Weinlese, Traubenles, Wümmet

2011

Texte

 

14. Oktober 2011

 

Weinlese, Traubenlese oder Wümmet (in der Schweiz)

(Fakten und Gedanken im Rebberg)

 

 

 

Das Bündnerland hat für die Ernte der Trauben einen weiteren Begriff: Wümmle oder Wümmlet. Die verschiedenen lokalen und regionalen Bezeichnungen für eine Tätigkeit, die Jahr für Jahr im Herbst stattfindet, sind Zeichen für die Verbundenheit des Weinbaus mit der jeweiligen Region. Dazu trägt der Umstand wesentlich bei, dass grossmehrheitlich von Hand gelesen wird. Zu klein sind die Weinberge, um die grossen Erntemaschinen einzusetzen; zu sehr ist der Winzer bei der kleinteiligen Reblandschaft auf Qualität angewiesen. Die vielen Selbstkelterer organisieren die Wümmet in der Regel selber, meist mit Hilfe von Freunden und Bekannten.

Seit zehn Jahren bin ich dabei. Ursprünglich aus Interesse eines Weinliebhabers, der wissen wollte, wie denn bei uns die Trauben geerntet und der Wein ausgebaut wird. Ich kenne den Ablauf und die Arbeiten in den grossen Weingebieten recht gut, vor allem im Languedoc und im Bordelais. Doch da ist alles viel grösser, viel arbeitsteiliger, sogar – bei aller Sorgfalt für das Traubengut – viel maschineller. Von Hand wird zwar auch gelesen (vor allem in Bordeaux), doch es sind professionelle Lesehelfer, die im Herbst wie kleine Heerscharen einziehen. Jedes Weingut hat da seine Truppe. Nicht selten wird (vor allem bei einheitlichen Rebsorten) in wenigen Tagen abgeerntet und zwar Flächen von zehn bis hundert und mehr Hektaren.

In der Schweiz sind die Rebberge viel kleiner. Es gibt viele nebenberufliche Winzer. Selbst Betriebe, die ganz auf den Rebbau setzen, haben oft nicht viel mehr als 6 bis 12 Hektaren unter Reben stehen. Zudem versuchen die meisten Winzer eine breite Palette von Rebsorten – und damit Weinen – anzubieten. Die vielen autochthonen Reben, die nur in ganz kleinen Mengen angebaut werden, verlangen oft einen ganz speziellen Aufwand, eine besondere Behandlung. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich die Wümmet nicht selten über Wochen dahinzieht.

Seit Jahren ist für mich deshalb der Oktober tabu: da findet die Lese statt. Schon der Start kann sich dahinziehen. Das Wetter ist dabei ein entscheidender Faktor, Rolle, nasse Trauben werden nicht eingebracht, da man in auf einen Konzentrator verzichtet, das heisst in der Regel gar keiner vorhanden ist. Sauber gelesenes Traubengut ist die wichtigste Voraussetzung für Qualitätsweine, wie sie vor allem in den kleinflächigeren Weingebieten angestrebt werden. In einer einzigen der vier Weingemeinden der Bündner Herrschaft, in Jenins (wo wir einen Teil der Ernte einbringen), bewirtschaften rund 10 grössere Betriebe den Hauptteil der rund 75 ha Rebfläche, also hat jeder Betrieb statistisch gesehen „nur“ 7.5 ha. So einfach geht die Rechnung zwar nicht, doch sie zeigt, wie qualitätsbewusste Winzer hier um jede Traubenbeere ringen müssen.

„Mein“ Winzer, Gian Battista von Tscharner, gehört zu jenen Weinbauern, welche die besondere Lage der Herrschaft möglichst stark nutzen. Das heisst, er lässt durch den warmen Föhn (Südwind) die Trauben noch gründlich „kochen“. Fast jedes Jahr sind wir – die Wimmler vom Weingut „von Tscharner“ die letzten Ernterinnen und Ernter in der Region. Letztes Jahr (einem ausgesprochen späten Jahrgang) haben wir die letzten Trauben bei herrlichem Wetter genau einen Tag vor dem Kälte- und Wintereinbruch (im November) eingebracht. Dieses Jahr sind die Trauben früher reif, ja es ist sogar die Gefahr der überreife (wie 2003) gegeben. Wir stehen also seit einer Woche in den Rebbergen.

Jeder Winzer muss sorgfältig abwägen, soll er die oft herrlichen Sonnentage des Altweibersommers nutzen will, um die die Ernte einzubringen oder ob er gerade diese Periode den Trauben noch gönnen will.In solchen Fällen denke ich oft: nein, ich möchte nicht verantwortlich sein für einen Entscheid, der das Einkommen aus dem Weinbau und der Ruf als Winzer massgebend mitbestimmen kann. Bei der Arbeit in den Gassen der Reben mache ich mir immer wieder solche und ähnliche Gedanken. Ich liebe es, beim Lesen nicht irgend eine Konversation zu führen, sondern nachzudenken, nicht selten auch zu träumen vom Wein, dem Erleben beim späteren Trinken und Geniessen, aber auch die Schönheit einer Landschaft, in der Reben wachsen, in der Seele einzuprägen. Hier in der Bündner Herrschaft ist man umgeben von hohen Bergen, die zu dieser Zeit meist bereits weiss angehaucht sind. Die Sonne brennt nicht mehr wie bei der Ernte im Süden, sie strahlt vielmehr eine wohlige Wärme aus.

Ein gutes Stück jener inneren Wärme, die ein guter Wein später wieder ausstrahlen kann. Und ich denke, auch wenn die Arbeit einmal mühsam ist, der Rücken schmerzt, und es dauert, bis ein Kistchen gefüllt ist, dass es sich lohnt, die Dolde zwei, dreimal in der Hand umzudrehen um möglichst alle schlechten Beeren zu entfernen. Auch wenn rechts und links von mir oft schneller gearbeitet wird, kommt mir der spätere Genuss in den Sinn und bilde mir ein, mit jeder schlechten Beere, die ich entferne, ein winziges Stück zum späteren Weinglück beizutragen. Auch wenn diese Vorstellung kaum stimmen kann. Allein der Glaube daran - edelt die Arbeit im Rebberg.

(Die Bilder dazu werden in Kürze eingefügt - ich bin eben im Augenblick in den Reben)

Alles geht einmal zu Ende, auch die Wimmlet 2011

28. Oktober 2011


Worte zu fassen war, da wurde zitiert, mal passend, mal weniger. Vielleicht bin ich deshalb Journalist geworden, weil ich lernen musste, alles, wirklich alles in Worte zu kleiden.

Doch heute, als ich zum am Rebstock die Schere ansetzte, die letzte Traube in den Händen hielt, kam mir unweigerlich das Bibelzitat vom Arbeiter im Weinberg des Herrn in den Sinn. Wie phantasielos, schon fast peinlich. Zehn Tagen ungewohnte Arbeit, meist bei herrlichem Wetter, in einer Gemeinschaft, die nur eine kurze Spanne im Jahr zusammenkommt, zwei, drei Wochen, um die Ernte „des Herrn“, eines Winzers, einzubringen. Und da kommt mir nichts besseres in den Sinn, als ein biblisches Gleichnis, eine Parabel, die in etwa besagt: die Letzten werden die Ersten sein, und die Ersten die Letzten. Oder in einer andern Interpretation: der Herr hat sie alle lieb.

Schon taucht im Kopf wieder ein Zitat auf, eines von Eduard Mörike, dem ich auf der Schwäbischen Dichterstrasse begegnet bin: „Droben im Weinberg, unter dem blühenden Kirschbaum saß ich heut, einsam in Gedanken vertieft….“. Nun, ich sitze ja nicht, ich stehe seit Stunden, der Kirschbaum ist längst verblüht, wir haben Herbst, die Lese geht zu Ende, der Rücken schmerzt, Regen kündigst sich an. Mörikes „Weinberg“ ist zudem ein Liebesgedicht, wohl auch nicht ganz passend.

Ein letzte Mittagessen im Freien, ein letztes geselliges Zusammensein nach getaner Arbeit, dann muss ich weg, sage Aufwiedersehen, weiss nicht, ob es ein Wiedersehen gibt, und wenn, dann erst in einem Jahr. Wenn die Ernte für den Jahrgang 2012 eingebracht wird. Wieder ein Jahrgang, den ich später vielleicht mit gut, mittelmässig, gelungen, einmalig oder weiss nicht was beurteilen werde.

Wenn ich den Wein trinken werde, vergesse ich vielleicht, mich zu erinnern, wie es denn war, als wir in den Rebreihen standen und schnitten und schnitten und schnitten….

Ja, wie war es denn dieses Jahr im Weinberg? Dies hat wohl jeder etwas anders erlebt. Ich gebe zu, es war für mich, auch dieses Jahr nicht ganz ohne Frust vorübergegangen. Vor allem die Jagd nach roten Beeren, in den letzen zwei Tagen, machten mir zu schaffen. Sie erinnerte mich an Mc Carthy und seine verbissene Jagd nach den „Roten“, ob sie denn auch rot waren oder nicht, konnte in den meisten Fällen nie ermittelt werden. Hauptsache, sie schienen rot zu sein!

Nun, im Weinberg waren es rote Trauben. Gottseidank keine Menschen, wie bei Mc Carthy. Trauben, welche die Reife – aus welchen Gründen auch immer – nicht ganz erreicht haben. Bei faulen, angestochenen oder nach Essig riechenden Beeren ist das Kriterium klar, aber was – bitte – ist rot, ist rötlich, ist rotschimmernd, wenn das Blau im Licht rötlich gebrochen wird?

Ich weiss, für den Winzer sieht dies alles ganz anders aus. Die Aromatik der Trauben, ihre physiologische Reife, der Öchslegrad und weiss nicht was alles bestimmen letztlich die Qualität des Weins. Und wir – Erntehelfer oder Wümmler – haben es eben buchstäblich in der Hand, zumindest vorübergehend, wenn die Trauben vom Stock geschnitten und in die Kiste gelegt werden.

Noch einmal habe ich in den letzten Tagen ein paar Bilder gemacht. Reportagemässig. Festgehalten, was wir im Weinberg getan und erlebt haben. Jetzt warte ich auf das ebenso wichtige Erlebnis, den Wein, Jahrgang 2011. Noch muss ich warten, gut zwei Jahren, dann erst weiss ich, ob es gut war, was wir – die gut dreissigköpfige Wimmlerschar – in den 10 Tagen der Lese geleistet haben. Erst dann weiss ich, wie schön die Wimmelt letztlich war.

Wenn ich schon mit einem Zitat begonnen habe, soll auch der letzte Tag mit einem Zitat schliessen (man hat zwar noch einen Rest, zu lesen, doch da bin ich nicht mehr dabei, schon verreist in ein anderes Weingebiet): „Was bin ich alter Bösewicht, so wankelig von Sinne. Ein leeres Glas gefällt mir nicht, ich will, das was darinne“ Zugegeben, es stammt nicht aus der Bibel. Wilhelm Busch spricht da eher von der Gegenwart und der Zukunft. So ist eben der Weltenlauf, auch im Rebberg.

Pete Züllig