Die Kolumne gehört zum Magazin von Wein-Plus.eu und ist für die Mitglieder ganz einzusehen. Ich veröffentliche diese Kolumne deshalb nicht auf meiner Homepage, künde aber jede Kolumne einzeln an, so dass hier ein Verzeichnis mit den entsprechenden Links entsteht. Ich wünsche allen viel Spass beim Lesen meiner Kolumnen.
13. Mai 2013
„Eine Weinmesse ist eine Weinmesse ist eine Weinmesse“ (und natürlich keine Rose, wie Gertrude Stein es einst formulierte). Es gibt sie zwar, auch die Weinmesse, in Hunderten von Variationen; doch im Wesen ist sie immer gleich: Da präsentieren sich Winzer, werden Weine verkostet, Gespräche geführt, ein buntes Publikum zieht vorbei, an den Ständen, den Slogans, den Objekten, die allein dazu da sind, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Badische Weinmesse ist nur eine von ihnen, eine verhältnismäßig kleine, doch längst nicht die kleinste. „Probieren, Entdecken, Genießen, Vergleichen“, postuliert der Präsident des Badischen Weinbauverbands. Ein utopisches Ziel, angesichts der zwei Messetage, der vielen Besucher, der meist dicht belagerten Stände?
29. April 2013
Süss, süsser, am süssesten: Süssweine
Süßweine kommen auch beim Weinliebhaber nur selten ins Glas und wenn, dann meist am Schluss einer üppigen Mahlzeit; wenn es darum geht, dem Käse standzuhalten oder dem „Bleu“ (Blauschimmelkäse) eine ideale Weinbegleitung zu geben. Dabei sind sie weltberühmt und werden hochgelobt, die Süßen: edelsüße Rieslinge, Eisweine, Sauternes, Monbazillac, Vin Santo, Recioto, Tokajer... bis hin zu den Portweinen und Sherrys. Dessertweine eben, sozusagen eine Nachspeise. Es sei denn – dies ist längst kein Geheimtipp mehr – man sucht den idealen Wein-Begleiter zu Foie Gras, zur Stopfleber. Doch wer will sich diese Delikatesse heute noch häufig leisten? Moralische und finanzielle Gründe sprechen dagegen. Und die weit verbreitete Meinung, zur süßen Nachspeise gehöre auch ein süßer Wein, ist als nützliche Legende längst entlarvt.
Der Titel ist eine Provokation, ich weiß es, doch er stimmt. Wer von den Weinen des Bordelais spricht, denkt an die zwei-, dreihundert Châteaux, die Bordeaux „zum Himmel des Weins“ (Mahagoni-Magazin) gemacht haben, wo „Weinkenner schnell ins Schwärmen geraten“ und – so ist zu befürchten – auch rasch den Verstand verlieren. Eine einzige Flasche Wein, die hundert, ja tausend und mehr Euro kostet, muss ja ein Göttertrunk sein. Das suggeriert die gängige Wirtschaftsordnung unserer Welt.
02. April 2013
„Es gibt sehr wenige Weine, die ich nicht mag, und nur einen, von dem ich immer gesagt habe, dass ich ihn hasse.“ Dies schreibt Lettie Teaque auf der wöchentlichen Seite „Eating and Drinking“ im amerikanischen „Wall Street Journal“. Bis heute wagte ich es nicht, in aller Öffentlichkeit zu erklären, dass ich den Pinotage – ganz im Gegensatz zur amerikanischen Fachfrau – richtig gern habe, ja, liebe. Ich habe mich vor dem vernichtenden Urteil der Weinliebhaber gefürchtet: Banause. Bin ich wirklich ein Wein-Banause, nur weil ich den schlechten Ruf eines Weins nicht weiterplappere, ja, sogar gestehe, dass ich richtig Spaß habe an einem Wein, der nach „Sprühfarben und angebrannten Reifen“ duften soll und der nach Jancis Robinson (Oxford Weinlexikon) einen bananenähnlichen Geruch verströmt (flüchtige Ester)?
18. März 2013
Wine, der kein Wein ist: das Besondere
Eigentlich ist alles klar: „Nur ein Getränk, das von Früchten der Weinrebe stammt, darf die Handelsbezeichnung Wein (ohne weitere Erklärung) tragen.“ Und doch gibt es viele spezielle Weine , die gemäß dieser Definition keine Weine sein dürfen und doch fast immer als „Wein“ bezeichnet werden. Für uns wohl am geläufigsten ist der Apfelwein, in China habe ich den Reiswein kennengelernt und jetzt in Kambodscha den Palmwein. Er ist sogar Kambodschas „inoffizielles“ Nationalgetränk und wird mit aller Selbstverständlichkeit als „Wein“ bezeichnet, Fruchtwein eben, um genau zu sein. In Vietnam – wo Reben wachsen – sind es vor allem die Maulbeeren, die in den Wein „geraten“. Und das steht in den meisten Fällen nicht einmal auf der Flasche oder nur im Kleingedruckten.
Der Begriff Indochina darf kaum mehr verwendet werden. Gemeint ist das einstige Kolonialreich Frankreichs: Laos, Vietnam und Kambodscha. Das sind heute drei selbständige Staaten, jedes Jahr bereist von Millionen Touristen. Auch ich war dort – bin soeben zurückgekehrt, den Jetlag noch in den Knochen. Und schon werde ich gefragt: Wie ist es denn mit dem Wein? Da kommt mir ein Witz in den Sinn, der seit Jahren zirkuliert, der sich aber auf ein ganz anderes Land bezieht: „Reisen Sie ruhig nach Polen, Ihr Auto ist schon dort!“ So habe ich – weinmäßig – Vietnam und Kambodscha erlebt. Weine aus Weinländern sind längst schon da, in jedem Restaurant, auf allen Getränkekarten, in allen Regalen, wo Lebensmittel verkauft werden. Die drei Länder haben weinmäßig aufgerüstet, sie sind es den Touristen schuldig. Auf unserem Schiff – sieben Tage auf dem Mekong – wurde bei jedem Essen Wein ausgeschenkt, à la discrétion, im Preis inbegriffen, ein roter und ein weißer, aus der Karaffe. Es sei ein einheimischer Wein, sagte man mir. Doch ich glaubte das nicht. Die Etiketten durfte ich nie sehen. Bei meinen Recherchen drang ich nicht bis zur beschrifteten Quelle vor. Doch ich bin überzeugt, es musste irgendein Händlerwein (aus einem Stahlfass oder einer Box) sein, importiert aus Australien oder Chile.
18. März 2013
Virtuelle Weinwelt - eine reale Reise
Das Internet schafft Nähe, es schafft aber auch Distanz; Distanz zu der Wirklichkeit. Worte, Bilder, Gedanken durchpflügen die Welt, als wäre diese geschrumpft zu einem Tennisball oder noch weit
weniger. Zwar hat die Entwicklung schon vor gut 150 Jahren begonnen, mit dem Telegrafen, gefolgt von Telefon, Rundfunk, Fernsehen und eben Internet. Man hat gelernt, miteinander virtuell zu
kommunizieren. Schritt für Schritt sind sie gefallen, die Grenzen von Raum und Zeit. Das Motto heute: Immer sichtbar, immer erreichbar, immer präsent sein, aber möglichst nicht real! Eigentlich
eine Horrorvorstellung, doch sie ist bereits Alltag und (Hand aufs Herz) bequem. Wir haben uns längst gewöhnt an die fast unbeschränkte Mobilität von Wort und Bild. Sie ersetzen nur allzu oft
jede physische Wirklichkeit. Doch plötzlich tauchen wieder Grenzen wieder auf, spätestens, wenn es darum geht, Materie zu verschieben. Zum Beispiel einen Wein – vom Produzenten in das Glas
des Konsumenten, in mein Glas zum Beispiel.
Das ist nicht etwa Chinesisch, vielmehr ein mundartliches Idiom im schweizerischen Walliser-Deutsch, das etwa für „Unheimlich gut!“ steht. In Zusammenhang mit Wein hat es der Begriff sogar bis in die Schlagzeilen der Boulevardpresse gebracht. „Hüeru güet – Walliser Tropfen schaffts in die Weinbibel“. Tatsächlich wurde zum ersten Mal ein Wein aus dem Kanton Wallis in Parkers “The Wine Advocate” aufgenommen. Also höchste Zeit, diese Kolumne, die ich längst geschrieben, aber nie weggeschickt habe, zu veröffentlichen. Doch ich schicke sie auch heute nicht so weg, wie ich sie vor gut sieben Jahren in meinem Archiv – mit der futuristischen Nummer 201 – begraben habe. Damals war ich gerade bei Kolumne Nummer drei angelangt, heute ist es die 179ste.
21. Januar 2013
Wenn es im Glas funkelt, von Purpur bis Granatrot, von Zitronen- bis Goldgelb, dann öffnet sich – leider nicht immer – ein Weinhimmel, mit einem Firmament voll von nahen und fernen Sternen. Es sind oft Miniplaneten, die man so gerne erkunden würde. Jedenfalls geht es mir immer wieder so. Beschreibungen des Weins, Punkte, Namen des Winzers, des Weinguts, der Rebsorte – all dies genügt mir nicht (immer). Ich würde so gerne die Mikrowelt kennen lernen, in der gute Weine entstehen. Nicht einfach eine Region kennen lernen, eine Appellation, ein Gebiet, wo eben viele Reben wachsen, vielmehr die Landschaft, die Dörfer und Weiler, die Menschen mit ihrem Alltag, ihrer Kultur und Geschichte.
22. Dezember 2012
„Man nehme Nelken und zerstosse sie im Mörser. Giesse schwarzen Tee darüber und lasse ihn ziehen. Rotwein in einem Topf erhitzen. Zitrone und Orange auspressen und dazugeben. Fruchtfleisch mitverwenden. Tee dazu geben und fast zum Kochen bringen. Mit Honig süssen.“ Ein Rezept, das ich immer hervorhole, wenn es kalt wird draussen und die Nacht schon früh den Tag besiegt, Zeit der kommenden Festtage, Zeit vor Weihnachten. Es ist nur eines von mehr als 500 Rezepten, die ich auf Anhieb im Internet gefunden habe. Sie gleichen sich zwar, setzen aber immer wieder andere, neue Akzente. Da gibt es zum Beispiel Kirschsaft, Holunderbeeren, Zimtstangen, Anissterne, Vanilleschoten, Kardamom gemahlen und, und, und auch Wein. Es ist fast nicht zu glauben, was da alles zugefügt werden kann und darf.
10. Dezember 2012
Nur der Begriff ist importiert, nicht die Sache an sich. Food Pairing, wörtlich ins Deutsche übersetzt: Essenspaarung. Mit wem paart sich das Essen wohl? Natürlich – Weinliebhaber wissen oder ahnen es – mit Wein. In vielen Wein-Beschreibungen wird etwa angefügt: „... passt zu Trüffel, großen Fleischgerichten, Wild und gereiftem Käse“, oder „... zu Tapas, Gemüsegerichten, Fisch, hellem Fleisch, kalten Platten“ usw. Varianten gibt es (fast) so viele, wie es Weine gibt. Allerdings ist die Palette von Gerichten viel, viel kleiner als jene der Weine. Deshalb wiederholen sich die Empfehlungen so oft: „zu Fleisch vom Grill, Rind- und Lammfleischgerichten, Halbhart- und Hartkäse“ – „zu gebratenem Fleisch wie Steaks, Grilladen oder Rindsbraten, auch zu Käse“ – „zu Wildbret, Ente, Fleischgerichten und Käse“ – „hervorragend als perfekter Begleiter zu Eintöpfen und herzhaften Wildgerichten“. Irgendwie – ich gebe es zu – ist mir das alles suspekt. Wer oder was passt zu wem? Kann es da wirklich so pauschale Empfehlungen geben? Werden dadurch nicht einfach Gewohnheiten zementiert?
Sogar Superdiscounter Aldi hat es erkannt: „Wein ist Genuss- und Lebensmittel, Alltags- und Luxusgetränk. Wein ist so unterschiedlich wie die Menschen, die ihn machen, wie die Böden, auf denen er wächst, und wie die Rebsorten, aus denen er produziert wird...“ Eigentlich keine neue Erkenntnis – nur ein Werbespruch? Oder doch mehr? Weintrinkerinnen und Weintrinker haben eine Erfahrung längst gemacht: „Jeder Wein ist individuell und hat seinen eigenen Charakter.“ (Aldi-Zitat) Und jeder „wahre“ Weinliebhaber schwört auf bestimmte Anbaugebiete, Länder, Rebsorten, Winzer... Da gibt es Fraktionen: die Syrah-Liebhaber, die Pinot-Noiristen, die Bordeauxaner, die Vernarrten in Riesling, die Südafrikaner, Kalifornier, Barossaner und, und, und...
Anlass: zwei Reisen ins Périgord. Wir waren im Sommer dort, unsere Freunde jetzt, und sie sind soeben zurückgekehrt. Gelockt hat uns alle Bruno, Chef de Police, die Romanfigur des schottischen Schriftstellers Martin Walker, der seit Jahren im Tal der Vézère zu Hause ist. Seine vier Kriminalromane – im Diogenes-Verlag erschienen – kreisen immer wieder um die Lustbarkeiten des Essens und Trinkens: Trüffel, Foie gras, Monbazillac, Pécharmant... Delikatessen eben. Wenn uns schon Bruno Courrèges – oder Martin Walker – verführt hat, seine Romanwelt zu suchen, dann muss das, was wir gefunden haben, auch zu Hause ausgebreitet werden. Es sind nicht nur Erinnerungen, Eindrücke, Erlebnisse – es sind auch Delikatessen. So entwickelt sich ein Abend von angeregten Gesprächen über das Essen zum Wein, von Saint-Denis (Fantasieort des Autors) bis Saint-Émilion. Alles war da, was Bruno charakterisiert und den Büchern von Walker die Titel gab: „Grand Cru“, „Schwarze Diamanten“, „Delikatessen“, ja, selbst „Bruno, Chef de Police“, war dabei – zumindest die gefundenen Spuren.
29. Oktober 2012
Vor 25 Jahren war noch alles ganz anders
Niemand sagt es, jeder denkt es, im Kopf ist sie aber noch da, die Grenze zu Ostdeutschland. Zwar werden die drei in Ungnade gefallenen Buchstaben DDR – wo immer möglich – vermieden und damit alles, was einst damit verbunden war, verdrängt. Selbst auf einem geführten Stadtrundgang durch Naumburg schrumpfen die Jahre zwischen 1945 und 1989 zusammen, fast schon zum Nichts. Nur Hinterhöfe, Baulücken und leer stehende Häuser deuten an, dass hier vor kurzer Zeit vieles noch ganz anders war. Das gilt auch für den Weinbau, dem es zwar heute nicht schlecht geht, der aber – im Vergleich zu deutschen Vorzeige-Weingebieten wie die Mosel, Pfalz, Rheingau etc. und ihren Starwinzern – abseits stehen muss, zumindest in den Köpfen vieler deutscher Weinliebhaber, ja, eigentlich in der deutschen Weinszene noch nicht richtig angekommen ist. Schade!
15. Oktober 2012
Wein ist zum Trinken da, aber auch zum Lagern, zum Besitzen, sogar zum Spekulieren. Denn nicht nur der Wein kann sich verändern, auch seine Preise tun es – sie steigen und fallen und steigen und fallen… Vor allem bei jenen Weinen, die gelagert werden können, ja, sogar müssen, vor allem weil sie – im besten Fall – sich über die Jahre entwickeln, reifen, immer besser werden. Selbst wenn sie ihren Höhepunkt überschritten haben, bleiben sie oft Monumente der Weinkultur, nicht selten auch Prestigeobjekte, die zu besitzen für viele eine Ehre und daher erstrebenswert ist. Ein gut angelegter, gepflegter Weinkeller kann ein Tresor sein, eine Schatzkammer, in der Kapital in Form von Flaschen eingelagert ist.
„Ein Pfirsich ist nicht ein Pfirsich, ist nicht ein Pfirsich“:
Die Weinsprache – oder: Wie wir miteinander über Wein reden
Ja, es gibt so etwas wie eine „Weinsprache“, das ist unbestritten. Doch gibt es auch eine einheitliche Sprache, eine „Lehrmeinung“ dazu? Da beginnen meine ernsthaften Zweifel. Nach Durchsicht von Hunderten von Weinbesprechungen – von den vielleicht zehn bekanntesten (und anerkanntesten) Weinkritikern – muss ich feststellen: Es gibt sie nur zum Teil, vielleicht zur Hälfte. „Eine Fachsprache im Bereich Wein gibt es schon seit über 150 Jahren. Vielleicht liest du halt auch mal den Peynaud, das wäre förderlich“, belehrt mich ein guter Freund und Weinfachmann, den ich sehr schätze, gerade weil er mir viel über Wein beigebracht hat. „Die Hohe Schule für Weinkenner“ von Emile Peynaud steht schon lange in meinem Bücherregal, ob der Inhalt auch in meinem Kopf angekommen ist, müssen andere beurteilen. Ich glaube schon!
Weinstraßen:
Weinstraßen sind Pilgerwege der Weinliebhaber. Anders als die Sankt-Jakobswege führen sie nicht zu einem bestimmten Ziel und nur selten zu einem genau definierten Pilgerort. Das Lebensmotto so vieler orientierungsloser Zeitgenossen – „der Weg ist das Ziel“ – wird hier für einmal konkret formuliert, nicht spirituell ausgedeutet, wie es (spätestens) seit Konfuzius bei so vielen Heilsbringern üblich ist. Der Weg, das sind hier die Rebberge, Landschaften, Weingüter, die historischen Zeugen, Reben, der Boden, der Wein. Der „Pilgerweg“, den ich „ohne Erbsen in den Schuhen“ kürzlich gegangen bin, führt durchs Périgord.
Foie gras, Trüffel und Wein
Es ist Bruno, der Chef de Police, der mich ins Périgord lockt. Nach Saint-Denis, eine ländliche Gemeinde an der Vézère, mit knapp 3.000 Einwohnern, kurz vor der Einmündung des Flusses in die weit größere Dordogne. Hier lebt Bruno Courrèges, Landpolizist, dem Bürgermeister direkt unterstellt, verantwortlich für das friedliche Zusammenleben im Dorf: Verkehrsregelung, Kontrollen auf dem Markt, Organisation von Gedenkfeiern und anderen meist patriotischen Anlässen; er achtet auf das Einhalten der Parkordnung, kämpft mal gegen einen kleineren Brand, bringt verlorene Hunde zurück und registriert Geburten und Todesfälle. Kurzum: Bruno ist eine Respektsperson, zugleich aber auch echter „Freund und Helfer“.
20. August 2012
Bordeaux 2011
Man spricht nicht gern von ihr, möchte sie nicht wahrhaben, versucht sie zu verstecken: die Katerstimmung am Tag danach. Und trotzdem: Es gibt sie, nach fast jedem Übermaß, auch im Bereich des Weins. „Erste Hilfe bei Katerstimmung“ wird mir da angeboten, man glaubt es nicht, ausgerechnet von der österreichischen Website „kirchenweb.at“. Ich lese unter vielen guten Ratschlägen: „Manchmal hilft es, schon am Abend vor dem Schlafengehen präventiv ein Kopfschmerzmittel zu nehmen.“ Bisher hat mir die Kirche immer nur empfohlen, jedem Übermass mit der „Tugend der Bescheidenheit“ zu begegnen. Doch diese Tugend wurde längst verbannt, wo immer es um Konsum geht. Da bestimmt weiterhin das Übermaß den Kurs.
Hülle und Fülle
Es sind vier Jahre her, seit Giovanni Trapattoni – der erfolgreiche italienische Fußballtrainer – der „leeren Flasche“ zum Kultstatus verholfen hat: „Was erlauben Strunz, ... ware’ schwach wie eine Flasche leer... ich habe fertig!“ Seither wird die „leere Flasche“ in allen möglichen (und unmöglichen) Situationen als Zitat verwendet. Dabei ist beim Wein die Hülle – in der Regel ist es eben eine Flasche – von tragender Bedeutung. Sie prägt das Image des Weins, ist aufgrund des unerlässlichen Verschlusses Anlass zu den hitzigsten Diskussionen, ja, zu eigentlichen Glaubenskriegen, und schließlich ist sie – versehen mit einem Etikett – auch Statussymbol.
Tradition und Moderne
Bourdic, ein kleines, südfranzösisches Dorf. Etwas verschlafen, abseits des Touristenstroms. Es liegt nicht einmal im Kerngebiet des Weins, auch da etwas abseits der bekannten Appellationen, im Département Gard, zehn Kilometer südöstlich von Uzès, dem mittelalterlichen Städtchen mit seinem Herzogenpalais, der pittoresken Altstadt und seinen Herrenhäusern aus der Renaissance. Bourdic hat etwa 300 Einwohner, zwar noch einen Bahnhof, doch da fahren seit 72 Jahren keine Züge mehr.
09. Juli 2012
Fröhlich, leicht, beschwingt
Die Zeit, in der selbst standhafte Rotweintrinker zum Äußersten schreiten und zum Weißen greifen, ist da, lange schon angekündigt durch massive Werbung: „Der ideale Sommerwein“ oder „So schmeckt der Sommer“ oder – immer häufiger – in englischer Sprache: „Summer in the City“.
Link zum besprochenen Lied "Sommerwein" (Original)
An der Überschrift ist so ziemlich alles falsch: Es ist nicht „mein“ Weinberg, es sind nur die Reben, die ich seit fast fünf Jahren in mein Herz geschlossen habe, weil sie am Wegrand
liegen, nahe bei meinem Zuhause in Südfrankreich. Oft fahre ich da vorbei, halte an und beobachte, wie sie sich entwickeln.
07. Juni 2012
Heimat in der grossen Weinwelt:
Es ist mir aufgefallen, dass ich in meiner Kolumne und bei Weinbeschreibungen in der letzten Zeit immer wieder den Begriff „authentisch“ verwendet habe und zwar in allen nur denkbaren Umschreibungen und Varianten: glaubwürdig, sicher, untrüglich, echt, verlässlich, zuverlässig, verbürgt, unverfälscht, ungekünstelt, charakteristisch, eigentlich, natürlich, nicht imitiert, originell… Warum wohl?
Auf was habe ich mich da eingelassen? Auf einen Begriff, der so schwammig ist wie Pfifferlinge (die in Österreich auch „Schwammerl“ heißen) und die trotzdem genussvoll sind. Wenn wir schon von Begriffen und ihrer Bedeutung reden – auch der Wert des Pfifferlings wird missachtet, wenn man etwa sagt: „Das ist keinen Pfifferling wert!“ Kehren wir zurück zu unserem Begriff, dem Naturwein. Auch er ist für viele „keinen Pfifferling wert“ und trotzdem etwas, das Gemüter bewegt, das zu Diskussionen Anlass gibt, das Wein-Glaubenskriege auslösen kann.
Es ist eine Reise in die Vergangenheit, gut hundert Jahre zurück, in die Zeit der „Belle Époque“, in die Zeit des Übergangs zum 20. Jahrhundert. Man war stolz auf neue Bahnhöfe, die aus Eisen gebaut wurden und oft aussahen wie riesige Kathedralen. Zugfahren gehörte noch zum Luxus. „Sie (Katherine) kehrte in ihren eigenen Wagen zurück. Fünf Minuten später verlangsamte der Zug sein Tempo. Man hörte das lange, klagende Zischen der Westinghousebremse. Gleich darauf fuhr der Zug in den Lyoner Hauptbahnhof ein“, so eine Schlüsselstelle im Kriminalroman „The Mistery of the Blue Train“ von Agatha Christie, geschrieben 1928. Und gleich wird der legendäre Hercule Poirot zum Einsatz kommen.
28. Februar 2012
Weine, die zum Winter passen - Gefühlsweine
Nun hat der Winter Europa doch noch fest in den Griff genommen: Kälte, Eis und Schnee bis in die Niederungen. Nicht nur warme Stuben, auch warme Getränke sind gefragt, mit und ohne Alkohol: Grog, Tee, Punsch, ja, selbst der Glühwein hat die Weihnachtstage überlebt. Wärme wird gesucht. Auch beim Wein? Tatsächlich stellt sich die Frage: Was trinkt der Weinliebhaber im Winter, wenn es draußen kalt ist und der Schnee liegen bleibt? Wein ist ein Kind der Sonne und nicht der Kälte.
06.02.2012
Zwei deutsche in der Schweiz - Riesling, Pinot Noir & Co.
Natürlich waren es mehr als zwei; etwa 60 oder gar 80 waren es, Winzerinnen und Winzer, die ihre Weine in Zürich vorgestellt haben, allen voran ihre Rieslinge. Da dürfen sie
stolz sein und sie wissen auch, dass es in der Schweiz Vergleichbares nicht gibt, zumindest nicht Rieslinge in dieser Vielfalt und Qualität. Hier dominiert der Chasselas (aus der Westschweiz). Er
bestimmt weitgehend die Vorstellung, wie ein Weißer zu sein hat. Rieslinge sind hier Fremde, zumal in der Ostschweiz bei den weißen Rebsorten der Müller-Thurgau dominiert.
Es gibt kaum einen andern Begriff, der so populär und gleichzeitig so ideologisch belastet ist wie das Wort „Heimat“. Man versucht deshalb auch immer wieder wenigstens das belastete Wort zu ersetzen, zum Beispiel durch „Lebenswelten“ oder „Zuhausesein“. Viele haben den Begriff sogar aus ihrem Wortschatz gestrichen, den Inhalt kann aber niemand wegstreichen, vor allem nicht, seit ein fast noch populärerer Begriff aufgetaucht ist: „Globalisierung“. Heimat als Gegenpol zur Globalisierung? Reduzieren wir doch diese fast schon philosophische Frage auf den Bereich, der uns hier interessiert: Wein. Gibt es so etwas wie eine Weinheimat?
09. Januar 2012
Wieder ist ein Jahr vorbei! Ich bin um ein Jahr älter geworden, meine Weine im Keller auch. Den einen tut das gut, den andern weniger. Es ist auch wieder einmal Zeit, Bilanz zu ziehen. Abzurechnen mit dem, was ein Jahr gebracht hat oder nicht, Soll und Haben. In einer Weinkolumne natürlich auf Wein bezogen. Soeben läuten die Glocken, zwei Minuten lang, Frühläuten, es ist sechs Uhr am Morgen. Die einen ärgern sich, Schlafstörung, andere freut es: Tradition in einem einstigen Bauerndorf, das zur Agglomerationsgemeinde wurde.
19. Dezember 2011
Der perfekte Weihnachtswein - Sprachbarrieren
Er hat mir keine Ruhe gelassen, der perfekte Weihnachtswein. Ins Spiel gebracht hat ihn ein fleißiger Schreiber im Forum von Wein-Plus. Einfach so, wohl zu verstehen als Auszeichnung oder Werturteil, als Anpreisung oder sprachliche Hilflosigkeit. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Der „perfekte Weihnachtswein“ bleibt eine Fiktion, womöglich sogar eine schöne, genüssliche.
12. Deztember 2011
Wein als Handelsware - Auktion
„Geboten sind fünftausendneunhundert für eine Flasche Côte de Nuits Grand Cru 1976 der Domaine Romanée-Conti... zum Ersten... zum Zweiten und – sechstausend sind geboten... zum Ersten... zum Zweiten... und zum Dritten! Lot 609 geht an Nummer 245.“ Sechs Stunden sitze ich in der zweiten Reihe, bis auch das Lot 1096 ausgerufen ist. Es hat keinen Käufer gefunden. Auch die schrittweise Senkung des Ausrufpreises (holländisches Versteigern) – bis hinunter auf 10 Franken – hat kein Gebot gebracht. Kehrausstimmung, die Schlacht ist geschlagen. In den vergangenen sechs Stunden wurde viel Geld umgesetzt. Mehrere hunderttausend Franken, gar eine Million, ich habe nicht nachgerechnet. Jedenfalls war es weniger als bei den letzten Auktionen. Das Geschäft stockt, es geht nicht mehr so flott voran.
28.11.2011
Russisches Roulette - Altweine
Es ist ein Glücksspiel, das tödlich enden kann. Die Chancen stehen eins zu … (je nach Revolver). Doch hier geht es nicht um Menschen, es geht um Weine, die vielleicht – bei schlechtem Ausgang – als „Leichen“ entsorgt werden müssen. Die Spieler selber bleiben gesund – aber nicht immer ganz munter. Und trotzdem wird das Spiel immer wieder gespielt. Der Einsatz ist ab und zu hoch, so hoch, dass er auch schmerzen kann.
14. November 2011
Jenseits der Schweizer Grenze, im Süden, weit vor Genua, beginnt das Piemont. Es ist Trüffelzeit. Alba, die Trüffelstadt, scheint von Schweizern besetzt. Jedenfalls hört man auf dem riesigen Markt, der während Tagen die Innenstadt belegt, weit häufiger Schweizerdeutsch als Italienisch. Der Wein muss für ein paar Wochen den weißen und schwarzen Kostbarkeiten aus piemontesischer Erde Platz machen: den Trüffeln.
30. Oktober 2011
Die Chinesen kommen - Wein für die Elite
Eigentlich bin ich stolz auf meinen Freund Beat, der die Entwicklung des „Weinlands“ China schon früh vorausgesehen hat. Er organisierte vor vier Jahren – mit Hilfe der chinesischen Botschaft – eine der ersten exklusiven Weinreisen von Weinfreunden in das „Land der Mitte“. Es war keine Geschäftsreise, denn wir wollten nichts verkaufen, auch keinen Wein. Wir wollten uns einfach zeigen lassen, wie China jetzt langsam, aber mit viel Energie und Kraft in die weltweite Weinszene einsteigt. Wir wurden empfangen von Önologen, Managern und Behörden. Seither bin ich überzeugt: Die Chinesen kommen!
11. Oktober 2011
Wo der Chasselas wächst - Das Lavaux
Ahhh… ohhh... uhhh“, hört man im Zug, wenn man bei schönem Wetter von Fribourg nach Lausanne fährt. Ausgelöst wird dieses Staunen und Bewundern durch das Panorama, das sich bietet, wenn man vor Chexbres den kurzen Bahn-Tunnel verlässt. Man ist plötzlich mitten im wohl schönsten Weingebiet der Schweiz, im Lavaux, wo der Chasselas zu Hause ist. Dieser Region – seit 2007 UNESCO-Welterbe – hat nun die Schweizer Post eine Sonderbriefmarke gewidmet.
29. September 2011
Weingebiete in Deutschland: Pensionistenreise
19.09.2011
Ca change vite le temps:
Unterwegs
Es ist kein Winzer, sondern ein Fischer, der uns lakonisch die wichtigste Wetterregel für die Region am Atlantik erklärt: „Es wechselt schnell, das Wetter“. Gleichzeitig
drückt der Satz auch ein Stück Lebensweisheit aus. Etwa: „Die Zeiten ändern sich rasch!“ Dies gilt auch für die Weingebiete an der Loire. Je näher beim Atlantik, spätestens ab Nantes, trifft
diese Wetterregel fast immer zu ...
30.08.2011
Wo Châteaux stehen Loire
Wer ins Tal der Loire fährt, möchte Châteaux sehen. Châteaux sind in diesem Fall richtige Schlösser, Prachtbauten vorwiegend aus der Zeit der Renaissance.
Der Weinliebhaber hat sich aber längst an die Doppelbedeutung des Wortes Château gewöhnt, das nicht nur ein Schloss sein kann, sondern auch ein Weingut. Nirgendwo in Frankreich begegnen sich die beiden Châteaux so häufig wie an der Loire. Wobei die Châteaux, in denen Weine gemacht werden, weit weniger Menschen anlocken als die Königsschlösser von Blois, Amboise, Chaumont-sur-Loire, Chambord und wie sie alle heißen.
17.08.2011
Aromen im Wein:
Holz
Mitten im Holz bin ich aufgewachsen. Mein Großvater war Zimmermann. Unser Haus hat er selber gebaut. Vor meinem Zimmerfenster eine Sägerei, hinter dem Haus das Holzlager des letzten Wagners, ein paar Schritte entfernt: die Werkstadt des Küfers. Für mich war schon immer ganz klar: Häuser werden vom Zimmermann gebaut, Räder vom Wagner und Weine ruhen in Holzfässern. Ist dies heute noch so? Oder sind es nur noch Überbleibsel einer längst verschwundenen Welt?