt haben. Aber ein „faux probleme", ein falsches, gemachtes, das sehe er schon. Die Erwärmung sei so unvorteilhaft doch gar nicht gewesen, zumindest nicht hier, in Bordeaux, im Bordelais, wie die Franzosen sagen, und erst recht nicht rund um sein schönes Chateau Ausone, das den stolzen Titel tragen darf: Saint-Emilion Premier Grand Cru Classé „A".

Sieben Hektar, nur sieben, schaffen seinen Ruhm, 12 000 Flaschen pro Jahr, von denen jede einzelne in guten Jahrgängen schon im Moment ihrer Abfüllung für 1500, 1600 Euro gehandelt wird, in Tokio, Hamburg und New York. Der zugehörige Betrieb, wenn man das Schloss so nennen will, ging in den vergangenen 400 Jahren durch die Hand von nur vier Familien, seit zwei Jahrhunderten sind die Vauthiers mit am Werk. Ihr heiteres Chateau thront auf einem Felsplateau über einer Welt wie in Öl gemalt, darüber gestaffelte Rebhänge laufen weich aus ins breite Tal der Dordogne, wo sich die Silhouetten von Kirchtürmen zeigen. Es ist eine Lage, die der einst zum Weinpapst gesalbte Hugh Johnson als die „eindeutig aussichtsreichste in ganz Bor¬deaux" bezeichnet hat. Und wenn das stimmt, dann bewirtschaftet Alain Vauthier den besten Weinberg Frankreichs.
Sehr wahrscheinlich 2000 Jahre reicht seine Geschichte zurück. Wer so viel Zeit im Rücken hat, das wird im Gespräch mit Vauthier sehr deutlich, den erschreckt ein kleiner Schluckauf der Gegenwart nicht. Die lästige Sache, das Wetter, das Klima, was hatte ausgerechnet er, den der Wein zum Millionär gemacht hat, darüber zu klagen? Über eine kommende Weinkrise gar? „Sie entschuldigen mich", sagt er und erhebt sich aus einem zierlichen Stuhl.


„Ich habe zu arbeiten." Er geht fort, über blütenweißen Kies, vorbei an der Pforte seines Felsenkellers, wo die Eichenfässer lagern in ewiger Nacht. Zehn Minuten später ist er zurück, erfrischt wie nach einem Mittagsschlaf. Bittet zu einer Verkostung.
Er schenkt 2006er Ausone in die Glaser, wie Blut, so dunkel und dicht, Flaschenpreis im Handel 600 Euro, ein kantiger, vielversprechender, noch ungezähmter Wein mit scharfen Noten vom Cabernet Franc. Ins Schlurfen und Ausspucken hinein sagt Vauthier, als hätte er es sich jetzt anders überlegt: „Die Unwetter, nun, vielleicht nehmen sie zu, in der Tat." Er werde jedenfalls dieses Gewitter aus dem vorletzten Juni nicht vergessen, als von Südwesten ein Hagelsturm heranzog und sich ausschüttete über einer Landflache von 12`000 Hektar. ,,12´000 Hektar", sagt Vauthier, „das hat es noch nie gegeben." Binnen Minuten waren glatt 5´000 Hektar besten Bordeaux-Weins zerstört, „regelrecht zerhackt", sagt Vauthier. „Vielleicht, Monsieur, ist das Ihr Klimawandel."
Die extremen Wetterlagen werden häufiger in allen Weingebieten Frankreichs. Auf Hitzewellen und Trockenperioden folgen im Sommer immer öfter Starkregen und Hagel. Die Winter und die Nächte fallen so mild aus, dass die Pflanzen nie zur Ruhe kommen. Diese handfesten Phänomene bestreitet kaum mehr ein Winzer.
Dass die vergangenen drei Dekaden die wärmsten der vergangenen 1400 Jahre waren, ist dagegen nicht so leicht zu fassen. Dass die jährliche Durchschnittstemperatur um ein Grad Celsius gestiegen ist, dass sich Atlantik und Mittelmeer kaum merklich erwärmen und das Küstenklima verändern, dass die Nächte jetzt immer ein klein wenig lauer ausfallen und die Tage einen Tick wärmer, dafür hat der Mensch keine Sensoren. Aber der Wein hat sie. Er leidet, sagen aufgeklärte Winzer, an dauerndem Stress. Er ist in Aufruhr. Nicht nur in Frankreich. Auch in Italien, in Spanien, in ganz Südeuropa. Überall dort, wo es immer schon warm war; wo es jetzt zu heiß wird.

Entlang der Rhone, 500 Kilometer östlich von Bordeaux, wissen sie, wovon die Rede ist. Das grosse Weinhaus Guigal hat dort seinen Sitz, im Chateau d'Ampuis, einer verzweigten Anlage aus Alt und Neu keine halbe Stunde südlich von Lyon. Das Schloss liegt direkt am Fuß der kleinen Berge, die den Cote-Rotie hervorbringen, die beste Lage im äußersten Norden des Rhone-Tals. In den halsbrecherisch steilen Hängen stecken Schilder wie Standarten mit den Namen der Winzer, die ihre Parzellen stolz markieren. Länger als hier wird auf der Welt kaum irgendwo Wein gemacht; die ersten Rebstöcke sollen schon vor 2´400 Jahren gesetzt worden sein.
Philippe Guigal, Jahrgang 1975, ist einer der großen Winemaker im Tal, ein in Dijon studierter Önologe, ein aufgeschlossener Mensch, der nach kurzem E-Mail- Wechsel sofort zum Gespräch einlädt. Sein Großvater, der Firmengründer, hat entlang der Rhone 67 Jahrgange persönlich gelesen und gekeltert, sein Vater kommt auf 54, er selbst ist seit 17 Jahren dabei. Philippe Guigals Satze zur Eröffnung lauten: „Der Klimawandel ist ein Fakt. Es soll ja immer noch Leute geben, die das anders sehen."
Guigal ist ein Gigant der Weinwelt, Winzer, Abfüller, Handler vieler großer Appellationen entlang der Rhone. Jeder Franzose und viele Weintrinker in Europa kennen die bräunlichen Etiketten mit dem Kupferstich und dem roten, kreisrunden Logo, sie stehen für korrekte Qualität in Massen. Fünf Millionen Flaschen

Jahresausstoß sind nicht unüblich, davon allein 3,5 Millionen gefüllt mit einfachem Rotem Marke Côtes-du-Rhone zu sechs, sieben Euro das Stuck. Guigal macht Crozes-Hermitage in rauen Mengen, Saint-Joseph, Côte-Rotie und Condrieu, dazu im Süden der Rhone Gigondas und Tavel, alles in großem Stil, manches in großer Qualität, auch den berühmten Châteauneuf-du- Pape. Aber diesem schweren Wein, der es bei Avignon immer schon heiB hatte, wird es jetzt langsam zu warm.
Der junge Guigal erzählt, dass er tags darauf eine Dienstreise antreten wird nach Châteauneuf, antreten muss, weil „die Probleme dort jetzt wirklich gravierend werden". Der Wein der Päpste wird zu 75 Prozent aus Grenache gekeltert, aber die Rebe verträgt die Wärme nicht mehr, sie wird, sagt Guigal, seit Neuestem „störrisch". Die Reifeprozesse in den Trauben hatten sich voneinander abgekoppelt, der Zucker erreiche zu früh zu hohe Niveaus, während die Beeren noch ganz unfertig seien. Farbe, Tannine, Aromen hinkten so weit hinterher, dass geordnete Ernten schwierig wurden. Die Qualität ganzer Jahrgange stehe infrage. „Seit 2008", sagt Philippe Guigal, „kämpfen wir hier. Die Jahre seither waren extrem trocken, ohne Ausnahme. Es wird alles nicht einfacher.

m gesamten Süden Frankreichs ist der Jahreskalender der Winzer durcheinander. Die Reifeperioden verkürzen sich laufend, die Zeit der Ernten kommt immer früher. In den Sechzigerjahren, sagt Philippe Guigal, wurde der Wein im Oktober gelesen, jetzt wandere das Datum immer weiter Richtung Anfang September. Sicher geglaubte Erfahrungen der Alten hätten keine Bedeutung mehr. Alte Faustregeln, gegründet auf jahrzehntelangen Wetterbeobachtungen, seien außer Kraft. „Man kann das alles bedauern", sagt Guigal, „aber man kann auch die Ärmel aufkrempeln und an die Arbeit gehen." Frankreichs Wein neu erfinden, das ist sein Plan.
Winzertum hat zu allen Zeiten bedeutet, das eigene Tun an eine sich wandelnde Natur anzupassen. Frankreichs heutiger Wein hat so gut wie nichts mehr mit jenem zu tun, der vor hundert Jahren angebaut und getrunken wurde. Es wandeln sich Vorlieben des Geschmacks, wissenschaftliche Erkenntnisse haben den Weinanbau mehr- fach revolutioniert, technische Neuerungen die Verfahren des Kelterns verbessert.

I

Die Strategien der Arbeit im Weinberg sind heute ganz andere, das Wissen um die Prozesse der Reifung ist größer denn je. Tatsachlich ist der Werkzeugkasten der Winzer gut gefüllt, auch um auf Klimaveränderungen zu reagieren. Und der größte Hammer darin ist gewiss die Auswechslung von Rebsorten. Bei Guigal denken sie gerade viel über diese nach.
Dem Grenache wird es zu warm in Châteauneuf? Warum dann nicht Syrah pflanzen, die Rebe, die als Shiraz in aller Welt Karriere gemacht hat? Was spricht gegen spätreifenden Cabernet Sauvignon weiter nördlich im Rhone-Tal? Oder sogar im Burgund? Warum nicht mit den Weinstocken die Hügel hinauf in kühlere Höhen umziehen? Oder die Nordflanken der Berge bepflanzen, um die Sonne zu meiden?
„Ich gebe Ihnen ein Beispiel", sagt Philippe Guigal, „die Viognier-Traube war an der Rhone lange nicht erlaubt. Mein Großvater propagierte sie aber, weil er meinte, sie passe gut in die Gegend und bringe einen Wein hervor, der ihrer würdig sei. Es dauerte, bis er die Kollegen überzeugt hatte, bis die Leute von der Appellation das Regelwerk änderten, aber heute? Heute werden 65 Prozent des Weißweins von der Rhone aus Viognier gemacht."
Die Angst der französischen Winzer vor Veränderung rührt aus der Furcht vor dem Verlust des typischen Charakters ihrer Weine. Der Begriff dafür ist „terroir", ein letztlich unübersetzbares, schillerndes Wort, in dem manchmal sogar Heimat mitschwingt. „Terroir", sagt Philippe Guigal, „heißt viel mehr als Boden, Terroir ist Klima, Mikroklima, Boden, Untergrund, Savoir-faire, Geschichte." Sie alle geraten in diesen Jahren in Bewegung und werden es bleiben, weil die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts um ein weiteres Grad steigen werden, mit Gewissheit, denn das ist nur das optimistischste aller Szenarien.

Dieses eine Grad, verteilt auf die verbleibenden 86 Jahre bis zur Jahrhundertwende, wurde den Winzern vielleicht wirklich genug Zeit geben, Anpassungen ins Werk zu setzen, mit Rebsorten zu spielen, angepassten Wein hervorzubringen, der immer noch gut und vielleicht sogar groß ausfallen konnte. Nur spricht im Moment wenig dafür, dass die Industriestaaten ihre Klimaziele erreichen.
Es spricht eher vieles dafür, dass bis zum 22. Jahrhundert mit vielleicht vier Grad mehr zu rechnen ist, oder mit sechs Grad, wie in plausiblen Modellen auch schon vorhergesagt. In diesem Fall bekäme Paris ein Klima, wie es heute in Cordoba herrscht. Und Châteauneuf-du-Pape hatte es zu tun mit einem Wetter wie im nördlichen Afrika. Der Weinbau konnte dann schon dadurch unmöglich werden, dass es nicht mehr auserwischen. Vor acht Jahren erst übernahm sie den Betrieb ihres Onkels, sechs Hektar Grenache, Carignan, Syrah, Rebsorten des Sudens, angebaut auf Granit, Sand und Kie- sel, in trockener, poroser Erde. Sie hat ein paar Umwege gebraucht, um endlich beim Wein wieder anzukommen, dem Geschaft ihrer Familie seit langer Zeit.

ein bisschen, ehe der Ruf der Hei- mat sie wieder erreichte, die Sehnsucht nach den Hugeln über dem Dorf Sorede am aufiersten Ostrand der Pyrenaen. Es ist, so nah an der spanischen Grenze, eine ganz eigene Welt. Und auf den Karten der Klimamodelle ist die Gegend hier unten immer gefährlich dunkelrot eingefärbt.
Es kann im Sommer sehr heiß werden. Aber das war immer so und nie das Problem. „Es wird nicht mehr kalt im Winter", sagt Isabelle Frere, sie ist 43, eine zierliche Frau und dabei zah. Die Natur, der Wein konnten sich nicht mehr erholen, sagt sie. Mit den Nachten sei es ähnlich. Die Tage kuhlten nach Sonnenuntergang nicht genügend ab, darunter litten die Pflanzen, sie kamen nicht zur Ruhe, sie mussten aber „schlafen, wie alles, was lebt".
Und der Regen, sagt sie, die Stimme rau von vielen selbst gedrehten Zigaretten, vom Feiern und Lachen, der Regen; erst bleibe er wochenlang aus, um dann zu kommen wie eine Flut. Das sei in der Ge- gend zwar so ungewöhnlich nicht, „aber nicht so. So wirklich nicht. Natürlich ist das der Klimawandel. Er ist da".
Er ist da. Auf Isabelle Freres kleinem Gut mit Namen Moulin Cassanyes ist er reichend Wasser gibt. Oder weil die Beeren am Stock vor der Ernte verdorren.
Einen Vorgeschmack darauf gibt Frankreichs tiefer Suden. In der größten aller Weinregionen des Landes, Languedoc- Roussillon, war das Wasser immer knapp, aber nun regnet es von Mai bis September weniger denn je, und das Wetter ins- gesamt ist so erratisch wie nie. Es gibt Weinhange, die eigentlich nicht aussehen wie aufgegeben, in denen die Stocke aber nur noch verdorrte Beeren tragen. Viele Winzer hier klagen, sagen, dass sie am Ende sind. Dass sich die Probleme, wie sie sich in Châteauneuf-du-Pape gerade erst zu zeigen beginnen, hier unten werden jedes Jahr abgefüllt, 25 000 Winzer sind aktiv, 270 Kooperativen, das sind immer noch viel zu viele.
Nur wer die Nische sucht, die Spitzenqualität oder sonst das Besondere, kann sich noch Chancen ausrechnen, in einer Gegend wie Languedoc-Roussillon über die Runden zu kommen. Isabelle Frere ist so eine, eine alternative Winzerin, die so ziemlich alles anders macht. Sie spricht bei der Arbeit mit ihren Trauben, singt bei der Lese und sieht im Weinbau letztlich kein Geschäft, sondern einen Lebensentwurf; ihren Versuch, im Einklang mit der Natur zu leben, sinnvoller Arbeit nachzugehen und dabei vielleicht einen Zipfel vom Glück zu keine Datenreihe mehr, kein wissenschaftliches Papier, kein Szenario. Er ist nicht mehr das Bild eines Eisbären auf treiben- der Scholle, nicht langer eine Meldung über ferne Inselvölker in Not. Der Klima- wandel macht sich breit im Alltag, lästig konkret. Er verändert Isabelle Freres Leben, er bedroht sogar ihren Lebensentwurf, und manchmal packt sie darüber der Zorn, wie über ein Schicksal, an dem sich aus eigener Kraft nichts mehr andern lasst.

Sie ging erst fort, nach Paris, brachte Einwanderern das Franzosische bei, stu- dierte
Das Gut der Familie - eigentlich die Gesindehäuser eines Guts, denn das Herrenhaus steht ein Stuck weit weg hinter Baumen - hat den Charme einer Villa Kunterbunt. Isabelles Vater Sebastien verbringt seine Tage als bildender Künstler, ein Mensch mit dem Charisma eines biblischen Patriarchen. Es gibt eine Tante, die immerfort raucht, einen Lebensgefährten, drei Hunde, Katzen, einen verwunschenen Teich, umstanden von uralten Baumen. Und es gibt die alte Scheune, in der der Wein gemacht wird. Darin riesige Inox- Kessel, Garbottiche, Schlauche, Schusseln, Gasbomben, Gerat. Isabelle Frere schaltet die rumpelnde Klimaanlage aus und sagt: „Leg mal dein Ohr an den Kessel dahinten, da hörst du die Natur bei der Arbeit." Im Innern des Kessels ist feines Grummeln zu hören, dunkel, wie sehr fernes Donnern.
Isabelle Frere setzt ihrem Wein keine Hefen zu, sie verlasst sich auf die naturlichen Gärstoffe, die der Wein mitbringt aus dem Berg. Sie verzichtet, soweit es nur geht, auf Chemie, sie bekämpft keine Unkräuter, keine Schadlinge, sie lasst, sagt sie, „die Natur ein- fach machen". Pilze, Käfer,
Fliegen, alles darf bei ihr leben, „weil jeder Eingriff doch nur einen schlimmeren Angriff zur Folge hatte, das ist ein Gesetz".
Wer mit ihr in den Wein- berg geht, erkennt zum Teil kaum, dass er sich überhaupt in einem befindet. Die Wein- stocke sind überwuchert, sie sehen eigentlich aus wie auf- gegeben, aber das ist eben die Philosophie der biodynamischen, anthroposophischen Winzerin. Soll ruhig alles wachsen, darf alles bestehen bleiben. Einen Alain Vauthier aus dem Bordelais träfe hier unten der Schlag.
Und wirklich tut das Chaos ihrem Wein nicht unbedingt gut, Isabelle Freres Cuvée „Scarabee" ist ziemlich herber, unruhiger Stoff, aber sie will ja auch keine Preise gewinnen. Sie will eine Geschichte erzählen, und das klappt sehr gut in Zeiten, in denen Bio- und Demeter-Weine auch in Frankreich gesucht sind.
Die Winzerin hat sich zusammengetan mit ein paar Kollegen aus der Gegend, die es auf ihren Parzellen ähnlich halten. Nun helfen sie sich gegenseitig mit Arbeitskraft und Gerät, und sie vermarkten ihre Flaschen auch gemeinsam und weltweit. So hat sich an Isabelle Frere, die immer nur nachhaltig leben wollte, ein kleines, ironisches Wunder der Globalisierung vollzogen, weil sie mittlerweile den größten Teil ihrer Produktion nach Japan verkauft. „Bizarr, nicht wahr?", ruft sie, lacht dröhnend und schenkt sich kalten Weißen nach.
Die konventionell arbeitenden Kollegen der Gegend haben sich solche Markte nicht erschlossen. In den vergangenen Wochen der großen Lese konnte man sie sehen auf kleinen Traktoren, unterwegs zu den Ko- operativen, die ihren sehr mediokren Weinen jetzt mit flotten Sprüchen aufzuhelfen versuchen oder sie gleich, für Frankreichs Supermarktketten, mit Ananas, Orange und anderem Fruchtzusatz als irgendwie schicke Sommergetränke verramschen.
Ansonsten leben viele Winzer hier im Wesentlichen von der durchreisenden Kundschaft der Urlaubszeit, wenn sich die Touristen der umliegenden Campingplatze mit Zehn-Liter-Kartons Rosé eindecken, um das Barbecue wegzuspülen. Vieles in der Gegend von Perpignan fühlt sich an wie der Bodensatz der französischen Weinkultur. Die Cuvées haben jetzt gern 15 Prozent Alkohol, und bei einem Blindtest konnte man sie für kalten Glühwein halten. Aber selbst der beste Winzer stünde ratlos vor der Frage, wie sich im verschärften Klima von Frankreichs Süden ordentlicher Wein noch machen liefie.
Es ist der letzte Tag der Lese für Isabelle Frere. Sie ist mit fünf Helfern in einer Lage Mourvedre unterwegs, die Pflücker sind verwegene, lustige Gestalten mit Rastalocken, Tattoos und viel Blech in Ohren und Nasen. Der Tag beginnt stechend heiß, im Himmel steht eine weiße Sonne, milchige Schlieren zeichnen den Himmel. Gegen vier am Nachmittag zieht eine dunkle Wolkenbank heran, eine halbe Stunde später setzt Regen ein, um zehn vor fünf kommt der Hagel über den Weinberg. Reiskörner, Groß wie Kichererbsen, trommeln auf Feld und Frucht und Menschen.
Isabelle Frere, um den Kopf einen Turban, rafft letzte Trauben zusammen, kugelrunde, blauschwarze Beeren, und flieht. Sie quetscht sich mit ihren Leuten in einen weißen Kastenwagen, zwischen gestapelte Kisten. Sie brechen die Arbeit ab, notgedrungen, und fahren im Gewitter zurück zum Gut. Sie bleiben noch lange hocken im Wagen, beginnen zu essen, zu rauchen, zu trinken; fragen sich, ob das wieder Zufall war oder ob das jetzt immer so bleibt. Ob das da draußen ein Wetter ist oder ein neues Klima. Aber sie wissen es längst. Es ist nicht mehr Wetter; es ist, in Frankreichs Süden, Klima.
Es wird jetzt erfahrbar, das ist das Beunruhigende, nicht nur abstrakt verstanden, sondern konkret begriffen. Nicht nur im tiefen Süden, auch schon an der Rhone, auch im Elsass, irgendwann in Bordeaux, an der Loire, in der Champagne.
Das neue Klima wird zu riechen und zu schmecken sein, wenn Feste gefeiert und Flaschen entkorkt werden. Wenn weifien Burgundern die Klasse fehlt. Wenn der duftige Sancerre von der Loire breit wird und plump. Wenn es dem Riesling, dem Pinot Noir, dem Grenache zu warm wird und alle Frische nach und nach aus Frankreichs Weinen weicht. Wenn sie nicht mehr schmecken nach „terroir", sondern nach Neuer Welt, nach Kalifornien, Tasmanien und Chile; wenn sie nur noch schnell betrunken machen ohne besonders viel Genuss. Dann beginnt eine andere, ärmere Zeit.
Eine grosse, reiche geht dann zu Ende, vielleicht im Jahr 2050 schon, das ist nicht mehr weit weg, vielleicht später, 2100. Die Menschen dann werden die großen Namen vielleicht gar nicht mehr lernen, weil sie es nicht mehr müssen. Weil Chateau Pettrus, Cheval Blanc, Yquem nicht mehr zum Kulturerbe der Welt gehören. Und auch nicht die Hospices de Beaune, Romanée- Conti, Domaine Leroy.
Namen, die jeder für sich eine Welt waren, wie gemalt in Öl: Loire und Rhone, Burgund, Bordelais und Champagne. Appellationen, schon wie die Zeilen eines Gedichts: Medoc, Pomerol, Pauillac; Meursault, Chablis, Hermitage, Pommard. Vergessen. Ausgetrunken. Vorbei.